One Schritt Wonder?

 

Motiviert von der Beendigung oder zumindest schon längerfristig andauernden Aussetzung meiner Raucherkarriere hatte ich noch im alten Jahr den Entschluss gefasst mich sportlich wieder etwas mehr zu betätigen.Und ähnlich wie die Wahrscheinlichkeit des lebenslangen Glücks bei Traumhochzeiten trotzte ich dem Anlass nicht und nahm das Ziel „Laufen“ mit in die Rubrik : Vorsätze 2013 auf.Aber wie war das gleich mit Zielen? Spezifisch, messbar….Bei der Raucherentwöhnung hatte ich gute Erfahrung gemacht mit öffentlichem Druck.  Möglichst vielen Leuten , teils Bekannte teils mir auch völlig fremde Menschen hatte ich von meiner letzten Zigarette berichtet. Gerne auch ungefragt und trotz sichtbar geringem Interesse.Ich brauchte einen Gegner. Einen starken, motivierenden, angsteinflössenden Gegner.  Zu diesem Gegner ein andermal mehr.

So, zog ich denn dann los am 01.01. des Jahres 2013 nachdem weder die schlechte Witterung (Regen) ,nicht meine angestaubten, ausgehärteten Laufschuhe (feels like Gipskarton) und auch nicht meine defekten Kopfhörer mich davon abhalten konnten. Mein Outfit…(Der Trainingsanzug (Frühe 90er,Mausgrau mit grauen Streifen)  und die Wollstrickmütze.)….

Mein Outfit  war jedenfalls Anlass für meine Frau mich zu bitten so nicht aus dem Haus zu gehen während zeitgleich mein Sohn beängstigt meine Frau umarmte und stammelte

„Mami, wer ist der Mann?“ Es war Zeit zu gehen.

Die für mich nicht nachvollziehbaren Rückmeldungen zu meinem Erscheinungsbild verwandelten sich in deutlichere Aussagen , als ich die entsetzten Blicke unserer Nachbarschaft sah. Diese erfassten mich kurz nach der ersten Betätigung der Runtastic-App (Version Free) und dem Einsetzen erster schneller Schrittfolgen.Den Blicken entnahm ich die Sorge es könnte sich um einen Gewaltverbrecher handeln, der sich dort maskiert aus dem Hause der Familie Collini* geschlichen haben.(*Name geändert;)

Doch! Niemand! Konnte! Mich! Heute! Aufhalten!

Der Nachbarort und zugleich Wohnort meiner Eltern waren als erstes Ziel angepeilt. Mit dem Auto waren dies so ungefähr 6 km . Dies sollte für einen ersten Lauf, quasi die erste sportliche Betätigung seit ungefähr 12 Monaten reichen.

Kilometer 1

Auf den ersten 1000 Metern lassen sich die Gefühle noch gar nicht eindeutig klassifizieren. Stolz und Misstrauen wechseln sich ab in der Beurteilung ob es nun wirklich notwendig ist am 01.01.2013 durch die Karpaten zu rennen.Unsicherheit und Selbstbewusstsein  sind sich uneins  in der Kategorisierung des Outfits und des gesamten Auftretens.Als unerfahrener Läufer umgibt einen  (vielleicht ging es auch nur mir so) die ganze Zeit auch dieses seltsame Gefühl, das man zu langsam läuft oder beim Laufen einfach sehr unvorteilhaft  aussieht. Seltsamerweise hatte ich diese Gedanken aber auch nur auf Kilometer 1. Später sollten mich anderen Thematiken auf Trab halten oder auch vom Trab abhalten.

Kilometer 2

So wie Euphorie die Fortuna oder die Eintracht 2012/2013 durch die Hinrunde trug , so transportierte  es mich durch die Meter 1001-1999.Hoch motiviert erreichte ich den Waldrand  meines Wohnortes und wurde demnach auch sofortig von den verächtlichen Blicken  der Ortsbewohner (einer schüttelte sogar den Kopf) verschont. Es war so einfach und in der Atmosphäre des Waldes und der unsagbar schönen Ruhe konnte es nur noch besser

noch einfacher

noch gemütlicher-

noch schöner werden.

Ich war motiviert genug jegliche Lehren der Trainingspädagogik und Wettkampflogik zu widerlegen. Ein wahnsinnig gutes Gefühl welches ich gerne länger als die zweieinhalb Minuten konserviert hätte.

