Hervorgehobener Artikel

Groundhopping mit Asperger-Syndrom

Mein Ur-Opa, mein Opa und mein Vater standen jeweils mit ihren Söhnen in der Kurve und somit war klar, dass ich meinen Sohn auch auf die einzig echten Farben polen möchte muss. Es war der letzte Wunsch meines Opas am Sterbebett und deswegen stand ich nun am vergangenem Wochenende erstmals im Block des …..

Bullshit! Meinen Opa hat Fussball kaum interessiert und mein Dad war mit mir Anfang der Achtziger ein einziges Mal im Rheinstadion woran ich nur eine blasse Erinnerung habe. Und überhaupt. Ich stehe nicht Woche für Woche in DER Kurve, sondern Woche für Woche in einer Kurve, oder zumindest in der Nähe einer solchen.

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Radiorebell- Episode #9- Schule

Wir sprechen über die Schule. Jay-Jay erzählt von seiner Diskussion mit der Religionslehrerin und berichtet von einem Geburtstag, zu dem er eingeladen war.

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Feine Sahne Helene Fischerfilet

Kennt ihr diese rührselig-schönen und manchmal aber auch wirklich beängstigenden Stories von Vätern? Von Vätern, die versuchen, ihren Kindern liebevoll, verzweifelt oder unangebracht drängend das zu gönnen, was sie in der Kindheit als Erlebnis für wichtig erachteten. Vielleicht, weil sie der Meinung sind, dieses Kindheitserlebnis ist für die Entwicklung des eigenen Nachwuchses so essentiell, weil es bei einem selbst so prägend war oder zumindest intensiv haften geblieben ist.

Ich habe mein erstes Spiel als aktiver Fußballer 13-0 verloren. Es war das erste Jahr E-Jugend, ich wurde mehrfach ein- und wieder ausgewechselt und wir trugen keinen Rückennummern. Vermutlich hat der Sponsor nicht genügend springen lassen. Es reichte nur für die weißen Trikots mit schwarzen Ärmeln. Den Namen des Sponsors hatte ich vergessen, aber ich erinnere mich, dass wir unsere Hosen und Stutzen selbst mitzubringen hatten. Die Farbdisziplin bei der Hosenwahl ließ zu wünschen übrig. Ich trug immer eine blaue Hose, manche eine weiße, einer sogar eine rote, aber die meisten trugen wie vom Trainer gewünscht eine schwarze Hose. Aber alle trugen schwarze Schuhe. Es gab nicht einmal andersfarbige zu kaufen, meine ich mich erinnern zu können. Die taktischen Anweisungen, die ich damals vom Trainer erhielt, kamen und kämen noch heute meiner spieltaktischen Auffassungsgabe zu Gute.

„Martin, geh nach vorne!“

Manchmal auch:

„Martin, geh nach hinten!“

Wir haben so dermaßen einen auf den Arsch bekommen, aber ich habe es gar nicht gerafft. Mir war zwar klar, dass wir verlieren, aber dieses Maß an Deutlichkeit, welches glücklicherweise auch nie wieder eine Wiederholung erfuhr, wurde überdeckt von diesem Rauschgefühl, ein Trikot zu tragen, Fußballschuhe an den Füßen zu spüren und einem Ball hinterherlaufen zu dürfen. Ich werde dieses Spiel nie vergessen. Ziemlich genau ein Jahr später war es erneut der Serienauftakt der E-Jugend. Nun gehörte ich zum älteren Jahrgang der E-Jugend und wir spielten ein Turnier im Nachbardorf.

Eine nur mäßig erfolgreiche Saison lag hinter uns und insbesondere hinter mir. Wir verloren nahezu jedes Spiel und ich wurde immer mal gelegentlich eingewechselt. Einigen „Martin, geh nach vorne“ oder eben nach hinten folgte irgendwann ein „Martin, lauf einfach dem Ball hinterher“. Im Rückblick befürchte ich, dass dies nicht meiner enormen läuferischen Stärke zu verdanken, sondern eher meiner mangelnden Nützlichkeit im jeweiligen Spielfeldbereich geschuldet war. Wir spielten fünf Spiele, gewannen das Turnier und ich erzielte sieben von neun Toren. Ein Youtube-Video meines Torjubels nach dem ersten Treffer hätte sicherlich zwanzig Quadrilliarden Aufrufe. Die Menge fing mich glücklicherweise und auch die Metallbarrieren rund um den Platz erfüllten ihren Zweck, mich zu stoppen. Das erste Tor. Ich werde dieses Spiel nie vergessen. Es folgten unzählig viele Spiele. Von der E-Jugend bis zur ersten Seniorensaison verpasste ich nahezu kein Spiel. Ich liebte alles an diesem Sport. Das Brennen am von Grätschen geschundenen Oberschenkel unter der versifften, natürlich immer kalten und meistens nur tröpfelnden Dusche der mit Maulwurfshügeln übersäten Geläufe der Kreisliga, das Gezeter der Rentner-Ecke, die vor fünfzig Jahren den Ball natürlich per Flugkopfball noch von der Linie gekratzt hätten und die sowieso alles viel filigraner, männlicher, eben einfach besser gelöst hätten, als es noch barfuß gegen Eisenkugeln ging. Das Klacken der Stollen, wenn du vom urin-eitrig-gelben PVC-Boden auf den würg-karamellfarbigen Fliesenboden geschritten bist, der Duft aus der viel zu engen Kabine, dieses Gemisch aus Fußschweiß, Mentholsalbe und – spätestens wenn du für die Reserve ranmusstest – auch aus schalem Bieratem. Und natürlich liebte und lebte ich für diese kurze, aber sehr intensive Befriedigung, wenn eine Aktion gelungen, ein schwieriger Pass angekommen oder eine gute Idee zu einem Tor geführt hat. Ich liebte das Spiel. Alles Momente des Glücks, bei denen es mir bescheuerterweise wichtig war, dass sie auch dem Sohn zuteil werden.

