Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?

Normalerweise liest die liebenswerte @Badrulbudur jeden Blogpost noch einmal vor Veröffentlichung Korrektur. Normalerweise. Normalerweise schreibe ich hier auch eher, um für Verständnis für Autisten zu werben oder um meinen Sohn zurecht in den Himmel zu heben, was für ein wundervoller Mensch er ist. Normalerweise. Normalerweise fehlen hier also vermutlich einige Satzzeichen aber mit ein bisschen Mühe versteht man vielleicht, was ich ausdrücken möchte. Wobei ausdrücken schon wieder so einen offensiven Charakter innehat, es ist eher etwas was ich loswerden möchte. Loswerden, weil es eher etwas ist was vielleicht für mich befreiend wirkt und nicht etwas was auf andere erdrückend ausgedrückt wirkt. Etwas los zu werden ist heutzutage gar nicht mehr so einfach. Wenn sich die Gesellschaft intensiv mit einem aktuellen Thema oder auch einem schlimmen Geschehnis des Tages beschäftigt ist es nahezu unmöglich geworden, sich dem zu entziehen. Selbst wenn man jeglichen Medienkonsum einschränkt, die Pushnachrichten aller Nachrichtensender ausgestellt hat und keinen kurzen Blick in die Twitter Timeline wirft, kann man sich sicher sein, dass früher oder später ein eifriger Arbeitskollege sich genötigt fühlt einen Small Talk zu beginnen, nur um seine neusten heißen News kund zu tun. Manche tun dann sogar so, als wären sie der exklusive Push Nachrichten Empfänger und hätten alleinig den Auftrag die ganz heißen News zu verbreiten. Vielleicht haben Sie nämlich Ihre Neuigkeiten direkt aus einem Periscope-Stream vom Ort des Geschehens oder man folgt einem Twitterer, der vor Ort ist oder die Gegegebenheiten vor Ort kennt. Ich will das gar nicht per se verfluchen. Es gibt nichts wertvolleres als ein Following wie @fighti, der, wenn man dann das Bedürfnis verspürt, seriöse Informationen zu den tragischen Geschehnissen in Frankreich, in den letzten Monaten zu bekommen, fantastische Arbeit leistet und seriöse Quellen übersetzt und Gerüchte erklärt, auflöst und beendet. Ähnliches gilt für Ismail Küpeli,  der gleiches leistet, wenn es um die Türkei geht. Die ganz harte Nummer geben sich die beiden Herren von Streetcoverage, die jeweils vor Ort von Auftritten der besorgten Bürger berichten. Danke dafür.

Kennt Ihr diese vielen tollen Beispiele, was früher alles besser war? Es war so viel friedlicher, es herrschte weniger Gewalt, mehr Miteinander. Ich hasse diese gequirlte Scheiße. Gewalt ist präsenter und zugänglicher geworden, aber ist Deutschland wirklich ein Terror-Opfer-Land in dem man sich nicht mehr traut einen Fuß vor die Tür zu setzen? Kann man schwarz gekleideten Menschen mit Rucksäcken noch trauen? Hysterie schlägt Besonnenheit.

Als ich so alt war, wie mein Sohn und auch viele Jahre danach noch war es für jemanden, der auf dem Dorf aufgewachsen ist selbstverständlich ,von jedem unerwartetem Weltgeschehnis, erst abends in den Nachrichten oder am nächsten Tag über die Zeitung zu erfahren. Radio war nie so meins und ich war auch mit zehn kein Zeitungsleser und Nachrichtenverfolger, aber wenn man dann sich vielleicht noch eine Schnucketüte für ne Mark vorm Kicken holte und überflog die ausliegenden Tageszeitungen, dann bekam man schon mal was mit,was außerhalb des 24/7 Hobbyfußballer-Paradigmas geschah. Für mich als Kind war somit, man bestrafe mich hart und gerecht, die Bild-Zeitung tatsächlich das Medium, welches ich als erstes regelmäßig „konsumierte“. Große Buchstaben. Einfache Headlines. Selbst komplexeste Themen in kompakten Headlines. Immer schön bunt. Und Titten. Titten waren wichtig. Ein verstohlener Blick war immer drin. Hey, ich war in der Pubertät.

