Hervorgehobener Artikel

Geerbte Dauerkarte

Mein Ur-Opa, mein Opa und mein Vater standen jeweils mit ihren Söhnen in der Kurve und somit war klar, dass ich meinen Sohn auch auf die einzig echten Farben polen möchte muss. Es war der letzte Wunsch meines Opas am Sterbebett und deswegen stand ich nun am vergangenem Wochenende erstmals im Block des …..

Bullshit!

Meinen Opa hat Fussball kaum interessiert und mein Dad war mit mir Anfang der Achtziger ein einziges Mal im Rheinstadion woran ich nur eine blasse Erinnerung habe.

Und überhaupt. Ich stehe nicht Woche für Woche in DER Kurve, sondern Woche für Woche in einer Kurve, oder zumindest in der Nähe einer solchen.

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#7 Jay-Jay Land

Hallo zusammen,

im vielleicht bisher am schwierigsten zu schreibenden Blogpost schilderte ich u.a meine Angst Jay-Jay würde sich gedanklich in eine Parallelwelt verkrümeln. Man spürte beginnend im Januar 2015 kontinuierlich wie das Thema mit seinem eigenen Land wuchs und wucherte. Die Radiorebell-E07-JayJayLand-3000x3000Podcastaufzeichnung zur Folge Jay-Jay Land liegt zeitlich hinter vielen Maßnahmen zur Relativierung und Klarstellung und nach Terminen mit psychologischen Fachleuten. Meiner Frau ist es in all den Jahren gelungen ein ganz gutes Team an Fachleuten zusammen zu stellen auf die wir in schwierigen Situationen zurückgreifen können. Ausserdem wurde das Thema in seiner wöchentlichen Sitzung im Autismus-Therapie Institut vorsichtig behandelt. Im Laufe der letzten Monate ist es zu einigen durchaus akzeptablen Kompromissen gekommen. In Jay-Jay Land fliegen z.B. keine Drachen mehr. Aber was schreib ich hier rum. Jay-Jay erklärt die Bedeutung seines Landes ganz gut.

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Radiorebell – Episode #6 – Kräfte im Universum

Ich lebe in einem satirischen Land. Ein Land, welches einer Satire – ganz gleich ob es eine gewesen sein mag oder auch nicht, im Rahmen der aktuellen europäischen Gesamtkonstellation, der Diskussion um die Äußerungen des Herrn Böhmermann – diesen Raum zulässt, kann nur völlig irre sein. Oder dieses Land ist eben eine einzige Satire. Ich vermag nicht einzuschätzen, inwieweit sich Frau Merkel hier vom türkischen „Flüchtlingsproblem-von-deutschen-Grenzen-Verdränger“ am Nasenring über europäisches Parkett ziehen lässt, ob es clever, enorm wichtig oder überhastet war, der Staatsanwaltschaft die Ermächtigung für Ermittlungen gemäß Paragraph 103 zu erteilen. Ich weiß auch nichts über die sexuellen Vorlieben des türkischen Ministerpräsidenten, halte aber Böhmermann eigentlich für einen ziemlich intelligenten Burschen, der eher selten völlig unvorbereitet und ahnungslos in ein Fettnäpfchen staatspolitischer Größe tapst. Rückt seine beleidigende Satire, Schmähgedicht, geistiger Dünnpfiff oder wie auch man immer man es nennen mag, Themen wie Pressefreiheit in der Türkei und vielleicht auch in Deutschland, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen in den Fokus? Thematisiert es die wichtige, für ein Land allein nicht schaffbare Rolle der Türkei als Grenzwächter der EU? Feuert es die Diskussion an, wo in Deutschland Rassismus beginnt? Führen Böhmermanns Äußerungen zu einer fruchtbaren Diskussion über den Umgang miteinander, über Anstand und Moral?

Nein, denn wir leben auf einem satirischen Kontinent. Anders kann man es sich nicht erklären,
wenn man einem Land, dem man die Einhaltung grundlegender Menschenrechte bei den eigenen Einwohnern nicht zutraut, „nur“ auf Basis der geografischen Lage die Rolle zuspricht , eine große Anzahl an Flüchtlingen aufzunehmen und die Schlüsselrolle einzunehmen, während man selbst mit seinen EU-Partnern nicht einmal ein Viertel der Menschen im Rest des Kontinents untergebracht bekommt. Ich hoffe so sehr, dass alles nur Satire ist und wir tatsächlich die Zeit und die Aufmerksamkeitskapazität haben, über den Beleidigungsstatus von Staatsoberhäuptern nachzudenken. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur unzufrieden und motze gerne rum. Alles geht zu langsam oder zu schnell. Zu detailliert oder zu oberflächlich. Zu lustlos oder zu fokussiert.

Unser gesamtes Familienleben ist aktuell die neue Mehrfach-Looping-High-Speed-Turbo-Extrem-Achterbahn und sowohl meine Frau als auch die Kids sehnen sich nach einer gemütlichen Runde im Kinderkarussell. Der Sohnemann liefert in der Schule weiterhin fantastisch ab. Es gibt kein Fach, in dem er Schwierigkeiten hat, dem Schulstoff zu folgen, aber die Pausenzeiten, die An- und Abfahrt und das Schul-Drumherum setzen ihm zu. So intensiv er auch darauf beharrt, keine Freunde haben zu wollen und lieber zu Hause zu bleiben, um so mehr spürt er auch, dass Mami nicht seine persönliche Spielkameradin sein kann und seine Schwester im Alter von fünf Jahren durchaus andere Interessen hegt, als über Phänomene des Weltalls zu diskutieren oder sich mit der Frage zu beschäftigen, ob wir beim Thema Klimawandel nicht schon die Verlierer sind.

Bis zur Lösung dieser Situation dient wohl der Podcast als Ventil. Es macht riesig Spaß, mit Jay-Jay Themen zu ergründen. In den Podcasts geht er vollkommen auf in den letzten Wochen. Er genießt es, Wissen „auszulabern“ und sich in einem Bereich auch einmal stark zeigen zu können
und viele Menschen zu haben, die ihm zuhören und eben nicht nur der Papsi.  Kommunikation funktioniert nur mit Erwachsenen, die seine Art zu reden oder sein Wissen um spezielle Themen
positiv erstaunt zurücklässt. Mit Erwachsenen interagiert er auch angenehm, zuvorkommend, höflich, aber auch sicher, mutig und wissbegierig. Im Umgang mit Kindern ist seine Rolle nicht so flexibel. Da haben sich Kinder erst einmal den Grundprinizipien des Jay-Jay-Lands unterzuordnen und eine Friedensvereinbarung zu unterzeichnen. Manchmal steht in den Verträgen auch etwas bezüglich der Besitztümer des Martin-Lands, des Paul-Lands oder des Klaus-Lands. Und genau immer geht es dann darum, dass diese Besitztümer in den Besitz des Herrschers von Jay-Jay-Land übergehen. Ein eher uncharmanter erster Eindruck, den Kinder, die Jay-Jay mal zu Hause besuchten, erhielten. So lief es immer. Außer bei Steffen. Der kam immer, allerdings nur so lange, wie unser Rechner nicht geschützt war, um irgendein Ballerspiel am Computer zu zocken. Während Steffen zockte, beschäftigte sich Jay-Jay mit seinen Büchern oder malte etwas. Nachdem mangels Benutzerpassworts Steffen nicht mehr zocken konnte, war auch diese kurze Liaison beendet und Jay-Jay wirkte nicht einmal traurig als er sagte: „Schade. Mit Steffen war es super. Keiner geht mir mehr auf den Geist, dass ich Freunde haben muss und er geht mir nicht auf die Nerven, weil er nebenan im Zimmer hockt und mich in Ruhe lässt.“

Die Podcast-Vorbereitungen sind spannend. Es gibt Themen, auf die sich Jay-Jay intensiv vorbereitet, und es gibt Themen, die er mehr aus dem Stegreif bedient. Witzigerweise fallen ihm die Themen wie Geschwister und Berufe dann doch etwas schwerer, obwohl es genau diese sind, bei denen er vorab googelte und sich irgendwelches Wissen anlas. Beim heutigen Thema agierte er aus dem Stegreif. Er erklärte mir das Hertzsprung-Russell-Diagramm und die Heisenbergsche Unschärferelation, die Gut-Kraft und ich weiß jetzt, was Quarks sind.

