#53 Roadie liebt Hannover 96

Hannover 96. Check. Vielen, vielen Dank an Roadie, zu finden hier in diesem Twitter.

Hallo Jay-Jay,

ich bin Roadie. So nennen mich zumindest die meisten im Internet. Euer Wochenendrebellen-Projekt verfolge ich schon fast 2 Jahre und denke, es ist langsam an der Zeit, dass ich dir auch etwas von mir und meinem Weg zum Hannover 96 Fan erzähle.

Ich wurde Ende der 70er Jahre als erstes Kind zweier am Fußball desinteressierter Eltern geboren. Der Legende nach verhielt sich das bei mir von Anfang an anders. Ich wollte immer zugucken, wenn ich im Kinderwagen an kickenden Menschen auf Bolzplätzen oder Wiesen vorbei geschoben wurde. Daran kann ich mich aber nicht erinnern, denn da war ich noch zu jung.

Woran ich mich erinnern kann ist, dass meine Eltern, bevor mein Bruder zur Welt kam, in einer Neubausiedlung zwischen Hannover und Bremen ein Grundstück gekauft und ein Haus gebaut haben. Dieses Grundstück grenzte an einen Spielplatz mit Asche-Bolzplatz. Und da spielten täglich die Jungs aus der Nachbarschaft und ich schaute zu. Mitspielen durfte ich nicht, da ich ca. 2 – 3 Jahre jünger war als die jüngsten von ihnen und dazu auch noch ein Mädchen. Aber das war mir egal. Zugucken war sowieso viel schöner als spielen. Etwas Angst hatte ich schon vor den großen Jungs und ihren manchmal sehr harten Schüssen.

Irgendwann kamen weitere Kinder in meinem Alter. Mit denen hab ich dann vormittags, während die Großen in der Schule waren, Fußball gespielt. Und irgendwann erlaubten die Großen uns dann mitzuspielen, weil die Ältesten von ihnen mit anderen Dingen zu beschäftigt waren, um täglich zum Bolzen zu kommen.

Vorher mussten wir uns aber noch festlegen: Bayern oder Werder? Du fragst dich jetzt vielleicht, warum nicht 96 oder Werder, wenn wir doch zwischen Hannover und Bremen lebten. Aber damals spielte 96 meist in der 2. Liga und es gab auch nicht so viel Fußball im Fernsehen wie heute. Und wenn, wurde fast nie über 96 berichtet. Internet hatten wir auch noch nicht und wir Kinder hatten so kaum Zugang zu 96. Ich schonmal gar nicht, wo bei mir zuhause Fußball kein Thema war.

Ich hatte zwar von Bayern und Werder schon auf dem Bolzplatz gehört, wusste aber mit beiden nichts anzufangen. Ich entschied mich aus dem Bauch heraus für Bayern. Zu Hause erklärte ich an dem Abend, dass ich ab jetzt Bayernfan wäre und wünschte mir gleich einen Schal und Wimpel zum noch Monate entfernten Geburtstag.

Von da an musste natürlich auch die Bundesligakonferenz im Radio gehört und die Sportschau geschaut werden. Letzteres war anfangs schwer durchzusetzen, aber nach einer Weile gehörte der TV samstagabends mir.

Für die WM 1986 konnte ich dann auch meine Eltern etwas begeistern, so dass ich zumindest die Spiele der deutschen Mannschaft im Fernsehen verfolgen durfte. Leider reichte die Begeisterung nicht aus, dass mein Betteln, mit mir mal ein Fußballspiel im Stadion zu schauen, fruchtete.

Zu den Bayern war es ja eh zu weit und so blieb mir nur neidisch auf die „Bremer“ vom Bolzplatz zu schauen, die hin und wieder mit einem ihrer Väter ins Weserstadion fuhren und hinterher viel zu erzählen hatten. Etwas später fuhren viele der „Bayern“ aus unserer Gruppe ins Niedersachsenstadion zu 96. Ich durfte nicht mit, weil das angeblich zu gefährlich gewesen wäre.

Irgendwann gab mir mein Sportlehrer, der auch für die örtlichen Zeitungen Sportberichte schrieb, eine Freikarte für ein Spiel des TSV Havelse. Der spielte in der Oberliga Nord, was damals die dritthöchste Liga war. Das Stadion war per Fahrrad mit den Kumpels vom Bolzplatz gut zu erreichen und somit musste ich meine Eltern nicht um Erlaubnis oder darum mich zu fahren bitten.

Die TSV-Kampfbahn war ein kleines Stadion, aber es waren wohl so 3.000 bis 4.000 Zuschauer da. Ich hatte noch nie so viele Menschen gesehen, die sich auch so für Fußball begeisterten wie ich. Und dazu dann noch die Trommeln, Gesänge und gemeinsamen Anfeuerungsrufe. Ich war begeistert und ging von da an häufiger hin.

Havelse stieg am Ende der Saison in die 2. Bundesliga auf. Das Heimspiel gegen Hannover 96 wurde wegen des großen Zuschauerinteresses ins Niedersachsenstadion verlegt. Und da ich meinem Vater das Versprechen abgerungen hatte, die Havelse-Heimspiele in der 2. Liga im Stadion sehen zu dürfen, bekam ich dann endlich die Erlaubnis, ein Spiel im Niedersachsenstadion zu besuchen.

Das Stadion war zwar nur halb gefüllt, aber in Verbindung mit der Anreise, der Beleuchtung und der Stadiongröße trotzdem viel aufregender und beeindruckender, als die havelser Kampfbahn.

Ende der Saison stieg Havelse wieder ab. Aber weil das so gut geklappt hat mit der Anreise ins Niedersachsenstadion und ich inzwischen schon älter war, durfte ich die kommende Saison mit Freunden auch zu Heimspielen von 96 fahren. Und am Ende meiner ersten „96-im-Stadion-sehen-Saison“ gewannen sie den DFB Pokal. Als Zweitliga-Mannschaft!

Der Bayernwimpel an meiner Kinderzimmerwand musste natürlich dem 96-Wimpel weichen. In der 1. Liga freute ich mich zwar immer noch, wenn Bayern besser war als Bremen, aber wichtig war für mich eigentlich nur noch 96.

Später hatte ich auch ein paar Saisons eine Dauerkarte, damit ich kein Heimspiel verpasste. Sogar als 96 in der Regionalliga war habe ich fast alle Heimspiele im Stadion gesehen und es kam auch das ein oder andere Auswärtsspiel hinzu. Das war jedes Mal wie ein kleines Abenteuer. Die Erlebnisse mit den Freunden bei der An- und Abreise und im Stadion und die netten Leute, die ich dort kennengelernt habe haben mich mit 96 immer stärker emotional verbunden. Deswegen habe ich bei Spielen von Hannover immer ein besonderes Kribbeln im Bauch, das ich bei Spielen anderer Mannschaften nicht kenne. Auch, wenn ich viele Spiele ohne 96-Beteiligung schaue, einfach weil ich Fußball so toll finde. Aber die zusätzliche Emotionalität fehlt etwas.

Hätte ich mich damals auf dem Bolzplatz für Bremen statt Bayern entschieden, wäre ich vermutlich mit den „Bremern“ ins Weserstadion gefahren und hätte ähnliche Erlebnisse in Bezug auf Werder gesammelt und wäre jetzt Werderfan. Gut, dass mein Bauchgefühl damals schon so verlässlich war und das zu verhindern wusste.

Ich wünsche dir und deinem Vater noch viel Spaß bei der Suche nach deinem Verein und freue mich auf weitere Berichte.

Liebe Grüße,

Roadie

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