#39 Sebastian liebt den FC St.Pauli

Dies ist ein Brief für meinen Sohn. Eine Vielzahl netter Menschen hat sich die Zeit genommen um Jay-Jay ein paar Zeilen nieder zu schreiben und ihm Details zur Findung ihrer Fußballliebe zu verraten. In dieser Woche veröffentlichen wir jeden Tag um 09:31 Uhr (Fragen Sie nicht) eines der großartigen Werke unterschiedlichster Autoren. Innerhalb weniger Monate ist vielleicht sogar mit einer Antwort des Sohnes zu rechnen. Alle Briefe und Antworten findet man dann hier. Den ein oder anderen Posteingang könnten wir übrigens noch vertragen. Was es mit dieser ganzen Briefaktion überhaupt auf sich hat, kann man hier nachlesen. Über den curi0sen Brief von Sebastian habe ich mich besonders gefreut. Weil er besonders gut aussieht, eloquent, intelligent und charmant ist?

Nein, das hat mit ihm natürlich nichts zu tun. Ich mag den FC.St.Pauli tatsächlich ein wenig. Die Menschen in der Kurve haben mir beim Spiel, außer den Körperflüssigkeiten ( Das sollte ich erklären, oder?) viel gegeben und Sebastian selbst hat gemeinsam mit der vermutlich genau so wunderbaren Tante Polly uns zu unseren Tickets verholfen, was wiederum heißt, ich habe ihm die Körperflüssigkeiten…. Oh, wait. Wie auch immer. Viel Spaß mit Sebastians Geständnis.

 

Moin Jay-Jay,

am „Moin“ kann man meist erkennen, dass ich aus dem Norden Deutschlands komme. Aus Hamburg um es etwas genauer zu machen.

Hier gibt es seit ich mich mit Fußball beschäftige zwei Clubs, die ziemlich hart um die Liebe der Hamburger kämpfen. Der eine – der HSV – spielt draußen Autobahn, im hübschen und grünen Volkspark.St.PAuli Der andere – der FC St. Pauli – spielt mitten in der Stadt am Millerntor. Zwischen dem DOM (Jahrmarkt) und der Reeperbahn (Du warst da schon, wenn ich Deinen Papsi richtig gelesen habe..). Als ich so alt war wie Du jetzt, wohnte ich fast genau in der Mitte zwischen den beiden Stadien.

Ich fuhr bei Sonne mit dem Rad in den Volkspark, zum Radfahren, zum Minigolfspielen, zum Schwimmen gehen. Und zu den Bundesjugendspielen. Gibt es die heute noch? Früher mussten wir in der Schule einmal im Jahr so eine Art „Mini-Olympiade“ machen. 100 Meter laufen. Weitsprung. Werfen/Kugelstoßen. Und für die älteren noch mal 1.000 Meter laufen.

Das fand damals im Volksparkstadion statt. So hieß das, bevor sie es neu bauten und es zur Arena der vielen Namen wurde. Damals fing ich an, das Volksparkstadion zu hassen. Wegen der Bundesjugendspiele. Nicht wegen des HSV.

Und ich fuhr mit dem Rad in die Stadt. Oder mit dem Bus. Auf den DOM, später, als ich älter war dann auch auf die Reeperbahn. Irgendwo dazwischen dann auch zum Millerntor. Das erste Mal. Und ich blieb dort. Egal, wie das Wetter war. Um Fußball zu gucken, um Freunde zu treffen, um anzufeuern, zu singen, zu jubeln, zu leiden. Ich wurde St. Pauli-Fan.

Weil meine Freunde mich mit ins Stadion nahmen.
Weil ich mich dort zuhause fühlte.
Weil alles „gut“ war.

Und ich bin immer noch St. Pauli-Fan. Aus so vielen Gründen.

