#29 Andreas liebt den Hamburger SV

Dies ist ein Brief für meinen Sohn. Eine Vielzahl netter Menschen hat sich die Zeit genommen um Jay-Jay ein paar Zeilen nieder zu schreiben und ihm Details zur Findung ihrer Fußballliebe zu verraten. Woche für Woche veröffentlichen wir eines der großartigen Werke unterschiedlichster Autoren. Innerhalb weniger Monate ist manchmal auch mit einer Antwort von Jay-Jay  zu rechnen. Alle Briefe und Antworten findet man dann hier.

Lieber Jay-Jay,

dein Papsi bat mich (indirekt natürlich), dir zu schreiben, warum aus mir geworden ist, was aus mir geworden ist.

Ich bin Andreas, jetzt schon 37 Jahre alt und seit ziemlich genau 30 Jahren HSV-Fan. Ich war also ein Jahr jünger als du jetzt, als ich mein Herz an einen Fußballverein verloren habe.

Ich habe mich erst mal nur für Fußball interessiert. Die Weltmeisterschaft 1982 war das Ereignis, bei dem ich zum ersten Mal dachte, dass dieses Fußballgucken ganz schön Spaß machen kann. Ich habe morgens immer den Kindergarten geschwänzt und bin mit dem Fahrrad zu meiner Oma gefahren, um dort die Wiederholungen des Vorabends zu schauen. Meine Eltern wussten nichts davon (behaupten sie jedenfalls). Den Kindergärtnerinnen habe ich aber immer die Wahrheit gesagt. Die fanden mich damals bestimmt ganz schön komisch.

Ich habe 3 ältere Brüder. Alle 3 sind Fußballfans. Der älteste ist Bayern-Fan. Ja, da kann ich leider auch nichts gegen tun. Der zweitälteste war früher Fan des 1. FC Köln. Als die aber immer erfolgloser wurden, hat er das Interesse an denen verloren. Stattdessen ist er jetzt Arminia Bielefeld Fan, lustigerweise noch erfolgloser als die komischen Kölner. Mein nächstälterer Bruder ist Fan des VfB Stuttgart. Der ist Fan geworden, als die Stuttgarter Meister wurden. Das ist aber auch schon lange her.

Mein Bruder und ich durften früher die Länderspiele und die Spiele, die erst um 20 Uhr begannen, nur bis zur Halbzeitpause gucken. Danach mussten wir ins Bett, weil wir waren ja noch klein. Wir hatten unser Zimmer aber in der Nähe des Wohnzimmers. Wenn unser Vater den Fernseher laut genug gestellt hatte, konnten wir aber immer noch den Kommentar mithören. Meistens sind wir dann aber trotzdem sofort eingeschlafen.

Mein Vater erlaubte mir kurz vor meinem 7. Geburtstag zum ersten Mal, ein Spiel bis zum Ende zu gucken. Es war der 25.05.1983 und der HSV spielte damals im Finale des Europapokals der Landesmeister (damals gab es noch nicht diese komische Champions League) gegen Juventus Turin.

Die Bundesliga hatte ich damals schon immer in der Sportschau geguckt. Ich fand 3 Vereine ganz gut: Fortuna Düsseldorf (Da spielte Atli Edvaldsson aus Island. Island war so weit weg. Außerdem ist Edvaldsson ein cooler Nachname!), den 1. FC Kaiserslautern (Ronnie Hellström im Tor. Ein Schwede. Irgendwie finde ich ganz häufig nordeuropäische Fußballer ganz toll.) und den HSV. Der HSV hatte Lars Bastrup aus Dänemark. Auch Nordeuropa. Außerdem Manni Kaltz. Der sah aus wie ein Waldarbeiter. Mein Vater sagte mir, der Kaltz kann „Bananenflanken“. Fand ich großartig.

Der HSV spielte also gegen Juventus Turin. Ich lese heute immer, dass der HSV damals nur Außenseiter war. Eigentlich sollte Juventus das Spiel gewinnen. Und wer gewann es? Natürlich! Der H S V!! Felix Magath schoss damals das Tor. Es ging 1-0 aus. Das Spiel an sich habe ich nicht mehr so doll in Erinnerung. Ich weiß nur, dass ich noch heute die komplette Mannschaft aufsagen kann, die damals gespielt hat: Stein, Jakobs, Kaltz, Wehmeyer, Rolff, Groh, Bastrup, Hrubesch, Magath, Hieronymus und Milewski. Von Heesen wurde eingewechselt. Ernst Happel war Trainer.

Das war der Moment, von dem an es nur noch diesen einen Verein für mich gab. Kaiserslautern und Düsseldorf verfolge ich nur noch nebenbei. Ich denke bis heute, dass ich die richtige Wahl aus diesen 3 getroffen habe (auch wenn Papsi da sicherlich etwas anderer Meinung sein wird).

Der HSV war immer ganz gut die nächsten Jahre. 1987 gab es sogar noch mal den DFB-Pokalsieg. Man konnte damals ja noch nicht jedes Spiel im Fernsehen schauen. Es blieb nur die Sportschau, und die hat auch nicht immer den HSV gezeigt. Ich war der festen Überzeugung, dass der HSV trotzdem immer noch die tollste Mannschaft und das tollste Stadion hat. Und dass es immer voll war. War es aber nicht. Im Laufe der Jahre wurde die Mannschaft immer erfolgloser. Es gingen wenig Leute zu den Heimspielen des HSV. Und ich war NIE im Stadion, wenn der HSV gespielt hat. Ich komme nicht aus Hamburg und damals war es für mich noch eine halbe Weltreise, nach Hamburg zu kommen. Trotzdem blieb ich bei dem Verein.

