Ahle Wurst

Man stelle sich vor im Stadion eines Vereins, dessen Fans und Teams sich überwiegend schwarz-weiss kleiden hängt einsam ein rotes Banner am Zaun mit der Aufschrift

„Reichsstadt XYZ“.

Man stelle sich vor in diesem Verein gäbe es einen Capo, der bekennendes, aktives Mitglied der NPD sein soll.

Man stelle sich vor, der Fanclub, der fleißig Pfandspenden im Stadion sammelt soll ebenfalls seinem Vorsitz unterstehen.

Man stelle sich vor man möchte sich beim Fanbeauftragten des Vereins darüber informieren und stellt fest, dass dies der Bruder desjenigen ist über dessen unbehelligtes Auftreten man verwundert ist.

Man stelle sich vor, man schneidet das Thema nur kurz an und wird dann unmittelbar vor den aktiven Anwälten des Herrn 2.Vorsitzenden und Gefolge gewarnt.

Man stelle sich vor man fragt bei diesem Verein per Mail an, was es mit den Vorwürfen auf sich hat und wofür konkret die Spenden genutzt werden und erhält keinerlei Antwort.

Man stelle sich vor, dass dies also in einem Verein ein völlig normaler, geduldeter oder sogar akzeptierter Zustand ist.   Ekelig, oder?

Aber kommen wir zu einem anderen Thema .

 

Wenn ein Spiel Null-Null endet, fahren wir eben noch einmal in das Stadion. So lange, bis wir in diesem Stadion ein Tor gesehen haben. Diese neue Regel, die erstmals nicht vom Sohn befohlen wurde, sondern die ich ihm nicht ganz uneigennützig anbot, weil ich einfach Bock hatte, noch einmal zum Fußballklub Union aus Berlin zu fahren und weil der Sohn gerne sehen wollte, wie an der Anzeigetafel jemand aus dem Fenster die erste „Eins“ aushängt, galt nun erstmals an diesem Freitag.

Die eindrucksvolle Choreographie zu Beginn des Spiels packte uns sofort…

Mit diesem Satz hätter der Blogpost beginnen können, wenn wir uns logischerweise für einen Ausflug zum 1.FC Kaiserslautern entschlossen hätten.

Paderborn.

Auf dem Betzenberg.

Joar, hätte ich mir gegönnt. Wir waren aber nicht in Kaiserslautern.

Die Fans des Tabellenführers machten schon vorm Anpfiff lautstark klar:

Hier regiert der 1.FC Köln.

Dresden auswärts. Beim EFFZEH.

Ich muss zugeben: Es gibt schlimmere Partien, und aufgrund eines anderen Regelverstoßes mussten wir ja sowieso auch noch ein Mal zum Kölner Bökelbergstadion.

Auch so hätte der Blogpost beginnen können, aber wir waren nicht in Köln.

Der Sohn, der sich ein Spiel am Freitag aussuchen durfte, während ich dafür freie Auswahl am Samstag hatte, entschied sich für den fußballerischen Feinschmeckergipfel des

VfR Aalen gegen den SV Sandhausen.

Freitag, der Dreizehnte. Vierundvierzig handverlesene Sandhäuser Schlachtenbummler haben die Anreise nach Aalen gewagt. In die Zweitligametropole von der der Sohn glaubt, die berühmte „Ahle Wurst“ hätte hier ihren Namen her, was natürlich Unsinn ist, was wir aber schnell geklärt bekamen, bei Grünkohl mit Kassler im Bordbistro, welches ebenfalls nicht aus Kassel kam. Also das Fleisch, nicht das Bistro.

„Jay-Jay, Aalen hat nichts, wofür es bekannt ist. Jedenfalls ist mir nichts bekannt.“

Nach Ankunft am Aalener Bahnhof war ein trotteliges „der Menge hinterherlaufen“ mangels Masse leider nicht möglich. Kurze Nachfrage am ZOB brachte schnell die Lösung.

