Boxen.Lude

Sprecher: „Das 1:0 in der 15.Spielminute durch unsere Nummer 9………Paul“

Zuschauer: „Müller“

Einpeitscher: „Paul“

Zuschauer:  „Müller“

Stadionwilli: „Pauuuuuuuuuuuul“

Zuschauer: „Müüüüüüüüüüülllllllllaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa“

Stadionhorst: „Neueeeeeeeeer Spielstaaaaaand…… Wiiiiiiiiiiiiir“

Zuschauer: „aiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiins“

Sprecher:  „die andern“

Zuschauer: „Nuuuuuuuuuuuuull“

Der Blödmann: „Danke“

Zuschauer: „Bitte“

Der Blödmann wieder: „Viel Spass Euch noch“

Zuschauer: „Dir auch“

Ich : „Fu.. y..!“

Ich hasse es!

Diese ätzend aufgeblasenen und völlig überhypten Toransagen gehen mir auf den Zeiger. Hey, es ist nichts dagegen einzuwenden den Torschützen entsprechend zu würdigen zu feiern und seinen Namen ins ehrwürdige Rund zu schmettern.

Tore sind essentiell und gehören gebührend abgefeiert, aber das Szenario welches sich dann im Stadion teilweise abspielt ist einfach nur peinlich. Die DFL legt so viel Schwachsinn fest. Ich fordere die Regel, dass der Stadionsprecher mit der Tordurchsage fertig sein muss bevor der Wiederanpfiff erfolgt. Egal in welcher Phase seiner zwölfstufigen Toransagenekstase er sich befindet. Der neunte Offizielle sitzt neben ihm und dreht ihm pünktlich mit Anpfiff den Saft ab.

Träumchen.

Mit dem Nachtzug aus Freiburg kommend auf die sündige Meile gepurzelt und nach einem ausgiebigen Frühstück im Schweinske, marschieren die Wochenendrebellen gemütlich die Reeperbahn hinunter um im KFC an der Ecke einen letzten Drink zu nehmen. Es regnet. Schon ungewöhnlich, dass während ganz Deutschland von schönem Wetter spricht, wir anscheinend zielsicher die einzigen Wettergrusel- Plätze aufgesucht haben. Vielleicht hüllt Hamburg sich auch in sein schönstes Kleid. Man weiß es nicht. Im Fast Food Restaurant bekommt ein Typ mit Irokesenschnitt und Napalm Death Hoodie mit, wie wir nach dem Weg zum Stadion fragen:

„Könnt mitkommen – Ich will auch hin“

Seine aufforderndes Angebot hätte mir im Dunkeln zu späterer Stunde Sorgenfalten im Hinblick auf den zukünftigen Verbleib mindestens einer meiner Nieren bereitet. So, war es nicht nur o.k., sondern auch sehr nett und informativ, erfuhr ich doch , dass alle HSV Fans durchweg prolliges Gesindel mit hohem Gewaltpotential sind. Aber mal ganz abgesehen von dieser recht hirnrissigen, der Rivalität geschuldeten Aussage, ein sehr sympathischer Kerl.

Wir stehen unmittelbar vorm Stadioneingang ( zwei riesige St.Pauli Wappen direkt im Blick) und er fragt: „Kommt Ihr zu Recht ab hier?“ Ich fühle mich genötigt ironisch zu werden  und zu fragen ob dies das Stadion vom FC St.Pauli ist? Er antwortet völlig unironisch: „Yo“ und verlässt uns mit einem leicht verzweifelten „Mein Gott wie haben die es bis hier her geschafft Blick“ in den Augen. Keine Chance noch irgendetwas zu erklären. Wieder ein Mensch mehr, der zu Hause erzählen kann: „Diese-RTL-Mitten-im-Leben-Menschen. Die gibt`s wirklich und sie interessieren sich auch für Fußball.“ Egal.

Es blieb ausreichend Zeit um Sohnemann den fast schon traditionellen mehrminütigen Entscheidungsprozess, welcher Schal es denn dieses Mal sein soll, alleine durchlaufen zu lassen.