Kilometer 3

Auf Kilometer drei wechselte mein Gefühlsleben unerwartet und kurzfristig in den  Zweifelmodus.Schuld war eine relativ lange Pause zwischen zwei „Stone sour“ Songs, die es mir erstmals ermöglichten die Geräusche zu vernehmen, die ich auf meinem Weg  -mir fällt kein minderwertigeres Wort ein-  so „absondere“. Das dumpfe, nicht sonderlich elegant klingende  Geräusch meiner Schuhe beim Auftreten gepaart mit der keineswegs kontrolliert  wirkenden Atmung ließen mir schlagartig bewusst werden, das ich nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt habe und jetzt schon hechele wie ein heisser Köter im Hundeharem. Ich fing an in Gedanken mit mir selbst intensive Gespräche zu führen. Haupttenor der beiden Gesprächskontrahenten war in jedem Fall, dass eine Rückkehr wenn dann jetzt angestrebt werden sollte .Jetzt war die letzte Möglichkeit umzukehren ohne den Gesamtweg zu verlängern. Allerdings wäre dann auch jedem klar, dass ich den Weg bis in den Nachbarort nicht vollkommen abgeschlossen habe. Dem „Ich-brauche-den-Druck-Prinizip folgende konnte ich meine fürchterlich große Schnauze vor dem Laufen natürlich nicht halten.Sollte es sich als Fehler herausstellen meinen Dad schon vorher zu bitten mich nachher nach Hause zu fahren wenn ich rübergejoggt gekommen bin?“  Und wie habe ich sein schmunzelndes „ Aber klar, komm einfach rüber “ im Nachhinein zu verstehen?  Fragen über Fragen , zu deren Beantwortung mit einfach zu wenig Zeit und Luft fehlte.

Kilometer 4

Schmerz. Brennender tiefer Schmerz. Am schlimmsten war es im Bereich der Lunge. Aber auch die Beine, Arme und der Rücken schmerzten. Ein recht neuartiges Gefühl. Ich kannte das Schmerzgefühl am Tag  nach dem Sport aber dies war gänzlich neu und vor allem unangenehm.Bloss nicht stehenbleiben hatte mich ein Bekannter gewarnt. Nicht stehen bleiben?

Wie sieht es mit hinlegen aus-Einfach hier hinlegen? Leise sterbend.

Dieses Brennen nahm kein Ende und meine Bewegungsabläufe verlangsamten sich deutlich.

„Ich bin Jack´s brennende Lungenflügel.“

Dazu muss man gestehen, dass meine Bewegungsabfolgen  auch auf den ersten drei Kilometern  nicht unbedingt von hoher Dynamik geprägt waren. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, das Wort „Dynamik“ würde Unterlassungsklage einreichen wenn es wüsste in welchem Zusammenhang es dort verwendet wurde.

Kilometer 5

Ich versuchte mich abzulenken und lauschte intensiver der Musik. Auch dies verursachte aber nur Probleme , weil man selbst den banalsten Songtexten plötzlich Botschaften entnimmt.

Billy Talent-Turn your back (“ you run, run away but there is no place to hide…)

Royal Republic-Full Steam Space Machine (Hab immer nur eine Dampfmaschine vor mir gesehen)

Genoss ich soeben noch die Ruhe und die Stille hier im Wald so beschäftigte mich jetzt ernsthaft die Sorge wer mich hier denn bitte finden möge wenn ich jetzt einfach kollabierend umfalle. Wieso wird man vor dieser Gefahr nicht gewarnt? Hier ist keine Menschenseele. Und hier wird vermutlich in dieser Woche auch niemand mehr vorbeikommen.

Zum Glück liess das Brennen im Lungenbereich nach. Ich funktionierte. Die Beine bewegten sich und ich spürte so etwas wie vorwärtskommen. Dieses Gefühl wiederum war mir recht vertraut. Auch wenn meine sportlichen Betätigungen lange Zeit zurück lagen so konnte ich doch immerhin so eindrucksvolle Titel wie:„Kreis-Cross-Wald-Lauf-Junioren-Meister vorweisen.“Ich erinner mich jedenfalls gut an diese meist ca. 10 km langen Crossläufe wo es immer wieder auch zu Phasen kam, wo man einfach gelaufen ist ohne direkt darüber nachdenken zu müssen. Ähnlich erging es mir jetzt. Vermutlich nur mit 10 % der damaligen Geschwindigkeit.

Seltsamerweise hörte ich auch aus dem MP3 Player nun auch andere „Botschaften“

Rise against-But tonight we dance (“Breath deep and easy , swallow this pride…..” )

Kilometer 6

Zwei Rehe.

