#32 TscheyPi liebt Fortuna Düsseldorf

Ich kann es nicht leugnen. Ich freue mich über jeden Brief, aber vielleicht freue ich mich über Briefe wie diesen ein klitzekleines bisschen mehr. Warum? Keine Ahnung. 

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Spieltag, Baby- Lets Reck n` Roll! 

Dies ist ein Brief für meinen Sohn. Eine Vielzahl netter Menschen hat sich die Zeit genommen um Jay-Jay ein paar Zeilen nieder zu schreiben und ihm Details zur Findung ihrer Fußballliebe zu verraten. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir eines der großartigen Werke unterschiedlicher Autoren. Innerhalb weniger Monate ist auch mit einer Antwort zu rechnen. Alle Briefe und Antworten findet man dann hier. Wer dem Autor auf Twitter folgen möchte, was ich sehr begrüßen würde kann dies hier tun.

Hallo Jay-Jay,

ich habe davon gelesen, dass Du dich dafür interessierst, wie und warum man zum Fan eines Vereins geworden ist.

Also, dann möchte ich Dir gerne mal meine Geschichte erzählen.
Mein erstes Spiel liegt nun schon einige Jahre zurück. Ich habe 1979 in der Grundschule eine Freikarte für das Spiel Fortuna Düsseldorf gegen den VfB Stuttgart geschenkt bekommen.

Es war ein – wie man damals sagte – Flutlichtspiel und damit etwas sehr besonderes. Mein Vater war nicht sehr begeistert, zumal er kein Fortuna-Fan war und auch bis heute auch nicht geworden ist. Nein, er findet Bayern München bis heute gut, aber Fan ist er nicht. Und ich fand meinen Vater damals eher peinlich. Früher waren auf Stehplatzkarten noch der genaue Stehplatz mit Reihe zugewiesen. Im Block R37 suchte mein Vater eben diesen Stehplatz, der auf der Karte stand. Der war aber nun schon besetzt. Mein Vater diskutierte dann mit dem Typen, der auf dem Stehplatz stand, ob er nicht falsch stünde. Und das, obwohl damals die Spiele nicht so gut besucht wurden, wie heute und es noch viele freie Plätze gab. Außerdem stellten sich alle irgendwo mit ihren Freunden hin. Nur mein Vater musste diskutieren. Also richtig peinlich.

Aber das Spiel hat mich von der ersten Sekunde an elektrisiert. Auf dem Rasen liefen die Spieler, die ich vorher nur in der Sportschau für ein paar Minuten sehen konnte. Schließlich wurden damals nicht alle Spiele im Fernsehen gezeigt, und schon garnicht Live und in voller Länge. Dazu kamen die Atmosphäre eines Abendspiels, der Mond am dunklen Himmel, das Flutlicht, die Fangesänge, 90 Minuten Fussball am Stück, die Tatsache, dass ich erst später ins Bett musste, ein Sieg (2:0, ich weiß es noch wie heute) und das unglaubliche Gefühl, einfach dabei gewesen zu sei.
Nach diesem Abend und nach diesem Spiel stand für mich fest, dass ich Fan von Fortuna Düsseldorf sein möchte. Ich möchte sobald wie möglich wieder zu einem Spiel, ich möchte ein Trikot und ich möchte Autogramme von Gerd Zimmermann, Wolfgang Seel und Klaus Allofs. Und am liebsten auch von allen anderen Spielern.
Meinen Entschluss habe ich dann meinen Eltern mitgeteilt. Meine Eltern beschlossen, dass es mit dem nächsten Spiel noch etwas dauern würde, dass es kein Trikot geben würde, und dass ich das mit den Autogrammen wohl selber regeln müsse. Ich war schwer enttäuscht. Eine Woche später bin ich heimlich am Nachmittag zum Trainingsgelände am Flinger Broich gefahren und wollte um Autogramme bitten. Und was soll ich erzählen, ich hatte weiche Knie. Als die Spieler das Training beendet hatten und vom Platz gelaufen kamen, nahm ich mein Herz in die Hand und habe Wolfgang Seel angesprochen. Und er meinte zu mir, dass er erst einmal duschen müsste. Das Duschen dauerte allerdings zu lange, und ich musste unverrichteter Dinge nachhause fahren. Ich war so traurig. Voller Enttäuschung habe ich es dann ein paar Tage später meinen Eltern erzählt. Wieder ein paar Tage später bin ich dann mit meinem Vater noch einmal zum Training der Fortunen gefahren und habe Autogramme bekommen. Klaus Allofs har sogar ein Poster unterschrieben, welches von nun an über meinem Bett hing.
Mein Trikot war auch so eine Geschichte mit Glück und Pech zugleich: mit gespartem Taschengeld und einem Zuschuss von Oma bin ich losgezogen und habe ein rotes Trikot und einen Aufnähwappen von Fortuna gekauft. Meine Mutter hat mir dann das F95-Emblem auf das rote Trikot genäht. Ich war stolz ohne Ende, auch, wenn es kein richtiges Vereinstrikot war. Zum Geburtstag habe ich dann noch eine passende rote Sporthose geschenkt bekommen. Allerdings habe ich mir die Hose eine Woche später zerrissen, als ich um einen Ball zu holen über einen Gartenzaun bei einem Kumpel klettern wollte. Die Sporthose wurde dann von meiner Mutter genäht. Aber immer, wenn ich in meinem selbst gebastelten Trikot mit geflickter Hose Fussball gespielt habe, habe ich mir vorgestellt, ich wäre Spieler auf dem Rasen im Flutlicht im Rheinstadion wie bei meinem ersten Stadionbesuch gegen den VfB Stuttgart. Und wenn ich ein Tor geschossen habe, konnte ich in mir den Jubel im Stadion hören, der sich seit diesem Spiel im meinem Kopf befindet. Nur war ich leider kein besonders guter Fußballer…

