#33 Joey liebt Werder Bremen

Dies ist ein Brief für meinen Sohn. Eine Vielzahl netter Menschen hat sich die Zeit genommen um Jay-Jay ein paar Zeilen nieder zu schreiben und ihm Details zur Findung ihrer Fußballliebe zu verraten. Nach und nach veröffentlichen wir eines der großartigen Werke unterschiedlichster Autoren. Innerhalb weniger Monate ist sogar mit einer Antwort des Sohnes zu rechnen. Alle Briefe und Antworten findet man dann hier. Den ein oder anderen Posteingang könnten wir übrigens noch vertragen. Aber lest nun, was Joey zu sagen hat und wie es zu dieser kranken Situation kam, dass er seine Liebe bei den Fischköppen Mannen  vom SV Werder Bremen gefunden hat.  Joey, dankeschön!
Moin Jay-Jay!
Ich heiße Joey, bin 19 Jahre alt, Bremer aus Leidenschaft und Fan des glorreichen SV Werder Bremen.
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Der Nummer 1 im Norden und der Nummer 2 der ewigen Tabelle der Bundesliga.
In diesem Brief möchte ich dir erklären wie es dazu kam, um dir bei der Suche nach deinem Verein zu helfen.

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach aber auch schwer: Ich weiß es nicht. Irgendwie aber auch doch.
Wenn ich in Bremen ins Stadion gehe, dann bin ich aufgeregt.
Ich bin angespannt, bekomme ein Kribbeln im Bauch und kann die Beine nicht mehr still halten.
Ich blicke durchs Stadion, sehe tausende fremde Leute und obwohl ich mich normalerweise unwohl fühle,
wenn ich von vielen unbekannten Menschen umgeben bin, fühle ich mich hier trotzdem wohl.
Ich fühle mich hier zuhause.
Nicht zuhause wie bei Mama und Papa, die immer für mich da waren und denen ich bis ans Ende der Welt folgen würde – sondern anders zuhause.
Ich habe das Gefühl, ‚eins‘ mit den anderen Menschen zu sein.
Das zu fühlen was sie fühlen – und das ist ein schönes Gefühl.
Es ist deshalb ein schönes Gefühl, weil es Emotionen weckt, die ich sonst kaum fühle.
Zumindest nicht so stark.
Das Gefühl, das mich bei einem Werdersieg überkommt, ist einzigartig. Diese Freude, dieses Glück, das fühle ich sonst nicht.
Ebenso tut es mir unheimlich weh, wenn Werder verliert oder schlecht spielt.
Dann aber leide ich nicht alleine, sondern ich leide mit den Spielern auf dem Platz und den anderen Menschen im Stadion.
Das tröstet mich irgendwie, weil ich weiß, dass es auch andere gibt, die so fühlen wie ich.
Trotzdem hab ich dann oft so lange schlechte Laune, bis Werder wieder gewinnt.
Dann aber laufe ich mit einem Lächeln durch Bremen, fühle mich einfach gut und sehe ganz viele andere Menschen, denen es genauso geht.
Nichts auf der Welt könnte mir sonst dieses Gefühl verleihen.
Nichts auf der Welt könnte dafür sorgen, dass ich mich so lebendig fühle.
Wie es dazu gekommen ist? Das weiß ich bis heute nicht.
Meine Eltern waren und sind bis heute keine wirklichen Fußballfans.
Sie fühlen nicht so wie ich fühle, denken nicht so wie ich denke und können mich manchmal nicht richtig verstehen, obwohl sie sich Mühe geben.
In der Grundschule und später auf dem Gymnasium waren aber die meisten um mich herum Fußballfans. Werderfans.
Ich noch nicht.
Mich interessierte das alles nicht, es war mir egal.
Ich war zweimal mit Freunden im Stadion aber ich wurde nicht zum Fan.
Aber irgendwann, da machte es ‚Klick‘.
Ich fing an, mich für Werder zu interessieren. Ich guckte mir die Ergebnisse an, dachte über die Tabelle und über mögliche Erfolge nach,
beschäftigte mich mit den kommenden Gegnern und wollte Werder jetzt auch (wieder) spielen sehen.
Ins Stadion gehen wollte ich eigentlich trotzdem nicht mehr.
Dann aber hatte ein Freund Geburtstag und lud mich ein, also bin ich mitgekommen.
Werder spielte gegen Mainz. In der Startelf stand Diego, der vor der Saison nach Bremen kam und direkt alle begeisterte. Auch mich.
Wenn er den Ball hatte, ging ein Raunen durchs Stadion. Alle, auch ich, verhielten sich gleich, wurden ganz nervös, ganz still und guckten nur auf ihn.
Das Führungstor schoss aber nicht Diego, sondern Vranjes. 1 zu 0 in der 60. Minute.
Alle jubelten, klatschten und freuten sich. Fremde Menschen umarmten sich und plötzlich fand‘ ich das alles toll.
Ich war richtig gut drauf und wollte, dass das nicht mehr aufhört.
In der 90. Minute schoss Werder dann das 2:0 – durch Diego.
Wieder waren alle am Feiern und als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff, da wurde der Jubel noch lauter.
Als ich zuhause war strahlte ich über das ganze Gesicht und meinte zu meinen Eltern: „Mama, Papa, ich bin jetzt Werderfan“.
Das war vor 7 Jahren.
Mittlerweile spielt Werder nicht mehr so schön wie früher und auch nicht mehr so erfolgreich, aber auch heute noch sage ich ganz stolz: „Ich bin Werderfan.“
Weil Werder mehr ist als ein Verein. Weil Werder pure Emotion für mich ist – sowohl endlose Trauer als auch endloses Glück.
Weil Werder für mich zu einer zweiten Familie geworden ist.
Aber so geht es nicht nur mir, sondern so geht es vielen Menschen in Bremen.
Werder ist Bremen – und Bremen ist Werder.
Doch da draußen gibt es noch viel mehr Werderfans, nicht nur in Bremen. Es gibt ganz viele Leute, die regelmäßig weit reisen, genau wie Du und dein Papa, um Werder spielen zu sehen.
Weil Werder mit ihnen genau das gemacht hat, was es auch mit mir gemacht hat – und sie das ganz toll finden.
Dann singen sie alle zusammen „Lebenslang Grün-Weiß“ oder „Wir sind Werder Bremen“ und fühlen sich gut dabei.
Vielleicht findest auch du eines Tages Werder ganz toll – und wenn nicht, dann ist das auch ok. 😉
Dann findest du eben einen anderen Verein gut.
Irgendwann, genau wie ich. Nicht dann, wenn jemand will, dass du einen findest.
Sondern dann, wenn du ihn gefunden hast. Vielleicht hast du ihn auch schon gefunden und weißt es nur nicht, genau wie ich damals.
Aber wenn es soweit ist, dann spürst du es.
Bis dahin drück ich dir die Daumen und hoffe, dass du mit deinem Papa noch ganz viel Spaß bei deiner Suche hast!
Tschüssi!

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