Ein paar davon, hat Maik hier auch schon aufgezählt http://www.wochenendrebell.de/17-frodo-liebt-den-fc-st-pauli/

Aber auch wenn St. Pauli irgendwie – da hat Maik recht – für viele der Verein ist, den man sich aussucht war es das für mich wenn ich ehrlich bin gar nicht. Für mich war der Verein einfach da, als es „soweit war“. Irgendwer erzählte mir mal, es gäbe Phasen im Leben, da sei man „verliebbar“. Phasen, wo emotional irgendwas so daneben geht, dass man  sich verliebt. Das passiert ja nun nicht jeden zweiten Tag. Und ich war wohl gerade „verliebbar“ und zufällig meinten Freunde, ich solle doch mal mitkommen.

Und dann war es um mich geschehen. Und ich war verliebt. In den FC St. Pauli. Unter uns, Jay-Jay… ich wäre vielleicht echt HSV-Fan geworden, wenn die Freunde mich in den Volkspark mitgenommen hätten. Wer weiß?

Jahre später kam dann „dieses Internet“, das ist jetzt schon lange her, und wahrscheinlich wirst Du Dich irgendwann erstaunt darüber wundern, dass es überhaupt jemals ein „vorher“ gab. Und „dieses Internet“ so sehen, wie ich diese Autobahnen und diese Telefonleitungen. Die sind einfach da. Jedenfalls, dieses Internet. Das führte dazu, dass ich immer mehr und mehr Fußballfans kennen lernte. Nicht nur (bisher leider nur virtuell, aber irgendwie ist das ja auch kennenlernen) Deinen Papsi, sondern eben zum Beispiel auch den Maik von oben. Aber der ist auch St. Pauli-Fan, und daher hier gerade kein gutes Beispiel. Aber ich lernte zum Beispiel auch Jan kennen. Der hat Dir geschrieben, warum er Hannover 96 liebt. http://www.wochenendrebell.de/16-jan-liebt-hannover-96/ oder Maria, die Dir erklärt hat, warum die Hertha aus Berlin so toll ist. http://www.wochenendrebell.de/8-maria-liebt-hertha-bsc/ Und Stefan, der Borussia Dortmund super findet http://www.wochenendrebell.de/7-stefan-liebt-borussia-dortmund/ oder Svenja, die die Fortuna liebt. www.wochenendrebell.de/svenja-liebt-fortuna-duesseldorf/

Und ich lernte so viele Menschen kennen, die hier gar nichts geschrieben haben, die auch ihre Vereine lieben. Alles aus Gründen, die mal mehr, mal weniger für mich nachvollziehbar waren. Alle aus Gründen, die mir klar machen, wie viele tolle Gründe es geben kann, einen Verein zu lieben.

Ich lernte Hamburger kennen, die Borussia Dortmund lieben, mit Haut und Haaren. Ich lernte Düsseldorfer kennen, die zum Effzeh Köln gehen. Ich lernte Berliner kennen, die zum HSV fahren, und Berliner,  die zum FC. St. Pauli fahren. Ich lernte Berliner kennen, die Union Berlin lieben. Lernte Münchner kennen, die „ihren“ FC Bayern lieben und Karlsruherinnen die den KSC und und und.

Überall da draußen rennen tolle Menschen rum, die ihren Verein lieben. Für die „ihr Verein“ der richtige Verein ist. Und Mit vielen davon  kann ich mitfühlen, weil ich weiß, wie es sich anfühlt. Und überall rennen Idioten rum. Bei dem einen Verein bestimmt mehr als bei dem anderen, aber so ist das eben. Weil Menschen eben manchmal Idioten sind.

Nun könnte man also sagen: Schau, Jay-Jay, schau Dir an, wo viele Idioten rumlaufen. Die Vereine sind es dann schon mal nicht.
Aber erstens ist das glaube ich nicht so einfach und zweitens …naja, würde man sich in jemanden nicht verlieben, nur weil die Cousinen und Cousins etwas auf den Kopf gefallen sind? Nee, oder?

