Hervorgehobener Artikel

Groundhopping mit Asperger-Syndrom

Mein Ur-Opa, mein Opa und mein Vater standen jeweils mit ihren Söhnen in der Kurve und somit war klar, dass ich meinen Sohn auch auf die einzig echten Farben polen möchte muss. Es war der letzte Wunsch meines Opas am Sterbebett und deswegen stand ich nun am vergangenem Wochenende erstmals im Block des …..

Bullshit! Meinen Opa hat Fussball kaum interessiert und mein Dad war mit mir Anfang der Achtziger ein einziges Mal im Rheinstadion woran ich nur eine blasse Erinnerung habe. Und überhaupt. Ich stehe nicht Woche für Woche in DER Kurve, sondern Woche für Woche in einer Kurve, oder zumindest in der Nähe einer solchen.

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Radiorebell – Episode #12 – Wochenendrebell

Da kann man vor lauter Rebellion schon einmal den Überblick verlieren. In unserem gemeinsamen Podcast Radiorebell, reden der Sohnemann und ich über seine Erlebnisse als Wochenendrebell. Seit fünf Jahren tingeln wir durch diverse Fußballstadien dieses Landes um für den Sohnemann die Entscheidungsgrundlage zu schaffen, welcher Verein denn nun sein Lieblingsmannschaft werden könnte, von welchem Verein er Fan wird, mit welchem Verein er mitfiebert und welchen Verein wir dann vielleicht auch mal über eine komplette Saison hin verfolgen.

radiorebell-e12-wochenendrebellen-1920x1080Jay-Jay erzählt von unserem noch recht frischen Auslandstrip nach Split, von sympathischen Verbindungen zu Vereinen und von seiner Naturwissenschaftslehrerin. Außerdem besprechen wir, Sandhausen, Preussen Münster, den 1.FC Saarbrücken, Pauli und die anderen sowie die Vorteile von wasserlosen Urinalen, warum wir noch einmal nach Aalen müssen, was bei Union Berlin total eklig war, ob er sich eher für Dortmund oder eher für Schalke entscheiden würde und wie das Projekt insgesamt so weitergeht.

Trotz der uhrzeitlich sehr späten Aufnahme und zwischendurch spürbaren Müdigkeitserscheinungen des Sohnes, hatten wir eine Menge Spaß und vielleicht habt ihr das ja auch. Wenn ja, wären wir für Feedback und Verbreitung recht dankbar, denn in Verbindung mit ein paar kleinen Anpassungen an unseren zukünftigen Themen sind wir auch auf tatkräftige Unterstützung von dem ein oder anderen Fußballfan angewiesen. Aber dazu später einmal mehr. Wir freuen uns also über Retweets, Kommentare, Verbreitungen, Anregungen, Kritik oder auch Rezensionen, sei es auf Itunes oder bei anderen Podcast-Playern. Außerdem freuen wir uns ggf. auch über Eure Fragen zum Thema, welches für die nächste Sendung gelost wurde. Gerne per Mail oder als Kommentar hier im Blog.

Vielen Dank!

Hier der im Podcast vom Sohn gewünschte Link zu seinem Interview.

Hier eine Kurzumschreibung was der Wochenendrebell so treibt und warum. Zudem kann man hier im Interview mit der Wortpiratin nachlesen was wir so am Wochenende treiben.

 

Und hier findet man die Beschreibung warum wir überhaupt podcasten.

Und hier könnte man uns ggf. den ein oder anderen Stern schenken oder eine kleine Rezension schreiben.

 

Das schönste Stadion der Welt

Noch bis zur siebzigsten Minute konnten wir reges Treiben am Kassenhäuschen provisorischen Loch in der Wand beobachten, aus dem heraus Tickets verkauft werden sollten. Die Idee, die Urlaubszeit zu nutzen, um sich das kroatische Derby zwischen RNK Split und Hajduk Split anzuschauen, hatten einige weitere nichtkroatische Urlauber. Die Kassenschlange bestand in den neunzig Minuten, in denen wir uns in ihr befanden, aus einem bunten Mix aus Österreichern, Deutschen, Franzosen, Russen und Bayern. Der Anpfiff war für 21:00 Uhr terminiert, was bei Tagestemperaturen von vierzig Grad, dann nach Sonnenuntergang und unter Flutlicht, ein herrlichen Rahmen schaffte, um Fußball zu schauen. Das Spiel hat für die Kroaten keine besonders große Bedeutung, was man u.a. auch durch die relativ schwache Stimmung zu spüren bekam, und es war nicht einmal ausverkauft. Jeder Besuch eines Drittliga-Spiels in Deutschland hinterließ bezüglich der Stimmung einen besseren Eindruck als das zwanghaft pyromantisierte Geschweige zweier Fangruppierungen. Und auch das Gekicke zweier Mannschaften, die in den letzten zehn Jahren nicht viel mit dem Titel zu tun hatten, war alles andere als sehenswert.

Wir hatten am Nachmittag vor dem Spiel die Gelegenheit, im direkt benachbarten Poljud-Stadion, der Heimspielstätte des abendlichen Auswärtsvereins Hajduk Split, eine Stadionführung zu bekommen. Die Angestellten auf der Geschäftsstelle mussten sehr lachen, als wir um eine Führung baten, die üblicherweise käuflich zu festen Terminen mehrmals täglich buchbar ist. „Bei den aktuellen Witterungsgegebenheiten kommt kein Idiot auf die Idee, sich das Stadion anzuschauen.“ Zvonimir, wie sich unser Stadionführer später vorstellte, der noch sein intensives Gespräch mit einem Mann beendete, den wir zunächst nicht erkannten, der sich aber im Laufe des Abends noch als der Trainer von Hajduk Split zu erkennen gab, nahm sich ausgiebig Zeit und führte uns stolz durch die Trophäenräume.

Er schmückte auch Geschichten rund um den Sieg eines Essener Hallencups in den Sechziger Jahren mit wunderbaren Anekdoten. Er plauderte über gebrochene Beine, die auf Mannschaftsfotos hinter HAjduk1großen Pokalen versteckt werden mussten und all diese barfuß gegen Eisenkugel Tret-Geschichten, die ich bei meinem Dad gehasst habe und doch heute gerne traditionell an meinen Sohn weitergebe. Damals. Er erzählte die Geschichte der Prager Studenten, die den Verein damals gegründet haben, und dass sie den Namen „Hajduk“ erhielten, weil der Professor, dessen Büro sie stürmten, um ihn um Rat bei der Namenswahl des Vereins zu bitten, dies so festlegte. Professor Barac wählte den Namen in Anbetracht des stürmischen Hereinplatzens in sein Büro, denn „Hajduk“ heißt übersetzt „Räuber“ oder „Gesetzloser“.