Die erstaunlich schnelle Entscheidung für den Freundschaftsschal zwischen  Celtic und St.Pauli begrüßte ich sehr. Es regnete noch immer, also gab es noch ein Totenkopf-Regencape dazu. Gerüstet. Wieder einmal mehr, gelang es uns, sich zielgerichtet zweimal hintereinander am falschen Blockeingang anzustellen. Ich schaute mich um. Wenn unser Napalm-Death bekuttetes Empfangskomitee und Begleiter von eben uns nun sehen würde, wie wir rückwärts nach fünfzehn Minuten Anstehzeit aus dem Block geführt werden, würde er sich sehr wahrscheinlich zu uns gesellen und uns erst wieder verlassen wenn er meinen Sohnemann sicher daheim bei Mama abgeliefert hat.

Nach Ankunft im Eingangsbereich der Nordkurve wankten uns einige pöbelnde 1860 Fans entgegen. Sie wurden hier des Eingangs verwiesen und schimpften nun lautstark auf das Eingangspersonal, den FC St.Pauli, die Stadt Hamburg und die Bundesregierung die all das zulässt obwohl sie es doch sind , die einen Großteil der Steuern…….blablabla . Neben mir stehen zwei Typen in Cowboystiefeln ( Sind das dann diese Luden?) und schreien bedrohlich unmissverständlich auf die Fans der Blauen ein:

„Hört auf zu motzen, wenn ihr zu blöd seid den Eingang zu Euerm Loch zu finden“

Mehr als ein zustimmendes Nicken bringe ich nicht Zu Stande als der Lude ( Na, ich mein diesen Typ mit den Stiefeln, ohne Strass und nicht in rot, ganz normale schwarze) mich kurz reaktionsfordernd anblickt.

Ohne Sohnemann wäre ich vermutlich souverän genug gewesen mit einzustimmen und auf die dämlichen Bayern zu schimpfen, aber ich hatte eine Sauangst , dass Sohnemann uns verpfeift und mitteilt wie wir eben am falschen Eingang  standen und … na ja, ihr wisst schon.

Zu meinen besten Zeiten , mit Kumpels , dann vielleicht noch leicht angeheitert, wäre das einer dieser ganz glorreichen Momente gewesen. Ich hätte den Blick des Cowboys, selbst wenn ich wollte, nicht unkommentiert gelassen. Never.

Ein kurzes „Sagen Sie mal , sind Sie ein Lude?“ oder „Hey, Cowboy, wie viel Pferdchen hast du denn laufen“ wäre Pflicht gewesen.

Und dann am nächsten Morgen Zentralkrankenhaus Hamburg:

„Schweine hier. Ich habe doch gar nichts gemacht“

Es wäre garantiert einer dieser Momente geworden, an die man sich noch Jahre später zurück erinnert. Jeden Tag. Wenn man seinen Zahnersatz einsetzt.

 

Also , wir sind dann rein. Mit den beiden Luden. Es ist schon erstaunlich, dass man anscheinend in jeder Kurve genau die Typen findet, die man vorab so klischeemäßig erwartet. Denkste. Die beiden Ponyhofbesitzer waren mit Ihren Cowboystiefeln, ihren Vokuhilas und ihrem auffälligem Schmuckbehang  so ziemlich die einzigen in Zuhälter-Optik.  Ich sondierte das Schuhwerk der Nordkurve. Gummistiefel, irgendwelche Klumpenbotten sowie dicke versiffte Winterschuhe waren im Trend bei den Herren sowie auch bei den Frauen.  Ich fiel auf mit Lederschuhen, so viel war klar. Das bleibt aber nicht lange so. Das war noch klarer. Das Millerntor ist tatsächlich eins dieser wunderherrlichen Stadien, wo du auf den Stehplätzen während und auch nach dem Regen ordentlich im Modder stehst. Schlamm. Morast . Oder wie das auch heißen mag. Fantastische Voraussetzungen. Mit den Erfahrungen aus Schalke gerüstet suchten wir uns einen Platz ganz vorne, wo das Gedränge gering oder in dem Fall sogar nicht vorhanden ist.