 

(Das erste Profispiel, das ich je gesehen habe, war ein Heimspiel des VfL Osnabrück gegen Union Solingen. Irgendwann in den 80ern zur Weihnachtszeit. Unsere Eltern wollten eigentlich auf den Weihnachtsmarkt, aber wir konnten uns durchsetzen und so fuhren wir ins Stadion.)

 

Das erste Spiel des HSV, das ich live im Stadion gesehen habe, war ein 0-4 gegen Werder Bremen. Da ich damals in Bremen wohnte, habe ich das Spiel sogar aus dem Gästeblock verfolgt.

Überhaupt Werder: Ich habe von 1999 bis 2006 in Bremen gewohnt. Überall Werder-Fans! Es war schrecklich. Außerdem mögen sich die HSV- und Werder-Fans nicht. Mir egal. Meine Frau ist auch Werder-Fan. Wir mögen uns.

Zurück zu meiner Zeit in Bremen: Werder und der HSV spielten oben mit, es gab Hoffnung, dass es mal wieder eine Meisterschaft gibt oder wenigstens, dass wir mal Champions League spielen können. Ganz häufig war es Bremen, die uns das zunichte gemacht haben. Und ich als HSV-Fan in Bremen. Keine schöne Zeit, das kann ich dir sagen, Jay-Jay.

Meine schlimmste Niederlage als HSV-Fan? Lass dir mal von Papsi die Geschichte mit der Papierkugel erzählen. Beim Spiel HSV gegen Werder. 2009. Ich musste nachmittags zum Zahnarzt. Weil der Zahnarzt etwas Schwierigeres mit meinen Zähnen vor hatte, saß ich 5 Stunden auf dem Zahnarztstuhl. 5 Stunden!!! Danach wollte ich eigentlich keinen Fußball mehr gucken. Musste es aber. Werder Bremen gewann gegen den HSV und durfte dann im Europapokal-Endspiel spielen. Und der HSV war wieder einmal der Verlierer.

Heute? Heute streiten sich sogar die HSV-Fans untereinander. Ist ne lange Geschichte, aber keine schöne. Fans eines Vereins sollten sich nicht untereinander streiten, oder? Sie mögen ja den gleichen Verein. Wir HSV-Fans tun es trotzdem. Und ich streite zwischendurch sogar mit. Nicht gut. Ich weiß. Muss aber sein. Die HSV-Fans haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der HSV endlich mal wieder erfolgreich sein kann. Es kommen spannende Jahre auf uns Fans zu.

Warum ich immer noch HSV-Fan bin? Du hast sicherlich schon ganz viele Briefe bekommen, und überall wurde gesagt, dass man sich nicht von seinem Verein trennen kann. Kann ich auch nicht. Ich habe mal gelesen: „Der HSV ist die einzige Lösung.“ Ja, für mich ist er das auch. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich die Leute beneide, die sich nicht für Fußball interessieren. Aber manchmal (in den letzten Jahren ist das leider selten geworden), denke ich immer noch, dass der HSV der geilste Verein der Welt ist und dass das auch alle anderen genau so sehen wie ich. Größtenteils denke nur ich (und wahrscheinlich die Mehrzahl der HSV-Fans), dass der HSV der tollste Verein der Welt ist. Für mich ist er das immer noch. Und wird es wohl auch immer bleiben.

Ich wünsche dir, lieber Jay-Jay, noch weiter unheimlich viel Spaß bei den Fußballfahrten, die du so unternimmst. Und falls ihr mal wieder in München seid (da wohne ich inzwischen), würde ich mich freuen, dich kennenzulernen. Und Papsi natürlich auch. Ich wünsche dir, dass auch du irgendwann einen Verein hast, bei dem du jedes Spiel mitfiebern kannst, bei dem du morgens schon aufgeregt bist, weil nachmittags DEIN Verein spielt, bei dem du jeden Zeitungsartikel liest, weil du alles über DEINEN Verein wissen willst.

Für mich ist der HSV die einzige Lösung. 😉

Viele Grüße

Andreas

Vielen, vielen Dank an Andreas, den ich mittlerweile auch persönlich kennen lernen durfte und der mir mindestens mit dem Satz “ Was das angeht bin ich eher der resignierende Typ-Ich bin nunmal HSV Fan“ in Erinnerung bleiben wird.  

Ihr findet Andreas hier auf Twitter. Ausserdem betreibt er gemeinsam mit drei anderen Verrückten einen außerordentlich unterhaltsamen Baseball-Podcast

 

2 Gedanken zu „#29 Andreas liebt den Hamburger SV

  1. SvenGZ

    Dem resignierende Andreas sei gesagt: Kein HSV ist auch keine Lösung!

    Meine Frau hat übrigens früher mal mit nemgewissen St.Adtteilclub sympathiedingst.
    Ich bin da sehr tolerant.
    Ich hab sogar einen Exorzisten gerufen, obwohl ich nicht in der Kirche bin…

    Antworten
  2. mspie

    Find ich gut, dass er seine Frau trotzdem mag. Aber leider ist der HSV entgegegn aller Insider-Gerüchte NICHT die einzige Lösung… ;o)

    Viel Kraft Andreas für die kommende Saison…

    Glück auf
    BuenderSchalker

    Antworten

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