Autismus-Experten im Interview, Folge 2

In Folge zwei der Interview-Reihe mit Autismus-Experten freue ich mich, dass Benjamin Falk sich bereit erklärt hat unsere Serie zu unterstützen.

Benjamin podcastet in seiner Reihe „Hawk spricht mit….“ mit Gästen rund um Themen des Aspergerautistischen Spektrums oder bespricht im Duo mit Cris sehr persönliche Aspekte zur Thematik Asperger bzw. Autismus-Spektrum Selbst die nun etwas länger zurückliegenden Folgen sind hilfreich um mehr über Autismus im Allgemeinen oder Asperger zu verstehen. In seinem Blog Realitaetsfilter beschreiben Autisten ihren Autismus in 500 Worten und er berichtet sehr vielfältig über die mediale Berichterstattung zum Thema, sowie über Wahrnehmung, autistische Kultur, sowie über Forschung und vieles, vieles mehr.

Für mich persönlich war sein Blog selbst mit seinen vielen Empfehlungen und Verlinkungen eine große Hilfe auch Jason besser zu verstehen. Vielen Dank, Benjamin.

 

Hallo, magst du dich vielleicht kurz vorstellen?

Hallo, ich bin Benjamin Falk. Viele kennen mich auch als Hawk oder @h4wkey3. Ich bin irgendwann als Jugendlicher als Asperger-Autist diagnostiziert worden, was mittlerweile schon mehr als 10 Jahre her ist. Wenn ich nicht grade Dinge zu Autismus ins Internet schreibe oder spreche, werde ich dafür bezahlt irgendwas mit Computern zu machen.

Danke, dass du dir die Zeit nimmst. Wann und wie hast du das letzte Mal deine Behinderung als ein Problem wahrgenommen?

Gerne. Das ist schwer zu sagen. Dadurch, dass ich mittlerweile schon vor recht langer Zeit diagnostiziert wurde, konnte ich es an vielen Stellen in meinem Leben so einrichten, dass ich für viele Probleme Lösungen oder Umgehungen gefunden habe, welche für mich so in den Alltag übergegangen sind, dass ich sie häufig nicht mehr als etwas Besonderes wahrnehme. Das heißt natürlich nicht, dass ich keine Probleme habe. Wenn aber alles gut läuft, sind es Probleme, mit denen ich mich arrangiert habe.

Was ich allerdings trotz aller Arrangements konstant merke ist, dass mir häufig Energie fehlt um Dinge zu tun, die ich eigentlich gern tun würde. Auch wenn ich mich in den meisten Alltagssituationen arrangiert habe, kosten mich die Problemlösung- und Vermeidungsstrategien trotzdem mehr Energie, als ein Nicht-Autist brauchen würde um vergleichbare Situationen zu bewältigen.

Wann ist zuletzt und vielleicht kannst du ein konkretes Beispiel beschreiben der Umgang der Gesellschaft für dich in Verbindung mit deiner Behinderung zum Problem geworden?

Da die meisten Menschen nichts von meinem Autismus wissen, ist die Frage recht schwer zu beantworten. Ich habe das Glück, zumindest empfinde ich es für mich als Glück, in den meisten Situationen unauffällig zu wirken, so dass ich nicht als behindert wahrgenommen werde. Die Menschen die davon wissen haben das erst von mir erfahren, nachdem ich sicher war, dass sie mit mir nicht anders umgehen.
Leider passiert es manchmal trotzdem, dass Menschen die mich eigentlich länger und besser kennen sollten auf meinen Autismus reduzieren. Zum Beispiel hat vor einiger Zeit eine Freundin eine selbstironische Aussage von mir „Wie gut dass ich keine Gefühle habe“ ernst genommen und ich musste einiges an Erklärung leisten um das zu korrigieren.

Was würdest du Eltern mit auf den Weg geben wollen, deren Kind mit Autismus diagnostiziert wurde?

Vermutlich wäre es „Keine Panik“. Ich erlebe es häufig, dass für Eltern in dem Moment in dem sie die Diagnose erfahren haben eine Welt zusammengebrochen ist und sie wollen das ihr Kind „normal“ ist, damit es unbeschwert und glücklich leben kann. Dabei wird ihnen von vielen Menschen vermittelt, dass eine Therapie, die ihr Kind Normal macht , heilt oder was auch immer, der einzige Weg ist glücklich zu werden.
Dabei schließt sich Autismus und eine glückliche Kindheit und ein glückliches Leben nicht aus. Wichtig ist, dass man sein Kind akzeptiert und ihm das Gefühl gibt richtig und geliebt zu sein. Natürlich wird es Probleme geben. Aber für diese Probleme wird es Lösungen geben, die funktionieren ohne sein Kind zwingend in die vermeintliche Normalität pressen zu müssen. Sprecht mit erwachsenen Autisten was ihnen in diesen Situationen geholfen hat oder hätte. Und wenn ihr an dem Punkt seid eine Therapie zu brauchen, sucht eine, die an den Problemen arbeitet, die Autismus mit sich bringt, nicht am Autismus.

Was macht dich glücklich?

Tage an denen ich mich komplett auf ein Projekt konzentrieren kann ohne noch 3000 andere Aufgaben zu haben, die ich eigentlich auch erledigen müsste und die mich immer wieder rausbringen.

Was nervt dich?

Spontane Planänderungen. Mittlerweile bringen Sie mich nicht mehr komplett aus dem Konzept. Trotzdem ist es anstrengend seine gemachten Pläne immer wieder an neue Situationen anpassen zu müssen.

Was ist dein Lieblingsfilm und warum?