Erst als wir auf dem Dorf Privatfernsehen bekamen war es realistisch eventuell mal mit einem tagesaktuellen Geschehnis konfrontiert zu werden. Es gab selten Tage wo wir nicht rausgingen zum kicken. Wir hatten unser eigenes Jugendfußballtraining und gingen meistens auch mal in die Jugend über und in die Jugend einen Jahrgang unter uns. So waren oftmals schon drei Kick.-Termine gesichert, wir kaperten dann noch das Kinderturnen, indem wir dort jede Woche mit einem bunten Haufen von Kindern im Alter von fünf bis zwölf Fußball spielten anstatt irgendwelche albernen Turnspiele gemäß Plan abzuarbeiten. Es dauerte eine Weile bis wir alle vom Fußballspiel überzeugt hatten, schließlich hatten sich die Kinder ja alle für das Kinderturnen angemeldet und in der Anfangszeit mussten wir vielleicht zumindest eine Runde „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser“ oder „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ spielen, aber wir waren hartnäckig. Das war der vierte gesicherte, wöchentliche Kicktermin, der dann vom spontanen Treffen zum Kicken direkt nach nach der Schule bis dreißig Minuten nach Eintreten der Dunkelheit umrahmt wurden.

Mit dem Privatfernsehen kamen die Liveticker und im unteren Bildschirmrand rollierende Nachrichten. Ich glaube selbst der Mauerfall ist noch kickenderweise an mir gänzlich vorüber gegangen.

Mein erstes Mobiltelefon muss ungefähr 1998 gewesen sein. Wow. Eine SMS. Wie cool ist das denn? Das waren teure Monate als ich später meine Frau kennen lernte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es noch keine SMS Flatrates gab oder ob ich nur zu blöd war einen vernünftigen Handyvertrag abzuschließen. Ich meine aber mich daran erinnern zu können, dass es irgendwie nur Vertrag oder keinen Vertrag gab und den schloss man eben mit D2 oder D1 ab. Da gab es nicht die Wahl zwischen Datentarif X im All Flat Base Mobile Extreme Roaming Vertrag oder einer Drosselung- im Double LTE Business Deluxe Programm der Telekom oder achtundtrölfzig anderen Anbietern. Sven, mein bester Freund hat noch heute seine Nummer. Wir haben das Handy damals zusammen geholt. Er hat die acht am Ende und ich hatte die fünf. Ansonsten waren unsere Nummern identisch. Das war schon ziemlich cool damals. Handyhüllen? Alu-Case? Mit dem Nokia-Knochen konntest du tagsüber Nägel in die Wand schlagen und es abends als Bettpfostenersatz für einen gestützten erholsamen Schlaf nutzen.

Plötzlich war ich erreichbar. Ich konnte quasi beim Putten früher, so hieß das überregional bekannte Spiel bei uns in Nordhessen, immer angenehm die Zeit vergessen, viel zu spät heim kommen und dann duschen, Zähne putzen, ab ins Bett gehen. Jetzt wurde ich nun angerufen, wenn ich zu lange weg war oder meine Eltern vielleicht mal auch über Nacht nichts von mir gehört haben. Das Mobiltelefon entwickelte sich zu einem unverzichtbaren Begleiter. Neulich habe ich nach 120 Kilometern Fahrt festgestellt, dass ich es zu Hause habe liegen lassen und bin wie selbstverständlich umgedreht. Einerseits hatte ich Panik es könnte in einem der Standorte, die ich beruflich betreue ein Problem geben und sie können mich nicht erreichen, andererseits konnte ich mir aber auch nicht vorstellen bis zum nächsten Tag zu warten bis es mir postalisch nachgesendet wird. Und das lag nicht einmal daran, dass ich dann keine Pokémons fangen kann, aber die Gründe sind vermutlich ähnlich bekloppt. Der Sohnemann hasst mein Handy und er hasst meinen Job. Er merkt natürlich, dass unsere Touren in den letzten anderthalb Jahren weniger geworden sind und sie oftmals mit irgendwelchen beruflichen Terminen kombiniert werden mussten. Er registrierte auch, dass ich im Zug längere Zeit schnell ein paar Mails bearbeiten muss und das die Anzahl an zu führenden Telefonaten, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, deutlich gestiegen ist. Er hasst es, aber er akzeptiert das. Eigentlich kann er sich meinem Telefon nicht entziehen.

Als ich mich selbst mit der Frage beschäftigte ob ich mein Handy in den vierzehn Tagen Urlaub einfach mal daheim lasse, eskalierten auf meiner Schulter gleich mehrere Engel und Teufel und ich fühlte mich nicht in der Lage sie zu unterscheiden.