Jay-Jays erstes Spiel beinhaltete drei Ballberührungen, sie verloren 0-4. Beim ersten Tor Gegentor schaut er den eigenen Torwart verächtlich an, beim zweiten schüttelte er nur noch den Kopf und grinste ihn an. Beim dritten Tor sagte er ihm er wäre eine Flasche. Jay-Jay bekleidete anscheinend keine Position oder der Trainer hat ihn angewiesen immer konkret dahin zu laufen wo vor zehn Sekunden der Ball war. Ich kann nachvollziehen, dass es ihm keinen Spaß machte. Und dann war ja auch immer noch diese Sache mit dem Kreis. Ich habe ihn damals interviewt nach dem Spiel und ihm eine Aufzeichnung in eine Kiste gepackt in der ich die ein oder andere Erinnerung für sammele. Er hat dieses Spiel schnell vergessen aber ich hoffe er freut sich irgendwann das Interview zu hören. Er wird herzhaft lachen.

Wir mussten also früh umschwenken – vom Fußball spielen zum Fußball schauen – und konzentrierten uns bekanntermaßen auf den Livesport im Stadion. Im TV schauen wir Fußball DSCN5821selten und während alle anderen Jungs im Fußballverein sind, bat mich Jay-Jay, keineswegs einen erneuten Versuch zu starten, ihn via Fußballvereinssport mit KINDERN! „ in die Gesellschaft zu integrieren“. Es ist spannend, denn wenn er sich in einer Situation zu einer konträren Position zur Gesellschaft bewegt oder es zumindest so empfindet, dann zeigt es mir, wie vielen unnötigen Drucksituationen wir ihn ausgesetzt haben.

Er möchte eben keine Gruppenarbeiten in der Schule machen und dass er es nun auch nicht mehr muss, ist nicht dem Durchsetzungswillen eines bockigen Zehnjährigen geschuldet, sondern er kann es wirklich nicht und wir bewegen uns dort auch in einem Bereich, wo es der Regelschule nicht möglich ist, begleitende Maßnahmen zu unterstützen, die eine vollständige Integration, sofern sie machbar ist, ermöglichen würden. Heute muss er in Deutsch ein Märchen schreiben. Es wird wohl seine schlechteste Note in diesem Jahr werden. („Ich schreibe nichts über so einen unrealistischen Mist). Er möchte einen autobiographischen Text über Galileo Galilei schreiben, der darlegt wie unrealistisch das Märchen Sterntaler ist.

Der Sohn zeigt momentan an allen Fronten klare Kante. Er hat seine persönlichen Bemühungen der letzten Jahre sachlich analysiert und ist zu dem Entschluss gekommen, dass er keinerlei Freunde haben möchte. Zumindest keine im Kindesalter. „Kumpel so wie der Ralph und der Sammy sind in Ordnung“, sagte er neulich im Podcast. Es ist schwierig für uns als Eltern, denn er vertritt seinen Standpunkt sachlich, logisch und mit einer Inbrunst und Überzeugungskraft, dass wir seinem Wunsch nachkommen möchten. Auch auf die Gefahr hin, dass das tatsächliche Problem nicht der fehlende Wille zu einer freundschaftlichen Beziehung zu Kindern ist. UnsereST.PAuli4 Herangehensweise ist vielleicht aus pädagogischer Sicht Unsinn und es wäre nicht das erste Mal, wenn Fachkräfte für unser unkonventionelles Handeln nur ein müdes Lächeln oder Unverständnis aufbringen. Wir sind nicht nur gesetzlich dazu verpflichtet, einen erzieherischen Auftrag gegenüber unserem Sohn zu erfüllen. Die besten Erfahrungen haben wir allerdings damit gemacht, ihm Freiheit zu geben. Freiheit so zu sein, wie er ist. Das ist manchmal schmerzhaft für sein Umfeld, oft schmerzhaft für seine Mama und regelmäßig schmerzhaft für seine Schwester, aber es gibt ihm den Rückenwind die großen Ziele zu schaffen, die er sich setzt und nicht die Messlatten zu überschreiten die Mama, Papa und die Gesellschaft ihm vor die Nase halten. Meine Frau und meine Eltern machen das großartig. Während meine Eltern ihn immer mal wieder mit in den Urlaub nehmen, was für ihn wie ein Ventil zu wirken scheint, gibt ihm meine Frau im Alltag die Freiheit, die er braucht und schont sich selbst dabei wahrhaftig nicht. Je nachdem, in welcher Situation man ihn zu Hause über uns herrschen hört, könnte man auch schnell andere Eindrücke darüber gewinnen, wer daheim tatsächlich die Hosen anhat. Er ist konsequent, mutig, mittlerweile auch sehr aufgeschlossen, unfassbar ehrgeizig, clever, nervtötend und es gibt nur wenige Menschen, mit denen man sich so großartig amüsieren kann. Er kann ein so ekelhaftes Scheusal sein, dass ich mich ob meines Vaterversagens schäme und trotzdem muss man resümieren, dass der aktuelle Stand fantastisch ist. Ich weiß nicht mehr wo ich es erwähnte, aber es ist die Achterbahnfahrt unseres Lebens mit dem intensiven Drang einfach mal zwei oder drei Runden im Kinderkarussell zu sitzen.