Zvonimir schilderte detailliert, wie die ganze Stadt noch heute der tragischsten Niederlage der Vereinsgeschichte nachtrauert. Das war sehr ulkig und der Herr Uebersteiger, dessen grandiose jährlich erscheinende Dauerkartenübersicht zwar leider das einzig Lesenwerte in diesem norddeutschen Zeckenblatt ist, würde in Anbetracht von Zvonomirs Schilderungen vermutlich fragen: „Wie im Arsch muss ein Verein eigentlich sein, wenn deine historisch dramatischste Niederlage vom Hamburger SV verursacht wurde?“ Das 3-2 hängt den Anhängern noch heute nach. Der angeblich erste von Bodo Primorac verschossene Elfmeter und das frühe Tor von Hrubesch sind bis heute verankert als Gründe für das Ausscheiden im Viertelfinale des Landesmeisterpokals 1979/1980. Denn dann wäre alles möglich gewesen, so glaubte auch Zvonomir zu wissen.

So amüsant wie es jetzt klingt war es das dann aber in seinen Erzählungen alles gar nicht, weil mit dem Verein international nach der Niederlage nichts wirklich eindrucksvolles mehr passierte. Im vor sich hinsiechenden kroatischen Fußball müssen Menschen wie Zvonomir sich an diesen sehr lange zurück liegenden Momenten festhalten, denn so einen großen Erfolg, da ist sich Zvonomir sicher, wird Hajduk Split im internationalen Fußball nie wieder erreichen können. Hajduk war wirklich ein großartig geführter Verein mit einer sehr erfolgreichen Nachwuchsarbeit. Darijo Srna, Igor Tudor, Niko Kranjčar, Alen Bokšić und Dado Pršo sind zum Beispiel aus ihrer Jugend hervorgegangen, aber der Verein wirkt wie tot und diesen Eindruck vermittelte uns zuallererst Zvonomir. Die nationale Meisterschaft ist von parteipolitischer Seite vom Erzrivalen GNK Dinamo Zagreb im Abo gebucht und es gibt quasi keinen nationalen Wettbewerb. Die aktuelle UEFA-Ranglisten-Situation verspricht zunächst einmal nur einen Startplatz für die Qualifikation zur Champions League, und wie diese funktioniert und arbeitet, das ist ja nun mittlerweile auch dem Fußballlaien bekannt. Wo auch immer das den Fußball hinführen mag – wohl dem, der einen Verein hat, der wenigstens mal absteigt, damit man mit einem Wiederaufstieg dann mal was zu feiern hat.

Der Erfolg vom Dauermeister Dinamo Zagreb wird in vielen Gegenden fälschlicherweise auch der positiven Jugendarbeit und der daraus resultierenden Vielzahl an kroatischen Talenten, die in Zagreb das Kicken erlernt haben, verklärend zugerechnet. Tatsächlich entsprangen erstaunlich wenige Talente der Dinamo Jugendarbeit. Es gilt wohl als kein großes Geheimnis, dass Franjo Tudjman und natürlich bis heute Zdravko Mamic, Herrscher über quasi alles, was unter kroatischer Flagge Fußball spielen möchte, über viele Jahre hinweg intensiven Einfluss auf die Inlands- und Auslandstransfers kroatischer Fußballer hatten. Das gereichte sicherlich auch einmal zu Dynamos Nachteil, wenn es Mamics Taschen füllte, trotzdem aber noch reichten die restlichen geschobenen Millionen aber, um einen Mannschaftswert aufbieten zu können, der doppelt so hoch ist wie der von Hajduk Split und ein Team zu formen, welches die kroatische Liga nun im elften Jahr nach Belieben dominiert.

Mit Lokomotive Zagreb, einem Verein, der vollständig durch Dinamo Zagreb geführt wird, kann man sich sogar ein eigenes Farmteam in der gleichen Liga leisten, welchem es in in den bisherigen Aufeinandertreffen bisher noch nie gelang, auch nur einen einzigen Punkt zu gewinnen. Im Café King bekommt man feuchte Augen bei den Wettmöglichkeiten in der kroatischen Liga. Und so ein separater Ausbildungsverein ist enorm praktisch. Übertragen auf den deutschen Fußball ließe sich ja vielleicht so sogar das Kriegsbeil zwischen den Fans von Borussia Dortmund und Bayern München begraben. Wie dufte, schnieke, töfte das für Fans als konkurrenzloser Dauermeister sein kann, beschreibt dieser Artikel aus Vice Sports aus dem September 2015 sehr eindrucksvoll.

Zvonimir war großartig und ließ sich auch nicht von der Horde an Menschen aus der Ruhe bringen, die unvermittelt aus einem Raum geschossen kamen. Während ich mich noch wunderte, dass der Verein dann doch über so viele Mitarbeiter verfügte, klärte uns Zvonimir auf, dass wir uns jetzt dann auch den letzten Raum anschauen können. Eine Art Versammlungsraum hinter der Mannschaftskabine, aus dem gerade die Mannschaft kam, die hatten nämlich ihre erste Spieltagsbesprechung im Rahmen des abends anstehenden Spiels. „Aber DAS Spiel, wenn es noch ein wichtiges gibt, ist eigentlich in der kommenden Woche dahein gegen Dynamo Zagreb. Wir werden wohl verlieren. Und wenn nicht? Dann ändert das nichts“, verabschiedete uns Zvonomir. Optimismus hört sich anders an. (Es endete 0-4).

Die Schlange am Loch wurde nicht kleiner. Da unmittelbar nach Anpfiff noch immer ca. 75 Leute vor uns um Tickets anstanden, versuchte ich den Sohn darauf vorzubereiten, dass wieder einmal eine Auslandstour nicht ganz hundertprozentig funktioniert. In Lyon klappte es erst durch Glück im letzten Moment mit Tickets, in der dominikanischen Republik verwechselten wir durch die Zeitverschiebung die Anstoßzeit, und in Prag kamen wir fast zu spät wegen einer Geldwechselpanne. Nun sollten wir wieder einmal ohne Ticket vor einem Stadion stehen? „Wir gucken dieses Spiel.“ Der Sohn legte die Messlatte für die Verhandlungsbasis fest, und so umrundeten wir das sehr alte Stadion, um nach alternativen „Eingängen“ zu suchen und in der Hoffnung, vielleicht doch an einem anderem Ticketschalter noch Tickets zu erhalten. An den anderen Ticketschaltern sah es aber nicht besser aus, und bis auf ein ca. drei Meter hohes Holztor, von dem man, würde man es besteigen, wohl einen relativ guten Blick ins Stadion erhaschen könnte, boten sich keine Alternativen.