„Du konsumierst mittlerweile mehr Medien über das Telefon als du in gedruckter Version kaufst“

„Twitter entspannt dich und regt dich zum Nachdenken an“

„Deine Pocket-App ist noch bis zum Anschlag voll mit Texten, die du unbedingt lesen wolltest.

„Du könntest deine Laufstrecken nicht aufzeichnen, wenn du das Telefon zu Hause lässt“

„Die Managementmitglieder, denen du persönlich nahe stehst könnten dich nicht erreichen, wenn sie ein Problem haben“

Die Argumente es mitzunehmen sind vielfältig, aber ich war erschrocken wie schwer ich es mir vorstellen konnte komplett darauf zu verzichten.

Das Hauptargument ist das vom kurzen Überfliegen der Bild beim Schnucketütenkauf bis heute viel passiert ist. Wir erhalten mehr Informationen und wir erhalten sie schneller. Oftmals sogar zu schnell, je nachdem wie Medienhäuser, Behörden, Agenturen und TV Sender mit halbgaren Augenzeugeninfos oder gesicherten Informationen aus dem Netzwerk Twitter zugeballert werden. Am besten wird es dann immer wenn Medien sich dazu berufen fühlen, zu berichten was das Netz zum aktuellen Geschehnis sagt. Das interessiert mich immer richtig. Deswegen schalte ich das TV Gerät überhaupt nur noch an. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen, ich fühle mich nicht zwingend schuldig dieser Jagd um die schnelle Breaking News forciert zu haben, aber sie stellt mich vor Herausforderungen. Es wird immer schwerer sich dem Wahnsinn zu entziehen. Am liebsten lese ich die kluge Absonderungen der unzählig vielen Propagandaminister, die den Merkelsommer feiern oder zum abmerkeln aufrufen. Wie bescheuert in der Birne muss man eigentlich sein zu glauben, geschlossene Grenzen hätten den internationalen Terrorismus von Deutschland fern gehalten?  Ich möchte hier aber nicht über erfolgreiche TV Strategien philosophieren. Ich war es sehr lange gewohnt in großen Teilen selbst darüber zu entscheiden womit ich mich gedanklich jetzt beschäftige. Diesbezüglich ist Twitter manchmal schwierig. Hätte ich damals die Bild zur Schnucketüte gekauft, wären da tatsächlich immer noch mehr Fakten enthalten, als in den seriös-sozialen Medien, also nicht bei Menschen, die Hashtags wie #Krimigranten benutzen oder es geschafft haben ein Wort wie Gutmensch zu denunzieren, sondern inmitten einer vernünftig zusammengestellten Timeline. Jay-Jay würde das wiederableiten und sagen, ein Gutmensch, das ist ein Mensch mit Anstand, ein guter Mensch.

Bleiben wir bei der Mehrheit, beim klassischen Durchschnittstwitterer, den ich sehr schätze, den ich gerne lese, der oft kluge Dinge schreibt, der mich aber auch oft zum Lachen bringt oder mich nachdenklich stimmt. Davon habe ich wirklich viele in der Timeline. Leider eskalieren auch diese geschätzten Menschen immer öfter in der Timeline und retweeten jede noch so strunzdumme Aussage von irgendeinem AfD Ortsverein mit 100 Mitgliedern, 650 Kilometer weit von Ihrem Wohnort entfernt. Die Storch-Petry-Poggenburg-AfD-Pegida Retweets werden dann funny kommentiert in die Timleine geschmissen werden. Toll. Das hilft und trägt zur Beruhigung der Lage bei. Ich fahre da zwar auch erst seit einigen Monaten eine neuen Kurs, aber all diesen rechten Driss im Netz konsequent weg zu blocken, Alltagsrassismus aber an der Tankstelle, im Supermarkt im Bus, in der Bahn, überall zu bekämpfen, fühlt sich irgendwie sinnvoller an. Das mag falsch sein, aber ich komme für mich persönlich aktuell damit ganz gut klar. Ich sehe schon den erhobenen Zeigefinger: „Man darf das Netz nicht den Rechten überlassen“ Mich nervts nur noch denen das zu geben, was sie brauchen: Aufmerksamkeit. Ich bin im Moment aber auch schnell angepisst.