Meine Frau hat ein interdisziplinäres Treffen organisiert, in dem Jay-Jays Therapeutin, seine Klassenlehrerin, Jay-Jay selbst und eben meine Frau die erste Monate im Gymnasium haben Revue passieren lassen und konkrete Maßnahmen zusammen festlegten. Maßnahmen, an denen Jay-Jay aktiv mitwirkt, funktionieren unüberraschenderweise sehr gut. Verfahren wir ähnlich zu Hause im Rahmen unseres Regelwerks, passieren oft lustige Dinge, da auch wir im Umgang mit unserem Sohn erst Erfahrungen sammeln mussten. Ein kleines Beispiel aus unserem gemeinsamen Regelwerk. Es hängt in der Küche. Wir FB2verwenden es so wenig wie möglich, aber es ist immer präsent. Für vorab klar geregelte positive Aktionen gibt es grüne Punkte. Für klar als Problem dargelegte Geschehnisse, die der Sohn zu verantworten hat, gibt es rote Punkte. Nach Ablauf von Zeitraum X müssen mehr grüne als rote Punkte vorhanden sein. Dann gibt es eine Groundhoppingtour in ein ausländisches Stadion. Für Mailand, Nancy und Prag hat es jetzt bereits schon einmal gereicht und in besonders schwierigen Situationen lässt sich darüber zumindest eine Motivation herauskitzeln, bestimmte Alltagssituationen selbst zu meistern. Das Schuhe binden z.B., das alleinige Zähneputzen oder eben das Duschen. Es gibt keine simplen Alltagssituationen.

Bei unserem ersten Regelwerk – wir waren noch sehr unerfahren bezüglich der Pedanterie unseres Sohnes – gab es für das selbständige Duschen, wenn er es alleine macht (inklusive Haare waschen mit Shampoo!), einen grünen Punkt. Das durchaus detailliert ausgeklügelte Regelwerk ließ aber dem Sohnemann eine entscheidende Lücke. Hagelte es einen roten Punkt, weil er vielleicht seine Schwester anschrie oder schlecht behandelte, ging er duschen. Nach dem Duschen schrie er sie ggf. wieder an. Ohne Lerneffekt. Und dann? Dann ging er wieder duschen. Der Wasserverbrauch stieg deutlich an, bis wir im Rahmen der Regelkonferenz diese offensichtliche Lücke im Vertragsgebilde schließen konnten und das Akkordduschen unterbunden wurde.

Wie gesagt: Gemeinsam getroffene Vereinbarungen funktionieren gut und so stand der junge Mann mit zehn Jahren in der vergangenen Woche im Sozialkundeunterricht vor seinen gesamten Klassenkameraden und hat ihnen erklärt, dass er behindert ist, dass er Asperger-Autist ist und was ihm aufgrund dieser Tatsache Schwierigkeiten bereitet. Er hat nicht um Verständnis gebeten oder konkret eingefordert, was seine Klassenkameraden zukünftig unterlassen sollen, er hat einfach nüchtern konstatiert, welche Situationen ihm unbehaglich sind, was er gar nicht mag, um aber dann natürlich auch ausführlich zu erklären, was er alles geiles kann oder was ihm leichter fällt. Mit Unterstützung seines Autismus. Ich glaube, ich war nie stolzer auf meinen Sohn.

Stolz und Fußball. Eine komplexe Kiste. Ich bin nie stolz auf einen Verein. Auf eine Nation schon gar nicht. Und wenn ich an die schlandverseuchte Fußball-EM denke, muss ich brechen. Es sind nicht Cathys spieltagsbezogene Schminktipps, die attraktiven Blog-Werbeanfragen von Firmen die exklusiv für die Leser attraktive EM-Fanartikelpakete geschnürt haben, es ist auch nicht die schwarz-rot-goldene Klobürste, die ich nun zeitlich begrenzt erwerben kann. Es fällt schwer, sich dem unverkrampften Patriotismus meiner schwarz-rot-gülden bekleideten Fußball-Turnusfans, den schlandberauschten Marketingagenturen und dem größtenteils nervtötendem Drumherum zu entziehen. Dem Marketing-Tohuwabohu ist zum Teil in der ersten und zweiten Bundesliga schon schwierig zu entkommen – in Deutschland lebend dem Bohei um die Europameisterschaft zu entkommen gleicht aktuell aber einem schier unmöglichen Unterfangen. Dabei verurteile ich es gar nicht, wenn man alle vier Jahre den Schland-Cowboyhut rausholt und einfach nur dabei sein will. Party machen. Scheiß auf das Spiel. Der Jubel ist der Thrill. Gemeinsam feiern. Gemeinsam saufen. Was auch immer. Ich kann das gar nicht verurteilen. Den Sohn und mich interessiert mittlerweile auch oftmals mehr das Drumherum. Welche Stimmung machen die Heimfans? Wie verhalten sich die Gästefans? Was gibt es für Banner? Was für Gesänge? Was passiert auf dem Platz? Welche Schuhfarbe dominiert? Wer sponsert den Eckball? Welcher lokale Schreinermeister gönnt sich das Werbebanner in Liga drei? Das Spiel selbst nimmt bei uns nicht immer die dominierende Rolle ein. Okay, es ist sicherlich für uns bedeutsamer als für den Capo, der selbst bei spannendstem Spielverlauf mit dem Rücken zum Feld voller Inbrunst das komplette Gesangsprogramm einfordert, aber es spielt bei uns eben weniger eine Rolle, als bei dem alten Herren, der seine Klatschpappe unter dem Druck der Massen müde mitpappt, dessen Besuchsanlass aber nun einmal tatsächlich die Liebe zum Spiel ist und nicht die Liebe zum Drumherum. Vielleicht genießt er Fußballspiele nicht einmal auf Grund der Bedeutsamkeit des Ausgangs, sondern einfach wegen der Schönheit des Geschehens auf dem Platz.Wir sehen oft Menschen, die Fußball auf unterschiedlichste Art und Weise genießen. Es ist schade, dass der Genuss eines Spiels unter Fußballfans gegenseitig nicht in seiner unterschiedlichen Auslegung geduldet wird. Der Klatschpapper wirkt auf den Ultra deplatziert wie der Headbanger auf dem Klassikkonzert und umgekehrt.  Mir steht nicht zu zu urteilen, wer und vor allem wie man Fußball und seine Rahmenerscheinungen genießen darf, mir ist das auch eigentlich ziemlich Latte, wenn nicht ziemlich häufig deutsch beflaggt der Schritt so kurz wäre zur Eroberung Frankreichs und dem Wunsch, es den Spaghettifressern doch endlich mal so richtig zu zeigen. Spätestens da sollte man nicht nur anständig angewidert aber schweigend den Kopf schütteln, sondern aktiv weitere Äußerungen jeglicher Art unterbinden. Klatschpapper, Headbanger, stiller Haupttribünengenießer und exzessiver Kurvensupporter gemeinsam wären ein ordentliches Pfund im Kampf gegen homophobe, sexistische und fremdenfeindliche Parolen. Im Stadion. Beim Public Viewing. In der Kneipe. Überall.