Wir veröffentlichen meistens zwei bis vier Wochen zeitversetzt. Viele Passagen hören wir uns als Familie gemeinsam an und schneiden dann ggf. auch Teile raus, bei denen wir auch nur den Hauch eines Zweifels haben, ob wir Jay-Jay mit der Veröffentlichung einen Gefallen tun. Enthalten bleibt aber zum Beispiel einer dieser magischen Momente, die ich als Vater häufig erleben darf. Vergleichbar eventuell mit dem Moment oder der Situation, der Gestik, der Mimik seines Partners, wenn man das erste Mal merkt, dass man mehr als ein paar lose Sympathiegefühle für den Gegenüber hegt, verliebe ich mich in meinen Sohn in dieser Folge zum zehntausendsten Mal.Er erweitert meinen Horizont. Er öffnet mir Blickwinkel. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Das nächste Thema wurde in der Folge natürlich auch gezogen und ich verrate nicht zu viel wenn ich sage, dass dafür ein Reisepass notwendig sein wird. Wem Folge eins gefiel, als Jay-Jay über Sterne und Planeten philosophierte, dem dürfte auch diese Folge sehr gefallen. Wer aber eher die persönlicheren Themenpodcasts wie Liebe oder Berufe mochte, wird auch dieses Mal nicht enttäuscht. Ich versprach einst, meinem Sohn die Welt ein wenig besser zu machen. Er will mir nun dabei helfen – und in der neuen Folge erklärt er mir, wie.

 

 

Radiorebell-Episode #5 – Liebe

Liebe.

Radiorebell-E05-Liebe-1920x1080Für mich das erste Thema unseres Podcasts dem ich ein wenig mit Sorge entgegen blickte. Mein Sohn liebt mich. Das weiß ich auch wenn er mir das noch nie aktiv gesagt hat. Seine Art es mir zu zeigen musste ich erst lernen zu verstehen. Jay-Jays Umgang mit dem Thema Liebe ist recht amüsant für Außenstehende und oft ernüchternd für Beteiligte. Er erzählt im Podcast von seiner Liebesliste, die er hat und wie die Frau so sein wird, die er mal liebt. Weil wir irgendwie beide wohl Probleme bei dem Thema hatten quatschen wir zu Beginn erst einmal über unsere vergangen beiden Touren. Wir waren in Prag beim Derby von Bohemians Prag gegen Dukla Prag und erlebten ein recht wildes Abenteuer als wir auf dem Rückweg über Clausnitz zur Solidaritätskundgebung fahren wollten. Ausserdem verschlug es uns mit 12.000 anderen Zuschauern in die vierte Liga. Waldhof Mannheim gegen Eintracht Trier hieß unser zweites Ausflugsziel und wie es der Zufall so will saßen wir neben einem Hardcore-Waldhof Fan, dem Jay-Jay aufrichtige Abneigung entgegenbrachte. Ausserdem hat der Radiorebellen-Podcast hat seinen ersten Skandal. Die Losbox mit unseren Themen ist verschwunden. Aber nun ja, hörts euch an

 

 

Radiorebell-Episode #4-Geschwister

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Um Geschwister sollte es eigentlich gehen. Thementreue entwickelt sich zu unserem Kryptonit. Wir schweiften ein wenig ab, aber der erste neue Interview-Gast führt uns im Podcastfinale wieder zielsicher zum Thema. Jaaaaaaaaaaaaaaaa.

 

Mehr Infos zu unserem Podcast findet man hier in der Erklärung zu Folge eins.

Radiorebell-Episode #3-Berufe

Lehrte mich Jay-Jay in Folge eins noch wie Sterne entstehen oder verriet mir in Folge zwei, wie Radiorebell-E03-Berufe_und_Geldverdienen-1600x900Eltern eigentlich zu sein haben, so verrät er nun in Episode drei etwas zu seinem geplanten beruflichen Werdegang. Das ist konkret durchgetaktet und größtenteils steht sogar schon fest, was er mit all seinem Geld veranstalten wird. Er berichtet ausserdem über sein erstes selbst verdientes Geld und wir haben eine Menge Spaß bei der Themenauslosungspanne. Letztendlich fasst er final dann doch wieder alles perfekt zusammen:

„Mit Geld kann man nicht alles kaufen.“ So ist es.

Mehr Infos zu unserem Podcast findet man hier in der Erklärung zu Folge eins.

 

Dresden-Balkan-Konvoi

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Bild von https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/

Das letzte Dreivierteljahr verging wie im Flug. Dies war sowohl persönlichen Gründen als auch der gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet. Ich bin aber ja auch Kulturpessimist. So wurde es mir zumindest oft genug nachgesagt, wenn ich über meinen Eindruck zum aktuellen Umgang mit der Geflüchtetensituation sprach, oder meine Befürchtungen der Zukunft beschrieb.
Ich konnte auch nicht mehr differenzieren, wo ich subtil gedisst werde, wo offen beleidigt, wo ich mit einem großen „aaaaaber“ gelobt oder zumindest positiv konnotiert angepisst wurde.
Die AfD suchte die Realisten, die Gutmenschen sind jetzt böse, das Wort Kanacke hat sich etabliert und in nicht wenigen Fällen halten nun auch Schwule und Homophobe, Sexisten und Emanzen, Volksmusik- und Punkrock-Fans zusammen.
Mit dem Geflüchteten scheint vielerorts endlich ein gemeinsames, dankbares Ziel gefunden. Wehrt sich nicht, hält die Fresse und hat keine Zeit zur Gründung schlauer Aktivistengruppe, die mit geifernden Online-Petitionen nerven, und kann zu guter letzt mangels deutscher Sprachfähigkeiten nicht einmal einen Shitstorm initiieren, der mich kratzen könnte oder auch nicht. Ich habe all das in meiner Lethargie kaum gemerkt, leise schleichend saß ich inmitten einer vielleicht nicht gespaltenen Gesellschaft, aber zumindest inmitten einer viel zu großen Gruppe von Menschen, die zu viel Rassismus und Fremdenhass in diesem Land fördert, zulässt oder zumindest duldet. Ich mittendrin und voll dabei, gemütlich Malzbier trinkend.
Wir haben bald Bürgerwehren, die vor den Geflüchteten schützen. Den Satz darf man ruhig mal sacken lassen. Warum gab es in den letzten Jahren keine lokal ausgebildeten Gruppen, die vor Homophobie, Sexismus, Fremdenhass, Rassismus und Dummheit schützten? Bezüglich der Qualität der Gefahr und der Quantität der Teilnehmer dürfte dies doch ein wesentlich größeres Problem gewesen sein. Nun wird die Debattenkultur beklagt. Und ob man auf die Probleme der Menschen mehr hören muss. Nein, nicht auf die der Menschen, die mit einer Plastiktüte und einem Telefon von ihrer letzten Kohle sich von zwielichtigen Schlepperbanden mit einem Gummiboot übers Mittelmeer schippern lassen, da sie die Überlebenschance trotz widrigster Umstände doch noch für höher erachten, als wenn sie daheim bleiben. Um deren Einbindungswünsche in den Diskurs sorgt sich niemand. Es geht ja auch um die wichtigeren Ängste. Von denen, die hier Angst um ihre Turnhallen und Gemeinderäume haben. Wo soll denn der Kirchenchor proben und überhaupt. Jetzt ist ja mal langsam gut. Wir können doch auch nicht alle aufnehmen.