Man darf nicht mehr besorgt sein oder muss es zumindest anders nennen und eigentlich kann ich meiner Tochter auch kein pinkes Fahrrad kaufen und Springer-Medien lesen geht schon gar nicht. Ich darf auch nicht mehr kleiner Scheißtürke zu einem meiner besten Freunde sagen, hätte ich vielleicht nie sagen dürfen, hab ich aber, weil er mich immer dummer Kartoffelkopf genannt hat. Ich mag ihn sehr. Ein großartiger Kerl. Ich hasse es wenn ich vorgeschrieben bekomme, wie welches Wort konotiert ist. Nicht geht über ein gutes Zigeunerschnitzel.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ darf man ja auch nicht mehr sagen.. Der Wortschatz der Mitte verliert die Political Correctness. Ich mag Worte und ich bin da in der Anwendung auch nicht päpstlicher als der Papst. Klar ärgert es mich, wenn irgendein behindertes Arschloch Worte wie „krank“, oder „behindert“ für Beleidigungen verwendet. Bei Nichtbehinderten ärgert es mich seltsamerweise noch mehr und oftmals ist es mir unangenehm, dass ich Menschen nach Wesensmerkmalen beurteile, die sie nicht beeinflussen konnten. Vielleicht hilft es dann einfach mal die Fresse zu halten.

Man könnte sich z.B. sozialen Medien entziehen. Das wäre ein erster Schritt zur Lösung des Problems. Stelle ich dem aber gegenüber, wie viel unfassbare tolle Menschen ich in den vergangenen Jahren über Twitter kennen lernen durfte, so scheidet diese Variante sicherlich aus. Alles gute Menschen. Von denen braucht es einige.

Ich bin des Trauerns, des wütend seins und des verstehen wollens überdrüssig. Vielleicht geht es euch auch so, aber mein Leben hat sich irgendwie arg beschleunigt. Das war zu Beginn großartig. Ich spürte was man alles schaffen und erledigen kann, wie man andere Menschen glücklich macht, ihnen einen kleinen Gefallen tut, jemandem ungefragt hilft und welche interessante Einblicke, Ansichten und Perspektiven man erhält wenn man Menschen einfach nur zuhört. Es gibt so tolle Menschen da draußen. Haltet sie fest.

Das Tempo stieg, aber permanent, schubweise und da waren wirklich große Schübe dabei an. Heute rast alles. Ich löse keine Probleme mehr, denn ich komme gar nicht mehr dazu mir über die Lösung in Ruhe Gedanken zu machen. Den kläglichen Rest an Zeit, den der Job übrig lässt bekommt die Familie und das ist schon zu wenig. Bei Freunde treffen wird es dann schon eng, wenn es nicht zufällig auf der Reiseroute zwischen zwei Terminen liegt. Und dann diese Gedankenraserei wohin wir eigentlich wollen. Als Familie, aber auch als Gesellschaft. Brexit, Trump, Russland, Daesh, die kontinuierliche steigende Angst auf Grund von stetigen Warnungen jetzt bloß keine Angst zu haben. Angst treibt Radikalisierung voran. Das sieht man im braunen Sektor unserer Gesellschaft und das wird man vermutlich auch dann sehen, wenn es gelingt das Angst-Level weiter voran zu treiben. Jeder soll und darf Angst haben wovor er mag, aber das Schüren von Ängsten Menschen mit anderer Hautfarbe oder Herkunft gegenüber stellt Muslime in Europa unter Generalverdacht und erzeugt auch bei ihnen Angst. Angst treibt Radikalisierung voran. Ich möchte mich weder vor den Folgen des braunen Terrors fürchten noch vor Islamisten, an deren abscheuliche Taten Terrornetzwerk regelmäßig seinen Stempel pappt.

Ich habe Angst. Angst, dass ich meiner Rolle als Vater und Ehemann nicht gerecht werde. Partiell und zeitweise ist das jetzt schon oft zu oft der Fall und das muss sich ändern. Ich mag nicht mehr. Ich mag nicht mehr diskutieren, ob der Eiffelturm anstatt in schwarz-rot-gold nicht eher in schwarz-rot-grün erleuchtet hätte sein sollen, ich mag nicht mehr so einen Stumpfsinn diskutieren, dass eine depressive oder autistische Störung jemanden mit größerer Wahrscheinlichkeit automatisch zum Mörder macht und ich mag neben dem Diskutieren auch gar nicht mehr hören was passiert. Nirgendwo. Ich will Sandburgen bauen mit meiner Tochter und mir von meinem Sohn erklären lassen wie die Chaostheorie funktioniert, auch wenn dies das Chaos in der Praxis nicht bessern wird, aber vielleicht hat der Sohn ja Recht.