„Da! Da schauen wir.“

Der Sohn zeigte auf ein altes Hochhaus direkt gegenüber der Geraden, wo die RNK-Fans ihre Banner aufgehängt hatten. Tatsächlich. Seitlich auf ca. dreißig Meter Höhe saßen zwei Gestalten auf einer Art Nottreppe oder Feuerleiter. Dort verfolgten wir dann das Spiel mit zwei süßlichen Rauch verströmenden Mittzwanzigern. Es gibt sicherlich bessere Stadion Park Mladeži
Orte, um seinem Sohn Live-Fußball bieten zu können, aber Jay-Jay war sichtlich stolz. Er hatte das Problem gelöst. Es war nicht Papsi, der sich Tickets erbettelte oder ein Problem rund um einen Stadionbesuch löste. Er hattees gelöst. Er genoss das Spiel, den neuen Blickwinkel, die kleine Pyro-Show der beiden Fangruppierungen und ließ sich erst ca. zehn Minuten vor dem Ende überzeugen, die Feuerleiter zu verlassen, da mir meine Höhenangst zu schaffen machte und unsere zugedröhnten Mitgucker mir jetzt auch nicht als beste Wahl erschienen, sich um den Sohn zu kümmern, wenn ich hier in Ohnmacht falle. Mir war unwohl bei dem ständigen Blick durch die Metallraster der Feuerleiter und wir mussten ausserdem noch heil unten ankommen und dann ja noch über die abgeschlossene Gittertür an dem HAjduk3Wohnzimmerfenster vorbei, wo das Spiel im TV lief. Ich vermochte nicht einzuschätzen, wie die Bewohner so zu Hausfriedensbruch durch Kiffer stehen, und wie schnell wir da in eine unglückliche Situation geraten könnten.
Der Sohn war ein wenig sauer und bestand darauf, vielleicht den Schluss des Spiels in dieser einen kleinen Gasse zu hören und vielleicht einen Blick durch den kleinen Spalt an den Scharnieren des Holztores zu ergattern, die sich am Ende der Gasse hervorhoben. Das Spiel schien in der Schlussphase noch einmal an Fahrt aufzunehmen, denn beide Fangruppierungen wurden merklich lauter. „Ich muss das jetzt sehen, heb mich da hoch.“ Ich hatte keine Angst, er würde dort nicht hochkommen, ich war mir nur nicht im Klaren darüber, wie ich ihn da dann wieder runter bekomme, aber der Sohnemann war unerbittlich und hatte so dann tatsächlich noch den besten Blick auf das 1-0 für Hajduk im Rücken des Kurvenrandes der Torcida. Als das Tor fiel, versteifte der Sohn sich ein wenig vor positiver Anspannung dort oben auf dem Tor. Das
Stadion Park Mladežisah amüsant aus, aber ich wusste, ich dürfte ihm das nicht sagen, denn er interpretiert das immer so als würde ich ihn dann auslachen. Und das, was ich in jedem Fall verhindern wollte, war, dass er sich  nachts in der kroatischen Pampa noch was bricht, weil Papsi ein blödes Witzchen machen musste und er vor Wut vom Zaun stürzt. Ich erzählte es ihm daher erst später, als ich ihn mit Unterstützung von zwei Jugendlichen, die ihn abseilten wie einen Sack Mehl, von diesem Zaun gewuchtet hatte. Nun konnte er auch herzlich darüber lachen, dass er da oben aussah, als würde er dringend die Toilette besuchen müssen. Er war halt sehr aufgeregt.

Nach Spielende hatten wir dank meiner mangelnden Auffassungsgabe (kroatische Busfahrpläne sind für mich wie Snapchat) und einem nicht vorhandenem Nahverkehr sowie Taxiwartezeiten von mehr als einer Stunde noch das Vergnügen, den Weg über den Stadtteil in die Altstadt und bis zum Hafen zu laufen. Eine Kugel Wassermelone, eine Kugel Limone und eine Kugel Mangoeis gegen 23:55 Uhr rettete die „Nur ein Eis pro Tag-Regel“. Es gelte der Zeitpunkt der Eisaushändigung, nicht der Endzeitpunkt des Verzehrs, und Jay-Jay hatte am Spieltag selbst ja noch kein Eis. Ein weiteres großes, in der Zukunft vielleicht entstehendes Problem wurde also proaktiv gelöst. Ich erklärte dem Sohn, warum die Damen in der Hafengegend in der Nähe unseres Hotels vermutlich so nett zu Papsi waren und müde, glücklich und kaputt fielen wir gegen halb eins ins Bett. Ohne eine Diskussion aufkeimen zu lassen, ob der zweite Teil unseres Ausflugs wirklich sinnvoll sei, stellte uns Jay-Jay seinen Wecker auf 4:30 Uhr.

„Das ist einer der schönsten Orte, an denen ich je war.“ Und der Sohn war ja nun wirklich schon an vielen schönen Orten. Nach einer kurzen Nacht im Billig-Hostel am Hafen von Split stürzten wir uns in den Fünf-Uhr-Bus nach Imotski. Eine insgesamt dreistündige Busfahrt durch das Blick ins schönste Stadionsommerliche Kroatien kann ich nur empfehlen. Ganz gleich, welche Aufguss-Duftrichtung man wählt, und auch ohne ein tatsächliches Spiel in zu bereisendem Grounds sollte man bei Gelegenheit das Stadion von NK Imotski besucht haben. Das Stadion liegt am höchsten Punkt des Ortes, umrandet von der Topana-Festung (http://www.dalmatia.hr/de/kultur-und-interessantes/imotski-topana-festung), rückseits der Festung, also quasi keine fünfzig Meter Luftlinie vom Stadion geht es bis zu 500 Meter steil bergab in einer der schönsten Dolinen Kroatiens. Die Kombination mit dem naturwissenschaftlichen Aspekt in dieser wirklich malerischen Lage war der Auslöser für den Sohnemann, dass er sich unbedingt einmal dieses Stadion anschauen wollte.