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Vielleicht fehlt uns ein Moral- und Angst-Kalibrierungsminister. Das wäre mal ein sinnig besetztes Ministerium, selbst wenn es nur zu zehn Prozent produktiv wäre.
Ich war viel in Dresden die letzten Monate, und wisst ihr was? Das ist kein örtlich begrenztes Problem. In Mannheim, in Heidelberg, in Düsseldorf, in Fulda, in Kassel, in München, in Garmisch-Partenkirchen, in Nürnberg, in Fürth, in Erlangen und vor meiner Haustür begegnete mir innerhalb wesentlich kürzerer Aufenthaltsdauer wesentlich mehr selbstverständlich offen ausgelebter Rassismus. Da wurden Geflüchteten Taschen aus dem Zug getreten, gespuckt, laut und verächtlich die Nase gerümpft und offen der Wunsch geäußert, man sollte doch mehr verlassene Orte haben, wo „man die Geflüchteten konzentriert lagern kann“. Nein, nicht in den Tiefen des Darkwebs und auch nicht in Freital, Hoyerswerda, Dippoldisdingsda und wie die Problemorte alle angeblich heißen sollen am Stammtisch. In oben genannten Städten fand all‘ dies statt, und ich bin zufällig in der Situation gelandet. Mein schlechtes Gewissen plagte mich bereits im späten Sommer letzten Jahres, als ich all die vielen engagierten Menschen sah, wenn ich mal eine halbe Stunde irgendwo ein wenig Wäsche sortierte oder anderweitig in Kontakt zu den vielen fleissigen Helfern geriet. Der großen Euphorie, auch selbst mehr tun zu können, folgte die dankbare Ausrede, selbst genug zu tun zu haben. Job, Familie, mein Verein spielt scheiße und meine Zahnzusatzversicherung zahlt nicht und andere gravierende Alltagsprobleme verhinderten mehr aktive Hilfe meinerseits. Wenigstens ein wenig Geld spenden könnte ich, und schnell waren ein paar Mitspender gefunden, denen ich versprach sicherzustellen, dies möglichst effizient einzusetzen. Die knapp 1.000 € hätten schon ein dutzend Mal sinnvoll ausgegeben werden können, aber immer wenn ich recherchierte, wohin das Geld konkret gegeben werden könnte, trafen dramatischere Nachrichten und problematisch erscheinendere Situationen auf. Nun dürfte es geklärt sein. Europa hat sich scheinbar auf Idomeni als Schauplatz des Leidens-Showdowns geeinigt. Jeanette Hagen hat hier eindrucksvoll Ihre Eindrücke von dort beschrieben. Und, lange Rede, kurzer Sinn, ich fand Leute, die nicht so viel rumlabern wie ich, sondern aktiv ihr Bestes geben. Ihnen vertraue ich Eure Spende an.

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Infos zu der Arbeit des Dresden-Balkan-Konvois findet ihr

Hier: www.supportconvoy.org

oder in diesem Bericht der Dresdner Neueste Nachrichten.

Zur Facebookseite geht es hier: https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/.

Ich hab Axel, einen der Organisatoren, für ein paar ganz schnelle Worte gewinnen können:

Hallo Axel. Bei Dir ist es mir tatsächlich unangenehm, Dich zeitlich in Anspruch zu nehmen. Du bist Mitorganisator des Balkan-Konvois. Kannst du ganz kurz umreißen, was ihr tut?

Unangenehm sollte Dir das nicht sein! Wir verstehen uns ja auch als Möglichkeit aktiv zu werden – auch weit weg von Deutschland. Dazu beantworten wir gern alle Fragen!
Wir unterstützen dort, wo es zu lebensbedrohlichen Situationen kommt. Das sind im Moment auch die Grenzen in Europa. Auf Chios empfangen wir Boote, versorgen die Menschen mit Klamotten und heißem Tee und fahren auch Verletzte ins Krankenhaus. In Idomeni verteilen wir Sachspenden, Tee und Informationen.
In Einzelfällen helfen wir auch hier, wenn es nötig ist. So begleiten wir Neuankömmlinge zum Arzt und zu Behörden oder organisieren Rechtsanwälte.

Wie finanziert sich der Balkan-Konvoi?

Bis jetzt haben wir ausschließlich mit Spenden gearbeitet. Auch die Freiwilligen und die Leute in der Orga buttern gern was rein.

Lässt sich der Bedarf vor Ort detailliert beschreiben?

Das ist immer ein bisschen vom Einsatzort abhängig – und davon, was die Geflüchteten da brauchen. Derzeit kaufen wir viele tausend Becher, Tee und Zucker für Idomeni. Für die Inseln gilt das gleiche. Manchmal aber auch Essen. Der Bedarf geht aber viel weiter: Medikamente und Zelte, zum Beispiel.

Wie ist Eure Infrastruktur? Wie viele Leute seid ihr und könnt in welcher Form könnt ihr Hilfe gebrauchen?

Inzwischen haben wir drei Autos und eine Gulaschkanone. Dazu kommt geborgtes Material, wie ein großer 200-Liter-Topf und Gasbrenner mit riesiger Heizleistung. Und in Dresden betreiben wir die Spendenannahmestelle in der Neustadt.
An den Einsatzorten sind zwischen drei und zwölf Freiwillige – je nach Bedarf und Möglichkeit. Mitmachen können alle, die mindestens drei Wochen Zeit haben und unser Selbstverständnis teilen. Die psychische und physische Konstitution sollte auch stimmen.

Wie kann man Euch, abgesehen von finanziellen Spenden, unterstützen?

Wir freuen uns über jeden Beitrag: ob die übrigen Pappbecher von der Party oder den verschmähten Müsliriegel. Der aktuelle Bedarf ist immer auf unserer Facebook-Seite ganz oben abgebildet. Und wenn man von uns weitererzählt, finden wir das auch super!

Meinst Du, es ist möglich, ein oder zwei Bilder zu bekommen, wo konkret das Geld gelandet ist oder in was es investiert wurde?

Logisch! Wir wollen, dass die Sache transparent läuft. Dazu gehört die Dokumentation der Tätigkeit und der Nachweis über den Verbleib der Spenden!

Danke. Danke für das, was ihr macht.

Wer den Dresden-Balkan-Konvoi unterstützen möchte kann dies sehr gerne hier tun. Hilfreich ist es aber vermutlich auch die Facebookseite, bzw. die Hilfeaufrufe des Konvois zu teilen und zu verbreiten. Auch direkter persönlicher Einsatz ist möglich: Infos dazu gibt es hier.

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Bild von https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/

 

Vielen Dank an Sven, Sebastian, Thomas, Andreas, @davednb, @Princess_cgn, Nils , @Wuchtbrumme80, Ralph und das Team von Miasanrot, mit deren Unterstützung insgesamt über 1000 € überwiesen werden können. Danke Euch!

Radiorebell-Episode #2- Eltern

Eltern. Man hat sie, man braucht sie, man liebt sie, man hat sie vielleicht schon einmal verflucht, weil sie doch so uneinsichtig, unfair, altmodisch, peinlich sind, während man selbst die Weisheit, die Reife und das Know-how des Lebens schon in frühpubertären Jahren mit der großen Kelle rund um Radiorebell - Episode 02 - Elterndie Uhr eingeflößt bekam. Schlimm. Irgendwann kommt der Tag an dem man sie unendlich vermisst und man vielleicht bereut, dass man Ihnen nicht oft genug danke gesagt hat. Ruft mal bei Mama und Papa an, sofern Ihr noch die Gelegenheit dazu habt und sagt Ihnen mal, wie sehr Ihr sie liebt. Funktioniert übrigens auch bei anderen lieben Menschen.

Jay-Jay und ich sprechen über das „Eltern sein“ mit kleinen Ausflügen ins Jay-Jay Land, über Papas, die mit Geld nicht umgehen können, über ausrastende Mamis, seine Probleme mit Mädchen, warum Mami geheult hat, wie gut es ihm tat jemanden zu beleidigen und die große Auslosung zum Thema für Folge drei.

Viel Spaß.

Alle Infos rund um unseren Podcast.

Hello, hello, turn your radio on…

… is there anybody out there?

Turbulente, spannende, lehrreiche, frustrierende, euphorisierende und ernüchternde Wochen liegen hinter uns. Es ist zu viel, um es regelmäßig schriftlich festzuhalten. Aber festhalten wollen wir es. Auch das ist ein Grund, warum wir jetzt auch podcasten.

Wir, das sind Jay-Jay und ich. Vielleicht hat der ein oder andere im Rahmen unseres Vereinssuche-Projekts von uns etwas gelesen. Jay-Jay ist mein Sohn. Er sammelt Scherben, liebt Fußball, kann verdammt derbe fluchen, kuschelt gerne mit seiner Mama, kennt die Entfernungen zwischen unfassbaren vielen Sternen, gibt ungerne jemandem die Hand, hasst Kinder, liebt Babys, isst gerne Sushi, verweigert aber Essen, wenn in seiner Nähe jemand ein Wurstbrot isst, ist zehn Jahre und stolzer Asperger-Autist. Letzteres tut eigentlich nichts zur Sache und es ist nicht das bestimmende Thema des Podcasts, aber man sollte es vielleicht bei Radiorebell - Episode 01 - Sterne