Das ist eine gemeine Frage, da es viel zu viele extrem gute Filme gibt, bei denen ich mich unmöglich auf einen festlegen kann. Ich habe allerdings ein Faible für Katastrophenfilme und es gab da mal eine sehr schöne Alternate-History-Doku über den dritten Weltkrieg von Guido Knopp. Ich habe allerdings keine Ahnung warum mich Weltuntergangsszenarien so faszinieren.

Beende diesen Satz: „Der Film Rain Man ist …..“

ein Spielfilm über eine spezifische fiktive Person, aber kein Film über Autismus.

Für was engagierst du dich?

Asperger-SyndromIch versuche mich, naheliegender Weise, für die Aufklärung über Autismus und im Moment verstärkt gegen menschenverachtende Pseudotherapien einzusetzen, welche versuchen ohne Rücksicht auf Autisten Autismus zu heilen. Das mache ich in der Regel in meinem Blog, oder meinem Podcast. Leider gibt es da wesentlich mehr sehr gute Projekte, als ich die Zeit finde mich einzusetzen. Glücklicherweise gibt es andere Autisten, die die Zeit finden für großartige Projekte wie zum Beispiel www.autismusfaq.de.

 

Welche Frage hättest du hier noch gerne gestellt bekommen?

Why did the chicken cross the Road?

Kläre mich bitte auf, ich lese immer hier etwas von der Autismus-Wunderheiltherapie ABA? Was hat es damit auf sich?

Im Grunde ist ABA genau eine dieser Therapien, die ich in vierten Frage, was ich Eltern auf den Weg geben möchte, meinte. Im Grunde ist ABA nichts anderes als Konditionierung, wie sie auch in der Hundeerziehung eingesetzt wird, bei der positives Verhalten wie Blickkontakt belohnt und negatives, das heißt autistisches, Verhalten bestraft wird. Dabei geht es nur darum, dass die Kinder möglichst normal wirken und sich verstellen, nicht ob sie glücklich sind.
Das perfide an ABA ist, dass es sehr gut vermarktet wird und den Eltern erklärt wird, es sei die einzig wissenschaftlich erwiesene Methode, Autismus zu heilen, wobei Heilung hier bedeutet, dass das Kind gelernt hat sich ununterbrochen zu verstellen um nicht weiter bestraft zu werden.

Welchen Blog empfiehlst du Eltern von autistischen Kindern um sich zu informieren?

Da Autismus ein Spektrum ist und es „den Autisten“ nicht gibt, empfehle ich Eltern immer möglichst mehrere Blogs zu lesen um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Ähnlichkeiten und Unterschiede im autistischen Spektrum es geben kann. Die drei Blogs die ich dabei in der Regel empfehle sind:

Welches Buch empfiehlst du Eltern von autistischen Kindern um sich zu informieren?

Buchempfehlungen sind immer schwierig, da es tatsächlich nur sehr wenige Bücher gibt, die ein wirklich umfassendes Bild liefern, dass den unterschieden innerhalb des autistischen Spektrums gerecht wird. Eine, immer noch, gute Einsteigerlektüre kann „Ein ganzes Leben mit Asperger Syndrom“ von Tony Attwood sein. Das bezieht sich allerdings auf Asperger-Autisten. Ansonsten gibt es mittlerweile auch einige Bücher, die von Autisten selbst geschrieben wurde. Meine Empfehlung ist auch hier möglichst verschiedene Bücher, sowohl von Fachkräften, als auch von Autisten selbst zu lesen um sich selbst ein möglichst differenziertes Bild zu machen.

Vor welcher unsinnigen Aussage, die man den Medien oft entnimmt oder die falsche Autismus-Experten verbreiten möchtest du Eltern von autistischen Kindern warnen?

Es gibt so viele unsinnige Aussagen, vor denen kann man gar nicht allen warnen. Ich denke ein guter Tipp ist es im Allgemeinen alle Aussagen in denen eine Autismus-Ursache bekannt gegeben wird mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Seit der „Entdeckung“ von Autismus hat mittlerweile so ziemlich alles Autismus ausgelöst, von Kühlschrankmüttern, über Impfungen, bis hin zu Milch. Im besten Fall waren diese Aussagen unfundiert, im schlimmsten Fall vorsätzliche Lügen.

Hier wird die Antwort auf Frage 10 eingefügt, wenn du diese beantworten magst.

10 Jahre lang war das Huhn auf der Flucht gewesen. Es hatte sich bereits überall versteckt, Vom Polarkreis bis in den tiefsten Regenwald hatte es die abgelegensten Orte gefunden und sich dort niedergelassen nur um einige Monate später mitten in der Nacht vom dem Motorenjaulen herannahender Jeeps geweckt zu werden und wieder fliehen zu müssen. Als es grade versteckt zwischen zwei Frachtkisten im Bauch eines Militärtransporters im Luftraum über der nördlichen Mongolei saß hatte es die Idee, wo sie es niemals finden würden.

Es stand mit dem Rücken zu seinem alten Haus, die Fenster eingeschlagen, der Rasenmäher vor der Garage liegend, wie er ihn vor 10 Jahren fluchtartig zurückgelassen hatte. Vor ihm war die Straße, dahinter das Haus seines Nachbarn und dahinter, unverändert der Hühnerstall mit den knapp 20 Hühnern seines Nachbarn. Hier konnte es untertauchen, ohne dass sie es fanden.

 

Lest und hört mal rein. Asperger-Autismus

Hier gehts zu Folge 1 der Interview-Reihe mit Autismus-Experten und wer Lust hat mitzumachen meldet sich einfach unter radiorebell@wochenendrebell.de

 

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