„Nimmschtdiefünundreischisch odaaaa vierundreischischumfünfundreischischbischhochschul.“

Wir haben uns dann doch lieber durch den Fahrplan gewühlt und die Linie Nummer fünfunddreissig um fünf nach halb sechs genommen, und sind an der Haltestelle, irgendeiner Schule, ausgestiegen, von der aus man die Flutlichter sehen konnte. Weitere fünf Minuten Fussmarsch später, und schon waren wir in der Hölle.

Ich weiss nicht, nach wie vielen Spielen wir von der fiesen Verbindung eines betrunkenen Vereinsverantwortlichen und einem zugekoksten Mediaberater berichteten, die eine Praktikantin kurz nach Abschluss der 5. Klasse ihre kranken Marketingsloganideen verwirklichen ließ.

In Aalen wusste man zu überraschen.

Man warb um Werbende. Für nur 699 € sichert man sich ein Werbepaket inklusive handsigniertem Trikot seines Lieblingsspielers, sowie zwei Eintrittskarten für ein Spiel des VfR Aalen, versprach der Stadionsprecher und verwies auf den aktuellsten Käufer dieses attraktiven Paketes.

„Jimbo Autowäsche – Das Unternehmen mit der wohl prägnantesten Werbung der zweiten Liga“ donnerte er ins Mikro, bevor auf der Anzeigetafel das Logo der Autowaschdrückerkolonne erschien und ein Elefantentröten das Stadion beschallte. Zum Glück muss ich den Scheiss nicht öfter hören.

Törööööt!

Wir nahmen unsere Plätze ein. Reihe drei. Haupttribüne. 26 €  für den Papsi, 7 € für den Sohn. Man gönnt sich ja schon nichts, und wenn einem schon einmal solche Leckerbissen in nicht einmal sechshundert Kilometern Entfernung geboten werden, dann darf das auch schon mal ein wenig was kosten.

Wobei, um den positiven Aspekt von diesem Besuch gleich abzuhaken, ich die Differenz von meiner Karte zur ermäßigten Karte für den Sohn überaus fair empfand. Ich kann mich aktuell nicht daran erinnern, für einen Sohnemann-Sitzplatz schon einmal weniger bezahlt zu haben.

Nun ja, kurz vor Anpfiff und spätestens mit Erklingen der ersten Aalen-Hymne Zeilen war klar, dass dies sicherlich nicht eines von Papsis Tourhighlights zu werden scheint.

Arschkalt, die Wurst schmeckt ätzend und von den viereinhalbtausend Zuschauern erklingt aus 500 Kehlen:

Bitte hören Sie selbst!

 

Tim Wassmer, einer der Interpreten dieses Bretts von einer Hymne, dichtete laut seiner Homepage schon Songs für RTLs „Die Camper“ und Gassenhauer wie „Dosenbier und Kartoffelsalat“ mit sehr gefühlvollen Zeilen, die ich hier aber berechtigterweise nicht veröffentlichen darf.

Mir bluteten die Ohren, und ich sehnte mich nach einem kräftigen, reinigendem „Töröööööt!“ von Jimbo und seinen Jungs, musste mich aber zunächst an der vollen Aalener Pyro-Power ergötzen, die ein wenig an Robbie Williams‘ Angels-Live-Auftritte erinnerte, die ich nie erlebte, die aber sicherlich ähnlich anmuteten.

O.K., die Wunderkerzen qualmten mehr, aber ansonsten nicht sonderlich spektakulär. Die Aalener Fans konzentrierten sich ansonsten auch eher auf ihren etwas monoton vorgebrachten Support.

Törrrrrööööööt!

Mitten im Spiel ertönte schon wieder dieses ekelhafte Geräusch, welches aufgrund der immensen Lautstärke penetrant im Ohr schallte.

Für schlappe 700 Ocken erhielten Jimbo und seine Truppe wohl auch das Eckballsponsoring inklusive.

Sohn war belustigt: „Wie in Köln, Papsi. Wie in Köln. Jetzt fehlt nur noch ein echter Elefant als Maskottchen.“

„Tja Jimbo, wie sieht’s aus?“  Dachte ich mir. Loser.