der Beurteilung der ein oder anderen Aussage im Hinterkopf haben. Alle Folgen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jay-Jay, meine Frau und ich hören uns gemeinsam die Folgen an und schneiden Passagen heraus, die Jay-Jay rausgeschnitten haben möchte, oder auch Aufnahmenteile, bei denen wir als Eltern es für besser halten, sie nicht der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Es ist durchaus möglich, dass diesbezüglich die Maßstäbe bezüglich Intimität und Privatsphäre meiner Familie, Präzision und Richtigkeit der Aussagen zum Autismus und inhaltlicher Anspruch wie ein schiefes Paradigma überforderter Eltern wirken mögen, aber ich sehe das, was wir veröffentlichen, auch ein wenig als Beitrag, das Thema Autismus besser verstehen zu lernen und lasse mich von dem treiben, was meinem Sohn jetzt gut tut und nachhaltig keinen Schaden anrichtet. Wie viele Schwierigkeiten auf der Welt würden sich abrupt verkleinern, wenn man das Problem verstehen würde? Was würde es mit einem denkenden, reflektiert handelnden Menschen machen, wenn man ohne fachchinesisch und ohne dumpfe Stammtischparolen über den empathielosen, gefühlskalten Autisten aus erster Quelle erfährt, wie vielfältig Autismus ist, wie schwer und hart es für Autisten in manchen Situationen ist. Wie anstrengend kleine Dinge sein können, die für uns nur Lappalien darstellen, und wie enorm einfach und simpel schön ihr Blick auf die Welt doch manchmal ist. Ich möchte es nicht Kampf nennen, aber es kommt dem am nächsten, wenn ich über die Veröffentlichung intimer Erlebnisse nachdenke und berücksichtige, wie viel mehr Verständnis meinem Sohn entgegen gebracht werden könnte, wenn man es von ihm hört, mit ihm spricht, ihn versteht, wie wunderschön klar seine Gedanken sind, wie unerträglich seine Aussetzer sind und dann unterscheiden lernt, wie man das eine fördert und das andere nicht unnötigerweise herausfordert. Das und die Hoffnung auf den ein oder anderen Ratschlag der vielen tatsächlichen Autismus-Experten da draußen, sowie ein mich den letzten Nerv raubender zehnjähriger Podcast-Chef sind der Grund, warum man nun erstmalig auch von uns hört und nicht nur liest.

Ich habe einen Patreon-Account aufgesetzt.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, für Zeit mit meinem Sohn bezahlt werden zu wollen, und auch nicht, dass der ein oder andere Moralapostel mir vorwerfen kann, ich würde aus dem Leid meines Sohnes, welches nicht einmal vorhanden ist, Kapital schlagen wollen. Wir sind nicht reich und nicht arm und das Mittagessen wird unabhängig von einer Unterstützung nicht größer oder kleiner als zuvor und es wird auch in dreißig Jahren noch mehr sein, als viel zu viele Menschen auf der Welt haben. Trotzdem haben wir uns dafür entschieden, dass man uns über eine Crowdfundingplattform unterstützen kann. Das Equipment gabs halt nicht geschenkt, und für die eine oder andere Podcastfolge werden vielleicht ein paar kleinere Randkosten entstehen. Patreon funktioniert unter anderem, indem zusätzlicher exklusiver Inhalt an eine regelmäßig zahlende Supporter-Gruppe freigegeben wird, und so sehr ich den Gedanken der nachhaltigen Unterstützung schätze, umso mehr widerstrebt es mir aber auch, die Mitleser und Mithörer in unterschiedliche Klassen zu unterteilen. Daher wird einem Patreon-Unterstützer von uns nicht einmal etwas besonderes geboten, was er als treuer Feed-Begleiter oder Blogabonennt nicht ebenfalls lesen oder hören kann. Sinnlos? Nein. Rebellisch, vielleicht. Fair? Ich denke, ja.

Wenn also der ein oder andere Mitleid hat mit der armen Familie mit dem autistischen Sohn, dann sucht Euch eine lokale Hilfsorganisation Eures Vertrauens und gebt dort ein paar Euro aus. Es gibt unzählig viele Menschen, die es dringender brauchen, und Mitleid ist bei uns nicht vonnöten. Wir haben den besten Sohn der Welt. Über Unterstützung freuen wir uns aber trotzdem, und Kommentare, Belehrungen, Be- und Verurteilungen nehme ich gerne per Mail unter radiorebell@wochenendrebell.de entgegen. Mit Antwortgarantie. Über Rezensionen oder Blogkommentare freuen wir uns auch, im Gegensatz zur Mail liest hier aber auch der Podcast-Chef mit. Ich danke für Eure Rücksichtnahme.

Nun denn, seit einigen Monaten löchert mich Jay-Jay wegen eines eigenen Podcasts. Ich spüre auch, wie sein Verlangen, sich selbst mehr zu äußern, größer und größer wurde, ohne dass seine Disziplin und der Wille, vielleicht regelmäßig etwas für den Blog zu schreiben, ausreichte – und das ist auch absolut okay so. Die zahlreichen Therapie-Termine schlauchen ihn genügend und meine beruflich engere Einbindung in der jüngeren Vergangenheit und den nächsten Monaten erhöhte den Druck,ihm außerhalb unserer Rebellentouren klar geregelte, gemeinsame Zeit mit mir zu verschaffen, etwas routiniertes, regelmäßiges, aktuell auch als Stadionbesuchsersatz. Zudem mag er den Gedanken, sich Menschen gegenüber äußern zu können, ohne dass er mit ihnen ins Gespräch kommen muss. Es ist aber nicht so, dass er gute Gespräche mit Erwachsenen nicht auch zu schätzen weiß. Ich durfte schon großartigen Gesprächen von ihm mit anderen Menschen beiwohnen, aber er schätzt es auch mal sehr, nur zuzuhören oder auch einfach was loswerden zu können, ohne dass er zwischendurch vielleicht zu sehr gemaßregelt wird.

Von den ersten Grundideen bis zur heutigen, groben Konzeption vergingen einige Wochen. Ziemlich unvorbereitet stürzen wir uns in verschiedene Themen, und in welchen Zeitabständen auch immer der Podcast erscheinen wird, Podhost Jay-Jay wird als Radio-Rebell immer wieder einen Gast zum Gespräch bitten. Mich. Seinen Papsi. Wir haben beide aktuell etwa fünfzehn Themen auf Loszettel geschrieben. Themen, die uns beschäftigen, oder über die wir mit dem anderen aus unterschiedlichsten Gründen sprechen möchten. Der Themenpool wird zukünftig noch wachsen. Vielleicht interessieren ihn neue Dinge, vielleicht gibt es ein aktuelleres Thema, und wer Jay-Jays Herangehensweise kennt, der weiß, dass er, sollte es das Thema kasachische Delikatessen geben, zunächst ein kasachisches Restaurant besuchen möchte, was mir in Anbetracht von Themenblöcken wie Sex und Volksmusik, die bereits in der Lostrommel liegen, ein wenig Sorge bereitet. Wir werden in jeder Folge ein Thema besprechen, welches wir in der Sendung zuvor ausgelost haben. Jay-Jay entscheidet dann, ob und wie er gedenkt, sich auf die Sendung vorzubereiten und wie ich ihn bei der Recherche unterstützen kann. Vermutlich gibt es auch einige Themen, wie Geschwister, Freundschaft oder unsere Touren als Wochenendrebellen, bei denen es wenig Recherchevorarbeit und Vorbereitung geben wird. Vielleicht sprechen wir nach zehn Stunden Recherche zum Thema Fußball auch eine Dreiviertelstunde über Ballett, oder Jay-Jay ändert spontan das Thema, weil er vielleicht doch lieber über was anderes sprechen möchte. Ich weiß es nicht, und eigentlich ist es mir egal. Ich handele nicht als ausgebildeter Moderator, Therapeut, Medien-Profi, Familienkommerzialisierungsmonster oder Asperger-Experte. Ich handele als Vater, und ich glaube, die Aussagen meines Sohnes können sich hören lassen. Und: er ist der Chef. Wie immer. Viel Spaß! Wir freuen uns auf Feedback.

Zerschmetterling

Man sollte nicht wütend bloggen. Ich Rebell. Und es ist nicht einmal Wochenende. Es ist nicht so, dass ich nicht weiß, auf wen ich wütend bin, nur nicht, auf wen am allermeisten. Aber ich gehe wohl selbst als Favorit ins Rennen. Es läuft gerade eher so semioptimal. Jay-Jay liefert fantastische Noten in der Schule. Der Wechsel von der Grundschule inklusive Schulassistenz auf das Gymnasium in neuem Ort und ohne begleitende Schulassistenz verlief mehr als reibungslos. Er liefert fantastische Noten ab, ist sehr interessiert am Schulstoff und während meine Frau ihm vor den Sommerferien noch zwei bis vier Stunden am Tag bei den Hausaufgaben helfen musste, weil ihn Teile des Schulstoffes schlichtweg nicht interessierten oder ihn andere Dinge ablenkten, ist er nun meistens nach maximal dreißig Minuten mit den Hausaufgaben fertig. Er saugt das Wissen momentan auf wie ein Schwamm. Die gesamte Lehrerschaft ist sehr angetan von seinen Leistungen und sie sehen nicht einen einzigen Grund, warum er an den Schulstoff-Anforderungen auf dem Gymnasium scheitern sollte.