Der Sohn ist für Albanien. Wegen Mami. Und für Wales. Weil ZeitOnline ihm das errechnet hat.Er war völlig begeistert, als ich ihm erklärte ihm wird nach einem mathematischen Schlüssel auf Basis seiner Antworten auf ein paar allgmeine Fragen ein Nationalteam zugeordnet. Ich hoffe er möchte nicht auswandern oder demnächst die League auf Wales als Groundhopper erkunden. „Warum sollte ich mich für einen Verein freuen? Das ist doch albern!“  Er bricht Angelegenheiten zuweilen immer ganz weit runter, denn während er Fansein eines Vereins inhaltlich nun soweit verstanden hat, so fehlt ihm doch der Bezug zu einem Verein, mit dem er richtig mitfiebert. Er genießt die Abwechslung des Drumherums, vielleicht ist dies seine Genusszone im für sich selbst ansonsten straff durchreglementierten Alltag, vielleicht gönnt er sich im Stadion unter ihm bekannten Rahmenbedingungen die Spannung, dass der Baunatal1Flutlichtmast anders positioniert ist, es statt Würstchen Würstchengulasch gibt und dass es anstatt einer LED-Anzeige eben Klapptafeln gibt, die ein Mitarbeiter per Stab und bezifferter Holztafel bei Ergebnisveränderung bedienen muss. Für Ihn quasi das Neue, überraschende, was er nicht immer mag, er dies aber in einem für ihn sicherem und bekanntem Rahmen erlebt und deswegen genießen kann. Flutlichtmasten, Eingangskontrollen, Halbzeitpausen, Anzeigetafeln, Gedränge, Laute Beschallung, Nummerierte Sitzplätze, Identische Anzahl von Spielern mit unterschiedlich farbigen Schuhen und völlig durcheinander gewürfelten Rückennummern.

Ich weiß es nicht. Aber auch dies ist mir egal. Die Touren machen ihm Freude. Von der oftmals chaotischen Abreise über abenteuerliche Randerscheinungen beim Spiel selbst und kleine Spielrahmendetails bis zur Ankunft im Hotel nach dem Spiel. Fußball hat auf eine ungewöhnliche Art und Weise, mit all dem Drumherum und den vielen lieben Menschen, die wir treffen und kennen lernen durften, meinem Sohn mehr gegeben als alle Therapien, die er bisher besuchte.Deswegen touren wir natürlich weiter. Die beruflichen Rahmenbedingungen ließen Reisen in der Vergangenheit nicht mehr zu, aber entsprechende Gegenmaßnahmen sind eingeleitet, so dass wir spätestens zur Rückrunde der Saison 2016/2017 wieder routiniert einsteigen werden. Bis dahin werden wir EM im TV schauen und wenn wir Bock haben, tragen wir Trikots, vielleicht kaufen wir uns sogar schwarz-rot-geil beflaggtes Malzbier und fressen dazu Schland-Chips, vielleicht gehen wir aber auch einfach ein wenig joggen oder podcasten, wenn Deutschland spielt. Wir werden sehen, wozu der Sohnemann Bock hat. Ich weiß nicht, für welche Spezies Fußballfans wir stehen. Im musikalischen Kontext wären wir wohl das Feine Sahne Helene Fischerfilet oder eine Kombination aus Justin Bieber und Marcus Wiebusch, ihr wisst schon: eben eine Kombination aus dem, was die einen gut finden, die den anderen Aspekt nicht mögen und umgekehrt. Vielleicht sind wir aber auch stupide Emotions- und Eventkonsumenten. Bis dahin sollten wir entspannter mit der EM und den Spielen selbst umgehen. Niemand wird gezwungen, sie zu schauen und niemand wird gezwungen, den Rahmen zu kommentieren, sich über andere zu erheben und seine Form des Fußballkonsums als die einzig akzeptable Variante zu erachten.Ich bin dem Fußball vermutlich einfach nur unendlich dankbar. Er schenkte mir persönlich unvergessliche Momente und er stellt sicher, dass ich mit meinem Sohn unfassbar schöne Erlebnisse teilen kann. Nichts erdet mehr als ein abgefrorener Hintern bei einem torlosen Aalen gegen Sandhausen und bei arktischen Temperaturen. Und wer gar keinen Bock auf die EM hat? Der könnte sich trotzdem mitfreuen. Es wäre beruhigend, wenn wir trotz Hochwasser, trotz der politischen Situation in Europa, trotz der Schatten aus dem November 2015 und auch ohne einen Michel Platini im Stadion in ein paar Wochen auf eine friedliche Europameisterschaft in Frankreich zurückblicken können.

Radiorebell- Episode #8- Oma & Opa

In Episode #8 sprechen wir u.a über die besondere Beziehung des Sohnes zu seinen Großeltern. Radiorebell-E08-Opa_und_Oma-3000x3000 Was er von Ihnen gelernt hat, was er nur durch Ihre Hilfe geschafft hat und was er alles schon mit Ihnen erlebt hat.Sie sind fantastische Eltern und noch unglaublichere Großeltern. Ausserdem erzählt Jay-Jay ein wenig was er so erlebt hat in der jüngeren Vergangenheit und zum Abschluss erfolgt wie immer die große Auslosung unseres nächsten Themas.