Eine kurze Musterung des Zettels , den ich im Eingangsbereich bekommen verriet mir, dass es heute erstmals eine Choreo geben soll?  Wie bitte? Ehrlicher , dreckiger Zweitligafußball und dann eine Choreografie? Ungewöhnlich. Aber Stop. Alles klar. Bis nach St.Pauli hatte sich also unser kleines Projekt schon rumgesprochen und die Sankt Paulianer (darf man das so sagen?)  wollen nichts unversucht lassen Sohnemann in ihren Bann zu ziehen. Chapeau. Und es kam noch besser. Kaum platziert, kam eine Dame  ( Kein Lude dabei) , deren Optik mich ein wenig an Uschi aus Gelsenkirchen erinnerte  ( Nur mit Zähnen – Diese allerdings stilecht in den St.Pauli-Farben) und drückte Sohnemann rote Schnipsel in die Hand.

Drecksäcke. Kinderfänger. Unfassbar. Als integrierter Bestandteil der choreografierenden St.Pauli Fangemeinschaft wollten sie ihn in ihre Gewalt ziehen.

„Hältst du das Ende des Banners fest?“ fragte den Sohn ein seltsam bemützter Typ.

Sohnemann hielt tatsächlich , Höhe linke Eckfahne, das eine Ende des Banners. Nicht das es irgendeine Bedeutung gehabt hätte, eher so 5. Rad am Wagen, fand ich es doch ausserordentlich erstaunlich , wie die St.Pauli Fans einen kleinen Mann intergrierten dessen Vater im SC Freiburg Schal („Europa wir kommen ) in ihrer Kurve stand.

Sohn fand´s übrigens gigantisch. Musikalisch-rebellisch St.Pauli-like unterlegt wurde das Banner geschwungen während Sohnemann sich von seinem Bannerende löste , seine roten Schnipsel aus der Hosentasche kramte und auf Anweisung von Uschis Schwester wartete.Die Integration in ein St.Pauli Choreo gefiel Sohnemann. Lediglich die ganzen roten Schnipsel auf den Boden im Matsch der Kurve machten ihn ein wenig nervös, luden Sie doch dazu ein alle wieder einzusammeln und ordnungsgemäß zu recyceln. Aber zu seinem Umweltaktivismus ein andermal mehr. Ich muss schon sagen. Die Sankt Paulianer waren mit allen Wassern gewaschen.

Sohn war zu Beginn des Spiels heftig verwirrt. Gut den Einmarsch der Mannschaften unter der Riesenflagge verbringend und dann „Hells Bells“ auf die Ohren ist jetzt auch ein wenig was anderes als der Heimatsong in Hoffenheim. Zudem wirft St.Pauli  ja die typische Stadionplatzverteilung so ziemlich über den Haufen. Bisher kannten wir:

Heimkurve= Stimmung

Haupttribüne= Keine Stimmung

Gegentribüne= Manchmal Stimmung

Gastkurve =Stimmung , aber meist nur aus dem Gastbereich.

Lediglich beim CL Spiel Bayern, auf Schalke und bei der Fortuna aus Düsseldorf gegen den HSV wurde diese Grundordnung schon ein wenig durcheinander gebracht.

Hier erneut. Nur heftiger als für uns bisher bekannt.

Gegengerade, Nord und Südkurve wechselten sich ab mit dem Anstimmen diverser St.Pauli Gesänge.  Es schien auch keine klare Aufgaben oder Kompetenzverteilung zu geben.

Die selbstironischen Gesänge ( Wir sind Zecken asoziale Zecken, schlafen unter Brücken…..) sind natürlich um ein vielfaches besser, wenn man sie live von den Lud.. , äh Fans ins Ohr gebölkt . Irre. Einfach irre. Könnte mir vorstellen, das könnte Kultstatus erreichen.

Nein, im Ernst. „Großes Tennis“ stand auf einer der Astra-Werbeflächen. Dem kann man nur zustimmen. Ich mochte die Atmosphäre gänzlich frei von „Dieser Freistoss wird ihnen präsentiert vom Gesundheitszentrum Blankenese“ oder die Geste ,dass der Song des Gast-Teams  zu Beginn, ohne jegliche Pfiffe des Heimpublikums, gespielt wurde und diesen relativ werbearmen Gesamtauftritt . Ich mochte auch das kompakte abwickeln der Tordurchsagen: 1-0 für unser Team durch  Ginczek, batsch, bäng, weiter gehts, und den richtig guten Kaffee für

1 € ( Zahl in Worten : EINS , Währung in Worten : Euro)  direkt hinter der Nord.