Nun, dass alles liegt viele Jahre zurück, aber der Zauber blieb mir immer erhalten. Viele Erlebnisse und Geschichten sind in der Zeit geschehen, glückliche, traurige, ärgerliche, berauschende, lähmende….

Wenn ich heute auf der Autobahn fahre, und ich sehe irgendwo ein F95-Emblem auf einem anderen Auto, freue ich mich. Ich denke dann immer: siehst du, du bist nicht allein. Wir sind viele. Im Urlaub in Amerika haben wir direkt einen Fortuna-Aufkleber auf den Mietwagen geklebt. Nur damit vielleicht einer erkennt, da ist noch ein Fortune…
Sicherlich gab es Zeiten, in denen ich seltener zum Spiel gegangen bin. Aber es gab seit dem ersten Spiel keine Saison, in der ich kein Spiel der Fortuna Live im Stadion gesehen habe. Heute habe ich eine Dauerkarte und besuche viele Heimspiele und einige Auswärtsspiele pro Saison. Der Spieltag läuft nach festgelegten Ritualen ab: meine Frau und ich treffen uns mit Freunden und wir fahren gemeinsam mit dem Rad zum Stadion. Immer der selbe Weg. Wir nehmen immer die selbe Einlassschlange. Wir gehen immer auf gleichem Weg zu unseren Plätzen und treffen dabei viele Freunde und Bekannte. Erst beim letzten Heimspiel gegen St. Pauli habe ich zufällig einen Schulfreund wieder gesehen, mit dem ich mich zuletzt vor über zwanzig Jahren unterhalten habe. Es ist wie eine große Familie. Und auch, wenn man als Fortune Niederlagen häufiger erlebt, als als Fan des FC Bayern, ich komme von Fortuna nicht mehr los. Es ist für mich unvorstellbar, den Verein meines Herzens zu wechseln. Eben so, wie die Familie, die man hat. Und es ist für mich wirklich ein Stück Heimat. Genauso wie das Gefühl, dass ich habe, wenn ich auf dem Weg nachhause den Rhein überquere und auf Düsseldorf blicke, genauso fühle ich mich, wenn die Mannschaften zum Anstoß auf das Feld kommen.

Also, Jay-Jay, jetzt kennst Du meine Geschichte.
Ich werde Deinen Blog verfolgen und ich bin sehr gespannt darauf, ob Du Dich für einen Verein entscheiden willst.
TscheyPi

Vielen Dank, es war mir ein Vergnügen, die Geschichte mal aufzuschreiben. Erzählt habe ich sie hier und da schon öfters.

Ein Gedanke zu „#32 TscheyPi liebt Fortuna Düsseldorf

  1. Sven St.

    Hallo,
    ich stelle mir gerade die Frage, wie häufig ist es der Fall, das man bei seinem ersten Stadionbesuch, bei seiner momentanen Heimmannschaft, ein Fan eben dieser wird?
    Es ist eine sehr interessante Frage, die Jay-Jay da in den Raum gestellt hat und das er auf der Suche nach einem „passenden“ Verein ist. Aber so rational können nur Menschen vom Schlag eines Jay-Jay oder auch meinem Sohnemann sein.
    Es ist für mich sehr wahrscheinlich, das man ein Heimspiel eines Vereins in der Nähe des Wohnortes das erste mal besucht. Was mich und auch hier im Beitrag angesprochen wurde, ist diese Emotion die man nicht mehr allein, sondern jetzt mit Seinesgleichen erleben und vor Allem rauslassen kann. Das kann immer und überall passieren.
    Somit würde ich als einen sehr wichtigen Grund des Fanwerdens die Wohnortnähe, oder auch ein gemeinsammes Spielschauen vorm TV als Ursache definieren.
    Was mich dann aber noch mehr störrt, ist diese Feindschaft, dieser Hass, der sich manchmal gegenüber anderen Vereinen zeigt. Ein Fan ist ein Fan, weil er Emotionen mit Gleichgesinnten teilen möchte.

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