Wir hatten es bereits morgens um 09:00 geschafft, uns die unendlich wirkenden Serpentinen runterzukämpfen und überwanden dann auch die letzten Meter naturbelassenen Abhangs bis HAjduk10hinunter zum Wasser, dessen Pegelstand schon einmal schnell um fünfzig Meter variieren kann. Menschenstille, kein Luftzug, und um dich herum nur Felsen und Gestein, das 300 Meter in die Höhe ragt. Ich schwankte zwischen Faszination und Beklommenheit. Nach einem ausgiebigen Bad schockte uns zwar der Anblick der vielen Schlangen, die sich dort in dem Gewässer ebenfalls tummelten, und die wir zunächst nicht bemerkten hatten, aber wie wir da so lagen, keine einhundertfünfzig Meter weit blicken konnten und völlig alleine in der Sonne auf den Steinen lagen, das war schon sehr besonders. Auf dem Hinweg diskutierten wir noch, ob das Stadion überhaupt als „besucht“ zählt, da wir ja kein Spiel sehen würden, und versuchten, einen Regelwerksmix zu finden, um auch solch wunderschöne Stadien bei Gelegenheit in Angriff nehmen zu können. Nach bisherigem Regelwerk würde der Besuch in Imotski ja gar nicht gelten, denn wir sahen ja kein Spiel im Stadion. Jay-Jay war sehr entspannt. „Scheiß auf die Regeln, es ist so wunderschön hier.“

„Dies ist das schönste Stadion der Welt“, konstatierte er, was ungewöhnlich ist, weil er sich sonst immer gerne absichert und ausserdem gerne eher faktischer misst. Das größte Fassungsvermögen eines Stadions, das höchstgelegene Stadion oder das teuerste, aber eben nicht das verrückteste Stadion oder das außergewöhnlichste, denn da könnte es noch andere Meinungen zu geben, die sich faktisch nicht widerlegen lassen. Das erzeugte in der Vergangenheit in der Regel eine Menge Ansätze des Sohnes, die mir Angst bereiteten, welche zu besuchenden Grounds er uns im Rahmen unserer Touren noch auswählt. Aber nun, in diesem einen Moment, war es einfach das schönste der Welt und als wir da so patschnass auf den Steinen lagen, mutterseelenallein, müde, platt, kaputt, reisegeplagt und ohne ein Handtuch, um uns abzutrocknen, fragte er mich ,ob das richtig sei mit dem schönsten Stadion, denn er hätte das schließlich ergoogelt.

„Ganz bestimmt. Das schönste Stadion am schönsten Platz der Welt überhaupt.“

Krater am schönsten Stadion

 

Die Situation im kroatischen Fußball: Sehr guter Einblick zur Positionierung ehemaliger Fußball-Profis wie Davor Šuker und Josip Šimunić. http://www.zeit.de/sport/2016-06/fussball-em-kroatien-ausschreitungen-verband/seite-2

Nadine Freiermuth, damals 43, studierte Geschichte und Germanistik an der Universität Basel. Ihre Lizenziatsarbeit verfasste sie zum Thema «Geschichte im Fussballstadion. Die Bad Blue Boys von Dinamo Zagreb. Symbolik, Erinnerung und Nationalismus von den achtziger Jahren bis in die heutige Zeit». https://www.woz.ch/-2059

Persönlich halte ich es für mutig, Hakenkreuzen die Symbolik, selbst wenn es nur teilweise geschieht, absprechen zu wollen, aber der kürzlich erschienene 11-Freunde-Artikel im Kontext der Ausschreitungen kroatischer Fans bei der EM 2016 ist wirklich ein Lichtblick im Rahmen der Berichterstattung über die Geschehnisse und bietet ein sehr gutes Maß an Hintergrundinformationen. http://www.11freunde.de/artikel/warum-die-kroatischen-fans-randalieren/page/1

Die Sportschau über die Machenschaften von Zdravko Mamic. http://www.sportschau.de/fussball/championsleague/dinamo-zagreb-champions-league-100.html

Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?

Normalerweise liest die liebenswerte @Badrulbudur jeden Blogpost noch einmal vor Veröffentlichung Korrektur. Normalerweise. Normalerweise schreibe ich hier auch eher, um für Verständnis für Autisten zu werben oder um meinen Sohn zurecht in den Himmel zu heben, was für ein wundervoller Mensch er ist. Normalerweise. Normalerweise fehlen hier also vermutlich einige Satzzeichen aber mit ein bisschen Mühe versteht man vielleicht, was ich ausdrücken möchte. Wobei ausdrücken schon wieder so einen offensiven Charakter innehat, es ist eher etwas was ich loswerden möchte. Loswerden, weil es eher etwas ist was vielleicht für mich befreiend wirkt und nicht etwas was auf andere erdrückend ausgedrückt wirkt. Etwas los zu werden ist heutzutage gar nicht mehr so einfach. Wenn sich die Gesellschaft intensiv mit einem aktuellen Thema oder auch einem schlimmen Geschehnis des Tages beschäftigt ist es nahezu unmöglich geworden, sich dem zu entziehen. Selbst wenn man jeglichen Medienkonsum einschränkt, die Pushnachrichten aller Nachrichtensender ausgestellt hat und keinen kurzen Blick in die Twitter Timeline wirft, kann man sich sicher sein, dass früher oder später ein eifriger Arbeitskollege sich genötigt fühlt einen Small Talk zu beginnen, nur um seine neusten heißen News kund zu tun. Manche tun dann sogar so, als wären sie der exklusive Push Nachrichten Empfänger und hätten alleinig den Auftrag die ganz heißen News zu verbreiten. Vielleicht haben Sie nämlich Ihre Neuigkeiten direkt aus einem Periscope-Stream vom Ort des Geschehens oder man folgt einem Twitterer, der vor Ort ist oder die Gegegebenheiten vor Ort kennt. Ich will das gar nicht per se verfluchen. Es gibt nichts wertvolleres als ein Following wie @fighti, der, wenn man dann das Bedürfnis verspürt, seriöse Informationen zu den tragischen Geschehnissen in Frankreich, in den letzten Monaten zu bekommen, fantastische Arbeit leistet und seriöse Quellen übersetzt und Gerüchte erklärt, auflöst und beendet. Ähnliches gilt für Ismail Küpeli,  der gleiches leistet, wenn es um die Türkei geht. Die ganz harte Nummer geben sich die beiden Herren von Streetcoverage, die jeweils vor Ort von Auftritten der besorgten Bürger berichten. Danke dafür.

Kennt Ihr diese vielen tollen Beispiele, was früher alles besser war? Es war so viel friedlicher, es herrschte weniger Gewalt, mehr Miteinander. Ich hasse diese gequirlte Scheiße. Gewalt ist präsenter und zugänglicher geworden, aber ist Deutschland wirklich ein Terror-Opfer-Land in dem man sich nicht mehr traut einen Fuß vor die Tür zu setzen? Kann man schwarz gekleideten Menschen mit Rucksäcken noch trauen? Hysterie schlägt Besonnenheit.