Das Desaster endete nicht. Die gesonderte Begrüßung verletzter Spieler zu Beginn wirkte in Anbetracht dessen, dass die Grüße von der örtlichen Apotheke gesponsert wurden, schon befremdlich. Aber die überdimensionale Armbanduhr, die dann ca. 50 % der Anzeigetafel einnahm, um gemeinsam mit dem Firmenschriftzug von Edifice und dem mir höhnisch entgegen schlagenden Slogan: „C’est la vie“ auf ca. 5 % der Fläche die absolvierte Spielzeit anzuzeigen, war dann doch eher schon Abteilung „traurig“ anstatt „belustigend“, zeigt aber auch, wie viel Image man abgeben muss, in Liga zwei, für 699 €.

Töröööööööt. Eckball.

Sohn überkam der erste Hunger, so dass ich im angrenzenden Foodcourt versuchte, was Essbares zu erstehen. Anstatt einer dieser unsäglich Paycards handelte man hier mit verschiedenfarbigen Marken, die man zunächst separat kaufen musste. Ich besorgte gelbe Marken (Wurst), blaue Marken (Kaffee), grüne Marken (kalte Getränke), um dann beim Kauf eines Kaffees am Donutstand zu erfahren:

„Wir nehmen nur D-Mark.“

Sie musste lachen, ich konnte nicht mehr. Die Verkäuferin erklärte mir, dass wohl der Wunsch Vater des Gedanken war, ich hingegen erläuterte ihr, dass ich in Anbetracht des kargen Zuspruchs bei diesem Spiel davon ausging, die Euroeinführung hatte sich bis hierhin noch nicht rumgesprochen. Sie lachte nicht mehr. Ich bekam einen Donut gratis.

Mein Highlight.

Töröööööt.

Mein Signal. Ich musste los. Eckball. Der Sohn erhielt Donuts und Papsi Kaffee, während wir dem auch qualitativ schwächsten Spiel unserer gesamten Tour beiwohnten. Keine Torraumszenen, und das Fanfeuerwerk der wohl befreundeten Ultraszenen blieb auch aus. Mir war es aber auch egal. Ich war entsetzt über das farblich auffällig Banner, ansonsten schluckte mich und meine Aufmerksamkeit der stupide hingerotzte und fortwährend gleiche Support der Aalener Fans.

Törööööt.

Es muss so ca. nach einer Viertelstunde gewesen sein. Der Aalener Fanblock hat die Spickzettel für den Text eines weiteren Stück Liedguts Aalener Fußballgeschichte ausgepackt und ich beginne mit meiner mentalen Vorbereitung auf den morgigen Tag.

Energie Cottbus – Fortuna Düsseldorf.

Natürlich wählte ich dieses Spiel, nachdem der Sohn mir die Wahl ließ.

Cottbus fehlte noch, und die Fortuna war nach dem Trainerwechsel im Aufwind. Um dem Sohn den Trip nach Cottbus möglichst objektiv und neutral zu gestalten, kaufte ich Karten für den Gästeblock und ein Fortuna-Düsseldorf-Trikot. Letzter Versuch. Letzte Chance.

Törrröööööööt.

Das Getröte riss mich aus meinen Träumen vom Kantersieg am kommenden Tag. Mit dem Sohn im Gästeblock hüpfend und die Leistung und den Sieg der Fortunen feiernd.

„Gegen alle Stadionverbote!“ begleitet von Bannern, die den DFB darum baten, mit sich selbst Geschlechtsverkehr zu betreiben, gingen auch am Sohn nicht kommentarlos vorbei.

Wir diskutierten und ich versuchte, ihm die Thematik nahe zu bringen, scheiterte jedoch an der klaren Definition, was man wann und wie oft getan haben muss, um welche Stadionverbotsdauer zu bekommen.

Ich war mir zunächst nicht sicher, ob er überhaupt begriffen hatte, dass es nicht darum geht, ein wenig Unsinn zu machen, und trotzdem war er für Stadionverbote; oder er fand es zumindest nicht gut, gegen alle Stadionverbote zu sein, denn wenn man schlimme Sachen macht, muss man ja auch bestraft werden.