Diese teils herrlich unorganisierte Stimmung. Gegenüber in der Süd stand zwar einer dieser seltsamen Spezis mit Megaphon, aber ein Großteil der Gesänge und Chants folgte keinem festen Muster sondern entstand und wuchs wie ein kleines zartes  Pflänzchen um dann in ein bis zwei Minuten bis zum Mammutbaum auszureifen. Einer bölkte irgendwo los, zwei oder drei hingen sich dran, weil sie gerade eh nichts zu trinken hatten und plötzlich schrie dieses verdammte gesamte Stadion. Sehr, sehr geil. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich was Fan-Sing-Sang und Support angeht wohl einer Minderheit angehöre.

Fan-Support muss laut sein.

Fan-Support darf nicht stupide und monoton sein.

Fan-Support muss kreativ sein.

Bei Nichteinhaltung der oben aufgeführten Punkte ist es mir dann tatsächlich lieber wenn alle (inklusive des Stadionsprechers) ihre Klappe halten. Ich kann ein Fussballspiel auch ohne monotones Gebrüll und stupides Abspulen von „Super FSV, hey ho TSV, Super toll FCG“ usw. anschauen.  Das würde mir wirklich Nullkommanull fehlen. Aber wenn Fanunterstützung gerne gegeben wird, vielleicht auch manchmal nicht in dem Glauben , das hilft dem Team , sondern weil es einem selbst irgendwas gibt, dann sollte es so sein wie in St.Pauli, auf Schalke , in Düsseldorf oder wie in Köln.

In St.Pauli kam aber eine unbekannte Spezies hinzu.

Diese kleinen verkümmernden, oder besser einfach nicht wachsen wollenden Pflanzen. Wenn es still war und einer begann: „Sankt Pauliiiiiii, Sankt Pauliiiii, Sankt Pauliiiiii, Sankt Pauliiiiii, wobei zwischendurch das Pauliiiiii zu einem geröhrtem Pauläeäeäeäeä verkümmerte , Sankt Pauliiiii,…

Beim fünftem oder sechstem Male merkte er dann,  dass gar niemand Lust hatte einzustimmen.

Sowohl in Köln, in Fürth oder auch in Augsburg haben wir ähnliches schon erlebt. Hoch motiviert springt irgendjemand auf um einen Chant zu initiieren. Nach fünf Sekunden merkt er , dass er niemanden überzeugen kann. Schnell, klammheimlich wieder auf den Platz gesetzt und Klappe gehalten.

Der Typ, und von dieser Sorte sahen wir einige , war anders.

Scheiss drauf: St.Pauliiiiii, St.Pauliiiiiii,St.Pauliiiii, St.Pauliiiii Es war ihm aufrichtig mal so völlig Latte ob irgendjemand einstimmt.….. Ich hätte ihn so gerne gefilmt. Wie er da stand. Garantiert gerade einer der glücklichsten Menschen der Welt. Während man den Capo der Sechziger sehen konnte, der nach dem Anstimmen eines Songs die Zeit bis zum nächsten Chant nur noch damit verbrachte kopfnickend in seine Shorts zu ejakulieren, weil er sich scheinbar so bestätigt fühlt. Er grölt los. Alle grölen es nach. Stumpfes Nicken. Abgespritzt. Der Nächste.

Aber dieser St.Pauli Typ da. Toller Moment.
Glückliche Menschen zu sehen ist schön. Immer.

Menschen zu sehen , die wirklich glücklich sind. Nicht welche , die so tun oder vielleicht auch welche, die es sind , aber gar nicht wissen warum.  Menschen zu sehen, die glücklich sind und die wissen warum und wieso. Das macht Freude.

Freude macht es auch, wenn der Sohnemann pinkeln muss. Eine Prozedur, die bekanntermaßen nicht immer so ganz von allein funktioniert. Es gibt Ausnahmen, aber in diesem Fall war Hilfe nötig. Zudem schien es dringend. Direkt hinter der Nordtribüne wähnte ich eine Toilette.  Und da war es wieder. Eines meiner trölfzig kleinen Probleme. Pissrinnen!

Sohnemann nutzt keine Klos zum Stehen. Wir sind noch nicht in vollem Umfang dahinter gestiegen warum und wieso, aber, zur Freude der Mama ist er bekennender Sitzpinkler. Dieser Fakt brachte mich in Verbindung mit der sichtbaren Dringlichkeit und in Anbetracht des völlig versifften und vollgeseichten Pissrinnencontainers  kurzfristig doch arg ins Schwitzen.