Auszug aus Radiorebell, #9, Thema: Schule. www.radiorebell.de

 

Ich will meinen Kindern die Kraft geben und die Werte vermitteln, die inständig benötigt werden. Ich möchte, dass sie auch in turbulentesten Zeiten in der Lage sind ihre persönliche Gefühlslage, ihre Lebenssituation und ihre Begleitumstände sachlich und nüchtern analysieren können.Ich möchte, dass Sie lernen Gefühle, wie Wut, Trauer und Betroffenheit zuzulassen und erlernen sie zu ertragen. Und ich möchte Ihnen eine Gespür vermitteln. Ein Gespür zu wissen, was Ihnen gut tut, was Ihnen hilft und wie sie jeweils an die beiden Zutaten dafür gelangen können.

Ich bin eher der Verpisser unter den Gutmenschen. Ich will mich einfach mal allem entziehen. Das löst keine Probleme. Ich weiß. Ich bin mir aber sicher, dass nicht viel weniger Leid auf der Welt geschieht, wenn ich nicht auch noch irgendeinen eiskalt berechnenden, das Elend, das Leid und die Angst brauchenden AfD Politiker retweete in der Hoffnung das entsprechende Wählerpotential setze sich einmal länger als dreißig Minuten ganz sachlich mit dieser Partei auseinander. Das würde ja in der Regel bei vielen den Spuk schon beenden. Ernsthaft, ich habe keinen Bock mehr auf Solidaritätsbekundungen und Katastrophen-Teaser Tweets. Am Samstag Abend klickte ich nach einem Tweet ob jemand was genaues zu Ludwigsburg sagen könne auf den Hashtag #Ludwigsburg. Es gab dort eine Bombendrohung. Das ist auch in diesen so scheinbar turbulenteren Zeiten eine relativ alltägliche Sache. In den Tweets unter den Hashtagsuche befanden sich in einem Zeitfenster von vielleicht einer Stunde, Nachrichten wie „Oh, mein Gott. Erst #München nun #Ludwigsburg. #prayfortheworld . *IrgendeintraurigesEmoji. Da konnte man vom „Weltuntergang“ lesen und von „schmierigen Typen“, denen man „eine Bombe in den Arsch stecken und anzünden sollte“. Ich musste erfahren, dass Merkel daran Schuld hat und, dass es jetzt reicht. Das Boot war voll und nun das Fass. Hysterie ist immer Mist und was den Vorschlag mit den Bomben im Hintern angeht, glaube ich das wäre keine vernünftige Lösung. Wer wählt die Bombenempfänger denn aus? Wer bekennt sich dann dazu?

Auch viele meiner Mitmenschen sind aktuell rasant unterwegs und lösen das Problem in dem Sie den Zeitraum, der für Betroffenheit und Trauer reserviert war lieber in ausgelassene Freude darüber äußern, dass Tat X ja nur von einem Nazi oder einem Ausländer begangen werden konnte. Man kann mittlerweile ja schon fast riechen, wie Krah, Poggenburg und ihr Gefolge bei jeder Polizei-Nachricht vor freudiger Erregung schon ganz feuchte Händchen bekommen.

Das geht eben momentan einfach alles zu schnell für mein einfach gestricktes Gehirn. Ich habe gute Journalisten in den letzten zwei Jahren schätzen gelernt. Die meisten trennen sauber zwischen Weitergabe von Informationen und persönlicher aber auch fundierter persönlicher Einordnung einer Situation. Ich warte gerne auf guten Journalismus. Ich habe mir neulich mal diese allwissende Wahrheitspresse durchgelesen. Junge Freiheit, Compact-Magazin, Ulfkotte. Den ganz harten Stoff aus seriösem, ehrlichen und aufrichtigen Journalismus. Ich bleibe lieber bei der Lügenpresse. Bei Journalisten und Politikern gibt es die schöne Gemeinsamkeit, dass man über deren Jobs so wunderbar öffentlich richten kann ohne selbst Ahnung von komplexen und umkomplexen Vorgängen haben zu müssen. Bei den Politikern entwickelt sich mein Eindruck im Vergleich zu meinem Journalisten-Verhältnis aktuell eher negativ. Viel Eitelkeit und wenig Bereitschaft zur Reflektion, gepaart mit dem Druck der unvorhergesehenen Ereignisse und dem Druck aus den Konsequenzen des vorhersehbaren Ereignis rund um die Flüchtlingssituation, scheint eine Kombination zu sein, die erst einmal den Schutzmechanismus und das Feind-Gen auslöst und in den Gang setzt. Wir suchen lieber erst nach Schuldigen, anstatt nach Lösungen. Dabei sind die Probleme doch größtenteils hausgemacht.