Ca. 100 Meter entfernt. Sie stehen mitten auf dem Weg. Wer diese scheuen Tiere kennt kann also erahnen mit welch atemberaubender Geschwindigkeit ich unterwegs gewesen sein muss.

Die Augen dieser Geschöpfe sind vermutlich einfach nicht in der Lage Bewegungen in dieser Geschwindigkeit wahrzunehmen. Bevor ich aber das Telefon zum Fotografieren hervorgekramt hatte waren Sie schon weitergezogen. Dieses doch recht schöne Erlebnis riss mich aber ein wenig aus dem   Trott des „Rennenmüssens“ und ich genoss erstmals auf der gesamten Strecke den doch recht schönen Ausblick, den ich auf dieser Strecke hatte.

„Ich bin Jack´s geniessende Augen.“

Für mich der Wendepunkt. Selbst der kurze Schock , dass ich weder den Zielort noch das dazwischen Nachbardorf sehen konnte obwohl die 6 km Grenze schon überschritten ist lächelte ich mühsam weg.

„Ich bin Jacks eiserner Willen.“

 

Kilometer 7

An der Ecke des Waldrandes stand ein Auto. Es störte den Ausblick ungemein. Es fiel sehr negativ auf.Am Auto stand jemand am Kofferraum und packte irgendwelche Klamotten ein.Vor einer halben Stunde hätte mich in meinem Sauerstoffmangelwahn vermutlich die Angst gepackt wegen der Leiche , die der Mann ja ganz offensichtlich in seinem Kofferaum verstaut.In der mittlerweile recht geerdeten Verfassung konnte ich aber nur schmunzeln, da für mich der Fall recht klar war. Mit dem Auto hier die Riesenstrecken abdecken und dann irgendein Miniläufchen durch den Wald machen. Das sind mir die Richtigen. Fauler Sack.Und je näher ich kam umso mehr baute mich der Typ auf. Sein Trainingsanzug war mindestens genau so hässlich.

Als ich noch näher kam bemerkte ich , dass es sich um jemanden aus meiner Straße handelt. Welch Fest. Einen Tag am Laufen und du findest gleich jemanden , der weniger läuft als du und dann noch mit so einem Trainingsanzug . Bingo.Keine gute Idee jedoch war Ihn auf seine Bequemlichkeit anzusprechen, dass er mit dem Auto fuhr.

Es war nicht sonderlich bestätigend für mich, dass er mir erklärte er fährt meistens mit dem Auto bis hierhin, weil er keinesfalls im Ort gesehen werden will in seinem Outfit (Ich glaube ich murmelte:“Scheisse!“) und es von hier aus genau passt wenn man die große Runde bis Hofgeismar und wieder zuück läuft sind es immer genau 12 km , die er dreimal die Woche zurücklegt. (Nochmal „Scheisse und ein arroganter Arsch oben drauf“).

„Yo, muss dann weiter.“

 

Kilometer 8

Das ich auch dieses Kapitel noch schreiben darf hängt in erster Linie mit einer meiner unnachahmlichen Superkräfte zusammen. Ich kann Tatsachen völlig verdrängen und absoluten Schwachsinn vor mir selbst als wissenschaftlich belegten Fakt darstellen.Nur weil es bis zu meinen Eltern mit dem Auto  6 km bis zum nächsten Ort sind muss das ja nicht unbedingt über die Felder ein genau so langer Weg sein. War mir natürlich von vorneherein klar.Das aber der Unterschied am Ende 50 % beträgt und  mich diese 3 Kilometer mehr wirklich schmerzen werden war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar.

Nun war aber mental eine Hochphase erreicht in der mich nichts und niemand mehr aufhalten konnte. Was hatte ich nicht alles erlebt in dieser einen Stunde meines Lebens. Wundervoll. Einfach wundervoll.

Dazu stieg natürlich jetzt auch, vermutlich ausgelöst durch den Ausstoss irgendwelcher ….tonine, das Glücksgefühl diesen inneren Schweinhund überwunden zu haben.Unfassbar schön.

„Ich bin Jacks unendlich prall erigierter…, “ ach lassen wir das.

Jedenfalls wuchs auf dieser Strecke auch das Bedürfnis dieses Erlebnis niederzuschreiben. Erst wollte ich sogar ein Buch darüber schreiben, hatte aber gesehen dass alle interessanten Titel wo das Wort „Kampf“ vorkam schon vergeben waren. Dann macht es keinen Sinn.

8,91 km in 1 Stunde 5 Minuten und neununddreissig Sekunden.

962 verbrannte kcal-Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,1 km/h und eine maximale Geschwindigkeit von 13,4 km

 

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