Als ich so alt war, wie mein Sohn und auch viele Jahre danach noch war es für jemanden, der auf dem Dorf aufgewachsen ist selbstverständlich ,von jedem unerwartetem Weltgeschehnis, erst abends in den Nachrichten oder am nächsten Tag über die Zeitung zu erfahren. Radio war nie so meins und ich war auch mit zehn kein Zeitungsleser und Nachrichtenverfolger, aber wenn man dann sich vielleicht noch eine Schnucketüte für ne Mark vorm Kicken holte und überflog die ausliegenden Tageszeitungen, dann bekam man schon mal was mit,was außerhalb des 24/7 Hobbyfußballer-Paradigmas geschah. Für mich als Kind war somit, man bestrafe mich hart und gerecht, die Bild-Zeitung tatsächlich das Medium, welches ich als erstes regelmäßig „konsumierte“. Große Buchstaben. Einfache Headlines. Selbst komplexeste Themen in kompakten Headlines. Immer schön bunt. Und Titten. Titten waren wichtig. Ein verstohlener Blick war immer drin. Hey, ich war in der Pubertät.

Erst als wir auf dem Dorf Privatfernsehen bekamen war es realistisch eventuell mal mit einem tagesaktuellen Geschehnis konfrontiert zu werden. Es gab selten Tage wo wir nicht rausgingen zum kicken. Wir hatten unser eigenes Jugendfußballtraining und gingen meistens auch mal in die Jugend über und in die Jugend einen Jahrgang unter uns. So waren oftmals schon drei Kick.-Termine gesichert, wir kaperten dann noch das Kinderturnen, indem wir dort jede Woche mit einem bunten Haufen von Kindern im Alter von fünf bis zwölf Fußball spielten anstatt irgendwelche albernen Turnspiele gemäß Plan abzuarbeiten. Es dauerte eine Weile bis wir alle vom Fußballspiel überzeugt hatten, schließlich hatten sich die Kinder ja alle für das Kinderturnen angemeldet und in der Anfangszeit mussten wir vielleicht zumindest eine Runde „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser“ oder „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ spielen, aber wir waren hartnäckig. Das war der vierte gesicherte, wöchentliche Kicktermin, der dann vom spontanen Treffen zum Kicken direkt nach nach der Schule bis dreißig Minuten nach Eintreten der Dunkelheit umrahmt wurden.

Mit dem Privatfernsehen kamen die Liveticker und im unteren Bildschirmrand rollierende Nachrichten. Ich glaube selbst der Mauerfall ist noch kickenderweise an mir gänzlich vorüber gegangen.

Mein erstes Mobiltelefon muss ungefähr 1998 gewesen sein. Wow. Eine SMS. Wie cool ist das denn? Das waren teure Monate als ich später meine Frau kennen lernte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es noch keine SMS Flatrates gab oder ob ich nur zu blöd war einen vernünftigen Handyvertrag abzuschließen. Ich meine aber mich daran erinnern zu können, dass es irgendwie nur Vertrag oder keinen Vertrag gab und den schloss man eben mit D2 oder D1 ab. Da gab es nicht die Wahl zwischen Datentarif X im All Flat Base Mobile Extreme Roaming Vertrag oder einer Drosselung- im Double LTE Business Deluxe Programm der Telekom oder achtundtrölfzig anderen Anbietern. Sven, mein bester Freund hat noch heute seine Nummer. Wir haben das Handy damals zusammen geholt. Er hat die acht am Ende und ich hatte die fünf. Ansonsten waren unsere Nummern identisch. Das war schon ziemlich cool damals. Handyhüllen? Alu-Case? Mit dem Nokia-Knochen konntest du tagsüber Nägel in die Wand schlagen und es abends als Bettpfostenersatz für einen gestützten erholsamen Schlaf nutzen.

Plötzlich war ich erreichbar. Ich konnte quasi beim Putten früher, so hieß das überregional bekannte Spiel bei uns in Nordhessen, immer angenehm die Zeit vergessen, viel zu spät heim kommen und dann duschen, Zähne putzen, ab ins Bett gehen. Jetzt wurde ich nun angerufen, wenn ich zu lange weg war oder meine Eltern vielleicht mal auch über Nacht nichts von mir gehört haben. Das Mobiltelefon entwickelte sich zu einem unverzichtbaren Begleiter. Neulich habe ich nach 120 Kilometern Fahrt festgestellt, dass ich es zu Hause habe liegen lassen und bin wie selbstverständlich umgedreht. Einerseits hatte ich Panik es könnte in einem der Standorte, die ich beruflich betreue ein Problem geben und sie können mich nicht erreichen, andererseits konnte ich mir aber auch nicht vorstellen bis zum nächsten Tag zu warten bis es mir postalisch nachgesendet wird. Und das lag nicht einmal daran, dass ich dann keine Pokémons fangen kann, aber die Gründe sind vermutlich ähnlich bekloppt. Der Sohnemann hasst mein Handy und er hasst meinen Job. Er merkt natürlich, dass unsere Touren in den letzten anderthalb Jahren weniger geworden sind und sie oftmals mit irgendwelchen beruflichen Terminen kombiniert werden mussten. Er registrierte auch, dass ich im Zug längere Zeit schnell ein paar Mails bearbeiten muss und das die Anzahl an zu führenden Telefonaten, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, deutlich gestiegen ist. Er hasst es, aber er akzeptiert das. Eigentlich kann er sich meinem Telefon nicht entziehen.

Als ich mich selbst mit der Frage beschäftigte ob ich mein Handy in den vierzehn Tagen Urlaub einfach mal daheim lasse, eskalierten auf meiner Schulter gleich mehrere Engel und Teufel und ich fühlte mich nicht in der Lage sie zu unterscheiden.

„Du konsumierst mittlerweile mehr Medien über das Telefon als du in gedruckter Version kaufst“

„Twitter entspannt dich und regt dich zum Nachdenken an“

„Deine Pocket-App ist noch bis zum Anschlag voll mit Texten, die du unbedingt lesen wolltest.

„Du könntest deine Laufstrecken nicht aufzeichnen, wenn du das Telefon zu Hause lässt“

„Die Managementmitglieder, denen du persönlich nahe stehst könnten dich nicht erreichen, wenn sie ein Problem haben“

Die Argumente es mitzunehmen sind vielfältig, aber ich war erschrocken wie schwer ich es mir vorstellen konnte komplett darauf zu verzichten.

