Blaue Faust auf weissem Grund

Endlich.

Ende März 2014.

Die Saison ist fast vorbei, die Liga lange tot und für die Wochenendrebellen hatte eigentlich gerade erst einmal die Winterpause ihr Ende gefunden.

Abgesehen von unserem kleinen Ausflug nach Strümp war es ruhig um unsere Reisen geworden. Die Nachwirkungen einer beruflichen Veränderung binden mich zeitlich nun noch etwas intensiver und lassen eine zuverlässige längerfristige Planung einfach nicht mehr zu. Schade, aber vorerst wohl nicht zu ändern.

 

Nach einer kurzfristigen Absage unseres Hamburg-Trips in der Vorwoche sollte es nun nach München gehen. Das Team von 1860 München erwartete dort den 1. FC Kaiserslautern. Eine Paarung, die bei einem erstaunlich großen Teil der Fußball-Timeline auf Twitter für Würgereize sorgte. Die pflichtbewusste Abneigung des ein oder anderen FCB`lers gegenüber den Münchener Löwen mag ich in Ansätzen noch nachvollziehen, auch wenn mir spontan der ein oder andere Bayern-Fan einfällt, der sich in Anbetracht des Löwen-Fangesangs „Wir sind blau, wir sind blau, wir sind blau…“ durchaus angesprochen fühlen dürfte. Bei der klaren Abneigung gegenüber dem Team aus der Region tue ich mich doch ein wenig schwerer, aber ich bin diesbezüglich auch nicht immer so genau im Thema.

Dieses mangelhafte Wissen rund um den Sympathiefaktor der Mannschaften und des Anhangs der 1. und 2. Bundesliga brachte mich dann am vergangenen Sonntag auch erstmals ein wenig in die Bredouille.

 

„Scheiß FC Bayern, wir singen Scheiß FC Bayern, Scheiß FC Baaaaaayern, wir singen Scheiß FC Bayern!“

 

„Versteh ich nicht“, höre ich meinen treuen, liebenswerten Stadionbegleiter neben mir, auf eine Antwort hoffend, sagen.

 

„ S-c-h-e-i-s-s F-C B-a-y-e-r-n…“, wiederhole ich es ihm, langsam aber überdeutlich einprägsam und in der lieblichsten, all meiner mir zur Verfügung stehenden Tonlagen.

 

„Das meine ich nicht – warum singen die gegen den FC Bayern? Die spielen doch heute gar nicht. Und ausserdem müssten doch zumindest die Münchener sich mit den Bayern verstehen. Die teilen sich doch auch ein Stadion.“

„Jay-Jay, es ist kompliziert.“

Aber was soll ich einem Jungen auch erzählen, der beim Thema „Teilen“ dann auch schon sein ganz eigenes, ganz besonderes Weltbild mit in die Beurteilungswaagschale wirft.

 

„Wäre es nicht einfacher, sie würden ins Stadion gehen, wenn der FC Bayern spielt und dann singen?“

Ich erkannte früh, auf welch verlorenem Posten ich in dieser Diskussion stand und vertröstete ihn auf eine Diskussion zu späterem Zeitpunkt.

Das Wetter war äußerst bescheiden und meine mangelhafte Vorbereitung strafte mich nun, in der Eiseskälte mit Herrenslippern auf der Tribüne sitzend.

Die Hinfahrt hatte bereits geschlaucht, weil der Sohn gerne wissen wollte, wo die Nazis im Düsseldorfer Block herkamen.

Die wären doch schon seit Jahrzehnten tot.

Wenn es so einfach wäre.

Der Schatten der Vorfälle im Frankfurter Volksbankstadion lag aber irgendwie auch auf unserer Tour.

 

Der Autor nutzte während des Schreibens dieses Blogposts die Umsteigezeit am Bahnhof Würzburg für das Studium der offiziellen Stellungnahme von Fortuna Düsseldorf zu den Vorkommnissen in Frankfurt.

 

Ich kann damit leben, dass wir uns spielerisch nicht weiter entwickeln, ich kann mit grottigstem Aufbauspiel leben, ich kann damit leben, dass innerhalb der Mannschaft weiterhin viele von ihren AnnoDazuMal-Meriten leben.

Ich kann auch damit leben, dass auch unter Köstner, außer ein wenig mehr Stabilität in der Defensive, wenig erfolgsversprechendes System zu erkennen ist, aber ich teile mir nicht den Verein, die Farben und den Block mit Faschisten und deren Sympathisanten.

Dass dies etwas ist,  was wohl bei den allerwenigsten Vereinen zu einhundert Prozent auszuschließen ist, ist mir klar. Ich habe auch keine Erwartungshaltung gegenüber diesen Menschen und ihrer stumpfsinnigen Haltung und ihrem gefährlichem Gedankengut.