 

 

Radiorebell- Episode #7- Jay-Jay Land

Hallo zusammen,

im vielleicht bisher am schwierigsten zu schreibenden Blogpost schilderte ich u.a meine Angst Jay-Jay würde sich gedanklich in eine Parallelwelt verkrümeln. Man spürte beginnend im Januar 2015 kontinuierlich wie das Thema mit seinem eigenen Land wuchs und wucherte. Die Radiorebell-E07-JayJayLand-3000x3000Podcastaufzeichnung zur Folge Jay-Jay Land liegt zeitlich hinter vielen Maßnahmen zur Relativierung und Klarstellung und nach Terminen mit psychologischen Fachleuten. Meiner Frau ist es in all den Jahren gelungen ein ganz gutes Team an Fachleuten zusammen zu stellen auf die wir in schwierigen Situationen zurückgreifen können. Ausserdem wurde das Thema in seiner wöchentlichen Sitzung im Autismus-Therapie Institut vorsichtig behandelt. Im Laufe der letzten Monate ist es zu einigen durchaus akzeptablen Kompromissen gekommen. In Jay-Jay Land fliegen z.B. keine Drachen mehr. Aber was schreib ich hier rum. Jay-Jay erklärt die Bedeutung seines Landes ganz gut.

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Radiorebell – Episode #6 – Kräfte im Universum

Ich lebe in einem satirischen Land. Ein Land, welches einer Satire – ganz gleich ob es eine gewesen sein mag oder auch nicht, im Rahmen der aktuellen europäischen Gesamtkonstellation, der Diskussion um die Äußerungen des Herrn Böhmermann – diesen Raum zulässt, kann nur völlig irre sein. Oder dieses Land ist eben eine einzige Satire. Ich vermag nicht einzuschätzen, inwieweit sich Frau Merkel hier vom türkischen „Flüchtlingsproblem-von-deutschen-Grenzen-Verdränger“ am Nasenring über europäisches Parkett ziehen lässt, ob es clever, enorm wichtig oder überhastet war, der Staatsanwaltschaft die Ermächtigung für Ermittlungen gemäß Paragraph 103 zu erteilen. Ich weiß auch nichts über die sexuellen Vorlieben des türkischen Ministerpräsidenten, halte aber Böhmermann eigentlich für einen ziemlich intelligenten Burschen, der eher selten völlig unvorbereitet und ahnungslos in ein Fettnäpfchen staatspolitischer Größe tapst. Rückt seine beleidigende Satire, Schmähgedicht, geistiger Dünnpfiff oder wie auch man immer man es nennen mag, Themen wie Pressefreiheit in der Türkei und vielleicht auch in Deutschland, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen in den Fokus? Thematisiert es die wichtige, für ein Land allein nicht schaffbare Rolle der Türkei als Grenzwächter der EU? Feuert es die Diskussion an, wo in Deutschland Rassismus beginnt? Führen Böhmermanns Äußerungen zu einer fruchtbaren Diskussion über den Umgang miteinander, über Anstand und Moral?

Nein, denn wir leben auf einem satirischen Kontinent. Anders kann man es sich nicht erklären,
wenn man einem Land, dem man die Einhaltung grundlegender Menschenrechte bei den eigenen Einwohnern nicht zutraut, „nur“ auf Basis der geografischen Lage die Rolle zuspricht , eine große Anzahl an Flüchtlingen aufzunehmen und die Schlüsselrolle einzunehmen, während man selbst mit seinen EU-Partnern nicht einmal ein Viertel der Menschen im Rest des Kontinents untergebracht bekommt. Ich hoffe so sehr, dass alles nur Satire ist und wir tatsächlich die Zeit und die Aufmerksamkeitskapazität haben, über den Beleidigungsstatus von Staatsoberhäuptern nachzudenken. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur unzufrieden und motze gerne rum. Alles geht zu langsam oder zu schnell. Zu detailliert oder zu oberflächlich. Zu lustlos oder zu fokussiert.

Unser gesamtes Familienleben ist aktuell die neue Mehrfach-Looping-High-Speed-Turbo-Extrem-Achterbahn und sowohl meine Frau als auch die Kids sehnen sich nach einer gemütlichen Runde im Kinderkarussell. Der Sohnemann liefert in der Schule weiterhin fantastisch ab. Es gibt kein Fach, in dem er Schwierigkeiten hat, dem Schulstoff zu folgen, aber die Pausenzeiten, die An- und Abfahrt und das Schul-Drumherum setzen ihm zu. So intensiv er auch darauf beharrt, keine Freunde haben zu wollen und lieber zu Hause zu bleiben, um so mehr spürt er auch, dass Mami nicht seine persönliche Spielkameradin sein kann und seine Schwester im Alter von fünf Jahren durchaus andere Interessen hegt, als über Phänomene des Weltalls zu diskutieren oder sich mit der Frage zu beschäftigen, ob wir beim Thema Klimawandel nicht schon die Verlierer sind.