Das Hauptargument ist das vom kurzen Überfliegen der Bild beim Schnucketütenkauf bis heute viel passiert ist. Wir erhalten mehr Informationen und wir erhalten sie schneller. Oftmals sogar zu schnell, je nachdem wie Medienhäuser, Behörden, Agenturen und TV Sender mit halbgaren Augenzeugeninfos oder gesicherten Informationen aus dem Netzwerk Twitter zugeballert werden. Am besten wird es dann immer wenn Medien sich dazu berufen fühlen, zu berichten was das Netz zum aktuellen Geschehnis sagt. Das interessiert mich immer richtig. Deswegen schalte ich das TV Gerät überhaupt nur noch an. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen, ich fühle mich nicht zwingend schuldig dieser Jagd um die schnelle Breaking News forciert zu haben, aber sie stellt mich vor Herausforderungen. Es wird immer schwerer sich dem Wahnsinn zu entziehen. Am liebsten lese ich die kluge Absonderungen der unzählig vielen Propagandaminister, die den Merkelsommer feiern oder zum abmerkeln aufrufen. Wie bescheuert in der Birne muss man eigentlich sein zu glauben, geschlossene Grenzen hätten den internationalen Terrorismus von Deutschland fern gehalten?  Ich möchte hier aber nicht über erfolgreiche TV Strategien philosophieren. Ich war es sehr lange gewohnt in großen Teilen selbst darüber zu entscheiden womit ich mich gedanklich jetzt beschäftige. Diesbezüglich ist Twitter manchmal schwierig. Hätte ich damals die Bild zur Schnucketüte gekauft, wären da tatsächlich immer noch mehr Fakten enthalten, als in den seriös-sozialen Medien, also nicht bei Menschen, die Hashtags wie #Krimigranten benutzen oder es geschafft haben ein Wort wie Gutmensch zu denunzieren, sondern inmitten einer vernünftig zusammengestellten Timeline. Jay-Jay würde das wiederableiten und sagen, ein Gutmensch, das ist ein Mensch mit Anstand, ein guter Mensch.

Bleiben wir bei der Mehrheit, beim klassischen Durchschnittstwitterer, den ich sehr schätze, den ich gerne lese, der oft kluge Dinge schreibt, der mich aber auch oft zum Lachen bringt oder mich nachdenklich stimmt. Davon habe ich wirklich viele in der Timeline. Leider eskalieren auch diese geschätzten Menschen immer öfter in der Timeline und retweeten jede noch so strunzdumme Aussage von irgendeinem AfD Ortsverein mit 100 Mitgliedern, 650 Kilometer weit von Ihrem Wohnort entfernt. Die Storch-Petry-Poggenburg-AfD-Pegida Retweets werden dann funny kommentiert in die Timleine geschmissen werden. Toll. Das hilft und trägt zur Beruhigung der Lage bei. Ich fahre da zwar auch erst seit einigen Monaten eine neuen Kurs, aber all diesen rechten Driss im Netz konsequent weg zu blocken, Alltagsrassismus aber an der Tankstelle, im Supermarkt im Bus, in der Bahn, überall zu bekämpfen, fühlt sich irgendwie sinnvoller an. Das mag falsch sein, aber ich komme für mich persönlich aktuell damit ganz gut klar. Ich sehe schon den erhobenen Zeigefinger: „Man darf das Netz nicht den Rechten überlassen“ Mich nervts nur noch denen das zu geben, was sie brauchen: Aufmerksamkeit. Ich bin im Moment aber auch schnell angepisst.

Man darf nicht mehr besorgt sein oder muss es zumindest anders nennen und eigentlich kann ich meiner Tochter auch kein pinkes Fahrrad kaufen und Springer-Medien lesen geht schon gar nicht. Ich darf auch nicht mehr kleiner Scheißtürke zu einem meiner besten Freunde sagen, hätte ich vielleicht nie sagen dürfen, hab ich aber, weil er mich immer dummer Kartoffelkopf genannt hat. Ich mag ihn sehr. Ein großartiger Kerl. Ich hasse es wenn ich vorgeschrieben bekomme, wie welches Wort konotiert ist. Nicht geht über ein gutes Zigeunerschnitzel.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ darf man ja auch nicht mehr sagen.. Der Wortschatz der Mitte verliert die Political Correctness. Ich mag Worte und ich bin da in der Anwendung auch nicht päpstlicher als der Papst. Klar ärgert es mich, wenn irgendein behindertes Arschloch Worte wie „krank“, oder „behindert“ für Beleidigungen verwendet. Bei Nichtbehinderten ärgert es mich seltsamerweise noch mehr und oftmals ist es mir unangenehm, dass ich Menschen nach Wesensmerkmalen beurteile, die sie nicht beeinflussen konnten. Vielleicht hilft es dann einfach mal die Fresse zu halten.

Man könnte sich z.B. sozialen Medien entziehen. Das wäre ein erster Schritt zur Lösung des Problems. Stelle ich dem aber gegenüber, wie viel unfassbare tolle Menschen ich in den vergangenen Jahren über Twitter kennen lernen durfte, so scheidet diese Variante sicherlich aus. Alles gute Menschen. Von denen braucht es einige.

Ich bin des Trauerns, des wütend seins und des verstehen wollens überdrüssig. Vielleicht geht es euch auch so, aber mein Leben hat sich irgendwie arg beschleunigt. Das war zu Beginn großartig. Ich spürte was man alles schaffen und erledigen kann, wie man andere Menschen glücklich macht, ihnen einen kleinen Gefallen tut, jemandem ungefragt hilft und welche interessante Einblicke, Ansichten und Perspektiven man erhält wenn man Menschen einfach nur zuhört. Es gibt so tolle Menschen da draußen. Haltet sie fest.

Das Tempo stieg, aber permanent, schubweise und da waren wirklich große Schübe dabei an. Heute rast alles. Ich löse keine Probleme mehr, denn ich komme gar nicht mehr dazu mir über die Lösung in Ruhe Gedanken zu machen. Den kläglichen Rest an Zeit, den der Job übrig lässt bekommt die Familie und das ist schon zu wenig. Bei Freunde treffen wird es dann schon eng, wenn es nicht zufällig auf der Reiseroute zwischen zwei Terminen liegt. Und dann diese Gedankenraserei wohin wir eigentlich wollen. Als Familie, aber auch als Gesellschaft. Brexit, Trump, Russland, Daesh, die kontinuierliche steigende Angst auf Grund von stetigen Warnungen jetzt bloß keine Angst zu haben. Angst treibt Radikalisierung voran. Das sieht man im braunen Sektor unserer Gesellschaft und das wird man vermutlich auch dann sehen, wenn es gelingt das Angst-Level weiter voran zu treiben. Jeder soll und darf Angst haben wovor er mag, aber das Schüren von Ängsten Menschen mit anderer Hautfarbe oder Herkunft gegenüber stellt Muslime in Europa unter Generalverdacht und erzeugt auch bei ihnen Angst. Angst treibt Radikalisierung voran. Ich möchte mich weder vor den Folgen des braunen Terrors fürchten noch vor Islamisten, an deren abscheuliche Taten Terrornetzwerk regelmäßig seinen Stempel pappt.