„Papsi , es ist dringend.“

Ich bat Ihn das Steh-Klo zu nutzen  ( Es war dieses: bitte-bitte,-bitte –mit-Zuckerguss-und-wir kaufen-Dir-noch-ein-schönes-Trikot-obendrauf-Flehen) , was er, und das war absehbar mit einem vehementen Kopfschütteln ablehnte. Er garnierte dies mit der Information, das er sich jetzt wegen mir in die Hose machen müßte und er sowieso die Schnauze voll hatte.  Ich müsse mir jetzt sofort etwas einfallen lassen. Die beiden Herren am Ende der Pissrinne waren trotz ihres arg angeheiterten Zustands anscheinend sehr gespannt, denn während der eine vermutete:  „Jetzt gibt´s den Arsch voll“  bekam der andere die Kinnlade nicht mehr runter , als ich mich auf den Boden hockte um für Sohnemann eine Art Stuhl zu bauen auf den er sich widerum Knien konnte , damit er die eigentlich auch viel zu hohe Pissrinne erreicht.

„Sohnemann , schaltete sehr schnell um in den „Lustig-Modus“ , insbesondere als er sah, dass die beiden Typen , es ausserordentlich sehenswert fanden , wie ich da so kniete, mich mit beiden Händen in dem Gülle-Matsch-Pisse – Gemisch abstützend, welches den Boden so halbzentimeterhoch bedeckte, während Sohnemann seine Pinkel-Modderschuhe an meiner Hose unabsichtlich sauber rieb und die letzten Strahlen seines Geschäfts auf meinem Oberschenkel platzierte.

Es war mir egal. Vollkommen egal. Die meist höchstens zehnsekündige Panik weicht schnell der realistischen Einschätzung der vorhandenen Alternativen. Hätte sich Sohnemann bei dem kalten Wetter in die Hose gepinkelt wäre eine fette Blasenentzündung fällig gewesen. Bei der Lungenentzündung zu Beginn des Jahres ließ sich vielleicht noch der Zusammenhang zum Frankfurt-Spiel leugnen. Hier wäre definitiv Feierabend, was die Unterstützung meiner Frau angeht. Und Sohnemann ist in solchen Momenten rigoros. Ob ich Ihm da nun in wenigen Sekunden einen fürstlichen Marmor-Thron hinmauere oder ihn per Jet ins nächste Klo transportiere.

„Papsi, lös das Problem- J E T Z T ! “

Ein Satz der mir Tränen, Trauer und Flüche abringt. Eigentlich eher weniger in den Momenten, wo ich den Urin der halben Kurve Sankt Paulis an mir haften habe. Nicht in solchen Momenten, denn es gab ja eine Lösung, wenn auch eine nicht unbedingt angenehme. Schlimmer ist es bei Dingen, die ich nicht verändern kann. Viel schlimmer. Es ist entsetzlich hilflos zu sein.

Seltsam waren auch die Typen, die unser Schauspiel begutachteten und amüsiert beim Pinkeln kluge Kommentare von sich gaben. Sie schüttelten ihre Nudel an der Pissrinne ab, um anschließend direkt vier Becher Bier zu holen und die ungewaschenen Flossen bei ihrer Biertransporttechnik erst Mal ins Astra-Pilz zu hängen. Daumen hoch und wohl bekomms! Ich hoffe es war Euer eigenes Bier.

Das Fazit dieses Besuches fällt außerordentlich positiv aus.  Das liegt wohl hauptsächlich an einem extrem tiefenentspanntem Sohnemann, der Pinkelgate mal außen vor gelassen, sich sehr ausgeglichen präsentierte. Eventuell war dies der üppigen Mütze Schlaf im Nachtzug geschuldet oder auch der Tatsache, dass in St.Pauli sowohl auf als auch neben dem Platz immer etwas passierte.