Bis zur Lösung dieser Situation dient wohl der Podcast als Ventil. Es macht riesig Spaß, mit Jay-Jay Themen zu ergründen. In den Podcasts geht er vollkommen auf in den letzten Wochen. Er genießt es, Wissen „auszulabern“ und sich in einem Bereich auch einmal stark zeigen zu können
und viele Menschen zu haben, die ihm zuhören und eben nicht nur der Papsi.  Kommunikation funktioniert nur mit Erwachsenen, die seine Art zu reden oder sein Wissen um spezielle Themen
positiv erstaunt zurücklässt. Mit Erwachsenen interagiert er auch angenehm, zuvorkommend, höflich, aber auch sicher, mutig und wissbegierig. Im Umgang mit Kindern ist seine Rolle nicht so flexibel. Da haben sich Kinder erst einmal den Grundprinizipien des Jay-Jay-Lands unterzuordnen und eine Friedensvereinbarung zu unterzeichnen. Manchmal steht in den Verträgen auch etwas bezüglich der Besitztümer des Martin-Lands, des Paul-Lands oder des Klaus-Lands. Und genau immer geht es dann darum, dass diese Besitztümer in den Besitz des Herrschers von Jay-Jay-Land übergehen. Ein eher uncharmanter erster Eindruck, den Kinder, die Jay-Jay mal zu Hause besuchten, erhielten. So lief es immer. Außer bei Steffen. Der kam immer, allerdings nur so lange, wie unser Rechner nicht geschützt war, um irgendein Ballerspiel am Computer zu zocken. Während Steffen zockte, beschäftigte sich Jay-Jay mit seinen Büchern oder malte etwas. Nachdem mangels Benutzerpassworts Steffen nicht mehr zocken konnte, war auch diese kurze Liaison beendet und Jay-Jay wirkte nicht einmal traurig als er sagte: „Schade. Mit Steffen war es super. Keiner geht mir mehr auf den Geist, dass ich Freunde haben muss und er geht mir nicht auf die Nerven, weil er nebenan im Zimmer hockt und mich in Ruhe lässt.“

Die Podcast-Vorbereitungen sind spannend. Es gibt Themen, auf die sich Jay-Jay intensiv vorbereitet, und es gibt Themen, die er mehr aus dem Stegreif bedient. Witzigerweise fallen ihm die Themen wie Geschwister und Berufe dann doch etwas schwerer, obwohl es genau diese sind, bei denen er vorab googelte und sich irgendwelches Wissen anlas. Beim heutigen Thema agierte er aus dem Stegreif. Er erklärte mir das Hertzsprung-Russell-Diagramm und die Heisenbergsche Unschärferelation, die Gut-Kraft und ich weiß jetzt, was Quarks sind.

Wir veröffentlichen meistens zwei bis vier Wochen zeitversetzt. Viele Passagen hören wir uns als Familie gemeinsam an und schneiden dann ggf. auch Teile raus, bei denen wir auch nur den Hauch eines Zweifels haben, ob wir Jay-Jay mit der Veröffentlichung einen Gefallen tun. Enthalten bleibt aber zum Beispiel einer dieser magischen Momente, die ich als Vater häufig erleben darf. Vergleichbar eventuell mit dem Moment oder der Situation, der Gestik, der Mimik seines Partners, wenn man das erste Mal merkt, dass man mehr als ein paar lose Sympathiegefühle für den Gegenüber hegt, verliebe ich mich in meinen Sohn in dieser Folge zum zehntausendsten Mal.Er erweitert meinen Horizont. Er öffnet mir Blickwinkel. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Das nächste Thema wurde in der Folge natürlich auch gezogen und ich verrate nicht zu viel wenn ich sage, dass dafür ein Reisepass notwendig sein wird. Wem Folge eins gefiel, als Jay-Jay über Sterne und Planeten philosophierte, dem dürfte auch diese Folge sehr gefallen. Wer aber eher die persönlicheren Themenpodcasts wie Liebe oder Berufe mochte, wird auch dieses Mal nicht enttäuscht. Ich versprach einst, meinem Sohn die Welt ein wenig besser zu machen. Er will mir nun dabei helfen – und in der neuen Folge erklärt er mir, wie.

 

 

Radiorebell-Episode #5 – Liebe

Liebe.

Radiorebell-E05-Liebe-1920x1080Für mich das erste Thema unseres Podcasts dem ich ein wenig mit Sorge entgegen blickte. Mein Sohn liebt mich. Das weiß ich auch wenn er mir das noch nie aktiv gesagt hat. Seine Art es mir zu zeigen musste ich erst lernen zu verstehen. Jay-Jays Umgang mit dem Thema Liebe ist recht amüsant für Außenstehende und oft ernüchternd für Beteiligte. Er erzählt im Podcast von seiner Liebesliste, die er hat und wie die Frau so sein wird, die er mal liebt. Weil wir irgendwie beide wohl Probleme bei dem Thema hatten quatschen wir zu Beginn erst einmal über unsere vergangen beiden Touren. Wir waren in Prag beim Derby von Bohemians Prag gegen Dukla Prag und erlebten ein recht wildes Abenteuer als wir auf dem Rückweg über Clausnitz zur Solidaritätskundgebung fahren wollten. Ausserdem verschlug es uns mit 12.000 anderen Zuschauern in die vierte Liga. Waldhof Mannheim gegen Eintracht Trier hieß unser zweites Ausflugsziel und wie es der Zufall so will saßen wir neben einem Hardcore-Waldhof Fan, dem Jay-Jay aufrichtige Abneigung entgegenbrachte. Ausserdem hat der Radiorebellen-Podcast hat seinen ersten Skandal. Die Losbox mit unseren Themen ist verschwunden. Aber nun ja, hörts euch an

 

 

Radiorebell-Episode #4-Geschwister

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Um Geschwister sollte es eigentlich gehen. Thementreue entwickelt sich zu unserem Kryptonit. Wir schweiften ein wenig ab, aber der erste neue Interview-Gast führt uns im Podcastfinale wieder zielsicher zum Thema. Jaaaaaaaaaaaaaaaa.

 

Mehr Infos zu unserem Podcast findet man hier in der Erklärung zu Folge eins.

Radiorebell-Episode #3-Berufe

Lehrte mich Jay-Jay in Folge eins noch wie Sterne entstehen oder verriet mir in Folge zwei, wie Radiorebell-E03-Berufe_und_Geldverdienen-1600x900Eltern eigentlich zu sein haben, so verrät er nun in Episode drei etwas zu seinem geplanten beruflichen Werdegang. Das ist konkret durchgetaktet und größtenteils steht sogar schon fest, was er mit all seinem Geld veranstalten wird. Er berichtet ausserdem über sein erstes selbst verdientes Geld und wir haben eine Menge Spaß bei der Themenauslosungspanne. Letztendlich fasst er final dann doch wieder alles perfekt zusammen:

„Mit Geld kann man nicht alles kaufen.“ So ist es.