Sichtlich angefasst von seiner wirklich schlüssigen Argumentation wurden wir jäh unterbrochen.

Töröööööööt. Eckball.

Mitte der zweiten Halbzeit wurde mir kalt. Es lag nicht daran, dass im Stadion gefühlte fünfzehn Grad Minus herrschten, sondern vielmehr an der Eiseskälte meines Sohnes. Er genoss es ein wenig, zu sehen, wie mich das Getröte, das Spiel, die Fans, die Kälte, das gesamte Stadion nervten. Der gesamte Ausflug war bis dato der Tiefpunkt unserer Reise, dem man bis auf einen Gratis-Donut nichts positives abgewinnen konnte.

Mit der Präzision eines Chirurgen setzte der Sohn den Killersatz:

„Ein Null-Null wäre ja echt klasse, dann müsstest Du das alles noch einmal aushalten.“

Mir wurde ruckartig schlecht, und auch der daraus resultierende Nervenkitzel entschädigte  mich nicht für diesen fragwürdigen Ausflug. Ich dachte darüber nach, einen offenen Brief an den Geschäftsführer des VfR Aalen zu schreiben und mich zu beklagen, wegen der Ahlen Wurscht und der fehlenden Verbindung und der gleichzeitig alt schmeckenden Wurst und dem Werbegau und dem stupiden Support und wegen der nervigen Stimme von Anne Klöckner, die in der Halbzeit die tollen Vorteile der Stadtwerke Aalen anpries und wegen Jimbo und seinen verbrecherischen Methoden.

Vielleicht sollte ich ihm aber keinen Brief schreiben. Vielleicht sollte ich sparen, bis ich 699 € übrig habe und mir in der nächsten Saison ein attraktives Heimspiel-Paket sichern. Ich hätte eine Menge toller Ideen, wie ich das Spiel visuell und phonetisch bei jedem Eckball aufwerten könnte.

Ich würde mich erfreuen können an den entsetzen Omas, denen die Beissklappen runterfallen, den Vätern, die abrupt beim Blick auf die Anzeigetafel ihren Söhnen die Augen verdecken, und den Müttern, die ihren Töchtern die Ohren zuhalten, wenn sie in den Genuss meines Audio-Slogans kommen.

Das Spiel würde mir Freude bereiten, und bei jeder Torraumszene würde man in angsterfüllte Gesichter blicken, die flehend Eckbälle verhindert sehen möchten.

Schlusspfiff. Null-Null. Wir kommen wieder, aber zuvor muss ich sparen.

Auf der Anzeigetafel wirbt eine Kneipe mit dem Vorschlag, die 3. Halbzeit dort zu absolvieren. Der Slogan: „Unsinn. Blödsinn. Apfelbaum.“ bezieht sich vermutlich auf die Reihenfolge des Erlebten, wenn man nach dem Spiel die entsprechende Lokalität aufsucht. Alkoholkonsum nach diesem Spiel anzupreisen, macht Sinn.

Die erste sinnig platzierte Werbung.

Jetzt auf in den Zug nach Karlsruhe, dann mit dem Nachtzug nach Leipzig und morgen früh von Leipzig nach Cottbus. Ich werde entschädigt werden. Großzügig. Alles wird am Samstag nach Spielende einen Sinn ergeben. Das Leid wird ein Ende haben. Fümmenneunzich olé.


7 Gedanken zu „Ahle Wurst

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    1. rebiger

      Danke Dir. Es wäre aber einfacher (und daher mE auch sinnvoller), wenn man einfach unter dem Artikel auf einen Button klicken könnte. Mal sehen, vielleicht erbarmt er sich ja…

      Antworten
  5. Sascha

    Hätte dieses Blog einen Flattr-Button, Du würdest reich. Oder hättest wenigstens die Kohle für die Bahnreisen wieder raus. So bleibt mir nur die Hoffnung, dass Du alle Geschichten irgendwann mal bündelst und als Buch herausbringst.

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