Ich mache Urlaub von der Welt. Es gilt Aufgestautes zu verarbeiten, aufzudröseln und Lösungsansätze für ganz persönliche Probleme auf den Weg zu bringen und ich kann einfach nicht mehr. Mein Kopf platzt bald. Ich würde gerne einmal wieder über größere Zusammenhänge nachdenken, auch wenn ich sie nicht verändern kann und paralell schauen, was ich im Kleinen sehr wohl optimieren kann. Die beiden Täter in Würzburg und München bilden ein Gespann, vor das sich nur ein Karren spannen lassen dürfte. Sie sind ein Produkt unserer Gesellschaft. Warum tragen junge Menschen innerhalb unserer Gesellschaft so viel Hass in sich? Ich hörte aus der Politik viele Lösungsvorschläge, die mindestens einen Teil ihres Wortstamms nicht verdient hätten, weil sie einer Lösung nicht einmal nahe kommen, aber ich hoffe die Einsicht kommt noch. Irgendwann.

Wäre jeder Gedanke daran, wie man unbegleitete minderjährige Flüchtlinge schneller integriert oder jede Sekunde, die man in die Verbesserung, Anwendung oder auch Forschungen  von Therapien zum Umgang mit psychischen Störungen nicht aussichtsreicher als das Internet abzuschließen? Ist jetzt wirklich ein guter Zeitpunkt, dass sich Parteien in Einzelkämpfen und Vorwurfsattacken zerlegen, während andere mit sehr, sehr einfachen, wenn auch abstrusen, Forderungen Tag für Tag Boden gut machen und sich in zu beachtender Stärke zu etablieren scheinen? Wie viel mehr positiver Beitrag kommt heute ungefragt und eigenständig organisiert aus der Gesellschaft? Wie wird die EU in fünf Jahren aussehen? Fischer, Fischer, wie tief ist eigentlich das Wasser? Darf man noch „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann spielen?“ Hat jemand Antworten? Her damit. Es würde mich freuen. Links, persönliche Meinungen. Immer her damit. Ich bin irgendwie müde, kaputt und genervt aber unfassbar glücklich, weil alles gut wird. Irgendwann. Wobei alles auch nicht immer wörtlich zu nehmen ist. Ich glaube wir sollten anfangen Probleme nach innen zu lösen. Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber vielleicht will ich es auch nur los werden.

2 Gedanken zu „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?

  1. Zitronenjette20

    Deine Gedanken sind wie eine frische Brise und ich denke, es geht vielen so. Das Abschalten und nicht auf jeden Zug aufzuspringen, ist für mich zur Zeit meine Bewältigungsstrategie. Zugegebenermaßen es fällt verdammt schwer, aber es ist tatsächlich möglich Medienabstinenz zu trainieren. In diesem Sinne, einen wunderschönen Urlaub für Dich und deiner Familie. 🙂
    Ach ja, was mir noch zum Thema „Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann“ einfällt: Damit war übrigens der Tod gemeint und nicht der Mensch. Hatte ich irgendwann nachgelesen, woher dieses Spiel überhaupt kam.

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  2. Alex F (@alex_muc86)

    Puh. Lange überlegt, was man da schreiben könnte.
    aber ich denke, du fasst es schon gut zusammen: Hysterie schlägt Besonnenheit.

    Was in den letzten Tagen abging, war schon sehr krass. Und damit meine ich insbesondere das, was man online lesen konnte.
    Auf der einen Seite war ich froh, Freitag Abend Infos über Twitter zu bekommen (bei den richtigen Quellen war es auch hilfreich…), auf der anderen Seite war insbesondere FB in den Tagen seitdem fast unerträglich.

    Meine persönliche Konsequenz war relativ klar. Aus „ich bleibe Sonntag zu Hause und komme mal runter“ wurde ein „wir wandern ein paar Stunden durch München und fangen kleine biestige Tiere“. Nicht, weil das sinnvoll wäre, sondern einfach, weil es eine tolle Ablenkung war, man nicht viel von der Außenwelt mitbekommen hat und super abschalten und reden konnte.

    Und dieses Abschalten und Reden sollte man vielleicht viel öfter machen um dann wieder Kraft für die nächsten Wochen und Monate zu haben….

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