Mural by Herakut in Frankfurt.

Mural by Herakut in Frankfurt. „There is something better than perfection.“

Er kann zurecht stolz auf sich sein. Vielleicht zahlt sich der fließende Übergang nun doch aus. Er durfte das jetzige Gymnasium schon zu seiner Grundschulzeit in der vierten Klasse einmal die Woche für den Unterricht besuchen. Man wollte ihm die Möglichkeit geben, sich an das Gelände und die vielen Räume sowie die neuen Gegebenheiten mit einer Kantine, einer neuen Busstrecke und einer großen Bibliothek zu gewöhnen, ohne das ihn zeitgleich Mitschüler, neue Lehrer und vielen anderen Änderungen und neue Situationen fordern. Das hat ihm einen guten Start ohne jegliche Eingewöhnungschwierigkeiten verschafft. Doch jetzt wird es Winter.

Ich weiß noch, wie Du zu Kindergartenzeiten auf dem Heimweg immer Eisklumpen gesammelt hast. Mami musste diese dann immer nach Hause schleppen. Viele Eisklumpen. Große Eisklumpen. Zwischenzeitlich konnten und mussten wir auf einen Schlitten zurückgreifen, um all diese wunderschönen Eisbrocken mitzunehmen. Das Gezeter und Geschrei wäre riesig gewesen, wenn wir Deine Eisklumpen nicht sicher nach Hause gebracht hätten. Mami hatte die Wahl: ein schreiendes, zeterndes, um sich schlagendes Kind schleppen – oder eben Eisklumpen.

„Selbst schuld, der Junge hat es ja vermutlich nie gelernt, ein „Nein“ zu hören.“

Das denken viele über Deinen Papsi und Deine Mami, wenn sie hören oder mitbekommen, was wir manchmal mit Dir erdulden, zulassen oder akzeptieren.Du weißt selbst, wie viele „Neins“ du hören musstest. Es ist komplexer, als man denkt – das Ende der Geschichte wäre aber das Verständnis eines jeden gewesen, das es keine Alternative gab, Deine Eisklumpen zu transportieren.

Was ich für ein Tier gerne wäre und welches Du sein könntest, fragtest Du mich einst. Ich versuchte Dir zu erklären, dass Du so behutsam, leise und schüchtern sein kannst wie ein kleiner Spatz und so laut, aggressiv und nervig wie einer dieser Brüllaffen, die wir im Tierpark sahen. So einer mit knallrotem Hintern. Aber eigentlich bist Du ein Zerschmetterling. Oftmals sanft, leise, geräuschlos die Natur und das Drumherum genießend. Stundenlang durch die Gegend flatternd und streifend hast Du es genossen draußen zu sein, ganz gleich bei welchem Wetter. Mami ist mit Dir damals über Monate hinweg jeden verdammten Tag raus gegangen. Jeden Tag. Egal ob es hagelte, regnete, schneite oder die Hitze unerträglich war. Trotzdem musste man vorsichtig sein, dass man Deine Flügel nicht berührte. Nicht wegen des wunderschönen Musters, sondern weil es meist zum Absturz führte und Du zur Folge die Atmosphäre und das bis dato angenehme Ambiente zerschmettertest. Oftmals wegen einer Kleinigkeit. Vielleicht hatte Mami die dreiundzwanzig Türme um die sieben Schlösser und die drei Wassergraben im Sandkasten nicht so ausgerichtet, wie Du es haben wolltest. Der bis dato wunderbare Tag wurde von Dir gnadenlos zerschmettert. Innerhalb von Sekunden war es wertlos, wie viel Zeit sich Mami genommen hat, wie viel Geduld und Einfühlungsvermögen sie gezeigt hatte. Das ist heute noch so. Du genießt immer noch die Natur und die Freiheit, die Luft, die Wolken, Sonne, Mond, Bäume, Pflanzen, Wind und Schnee, solange niemand in die intakte Schneedecke hineintritt. Aber der zerschmetternde Part in Dir ist stärker geworden. Auch körperlich bist du nun kräftiger,deiner Mami fast ebenbürtig. Jay-Jay, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das du zu keinem Zeitpunkt Deines Lebens auf unsere Beziehung zurückblicken musst ohne, dass die Erinnerungen an unsere gemeinsamen Erlebnisse Kraft, Geist und Herz nachhaltig stärken. Du sollst in Ihnen schwelgen und Menschen die du magst davon berichten können, ohne viel Zeit zu vergeuden um an die Narben unserer Auseinandersetzungen zu beschreiben, die du davon trugst, wenn wir Schmerz, Leid und Probleme auf Ebenen, die der jeweilige gegenüber nur zum Teil verstand, miteinander teilten und versuchen zu lösten. Wir geben wirklich unser Bestes Dir als Eltern gerecht zu werden. 

Mural in Santa Monica, by Herakut,

Mural in Santa Monica, by Herakut,

Man stelle sich einen knallgrünen Ball vor. Ihr Kind sagt Ihnen, dass der Ball pink ist. Sie können jegliche Sehschwächen bei sich ausschließen. Sie wissen, der Ball ist so dermaßen grün. Grüner geht es nicht. Ihr Kind weint dann viel, weil sie nicht zugeben wollen, dass der Ball pink ist. Es schreit und sie spüren, dass dies keine Tränen des Trotzes oder der Wut sind, weil vielleicht ein Neunjähriger seinen Willen nicht bekommt, sondern weil aus unerfindlichen Gründen dieser verdammte Ball für ihr Kind scheinbar pink ist. Er weint dann Tränen der Verzweiflung. Uns ist es bis heute bei viel zu vielen Eigenarten von Jay-Jay nicht gelungen herauszufinden, ob für ihn der Ball in dem Moment wirklich pink ist, oder ob es ihm nur wahnsinnig wichtig ist , dass wir den Ball für pink erachten. In diesen Momenten wird es immer schmerzvoll aber am Ende des Tages ist der Ball meistens pink.

Es ist nicht so, dass wir konfliktscheu sind, oder dass es meiner Frau oder mir an Durchsetzungsvermögen fehlt. Wir gehen auch nicht zwangsläufig den Weg des geringsten Widerstands und ich höre auch immer aufmerksam zu, wenn die „das Kind muss lernen, dass der Ball grün ist“-Fraktion spricht.

Wir wägen ab. Wir reissen alle emotionalen Rahmenbedingungen in Stücke. Es ist nicht entscheidend, ob er weint, es ist auch nicht entscheidend, dass er so laut schreit, dass die Nachbarn sich gestört fühlen. Uns interessiert in den Momenten der Ballfarbenbeurteilung nichts, was eine eventuelle Entscheidung für kurzfristige Emotionen bei ihm oder anderen auslösen würde. Wir besprechen Jay-Jays Ausraster mit ihm. Aber nicht in dem Moment, in dem er so unter emotionalem Druck steht. Es gibt Zeiten, in denen er sich belehren lässt. Er würde es selbst dann nicht zugeben, denn er weiß ja schon alles, denn er ist „der Klügste, Beste, Größte der Welt“ (Zitat Jay-Jay). Wir warten Momente in der Ruhezone ab. Das ist die Phase, in der er zuhören möchte und kann, Das sind die Momente, in denen es sichtbar in ihm arbeitet, wenn man mit ihm spricht, ihn vielleicht belehrt. Man könnte sagen auf den Touren innerhalb unseres Projektes befinden wir uns in einer Art Dauer-Ruhezone. Er reflektiert, streitet dann zwar jegliche Schuld ab oder bekräftig die Richtigkeit und die Notwendigkeit seines Verhaltens und beschwört, er würde es beim nächsten Mal wieder genau so tun. Und lässt es dann plötzlich doch bleiben. Ja, okay, nicht nach dem ersten Gespräch zu dem Thema, nein, auch nicht beim dritten. Aber ab dem fünften, intensiveren Gespräch zu einer Problematik bzw. zu der Wirkung seines Verhaltens auf andere steigen die Chancen rapide, dass er wirklich Verhaltensweisen ändert. Man weiß nicht immer, ob es eine Veränderung ist, die ihn Kraft kostet, sie künstlich immer und wieder abrufen zu können oder ob es eine Verhaltensweise ist, die sich intuitiv verinnerlicht.