Mehr Infos zu unserem Podcast findet man hier in der Erklärung zu Folge eins.

 

Dresden-Balkan-Konvoi

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Bild von https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/

Das letzte Dreivierteljahr verging wie im Flug. Dies war sowohl persönlichen Gründen als auch der gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet. Ich bin aber ja auch Kulturpessimist. So wurde es mir zumindest oft genug nachgesagt, wenn ich über meinen Eindruck zum aktuellen Umgang mit der Geflüchtetensituation sprach, oder meine Befürchtungen der Zukunft beschrieb.
Ich konnte auch nicht mehr differenzieren, wo ich subtil gedisst werde, wo offen beleidigt, wo ich mit einem großen „aaaaaber“ gelobt oder zumindest positiv konnotiert angepisst wurde.
Die AfD suchte die Realisten, die Gutmenschen sind jetzt böse, das Wort Kanacke hat sich etabliert und in nicht wenigen Fällen halten nun auch Schwule und Homophobe, Sexisten und Emanzen, Volksmusik- und Punkrock-Fans zusammen.
Mit dem Geflüchteten scheint vielerorts endlich ein gemeinsames, dankbares Ziel gefunden. Wehrt sich nicht, hält die Fresse und hat keine Zeit zur Gründung schlauer Aktivistengruppe, die mit geifernden Online-Petitionen nerven, und kann zu guter letzt mangels deutscher Sprachfähigkeiten nicht einmal einen Shitstorm initiieren, der mich kratzen könnte oder auch nicht. Ich habe all das in meiner Lethargie kaum gemerkt, leise schleichend saß ich inmitten einer vielleicht nicht gespaltenen Gesellschaft, aber zumindest inmitten einer viel zu großen Gruppe von Menschen, die zu viel Rassismus und Fremdenhass in diesem Land fördert, zulässt oder zumindest duldet. Ich mittendrin und voll dabei, gemütlich Malzbier trinkend.
Wir haben bald Bürgerwehren, die vor den Geflüchteten schützen. Den Satz darf man ruhig mal sacken lassen. Warum gab es in den letzten Jahren keine lokal ausgebildeten Gruppen, die vor Homophobie, Sexismus, Fremdenhass, Rassismus und Dummheit schützten? Bezüglich der Qualität der Gefahr und der Quantität der Teilnehmer dürfte dies doch ein wesentlich größeres Problem gewesen sein. Nun wird die Debattenkultur beklagt. Und ob man auf die Probleme der Menschen mehr hören muss. Nein, nicht auf die der Menschen, die mit einer Plastiktüte und einem Telefon von ihrer letzten Kohle sich von zwielichtigen Schlepperbanden mit einem Gummiboot übers Mittelmeer schippern lassen, da sie die Überlebenschance trotz widrigster Umstände doch noch für höher erachten, als wenn sie daheim bleiben. Um deren Einbindungswünsche in den Diskurs sorgt sich niemand. Es geht ja auch um die wichtigeren Ängste. Von denen, die hier Angst um ihre Turnhallen und Gemeinderäume haben. Wo soll denn der Kirchenchor proben und überhaupt. Jetzt ist ja mal langsam gut. Wir können doch auch nicht alle aufnehmen.

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Bild von https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/

Vielleicht fehlt uns ein Moral- und Angst-Kalibrierungsminister. Das wäre mal ein sinnig besetztes Ministerium, selbst wenn es nur zu zehn Prozent produktiv wäre.
Ich war viel in Dresden die letzten Monate, und wisst ihr was? Das ist kein örtlich begrenztes Problem. In Mannheim, in Heidelberg, in Düsseldorf, in Fulda, in Kassel, in München, in Garmisch-Partenkirchen, in Nürnberg, in Fürth, in Erlangen und vor meiner Haustür begegnete mir innerhalb wesentlich kürzerer Aufenthaltsdauer wesentlich mehr selbstverständlich offen ausgelebter Rassismus. Da wurden Geflüchteten Taschen aus dem Zug getreten, gespuckt, laut und verächtlich die Nase gerümpft und offen der Wunsch geäußert, man sollte doch mehr verlassene Orte haben, wo „man die Geflüchteten konzentriert lagern kann“. Nein, nicht in den Tiefen des Darkwebs und auch nicht in Freital, Hoyerswerda, Dippoldisdingsda und wie die Problemorte alle angeblich heißen sollen am Stammtisch. In oben genannten Städten fand all‘ dies statt, und ich bin zufällig in der Situation gelandet. Mein schlechtes Gewissen plagte mich bereits im späten Sommer letzten Jahres, als ich all die vielen engagierten Menschen sah, wenn ich mal eine halbe Stunde irgendwo ein wenig Wäsche sortierte oder anderweitig in Kontakt zu den vielen fleissigen Helfern geriet. Der großen Euphorie, auch selbst mehr tun zu können, folgte die dankbare Ausrede, selbst genug zu tun zu haben. Job, Familie, mein Verein spielt scheiße und meine Zahnzusatzversicherung zahlt nicht und andere gravierende Alltagsprobleme verhinderten mehr aktive Hilfe meinerseits. Wenigstens ein wenig Geld spenden könnte ich, und schnell waren ein paar Mitspender gefunden, denen ich versprach sicherzustellen, dies möglichst effizient einzusetzen. Die knapp 1.000 € hätten schon ein dutzend Mal sinnvoll ausgegeben werden können, aber immer wenn ich recherchierte, wohin das Geld konkret gegeben werden könnte, trafen dramatischere Nachrichten und problematisch erscheinendere Situationen auf. Nun dürfte es geklärt sein. Europa hat sich scheinbar auf Idomeni als Schauplatz des Leidens-Showdowns geeinigt. Jeanette Hagen hat hier eindrucksvoll Ihre Eindrücke von dort beschrieben. Und, lange Rede, kurzer Sinn, ich fand Leute, die nicht so viel rumlabern wie ich, sondern aktiv ihr Bestes geben. Ihnen vertraue ich Eure Spende an.