Eigentlich ist es doch auch toll, wenn bei Vereinen mit vielen Idioten auch gute Leute sind. Gute Leute, die versuchen, ihren Verein besser zu machen. Die versuchen, aus den Idioten auch gute Leute zu machen. Weil sie die davon überzeugen wollen, dass die ab und an etwas doof sind. Und vielen gelingt das auch. Oder gute Leute, die im Zweifel versuchen, die Idioten einfach dazu zu bringen, sich ein anderes Hobby zu suchen als Fußball. Und die andere Gute Leute dazu bringen, mitzukommen, damit der Anteil guter Leute im Stadion größer wird.

Weißt Du, Jay-Jay, ich freue mich über fast jeden, der sich in den FC St. Pauli verliebt (natürlich nicht bei Idioten).
Aber irgendwie ist das glaube ich für Dich gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass Du Dich überhaupt verliebst.

Das ist doch das entscheidende, oder?

Dieses Gefühl, dass es DEIN Verein ist, und nicht nur ein Verein der irgendwie ganz schnafte ist und zu dem eine Menge netter Leute gehen.

DEIN Verein,  bei dem Du nicht nur mithüpfst, wenn ein Tor fällt, sondern wo bei wichtigen Toren Dein Herz Purzelbäume schlägt und Du alles andere für ein paar Minuten vergisst. Wo Du im Zweifel auch alleine hüpfst, wenn alle anderen stehen bleiben.

DEIN Verein, bei dem Du vielleicht auch mal heulend im Stadion stehst, weil Ihr abgestiegen seid. Oder ein Endspiel unglücklich verliert. Oder heulst, weil ihr gerade nicht abgestiegen seid und Du irgendwo zwischen erleichtert und glücklich bist.

Und ich sage „ihr“, weil es dann für Dich eben nicht mehr „Die“ (auf dem Rasen) sind, sondern weil Du dazu gehörst.

Irgendwie.

Weil das, was auf dem Rasen passiert auf eine absurde, bekloppte, irrationale Art und Weise zu einem Teil von Dir geworden ist. Ob Du willst, oder nicht. Und Du wirst Dich hoffentlich fragen, ob Du eigentlich bekloppt bist, dass Du Dir von 90 Minuten auf dem Rasen ein Wochenende versauen lassen kannst. Aber Du wirst wissen, dass 90 Minuten auf dem Rasen eben auch eine ganze Woche zu einer ganz besonderen Woche machen können.

DEIN Verein, bei dem Du vielleicht, hoffentlich, irgendwie das Bedürfnis haben wirst, mitzureden. Auf schlimm langweiligen Vereinsvollversammlungen, wenn es darum geht einen neuen Präsidenten zu bestimmen. Oder darum geht, ob und wenn ja wer den Stadionnamen kaufen darf. Oder wenn es einfach nur darum geht, dass alles so bleibt, wie es ist. Und eigentlich geht es um nichts. Aber Du bist eben da. Weil es DEIN Verein ist.

Abends um zehn in einem großen Saal mit vielen anderen, nicht, weil es gerade so viel Freude macht, sondern weil es für Dich wichtig und richtig ist, da zu sein. Weil man sich das eben antut, wenn es um Herzensdinge geht. Und weil DEIN Verein ein Herzensding für Dich ist.

DEIN Verein, bei dem Du einer von denen sein könntest, der sich über die Idioten ärgert.

Bei dem Du vielleicht sogar auf die Idee kommst, was gegen Idioten zu machen. Sei es, dass Du was sagst, wenn einer den Schiri „Du Schwuchtel“ nennt, oder dass Du Flyer verteilst, oder sonst irgendwas.

DEIN Verein, bei dem Dir wichtig ist, dass es weniger und nicht mehr Idioten werden.