Es fällt mir schwer zu unterscheiden und ich kann und will mir nicht anmaßen, ihm zuzumuten, sich ständig an uns oder seine Gesellschaft anzupassen zu müssen, sich auf ein für das Umfeld akzeptables Maß konditionieren zu lassen. Aber in seinem Fall, nicht weil es mein Sohn ist, sondern weil ich nicht einzuschätzen vermag, wie ihn Änderungen in seinem Verhalten anstrengen und weil ihm das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung genau so zusteht, wie jedem anderem auch.

Unsere Eltern würden uns für verrückt erklären und unsere Arbeitgeber würden an unserem Verstand zweifeln, wenn wir ihnen erklären, dass der grüne Ball pink sei, aber ist das wichtig?Unser Familienleitbild ist nicht sonderlich üppig umschrieben. Wir wollen uns lieben, egal was kommt. Lieben ist ein Verb. Das geht bezüglich unserer Liebe zu unserem Sohn dann durchaus auch einmal soweit, dass der Ball eben pink ist, weil es uns gelingt, auch störende, sachliche Fakten durchaus mal bei der Entscheidung beiseite zu schieben.

Das ist nicht schwer, wenn man seiner Überzeugung folgend überprüft, welche Farbe des Balles den Gemütszustand wie beeinflusst. Sagen wir ihm der Ball ist grün, ist er betrübt, schreit, eskaliert, auch im Umgang mit seiner Schwester oder versucht stundenlang seine Position zu verargumentieren. Zähe Stunden und fiese Tage oder Wochen können das sein, denn der Sohn ist hartnäckig und er vergisst selten.

Sagen wir ihm, der Ball ist pink, ist er erleichtert, beruhigt, malt vielleicht ein Bild, schaut eine Dokumentation im TV oder liest. Er wirkt dann aufrichtig erleichtert und entspannter. Wenn man jemanden liebt, tut man alles, damit dieser Mensch sich gut fühlt. Mir ist es eigentlich scheißegal, ob der Ball grün, pink, blau oder lila ist.Ich will, dass sich mein Sohn wohl fühlt.

Mural in Mannheim, by herakut

Mural in Mannheim, by Herakut “ Old can learn from the young can learn from the old“

Ich fand das mit den Eisklumpen niedlich, damals. Mir gefiel es, dass Du Dich an so etwas simplem wie an gefrorenem Wasser in lustiger Form, oder aber auch deren mehrerer Brocken, so erfreuen konntest. Sie wurden säuberlich vor der Tür gestapelt und als das Problem des Tauens erstmals einsetzte, schafftest Du schnell Abhilfe, indem Du die besten Stücke von Deinen bescheuerten Eltern in der Tiefkühltruhe hast aufbewahren lassen. Vielleicht haben die Menschen doch Recht, wenn sie sagen, dass wir zu viel haben durchgehen lassen, nicht streng, nicht konsequent genug gewesen sind. Weißt Du, Jay-Jay, all‘ diese Entscheidungen, die wir zusammen getroffen haben, die haben wir nie mit dem Kopf oder aus dem Bauch heraus entschieden, sondern immer mit dem Herzen.

Bei keiner Entscheidung fragten wir uns, inwieweit wir uns selbst, also Deiner Mami und mir damit vielleicht schaden, sondern jede Entscheidung basierte auf dem Feedback der Profis rund um das Autismus-Therapiezentrum und den diversen Therapeuten, final aber immer mit der Intention, es so zu tun, wie es für Dich mittel- und langfristig am besten ist und was unser Herz uns empfiehlt.

Du bist ein großartiger Junge, und man kann Dir nicht hoch genug anrechnen, was Du leistest. Wir haben Dich immer Du sein lassen. Manchmal ist es dann doch irgendwie ganz einfach. Das hat Dich gestärkt, das hat Dich selbstbewusst, ehrgeizig und wissbegierig gemacht, das hat Dir Mut gegeben und Sicherheit, und aus unserer aller Hoffnung wurde schnell die Gewissheit, dass wir jedes Problem gemeinsam auch irgendwie gelöst bekommen.

Jeden Funken von Interesse haben wir gefördert, ohne Dich in irgendetwas hineinzudrängen, ungewöhnlichste Eigenarten haben wir akzeptiert und auch dank der Geduld Deiner Schwester in unseren Alltag einbinden können. Du bist uns kleine Schrittchen entgegengekommen, indem Du unproblematisch zum Friseur gehst, solange wir Dir bestätigen, dass dies ein Schnippinator und kein Friseur ist, auch wenn wir uns mit mittlerweile zehn Jahren ein entspannteres Verhältnis zu Begrifflichkeiten wünschen würden. Wir wissen jetzt, welche Lebensmittel wir anfassen dürfen und Dich danach trotzdem berühren können – und bei welchen Lebensmitteln dies eben keinesfalls möglich ist. Ich glaube, wir haben für die Eigenarten in den Routinen bis heute immer gute Lösungen gefunden, und wenn Du magst, kannst Du auch mit siebzehn noch zwischen Deinem Papa, Deiner Mama, Deiner Schwester sowie ihren vierzehn verschiedenen Stofftieren im Ehebett liegen – ich könnte damit leben.

Wir können auch mit der Respektlosigkeit umgehen, mit der Du Deine Mama und mich mittlerweile auch gerne wieder in der Öffentlichkeit abstrafst. Deine lautstarken Beschimpfungen, Deine abfälligen Handbewegungen, Deine Eskalationen. All‘ das und die tausenden pinken – eigentlich vermutlich grünen – Bälle stören uns nicht, aber die letzten Wochen entglitt es uns. Du hast Dich in eine Parallelwelt katapultiert, von der ich bis heute nicht weiß, ob wir sie zu lange geduldet oder immer noch zu wenig akzeptiert haben. Was wir aber wissen ist, dass die falsche der beiden Welten viel zu viel Raum in Deinem Leben eingenommen hat. Das Ergebnis liegt aber auf dem Tisch. Du wirst in der Schule gemobbt und unterschiedliche Gruppen und Einzelpersonen setzen Dir zu, weil du jedem von der „echten“ Realität Deiner Welt erzählst. Dies geschieht auf verbaler und nonverbaler Ebene, was für dich kein Problem ist, weil du Ihnen „allen auf die Fresse haust“.  Die Rolle ist Dir wie auf den Leib geschnitten. Kleinere Provokationen reichen bei Dir aus, um Dich völlig außer Kontrolle zu bringen. Das bringt den Kids Deiner Schule eine Menge Spaß , und Du wirst es nicht unter Kontrolle halten können. Du musst Dich schon mit tausenden anderen Eindrücken und Einflüssen der Regelbeschulung auseinandersetzen und klar kommen. Und nun halten nicht einmal mehr Papsi und Mami zu Dir, glaubst Du. Dein Jay-Jay-Land existiert nicht in der Form, wie Du Dir das vorstellst. Das weißt Du bald, da bin ich sicher, doch bis dahin hat sich bei vielen Menschen Deines Umfelds ein Bild manifestiert, welches schwer zu korrigieren sein wird. Uns ist egal in welches Land wir reisen müssen um bei Dir zu sein. Wir lieben Dich, das weißt du, aber lass uns versuchen die Realität als gemeinsamen Familienhafen zu etablieren. Von dort aus geht es ab ins Abenteuer. Wohin du willst. Auch ins Jay-Jay Land.

Mural in St.Ottilien, by Herakut.

Mural in St.Ottilien, by Herakut. “ I am different. But arent`t we all different“

Wäre unsere Familie ein Fußballteam, hätten wir die letzten Spiele ganz schön auf den Sack bekommen. Es läuft nicht, wobei es eher so scheint, als agierten wir am Rande unserer Möglichkeiten und der Gegner sei einfach übermächtig. Wir müssten jetzt von Spiel zu Spiel denken, Beton anrühren, die Defensive stärken und alles hinterfragen. Erreicht der Trainer noch die Mannschaft? Wer zur Hölle ist überhaupt der Trainer? Müssen wir unser System überdenken? Mangelt es einigen im Team an Leidenschaft? Ich glaube fest an das gesamte Team mit Dir als Hauptakteur, aber vielleicht müssen wir unsere langfristige Strategie überdenken. Wir werden in jedem Fall auf Verstärkung in der psychologischen Beratung zurückgreifen müssen. Da sind wir uns fast alle einig. Das wird Jay-Jay nicht passen, aber er vertraut uns, und das Vertrauen werden wir nicht enttäuschen.

