Allet wird jut

Projekte, Projekte, Projekte. Es gibt Tage, an denen ich mich selbst wundere, wie bescheuert man sein muss, um sich Dinge aufzuhalsen, die eigentlich nicht mehr zu wuppen sind.

Allein die Versprechen, die ich dem Sohn gab.

Es gibt Vereinbarungen bezüglich unserer Stadientouren, er möchte 2019 den Marathon laufen, wir wollen 2016 zusammen eine große Reise machen und zu guter Letzt musste ich im versprechen, dass ich diese Welt irgendwann ein klitzekleines bisschen besser mache, bevor ich gehe.

Wir sprachen über den Tod. Wir sprachen darüber, ohne das Wort „Tod“ zu 2013-11-10 11.26.04benutzen. Nicht weil es mich beängstigte, sondern weil er es so offensichtlich vermied, dass auch ich es tat. Meine Tante war in der Woche verstorben und obwohl Jay-Jay dieser Frau nicht sonderlich nahe stand, hat er wohl erstmals begriffen, dass man irgendwann einmal nicht mehr da ist. So körperlich.

Das Gespräch verlief schnell in die entsprechende Richtung und es verdeutlichte sich, dass er zunächst einmal ganz egoistisch die Sorge hatte: „Was mache ich dann ggf. so alleine?“

Ich erinnerte mich auch sofort daran, dass mich das Thema „Tod“ in der sehr frühen Jugend intensiv beschäftigte. Es ging wohl soweit, dass meine Mama es für notwendig erachtete, den Kinderpsychologen aufzusuchen, da das Thema wohl mehr Platz in meinem Alltag fand, als es üblich war.

Ich versicherte ihm, dass ich nie wirklich weg sein werde, und dass ich von jedem Ort des Universums auf ihn achten werde und ihm helfen werde, wo auch immer ich bin. Wir landeten schnell bei der oft verwendeten, von mir bis dato verhassten Beschreibung der Wolke, als Aufenthaltsort für Menschen, die man lieb gewonnen hat.

Ich musste schmunzeln, was mich angesichts der Thematik verwirrte, denn über den Tod schmunzelt man nicht. Aber es ließ sich nicht verhindern. Jay-Jay dröselte das Thema auf seine gewohnt sachliche Art und Weise auf.

„Und wenn keine Wolke am Himmel ist? Wo bist Du denn dann?“

„Warum fällst Du nicht durch die Wolke durch?“

„Das dürfte auf Dauer zu kalt da oben sein, oder?“

„Es sind schon so viele Menschen gestorben, wird der Platz nie knapp da oben?“

„ Wie erreiche ich Dich denn da?“

Ja, ich sollte an meinen Argumentationsfähigkeiten arbeiten, denn Jay-Jay lässt dort nicht viele Argumente gelten, sofern ich sie nicht wissenschaftlich fundiert unterlegen kann. Macht es nicht einfacher. Trotzdem half es mir, ein so ernstes Thema sachlich mit ihm besprechen zu können. Ich habe ja auch Angst vor dem Tod. Eigentlich nicht vor dem Tod selbst, sondern vor der Zeit direkt davor.

Ich habe intensive Angst, irgendwann einmal zu spüren, dass es bald soweit sein könnte, und sich rückblickend fragen zu müssen, ob man seine Familie genügend geliebt hat. So mit Taten, nicht nur mit dem Herzen oder mit Worten. Das ist vielleicht der Haupthintergund der Projekte, wobei zugegebenermaßen „Projekte“ als Maßeinheit für Liebesintensität sowohl zu sachlich als auch kacke klingen. Aber man versteht vielleicht, was ich meine.

Ich möchte, dass er zurückdenken kann an den völlig ausgelaugten Papsi, als dieser beim Marathon im Ziel einlief, ich möchte, dass er sich an die Party zur Feier des 1000. Stadionbesuches erinnert, dass er von der tollen Reise in die USA schwärmt, die wir gemacht haben, und dass er findet, dass die Welt tatsächlich ein bißchen besser geworden ist. Und dass ich eben da war. Immer. Und er nun das Vertrauen hat, dass sich das auch niemals ändern wird.