Aber ich habe eine Erwartung an die Anhängerschaft meines Vereins, sowohl im Kern als auch auf der Haupttribüne. Ich habe eine klare Erwartungshaltung an das Team und jeden einzelnen Verantwortlichen des Vereins.

Positioniert euch.

Positioniert euch klar und eindeutig.

Die Zeiten, in denen es möglich ist, solche Problematiken auszusitzen, hat es nie gegeben und die Zeit, wo man sich als Verein darauf berufen kann, es hätte ja schließlich eine Stellungnahme gegeben, sind ebenfalls vorbei.

Es steckt doch auch schon drin im Wort.

Stellungnahme.

Dann nehmt oder bezieht bitte auch Stellung, und sülzt nicht so einen belang- und inhaltslosen Einheits-PR-Brei aus dem „Kommunikations-Seminar“.

Klare Kante.

Wieder einmal ein positives Beispiel diesbezüglich liefert wohl der FC St.Pauli, wie man aus diesem Blogpost eindrucksvoll entnehmen kann.

Stadiondurchsagen, eine Mannschaft mit einer klaren Botschaft auf einem Banner, ein Spot über die Videoleinwand usw…

Es spricht ja nicht dagegen, zu diskutieren, sich an einen Tisch zu setzen, Dinge zu klären, Standpunkte auszutauschen.

Es gibt aber auch Themen, zu denen man seinen Standpunkt als Verein klar und deutlich kommunizieren kann muss, ohne vorab achtundtrölfzig Stimmen gehört zu haben.

 

Dem Auto dieses Blogposts wird schlagartig bewusst, um welches Thema es eigentlich hier gehen soll.

 

Das Spiel gefiel. Die Löwen können schließlich auch noch aufsteigen, wenn sie heute gewinnen. Denn Paderborn bleibt ja sowieso nicht vorne und alle anderen werden ja am Schluss der Saison immer nervös.

So erklärte es uns zumindest André, der neben Fußballfachmann auch ausgewiesener Kettenraucher war, was es uns schwer machte. Glücklicherweise bot sich reichlich Platz in der Allianz-Arena, so dass wir das Spiel in der zweiten Halbzeit dann auch aus besserer, unvernebelter Perspektive genossen.

Apropos Allianz-Arena. Vielleicht auch ein guter Zeitpunkt, mit diesem elenden Gerücht rund um das Stimmungsloch in der Arena aufzuräumen.

 

O.K., nur knappe 25.000 Zuschauer bei einem Spiel dieser Güteklasse sind jetzt eher enttäuschend („Die Eventfans fehlen, sonst wären es beim FCB auch nicht mehr“, Quelle: André), aber die Stimmung war durchaus erwärmend.

Das lag zum einen sicherlich an stimmgewaltigen Lauterern, die ich nochmals intensiver als in Dresden empfunden habe, zum anderen aber auch daran, dass man kaum stupide runtergespulten Singsang hörte, sondern durchaus intensiven, durch den Spielverlauf beeinflussten Support.

 

Lediglich die beiden Väter, die ebenfalls ihre in etwa sechs Jahre alten Söhne mit ins Stadion gebracht haben, verwirrten mich. Während der eine seinen Sohn immer zielsicher in Andrés Nebelschwaden parkte, gelang es Daddy Nummer Zwei, innerhalb von fünfundvierzig Minuten alle nur erdenklichen Schimpfworte runter zu spulen. Inklusive des Ohrensohns.

Sie erinnern sich vielleicht.

 

Was soll ich noch sagen?

Jay-Jay ließ durchblicken, dass er innerhalb Münchens zumindest einen klaren Favoriten hat, und dass er gespannt ist auf die roten Teufel daheim. Er will aber jetzt auch noch mehr drum herum erfahren. Warum sind das die Teufel, warum teilen sich die Münchener ein Stadion? Können die sich nicht jeder eines leisten? Wieso schmeißen die Düsseldorfer die Nazis nicht einfach raus? Einiges ergooglet er sich, einiges fasst er als eigenen „Blogbeitrag“ zusammen.

 

Er ist so ein harmoniebedürftiges, friedliches Kerlchen.

Ach, einen Schal hat er sich auch wieder ausgesucht.

1860

Bei “ Egal welche Faust in Nazi-Fresse“ hätte ich vermutlich zwei gekauft.

Ja, ja, ich weiß. Gewalt ist keine Lösung.

Next Stop: Fürth gegen Düsseldorf.

Der Papa mal ohne den Sohn. Flagge zeigen.

 No Nazis!

 

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