Und nun?

Die anstehende Winterpause kommt gelegen, wir werden eine längere Stadionpause einlegen. Wir werden uns mit den Themen Realität und Phantasie beschäftigen müssen und einen Psychologen finden, der Zugang zu Jay-Jay findet. Wir werden uns mit seinen Wünschen und Vorstellungen beschäftigen, die schwierig umzusetzen sein werden, denn unglücklicherweise bin ich beruflich auch etwas enger eingespannt die nächsten Monate, was es für die Mama und den Sohnemann nicht einfacher macht. Aber alles wird gut. Irgendwann.

Euch allen ein frohes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch in ein fröhlicheres und friedlicheres Jahr 2016.

Wir werden natürlich stärker zurückkehren als je zuvor.

Mural by Herakut in West Palm Beach.

Mural by Herakut in West Palm Beach. “I Can Show You How To See A World Where Others See A Wall.”

 

 

Es ist zu laut und zu leise

Die Kaltblütigkeit, mit der Menschen abscheuliche Taten vollbringen, ist weder von der Religion, noch von der Hautfarbe oder der Herkunft abhängig. Wer etwas anderes glaubt, braucht eigentlich gar nicht mehr weiterzulesen.

Die Attacken in Paris überfordern mich. Sie überwältigen mich in ihrer unfassbaren Brutalität. So sehr, dass sie mich in meiner Fassungslosigkeit um Worte ringen lassen, die beschreiben, was ich denke und fühle. Der Angriff beendet ein Europa, welches ich durchaus mochte und allerorts erfolgen nun die Belehrungen, wann, wie lange und wie man gefälligst zu trauern und mit der Situation umzugehen hat. Hier überwiegen das Entsetzen und die Trauer über die Abscheulichkeit der Taten, mit einigem Abstand aber schon gefolgt von der Befürchtung, was diese Taten für Auswirkungen auf die Handlungen der europäischen Regierungen und auf die Asylpolitik des Landes, in dem ich lebe, haben werden. Diese Befürchtung wird genährt von der Art und Weise, wie die Politik rund um NPD, AFD und Söder sich am Folgetag zu den Geschehnissen äußerten. Gepaart mit der bemerkenswert schamfreien Zeitspanne von gerade einmal zwölf Stunden, die die Herrschaften verstreichen ließen, bis sie aus jedem Flüchtling einen Terroristen machten, der sich logischerweise monatelang ausbilden lässt, um sich dann auf einer Nussschale durchs Mittelmeer schippern zu lassen, sind diese Befürchtungen darüber, was uns in den nächsten Wochen erwarten könnte, ausgewachsen groß. Die feigen Terroristen wollen, dass wir uns vor dem Islam fürchten. Es scheint zu gelingen.

Es ist laut geworden und die letzten Wochen lassen durchaus erahnen, dass für viele nur Hass die Antwort auf Hass sein kann. Und es ist keine Befürchtung, sondern eine Tatsache, dass dieser Hass sich in Deutschland ganz sicher an die falschen Adressaten richten wird. Zu allem Überfluss stehen zur Verteidigung gefühlt stetig weniger Menschen zur Verfügung, entweder, weil ihre persönliche Einstellung zum Thema Flüchtlinge sich verändert hat, oder, weil ihnen zumindest Zweifel an der aktuellen Umsetzung der deutschen Flüchtlingspolitik gekommen sind und sie nun schnell vom Hardcore-#Refugeeswelcome-Kern als Fähnchen im Wind, Kriegstreiber oder gleich als verkappter Rechter laut beschimpft werden. Zweifel und Verzweiflung sind schlechte Ratgeber. Da, wo Zweifel sind, existiert keine Entschlossenheit. Entschlossenheit ist wichtig, wenn es laut wird und daher müssen Zweifel beseitigt werden.

Ich bin zu leise. Ich flüstere nur, dass ich in mindestens einem Punkt mit Heribert Prantl unumstößlich konform gehe: Im allerersten Schritt ist die Flüchtlingssituation eine Frage der Menschlichkeit. Im allersten Schritt der Meinungsbildung muss es eine Frage der Menschlichkeit sein. Im allerersten Schritt darf die Frage nicht lauten, was die Flüchtlingssituation für mich bedeuten könnte, wenn ich auf meiner Couch sitze, Heizung etwas höher gedreht als noch in der Woche zuvor und immer noch leicht angesäuert, weil eine unserer Duschen nach einem Wasserschaden immer noch nicht wieder benutzbar ist.

Wenn es in diesem allerersten Moment, im Kontext mit den Menschen, die unvorstellbare Strapazen auf sich genommen haben, um Tod und Leid zu entfliehen, um mich geht, dann ist es keine Frage der Menschlichkeit mehr. Im ersten Schritt, den eigenen Wohlstand umklammernd, der humanitären Katastrophe zuzuschauen – verhindert Menschlichkeit. Spätestens im Bildschirmfoto 2015-11-15 um 23.57.40Vergleich mit Menschen, die sich Tausende von Kilometer durch Europa schleppen, die Gewalt, Tod und das ständige Gefühl, nicht willkommen zu sein, als stetigen Begleiter begrüßen dürfen, kann es doch im ersten Schritt keine einzige Frage geben, die sich mit meiner Armut, meinem Wohlstand, meinem Auskommen, meinem Leid, mit meiner Sicherheit beschäftigt. Natürlich muss es Diskussionen geben, wie wir die Menschen in Arbeit bekommen, wie wir Wohnraum finanzieren, wie wir unsere Prozesse an den Grenzübergängen optimieren, aber die ersten Fragen müssen sich doch um die Erstversorgung der Menschen drehen, die hier ihre traumatische Reise abschließen möchten. Sich die Menschlichkeit zu erhalten ist existenziell. Im Kampf um den Erhalt und Wiedergewinn von Werten dürfte es nicht sonderlich erfolgsversprechend sein, eben diese Werte, die uns wichtig sind und die wir verteidigen möchten, mit Füßen zu treten. Wie weit weg müssen Menschen sterben, damit es sich mit unserem Vorstellungen eines sorgenarmen Lebens deckt?

Bei mir lag diese Grenze wohl sehr lange in Syrien. Die über zweihunderttausend im Krieg zu Tode gekommenen Menschen berührten mich nicht. Syrien war irgendwie weit genug weg. Aber anscheinend ging es nicht nur mir so. Wie wir das alles finanzieren, ist mir ehrlich gesagt aktuell egal. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge ist im Normalfall in sechs Jahren der Zeitpunkt gekommen, zu dem Flüchtlinge mehr „Gewinn“ bringen, als sie „kosten“. Klingt eklig, ist aber ein solides Argument gegen die „Wer soll das alles bezahlen?“-Fraktion. Das DIW geht im Übrigen davon aus, dass dies völlig unabhängig von der Qualifikation der Neuankömmlinge in diesem Zeitfenster vonstatten gehen kann. Im Zuge dessen lässt sich dann vielleicht auch gleich einmal festhalten, dass ein Mensch, der sich als Geflüchteter getarnt über Europas Grenzen hinweg bewegt, kein Flüchtling ist, sondern ein Terrorist. Diesen gilt es heute nicht weniger zu bekämpfen als letzte Woche. Religiöse Extremisten bedrohen die Freiheit, unser höchstes Gut, aber sie haben auch ihr Ziel erreicht, wenn wir nicht mehr die Freiheit haben, Menschen in Not die helfende Hand zu reichen. Es geht nicht nur darum, was wir unseren Kindern sagen, wenn sie fragen, was wir gemacht haben, als Mütter ihre Babys aus der Hand gaben aus Angst vor den Dingen, die geschehen, wenn man sie in das Lager gebracht hat, als Menschen im November auf dem Boden schlafen mussten. Teilweise in Sandalen, ihre Körper karg bedeckt. Es geht schlichtweg um einen ziemlich großen Fingerabdruck in der Geschichte Europas. Diese Menschen werden sich nicht aufhalten lassen. Nicht durch Zäune, nicht durch Grenzen. Diese Menschen stoppt nur der Tod. Betrachtet man die gesamte Fluchtroute der Syrer zum Beispiel, so mutet es an, dass die Inkaufnahme von Toten sich in der Europäischen Union durchaus als probates Mittel gegen die Flüchtlingskrise etabliert hat.
Aber es ist nicht die Zeit, sich zurückzulehnen und auf die politische Verantwortung anderer zu verweisen. Ein Kopfnicken zu #Wirschaffendas bringt uns erstaunlicherweise nämlich genau so wenig weiter, wie ein heftiges Kopfschütteln. Gar nicht. Es gibt kaum Erstaufnahmeeinrichtungen, die beim Anbieten von Hilfe dankend ablehnen. Der große Hilfe-Hype ist vorbei und wird nun auch nur noch mit ein wenig Glück von einem kleinen Weihnachtsbesinnlichkeitsschub kurzzeitig gepusht. Spätestens jetzt ist helfen Einstellungssache und nicht stimmungsgeprägt. Ich würde ungern abwarten bis es die ersten Kältetoten gibt und wir nach Lichterkette Nummer dreiundzwanzig dann wieder in einen Helferrausch verfallen. Helft helfen, oder helft den Helfern helfen.