Wenn Du irgendwann mal so von einem Fußball-Verein redest, haben hier glaube ich alle einen guten Job gemacht. Dein Papsi sowieso, aber auch all die Briefeschreiber. Weil eigentlich geht es ja darum, oder? Dass Du irgendwann mal mit einem Verein glücklich wirst.

Und wenn es der Effzeh wird, oder noch schlimmer der FC Bayern, dann ist Dein Papsi bestimmt irgendwie todunglücklich, weil Du Dich für die dunkle Seite der Macht entschieden hast (aber hey, komm zur dunklen Seite, die haben die Cookies!). Aber er ist bestimmt auch irgendwie glücklich wenn er sieht, dass Du mit DEINEM Verein glücklich bist.
Und zwar nicht nur, weil es sportlich läuft.

In diesem Sinne: Lieb doch, wen Du willst.

(Und wenn Du keinen Fußballverein findest… Eishockey oder Basketball sollen ja auch ganz nett sein.)

4 Gedanken zu „#39 Sebastian liebt den FC St.Pauli

  1. kiezkickerde

    Hm. Warum wird der Text bei Dortmund und der Fortuna plötzlich größer?

    Und mittels “Präsidenten wählen“ und “bestimmen, wer den Stadionname kaufen darf“ haste den Jayjay jetzt aber ganz schön eingeschränkt in seiner freien Vereinswahl, die ganzen Firmen fallen dann ja schon mal weg. Wobei das ja nicht schlimm ist. ;o)

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  2. Der 8. Tag

    Hallo liebe Fan-Gemeinde,

    habe ja schon mal Beiträge gelesen, bei denen ich zugegeben nach wenigen Zeilen wusste… Oh Gott oh Gott. Komischerweise zumeist von Anhängern irgendwelcher Vereine, die ich 0,0 mag (nach dem Motto: lieb zwar, wen Du willst aber hasse genauso leidenschaftlich die „Vereine“, die Dir nicht in den Kram passen :-).

    Für mich als Kölner gehören da im Übrigen weder Gladbach noch der Verein aus dem Dorf an der Düssel dazu (lieber 17 mal gegen solche Fußball-Clubs als 5 mal gegen Chemiekonzerne, Brausewerbungen, Volkswagen, Investorenspielzeuge, Fußball AGs mit Arbeiteranstrich, FC Bayern AG oder ähnliches aus der Unterhaltungs- und Werbeindustrie).

    In diesem Beitrag von Sebastien finde ich mich in jedem Fall zu 99% wieder. Danke! Danke auch für den Blog, macht immer wieder mal Spaß darin zu lesen und durch Euch Erlebnisse von Fußball und Konzerten geteilt zu bekommen.

    Ach so… JJ. Solltest Du Glauben mit dem Fußball verbinden wollen und es noch nicht wissen:

    Am 8. Tag schuf Gott den 1. FC Köln

    War vielleicht nicht der beste Tag, aber sicher der gelungene Abschluss unserer Schöpfungsgeschichte – in jedem Fall göttlicher als 95 (er) Glücksmomente 🙂

    Ne schöne Jrooß

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    1. Sven

      Hallo,
      da will ich doch gleich sagen, gut das Gott bis heute immer wieder Vereine schafft und nicht am 8. Tag aufgehört hat. Gegen wen sollte der EffZeh auch spielen, wenn es nur ihn gebe. 😉
      LG
      Sven

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      1. Der 8. Tag

        Hi Sven,

        sehr passend – Dank für den Doppelpass. Nur mit sich selbst zu spielen macht in der Tat keinen Spaß…

        Als tolerante Weltreligion in der Schöpfungsgeschichte einen Platz neben anderen gefunden zu haben passt allerdings weiterhin ganz gut 😉

        In diesem Sinne:

        Liebe Fußballanhänger,

        bleibt gläubig – egal bei welcher Religion Ihr gelandet seid -, gehet hin und vermehret Euch.

        Amen

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