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Bild von https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/

Infos zu der Arbeit des Dresden-Balkan-Konvois findet ihr

Hier: www.supportconvoy.org

oder in diesem Bericht der Dresdner Neueste Nachrichten.

Zur Facebookseite geht es hier: https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/.

Ich hab Axel, einen der Organisatoren, für ein paar ganz schnelle Worte gewinnen können:

Hallo Axel. Bei Dir ist es mir tatsächlich unangenehm, Dich zeitlich in Anspruch zu nehmen. Du bist Mitorganisator des Balkan-Konvois. Kannst du ganz kurz umreißen, was ihr tut?

Unangenehm sollte Dir das nicht sein! Wir verstehen uns ja auch als Möglichkeit aktiv zu werden – auch weit weg von Deutschland. Dazu beantworten wir gern alle Fragen!
Wir unterstützen dort, wo es zu lebensbedrohlichen Situationen kommt. Das sind im Moment auch die Grenzen in Europa. Auf Chios empfangen wir Boote, versorgen die Menschen mit Klamotten und heißem Tee und fahren auch Verletzte ins Krankenhaus. In Idomeni verteilen wir Sachspenden, Tee und Informationen.
In Einzelfällen helfen wir auch hier, wenn es nötig ist. So begleiten wir Neuankömmlinge zum Arzt und zu Behörden oder organisieren Rechtsanwälte.

Wie finanziert sich der Balkan-Konvoi?

Bis jetzt haben wir ausschließlich mit Spenden gearbeitet. Auch die Freiwilligen und die Leute in der Orga buttern gern was rein.

Lässt sich der Bedarf vor Ort detailliert beschreiben?

Das ist immer ein bisschen vom Einsatzort abhängig – und davon, was die Geflüchteten da brauchen. Derzeit kaufen wir viele tausend Becher, Tee und Zucker für Idomeni. Für die Inseln gilt das gleiche. Manchmal aber auch Essen. Der Bedarf geht aber viel weiter: Medikamente und Zelte, zum Beispiel.

Wie ist Eure Infrastruktur? Wie viele Leute seid ihr und könnt in welcher Form könnt ihr Hilfe gebrauchen?

Inzwischen haben wir drei Autos und eine Gulaschkanone. Dazu kommt geborgtes Material, wie ein großer 200-Liter-Topf und Gasbrenner mit riesiger Heizleistung. Und in Dresden betreiben wir die Spendenannahmestelle in der Neustadt.
An den Einsatzorten sind zwischen drei und zwölf Freiwillige – je nach Bedarf und Möglichkeit. Mitmachen können alle, die mindestens drei Wochen Zeit haben und unser Selbstverständnis teilen. Die psychische und physische Konstitution sollte auch stimmen.

Wie kann man Euch, abgesehen von finanziellen Spenden, unterstützen?

Wir freuen uns über jeden Beitrag: ob die übrigen Pappbecher von der Party oder den verschmähten Müsliriegel. Der aktuelle Bedarf ist immer auf unserer Facebook-Seite ganz oben abgebildet. Und wenn man von uns weitererzählt, finden wir das auch super!

Meinst Du, es ist möglich, ein oder zwei Bilder zu bekommen, wo konkret das Geld gelandet ist oder in was es investiert wurde?

Logisch! Wir wollen, dass die Sache transparent läuft. Dazu gehört die Dokumentation der Tätigkeit und der Nachweis über den Verbleib der Spenden!

Danke. Danke für das, was ihr macht.

Wer den Dresden-Balkan-Konvoi unterstützen möchte kann dies sehr gerne hier tun. Hilfreich ist es aber vermutlich auch die Facebookseite, bzw. die Hilfeaufrufe des Konvois zu teilen und zu verbreiten. Auch direkter persönlicher Einsatz ist möglich: Infos dazu gibt es hier.

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Bild von https://www.facebook.com/DDBalkanKonvoi/

 

Vielen Dank an Sven, Sebastian, Thomas, Andreas, @davednb, @Princess_cgn, Nils , @Wuchtbrumme80, Ralph und das Team von Miasanrot, mit deren Unterstützung insgesamt über 1000 € überwiesen werden können. Danke Euch!

Radiorebell-Episode #2- Eltern

Eltern. Man hat sie, man braucht sie, man liebt sie, man hat sie vielleicht schon einmal verflucht, weil sie doch so uneinsichtig, unfair, altmodisch, peinlich sind, während man selbst die Weisheit, die Reife und das Know-how des Lebens schon in frühpubertären Jahren mit der großen Kelle rund um Radiorebell - Episode 02 - Elterndie Uhr eingeflößt bekam. Schlimm. Irgendwann kommt der Tag an dem man sie unendlich vermisst und man vielleicht bereut, dass man Ihnen nicht oft genug danke gesagt hat. Ruft mal bei Mama und Papa an, sofern Ihr noch die Gelegenheit dazu habt und sagt Ihnen mal, wie sehr Ihr sie liebt. Funktioniert übrigens auch bei anderen lieben Menschen.

Jay-Jay und ich sprechen über das „Eltern sein“ mit kleinen Ausflügen ins Jay-Jay Land, über Papas, die mit Geld nicht umgehen können, über ausrastende Mamis, seine Probleme mit Mädchen, warum Mami geheult hat, wie gut es ihm tat jemanden zu beleidigen und die große Auslosung zum Thema für Folge drei.

Viel Spaß.

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