Vielleicht ist es auch einfach nur das Gefühl, jetzt tatsächlich etwas richtiges tun zu können. Nun ist das Problem nah genug – und es fällt mir schon schwer genug, Menschen als Problem zu bezeichnen, aber so nach und nach fühle ich mich da durchaus als Anhänger einer Minderheit. Ich kann seit Freitag, 13.11.2015, nicht mehr deuten, wo sich große Teile der stillen Mitte aktuell positionieren. Vielen von ihnen wissen es aber vielleicht selbst nicht richtig. Vermutlich sind viele Bürger momentan sogar verunsichert und unentschlossen. Sie sind im Herzen vielleicht grundsätzlich Menschen, gleich welcher Herkunft gegenüber, positiv aufgeschlossen, es überwiegt nun aber doch die Angst, resultierend aus den Geschehnissen oder von Parolen und Aussagen der Asylgegner geschürt. Vielleicht sind diese Ängste der unentschlossenen Mitte aber auch nur geschürt von dem unbehaglichem Gefühl, unsere gewählten Vertreter schafften es auch dieses Mal wieder, keine oder anscheinend oftmals falsche Entscheidungen zu treffen.

Siebzig Kinder ertranken in den letzten zwei Monaten, seit das Bild von Alan Kurdi um die Welt ging. Von keinem der Kinder findet man irgendwo einen Namen. Es ist nichts besonderes mehr, Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Mitgefühl ist wichtig. Es spendet keinem Flüchtenden Trost, füllt keine Mägen und löscht keinen Durst, aber hätte das Flüchtlingsthema früher deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen, ließen sich nun noch Tote verhindern. Handeln. Das wäre der notwendige Schritt gewesen. Und so dramatisch die Zustände nun auch sind. Ich wäre nicht einmal mehr in der Lage, mehr als die Hälfte der Orte aufzuzählen, in denen geplante Einrichtungen brannten, ankommende Busse mit Flüchtlingen von Nazis begrüßt wurden, schwangere Frauen getreten wurden, Menschen Opfer wurden von rechter Gewalt. Handeln wäre jetzt wichtig. Und dieses Handeln sollte keinen negativen Einfluss haben auf die Menschen, die als Spielball von Daesh und Nazis durch die Welt geprügelt werden. Menschen, die seit Jahren vor Daesh fliehen, dürfen nicht von Nazis gejagt werden. Das sind unsere Verbündeten.

Farbe bekennen. Unmissverständlich. Wie auch immer wir in Zukunft handeln, wir werden es nicht als bedauerlichen Unfall der Geschichte verkaufen können. Was wir tun können? Wir können die unentschlossenen Unaufgeklärten aufklären, wir können den Feind Daesh nennen, anstatt IS, denn es ist kein Staat und genau genommen ist er auch nichts islamisches, wir könnten uns vielleicht ein wenig mehr auf unseren gesunden Menschenverstand, unsere Intuition und unseren ganz persönlichen Glauben verlassen, wir könnten aufhören, den Fund eines völlig intakten Passes in der Nähe einer zerfetzten Leiche als ängstigenden, glaubwürdigen Fund zu verbreiten oder wenigstens auch das Wissen um die Korrekturmeldung teilen, wir könnten schauen, was wir an warmer Kleidung und Decken übrig haben und diese in unmittelbarer Nähe zur Verfügung stellen, wir könnten unsere Hände und unsere Zeit für ein paar Stunden zur Mitarbeit in einer Einrichtung zur Verfügung stellen, wir könnten uns ganz klar gegen rechts deutlicher bemerkbar machen, nicht nur auf Gegendemos, sondern auch im persönlichen Umfeld, beim Bäcker, bei Parties, überall, ggf. auch nur in unseren Netzwerken zumindest unsere Position verdeutlichen, wir könnten es unterlassen die Steinbach-, Matussek- und Co.-Strategie zu unterstützen, in dem wir aufhören deren Schund, wenn auch mit höchst empörendem Kommentar, zu verbreiten. Teilt mehr Gutes. Unter dem #Refugeeswelcome-Hashtag findet man jederzeit verbreitungswürdige Nachrichten, Geschichten, Anekdoten von Menschen, die von direkt vor Ort ihre Erlebnisse ungefiltert darstellen.

Wir schauen weg. Wir schweigen. Zu oft. Jeder kann helfen. Ohne großen Zeitaufwand. Überall. Über den mangelnden Aufschrei nach der härtesten Asylrechtsverschärfung der letzten zwanzig Jahre lässt sich wegen mir ja, trotz des widerwärtigen Zeitpunkts in bekanntem Geschehnisrahmen, noch streiten. Diesbezüglich bleibt ja ggf. auch noch die Möglichkeit, bei den nächsten Wahlen die Handlungen der Parteien dementsprechend zu würdigen, aber wir können nicht zusehen, wie unwürdig mit Menschen direkt hinter unseren Grenzen, aber auch innerhalb unseres Landes, umgegangen wird. Es ist ein Unding, dass in Deutschland rechtes Gedankengut öffentlichkeitstauglich präsentiert wird, ohne von einer schallend lauten Menge unhörbar gemacht zu werden. Es ist eine Schande, dass Nazis fürs Prügeln und Treten bezahlt werden, und im Netz ist der Kampf gegen aufhetzende Posts, Videos und Bilder, die ungestört ihre Bahnen ziehen, ebenfalls bereits verloren.

Es gibt kein für alle Menschen ewig gültiges Wertesystem. Dies prägt jeder zunächst einmal für sich. Ich glaube fest daran, dass sowohl Rassisten als auch Terroristen für ihre widerwärtige Unmenschlichkeit bezahlen werden, aber so grau die Welt auch ist, es wird allerhöchste Eisenbahn sich zu zeigen, sich sowohl vor als auch hinter die Geflüchteten zu stellen um sie in unsere Mitte zu holen. Erhebt eure Stimme und seit laut. Ich erhebe meine Stimme, weil bei allen Kämpfen dieser Welt der Kampf um Werte plötzlich auch in meinem eigenen Land ausgetragen wird. Ich habe Angst, was unser jetziges Verhalten für Konsequenzen für die flüchtenden Menschen, aber auch für unsere Gesellschaft haben wird, und ob ich diese Folgen mit meinem Gewissen werde vereinbaren können.

„Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“ Albert Einstein

Kurze Updates:

Am 23.11./24.11. fahre ich zu Peter und bringe ihm die DVDs. Es sind mehr geworden als gedacht und daher habe ich einen zweiten DVD Player besorgt und Peter hilft mir, ein weiteres Haus mit Flüchtlingen auszurüsten. Vielen Dank schon jetzt an alle, die Jungs werden sich riesig freuen.

Bei der #Blogthrowback Aktion war ich zu faul zum Zählen und wir haben daher entschieden die gesamten 500 € zu spenden. Dazu gesellen sich insgesamt weitere 300 € von Nils Engelhard, Curi0us, SF_Andreas, @Davebnb, @Princess_CGN, und Wuchtbrumme80 , so dass uns 800 € zur Verfügung stehen, die möglichst effizient eingesetzt werden wollen. Ich würde gerne noch abwarten, ob vielleicht das Geld sinnvoller eingesetzt ist, wenn der erste Schnee fällt und die Temperaturen dauerhaft fallen, Vorschläge sind aber gerne willkommen. (martin@wochenendrebell.de).

Links:

Eine Fünfzehnjährige diskutiert mit einem AfD Mitglied.

„Weil Wörter offenbar Macht haben, Sachstände zu beleben, zu bewegen, vielleicht gar zu ändern.“ Das Kraftfuttermischwerk zur Frage der Bezeichnung.

 

Spendenupdates:

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