Dann wären ca. 33% meines Lebensziels erreicht. Man müsste nur noch schauen, wo ich die Klone herbekomme, die sich um meine Frau und meine Tochter kümmern, die ich kein X* (*= die Maßeinheit Ihrer Wahl) weniger liebe, für die aber nach Abzug der benötigten Zeitreservoirs irgendwie immer zu wenig Papa und Ehemann übrig bleibt. Und arbeiten soll man auch noch.

Eine der Perversitäten der Geschehnisse rund um den Flugzeugabsturz in dieser Woche ist doch, neben dem widerwärtigen Umgang großer Teile der Medien, dass man diese oftmals klischeehaft wirkende Floskel „es kann so schnell gehen“, so unvermittelt als tatsächlich mögliche Realität direkt und unvermittelt in die Fresse geschlagen bekommt.

So viele Menschen, die sich vielleicht um die Erreichung ihrer Lebensziele noch gar nicht im Detail Gedanken gemacht haben, sind ums Leben gekommen. Menschen, die nicht wissen, was für ein Gefühl es ist, sicher zu sein, den Mann oder die Frau fürs Leben gefunden zu haben, die das Gefühl nicht kennen, das eigene Kind ein erstes Mal im Arm zu halten. In Anbetracht meiner Situation, darf ich mir eigentlich nur völlig ironiefrei die Frage stellen, wie viel Glück ich in meinem Leben verdient habe und noch verkraften kann.

Wo will ich hin?

Ich lerne viel von Jay-Jay. An manchen Tagen ich mehr von ihm, als er von mir.

2014-01-12 15.18.38Er hat heute sein Schwimmabzeichen in silber gemacht. Er hat mich nicht angerufen und es mir erzählt, er hat nicht einmal über Whatsapp oder Twitter geschrieben.

Er wolle mich nicht an der Arbeit stören. Eigentlich hat er es ja nicht so mit Rücksicht.

Wisst ihr, was dieses Schwimmabzeichen für den jungen Mann bedeutet? Mal so ganz fernab von seiner mangelhaften Motorik, die ihm einen unnachahmlichen Schwimmstil abringt und das Ziel somit von vorne herein schon recht anspruchsvoll ist.

Ich erwähnte es einmal recht beiläufig hier, dass er es seinen Großeltern zu verdanken hat, dass er heute überhaupt schwimmen kann. Er hatte früher große Angst vor Wasser, das tiefer war, als er groß ist. In den Anfangszeiten mussten wir ausmessen, wie tief das Wasser im Babybecken ist, damit er sich ausrechnen kann, ob er, sollte er stolpern, im 30 cm tiefen Becken liegend untergehen könnte.

Mein Dad war es, der in seinem ganz eigenen, seit ca. sechs Jahren andauerndem Projekt, den Sohnemann zu den spannendsten Orten mitschleppte. Der Sohn interessierte sich für Züge, Opa und Oma buchten mit ihm eine Fahrt mit dem Glacier Express. Der Sohn interessierte sich für Vulkane, Man flog gemeinsam zum Vesuv.

Dann entschieden sie, sein völlig verändertes, fast ausnahmslos positives Verhalten in Urlauben, nicht nur zur Stärkung von Interesse, sondern auch zum schwächen von Schwächen zu nutzen. Mallorca, Türkei, Ägypten. Malediven, Thailand… der Knabe hat mehr gesehen, als ich in meinem restlichen Leben sehen werde.

Die ersten Urlaube verbrachte er am Meer, in das er sich maximal knöcheltief weit vorwagte, und den Wellen beim Rauschen zusah. Es schien sehr beruhigend auf ihn einzuwirken, jedenfalls waren meine Frau und ich immer schwer erstaunt, wenn meine Eltern nach Rückkehr von seinem Verhalten berichteten.

Es dauerte einige Urlaube, bis aus knöcheltief hüfttief, aus hüfttief etwa Schulterhöhe wurde und er schließlich, nach zwei bis drei Panikabbrüchen, mit Opa letztes Jahr zum Schnorcheln ging.

Noch heute beschäftigt ihn die Tiefe sehr und er erklärte mir neulich erst eindrucksvoll, wie viel lieber er dann in drei Meter tiefen Wasser absaufen wolle, anstatt in einem sechs Meter tiefen Becken. Das hat meistens erstaunlich viel Substanz, wenn man seinen Erklärungen lauscht, und versteht, wie er denkt.