Ich habe Angst. Angst, dass ich meiner Rolle als Vater und Ehemann nicht gerecht werde. Partiell und zeitweise ist das jetzt schon oft zu oft der Fall und das muss sich ändern. Ich mag nicht mehr. Ich mag nicht mehr diskutieren, ob der Eiffelturm anstatt in schwarz-rot-gold nicht eher in schwarz-rot-grün erleuchtet hätte sein sollen, ich mag nicht mehr so einen Stumpfsinn diskutieren, dass eine depressive oder autistische Störung jemanden mit größerer Wahrscheinlichkeit automatisch zum Mörder macht und ich mag neben dem Diskutieren auch gar nicht mehr hören was passiert. Nirgendwo. Ich will Sandburgen bauen mit meiner Tochter und mir von meinem Sohn erklären lassen wie die Chaostheorie funktioniert, auch wenn dies das Chaos in der Praxis nicht bessern wird, aber vielleicht hat der Sohn ja Recht.

Auszug aus Radiorebell, #9, Thema: Schule. www.radiorebell.de

 

Ich will meinen Kindern die Kraft geben und die Werte vermitteln, die inständig benötigt werden. Ich möchte, dass sie auch in turbulentesten Zeiten in der Lage sind ihre persönliche Gefühlslage, ihre Lebenssituation und ihre Begleitumstände sachlich und nüchtern analysieren können.Ich möchte, dass Sie lernen Gefühle, wie Wut, Trauer und Betroffenheit zuzulassen und erlernen sie zu ertragen. Und ich möchte Ihnen eine Gespür vermitteln. Ein Gespür zu wissen, was Ihnen gut tut, was Ihnen hilft und wie sie jeweils an die beiden Zutaten dafür gelangen können.

Ich bin eher der Verpisser unter den Gutmenschen. Ich will mich einfach mal allem entziehen. Das löst keine Probleme. Ich weiß. Ich bin mir aber sicher, dass nicht viel weniger Leid auf der Welt geschieht, wenn ich nicht auch noch irgendeinen eiskalt berechnenden, das Elend, das Leid und die Angst brauchenden AfD Politiker retweete in der Hoffnung das entsprechende Wählerpotential setze sich einmal länger als dreißig Minuten ganz sachlich mit dieser Partei auseinander. Das würde ja in der Regel bei vielen den Spuk schon beenden. Ernsthaft, ich habe keinen Bock mehr auf Solidaritätsbekundungen und Katastrophen-Teaser Tweets. Am Samstag Abend klickte ich nach einem Tweet ob jemand was genaues zu Ludwigsburg sagen könne auf den Hashtag #Ludwigsburg. Es gab dort eine Bombendrohung. Das ist auch in diesen so scheinbar turbulenteren Zeiten eine relativ alltägliche Sache. In den Tweets unter den Hashtagsuche befanden sich in einem Zeitfenster von vielleicht einer Stunde, Nachrichten wie „Oh, mein Gott. Erst #München nun #Ludwigsburg. #prayfortheworld . *IrgendeintraurigesEmoji. Da konnte man vom „Weltuntergang“ lesen und von „schmierigen Typen“, denen man „eine Bombe in den Arsch stecken und anzünden sollte“. Ich musste erfahren, dass Merkel daran Schuld hat und, dass es jetzt reicht. Das Boot war voll und nun das Fass. Hysterie ist immer Mist und was den Vorschlag mit den Bomben im Hintern angeht, glaube ich das wäre keine vernünftige Lösung. Wer wählt die Bombenempfänger denn aus? Wer bekennt sich dann dazu?

Auch viele meiner Mitmenschen sind aktuell rasant unterwegs und lösen das Problem in dem Sie den Zeitraum, der für Betroffenheit und Trauer reserviert war lieber in ausgelassene Freude darüber äußern, dass Tat X ja nur von einem Nazi oder einem Ausländer begangen werden konnte. Man kann mittlerweile ja schon fast riechen, wie Krah, Poggenburg und ihr Gefolge bei jeder Polizei-Nachricht vor freudiger Erregung schon ganz feuchte Händchen bekommen.

Das geht eben momentan einfach alles zu schnell für mein einfach gestricktes Gehirn. Ich habe gute Journalisten in den letzten zwei Jahren schätzen gelernt. Die meisten trennen sauber zwischen Weitergabe von Informationen und persönlicher aber auch fundierter persönlicher Einordnung einer Situation. Ich warte gerne auf guten Journalismus. Ich habe mir neulich mal diese allwissende Wahrheitspresse durchgelesen. Junge Freiheit, Compact-Magazin, Ulfkotte. Den ganz harten Stoff aus seriösem, ehrlichen und aufrichtigen Journalismus. Ich bleibe lieber bei der Lügenpresse. Bei Journalisten und Politikern gibt es die schöne Gemeinsamkeit, dass man über deren Jobs so wunderbar öffentlich richten kann ohne selbst Ahnung von komplexen und umkomplexen Vorgängen haben zu müssen. Bei den Politikern entwickelt sich mein Eindruck im Vergleich zu meinem Journalisten-Verhältnis aktuell eher negativ. Viel Eitelkeit und wenig Bereitschaft zur Reflektion, gepaart mit dem Druck der unvorhergesehenen Ereignisse und dem Druck aus den Konsequenzen des vorhersehbaren Ereignis rund um die Flüchtlingssituation, scheint eine Kombination zu sein, die erst einmal den Schutzmechanismus und das Feind-Gen auslöst und in den Gang setzt. Wir suchen lieber erst nach Schuldigen, anstatt nach Lösungen. Dabei sind die Probleme doch größtenteils hausgemacht.

Ich mache Urlaub von der Welt. Es gilt Aufgestautes zu verarbeiten, aufzudröseln und Lösungsansätze für ganz persönliche Probleme auf den Weg zu bringen und ich kann einfach nicht mehr. Mein Kopf platzt bald. Ich würde gerne einmal wieder über größere Zusammenhänge nachdenken, auch wenn ich sie nicht verändern kann und paralell schauen, was ich im Kleinen sehr wohl optimieren kann. Die beiden Täter in Würzburg und München bilden ein Gespann, vor das sich nur ein Karren spannen lassen dürfte. Sie sind ein Produkt unserer Gesellschaft. Warum tragen junge Menschen innerhalb unserer Gesellschaft so viel Hass in sich? Ich hörte aus der Politik viele Lösungsvorschläge, die mindestens einen Teil ihres Wortstamms nicht verdient hätten, weil sie einer Lösung nicht einmal nahe kommen, aber ich hoffe die Einsicht kommt noch. Irgendwann.

Wäre jeder Gedanke daran, wie man unbegleitete minderjährige Flüchtlinge schneller integriert oder jede Sekunde, die man in die Verbesserung, Anwendung oder auch Forschungen  von Therapien zum Umgang mit psychischen Störungen nicht aussichtsreicher als das Internet abzuschließen? Ist jetzt wirklich ein guter Zeitpunkt, dass sich Parteien in Einzelkämpfen und Vorwurfsattacken zerlegen, während andere mit sehr, sehr einfachen, wenn auch abstrusen, Forderungen Tag für Tag Boden gut machen und sich in zu beachtender Stärke zu etablieren scheinen? Wie viel mehr positiver Beitrag kommt heute ungefragt und eigenständig organisiert aus der Gesellschaft? Wie wird die EU in fünf Jahren aussehen? Fischer, Fischer, wie tief ist eigentlich das Wasser? Darf man noch „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann spielen?“ Hat jemand Antworten? Her damit. Es würde mich freuen. Links, persönliche Meinungen. Immer her damit. Ich bin irgendwie müde, kaputt und genervt aber unfassbar glücklich, weil alles gut wird. Irgendwann. Wobei alles auch nicht immer wörtlich zu nehmen ist. Ich glaube wir sollten anfangen Probleme nach innen zu lösen. Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber vielleicht will ich es auch nur los werden.

Radiorebell-Episode #11 Freundschaft Teil I

Eigentlich war geplant, dass Jay-Jay das Thema Freundschaft zusammen mit meinem besten Freund Sven bespricht. Das klappte leider nicht. Sven wagte es am Aufnahmewochenende im Urlaub zu sein. Jay-Jay ist verwundert, dass Sven trotzdem noch mein Freund ist. Das sagt viel über seinen Umgang mit dem Thema Freundschaft aus. Das Gespräch mit Sven werden wir nun aber in einem zweiten Teil veröffentlichen. Im ersten Teil sprechen Jay-Jay und ich über sein Forschungsprojekt, die Erlebnisse auf Klassenfahrt, er rezensiert Independence Day II, Aristoteles bekommt sein Fett weg und wir sprechen natürlich über Freundschaft.

Viel Spaß!

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Radiorebell- Episode #10- Zeit

Zeit ist praktisch. Wir haben nun sogar Zeit gefunden, dass Podcast-Equipment so anzuschließen, dass man uns hören kann. Fantastisch was man mit Zeit alles so anstellen kann.

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Jay-Jay und ich haben uns Zeit genommen. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Er berichtet über sein Forschungsprojekt, über seine Präsentation an der Schule über die ich neulich berichtete und er erklärt warum Fußball spielen für Ihn Zeitverschwendung war. Ich lerne enorm viel, insbesondere bezüglich seiner Wahrnehmung was sein physikalisches Interesse im Vergleich zum Interesse am Fußballspiel bei anderen Kindern angeht. Zeit reinzuhören?

 

 

Radiorebell- Episode #9- Schule

Wir sprechen über die Schule. Jay-Jay erzählt von seiner Diskussion mit der Religionslehrerin und berichtet von einem Geburtstag, zu dem er eingeladen war.

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Feine Sahne Helene Fischerfilet

Kennt ihr diese rührselig-schönen und manchmal aber auch wirklich beängstigenden Stories von Vätern? Von Vätern, die versuchen, ihren Kindern liebevoll, verzweifelt oder unangebracht drängend das zu gönnen, was sie in der Kindheit als Erlebnis für wichtig erachteten. Vielleicht, weil sie der Meinung sind, dieses Kindheitserlebnis ist für die Entwicklung des eigenen Nachwuchses so essentiell, weil es bei einem selbst so prägend war oder zumindest intensiv haften geblieben ist. Weiterlesen

Radiorebell- Episode #8- Oma & Opa

In Episode #8 sprechen wir u.a über die besondere Beziehung des Sohnes zu seinen Großeltern. Radiorebell-E08-Opa_und_Oma-3000x3000 Was er von Ihnen gelernt hat, was er nur durch Ihre Hilfe geschafft hat und was er alles schon mit Ihnen erlebt hat.Sie sind fantastische Eltern und noch unglaublichere Großeltern. Ausserdem erzählt Jay-Jay ein wenig was er so erlebt hat in der jüngeren Vergangenheit und zum Abschluss erfolgt wie immer die große Auslosung unseres nächsten Themas.

 

 

Radiorebell- Episode #7- Jay-Jay Land

Hallo zusammen,

im vielleicht bisher am schwierigsten zu schreibenden Blogpost schilderte ich u.a meine Angst Jay-Jay würde sich gedanklich in eine Parallelwelt verkrümeln. Man spürte beginnend im Januar 2015 kontinuierlich wie das Thema mit seinem eigenen Land wuchs und wucherte. Die Radiorebell-E07-JayJayLand-3000x3000Podcastaufzeichnung zur Folge Jay-Jay Land liegt zeitlich hinter vielen Maßnahmen zur Relativierung und Klarstellung und nach Terminen mit psychologischen Fachleuten. Meiner Frau ist es in all den Jahren gelungen ein ganz gutes Team an Fachleuten zusammen zu stellen auf die wir in schwierigen Situationen zurückgreifen können. Ausserdem wurde das Thema in seiner wöchentlichen Sitzung im Autismus-Therapie Institut vorsichtig behandelt. Im Laufe der letzten Monate ist es zu einigen durchaus akzeptablen Kompromissen gekommen. In Jay-Jay Land fliegen z.B. keine Drachen mehr. Aber was schreib ich hier rum. Jay-Jay erklärt die Bedeutung seines Landes ganz gut.

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Radiorebell – Episode #6 – Kräfte im Universum

Ich lebe in einem satirischen Land. Ein Land, welches einer Satire – ganz gleich ob es eine gewesen sein mag oder auch nicht, im Rahmen der aktuellen europäischen Gesamtkonstellation, der Diskussion um die Äußerungen des Herrn Böhmermann – diesen Raum zulässt, kann nur völlig irre sein. Oder dieses Land ist eben eine einzige Satire. Ich vermag nicht einzuschätzen, inwieweit sich Frau Merkel hier vom türkischen „Flüchtlingsproblem-von-deutschen-Grenzen-Verdränger“ am Nasenring über europäisches Parkett ziehen lässt, ob es clever, enorm wichtig oder überhastet war, der Staatsanwaltschaft die Ermächtigung für Ermittlungen gemäß Paragraph 103 zu erteilen. Ich weiß auch nichts über die sexuellen Vorlieben des türkischen Ministerpräsidenten, halte aber Böhmermann eigentlich für einen ziemlich intelligenten Burschen, der eher selten völlig unvorbereitet und ahnungslos in ein Fettnäpfchen staatspolitischer Größe tapst. Weiterlesen