Oftmals sind diese scheinbar abstrusen Aussagen Möglichkeiten, nach deren Entschlüsselung man ein einzelnes Problem, welches vielleicht seinem Asperger-Autismus geschuldet ist, wirklich lösen kann, weil man versteht, was ihn bedrückt oder ihm Kopfschmerzen bereitet. Selten nachhaltig, aber oft zumindest für den Moment.

Opa hat ihn geschickt gelockt. Von Urlaub zu Urlaub vorgeschwärmt, was man da und dort alles machen könnte, wenn man schwimmen kann, oder schnorcheln, was schwimmen ja wiederum zur Voraussetzung macht.

Dann kommt Jay-Jays größte Stärke zum Einsatz: Sein Ehrgeiz und sein unbändiger Wille.2014-02-02 17.21.58 Der kleine Schweinepriester ist aus dem Stand neun Kilometer mit mir gejoggt, als ich ihm die Marathon-Nummer ausreden wollte, und spontan mit ihm eine lockere Trainingseinheit startete. Im Charlie-Chaplin-Laufstil, aber in einem acht-Minuten-pro-Kilometer-Durchschnitt, was ich für einen damals Achtjährigen durchaus beachtlich finde. Seine Gesichtsfarbe nahm beim Lauf oftmals hoeneßke Züge an, aber er wollte weder pausieren, noch mal ein paar Meter spazieren gehen, und ließ sich nur auf eine Unterbrechung ein, weil der alte Papsi so dringend verschnaufen musste.

Dieser Ehrgeiz trug ihn auch heute durchs Wasser. Meine Frau schilderte mir, wie er seine Schmerzen beschrieb, die er auf den letzten Bahnen hatte und die Lehrerin ihm zurief, er dürfe nicht langsamer werden, weil es sonst zeitlich eng werden könnte. Er musste sechzehn Bahnen in fünfundzwanzig Minuten schwimmen, und auch die von ihm gehasste Rückenlage anwenden. Für die hatte er sich gleich auf den ersten Bahnen entschieden, was ihn zu viel Kraft gekostet haben dürfte. Aber er hat es durchgezogen. Der Kerl, der mit fünf noch zitternd knöcheltief im schönsten Badeurlaub jeden weiteren Schritt verweigerte, sprang vom Dreier, was für ihn aber mittlerweile keine große Herausforderung mehr war, und absolvierte alle gestellten Herausforderungen, um sein Ziel, das Schwimmabzeichen in silber, zu erreichen.

Ich weiß jetzt wieder, wo ich hin will mit diesem Blogpost. Und ich weiß auch wieder, was ich von ihm gelernt habe. Vielleicht sollten wir uns öfters aktiv unseren Ängsten stellen. Das scheint ihnen Kraft zu nehmen. Wie so ein Vampir. Einfach die Angst aussaugen und in was positives verwandeln. Das ist vielleicht der passendste Vergleich, wenn ich Jay-Jays Umgang mit manchen Ängsten rückblickend versuche zu verstehen. Wenn er Angst hat, vor diesem Vampir, der sich dort in seinem Kleiderschrank zu verstecken scheint, steht er auf und schaut nach. Vampire sind ja wissenschaftlich schließlich nicht so ganz eindeutig belegt. Und jedes Mal findet er was anderes in seinem Kleiderschrank. Manchmal einen Sack voll Mut, eine fette Tüte Kampfgeist oder wenigstens ein kleines Päckchen Trost.

Wenn nichts davon zu finden ist, dann hängt da zumindest immer ein Schild:

„Jay-Jay, du bist der beste Sohn der Welt.“

Wir kriegen das schon hin. Alles. Mach dir keine Birne. Allet wird jut.

6 Gedanken zu „Allet wird jut

  1. Pingback: Neunnachneun | Ansichten aus dem Millionendorf

  2. Jacky

    Ich wünsche euch allen ein schönes, erfülltes Leben mit viel Liebe. Diese Liebe soll euch Kraft geben, alle Stürme im Leben zu überstehen.❤

    Antworten
  3. Jeky

    Es ist jetzt schon besser als gut. Weil Sie sind, wie Sie sind. Sechser im Eltern-Lotto. Und weil Sie solche wunderbaren Blogposts schreiben.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.