Der Junge seines Alters, der ihm versuchte den einen St.Pauli Schlachtruf beizubringen “Wir kommen aus dem Norden, wir rauben und wir morden“.  Und Sohnemann entgegnete : „Wir kommen direkt aus Freiburg. Das ist der Süden. Aber dafür mit dem Nachtzug.“

Die Choreovorbereitungen, bei denen er zusehen konnte, die bisher größte Nähe zum Spiel, das St.Pauli Team direkt vorm Zaun nach Spielende, die Kids, die sich aus Schals Hängestühle am Zaun bauten, der Jogginghosentorwart, blaue Sechziger Pyro, aber leider keine Luden. Traurig. Sohnemann fühlte sich sichtlich wohl. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er keinen klaren Favoriten, kein „Die müssen gewinnen“  Team benennen konnte.

„Muss man denn Fan von einer Mannschaft sein , wenn man sich ein Spiel anschauen will?“

(Sohnemann in Verbindung mit der Planung für das Freiburg/Hannover/St.Pauli/1860 Wochenende)

Wow. Ja, ich selbst bin auch noch ein wenig beeindruckt. Auf Grund des für mich bescheidenen Stehplatzes konnte ich vom Spiel relativ wenig sehen und hatte ausreichend Gelegenheit mich umzuschauen, meine Kurvenmitstreiter und meinen Sohn zu beobachten.

Ich habe einen Verein mit Seele vorgefunden mit Sammelbüchsen, Blechcontainern, siffigen Klos und verdreckten Schuhen, Cowboystiefeln, aber keine roten, Metallica statt David Guetta, AC/DC statt volkstümlichen Heimatsongs, Selbstironie auf hoch sarkastischem Niveau, Vokuhilas, Astra, Rost und Grau, Matsch und Liebe und ich hatte mich schnell eingelebt und angepasst. Ich fand klar ausgerichtete Fans. Bisschen Fuppes, Punkte, ein paar Bier, ein Paket voll Spaß. Nicht mehr und nicht weniger erwarten die Fans des FC St.Pauli und an diesem Samstag bekamen sie es. Und wir durften dabei sein.

Mit dem Urin der Kurve im Gepäck reisten wir Heim und wenn mein Sohn am Ende des Projektes mit den Luden in der Nord oder Süd stehen will. Ich glaube ich würde mich freuen und das Projekt hätte einen Sinn gehabt.

 

8 Gedanken zu „Boxen.Lude

  1. Pingback: #39 Sebastian liebt den FC St.Pauli | Der Wochenendrebell

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  3. uli04

    einfach geil !!!
    Hab einen sehr guten Kumpel „hier Auf Pauli“, der wird sich freuen …
    Glück Auf aus dem Kraichgau auch an Deinen Sohnemann
    Ulfert
    Sportfreunde Kurpfalz 04

    Antworten
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  5. Buender-Schalker

    Wiedermal sehr kurzweilig zu lesen, wenn diesmal auch ein wenig unstrukturierter, aber vielleicht macht ja auch gerade das den Unterschied ;o)
    Und irgendwann… und vielleicht auch viele, viele Anpfiffe später… verinnerlicht ein Breisgauer Altbier-Sympathisant, dass es nicht IN sondern AUF Schalke heißt! So viel Zeit muss sein… ;o)

    Lass uns nicht zu lange auf den Freiburg-Bericht warten…. bitte! Danke!

    GlückAuf
    Buender-Schalker

    Antworten
  6. eakus1904

    Du weist selber auf die Astra-Werbung hin,“Ganz großes Tennis!“ Ich denke, das trifft es als Beschreibung für diesen Artikel ziemlich genau!
    Grandios!!!

    Ich war ähnlich angetan von der Tribüne, den Menschen und dem Stadion im allgemeinen.
    Es hat definitiv Spass gemacht!

    Zudem hab ich mich echt gefreut, dich persönlich zu treffen. Wie liest man es bei E-Bay häufig?: „Netter Kontakt, jederzeit gerne wieder!“Selbstverständlich auch mit Hände schütteln!:-)
    In diesem Sinne, ich hoffe, wir laufen uns bei einer eurer Touren nochmal über den Weg!

    Viele Grüsse aus dem Ruhrpott!

    Henning

    Antworten
  7. Pingback: #FCSP und die Celtic-Party gegen 1860 | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  8. Jeky

    Endlich! Endlich hab ich mal wieder einen Blogpost gelesen, der mir Spaß gemacht hat 🙂

    Freut mich, dass es Ihnen und Sohnemann am Millerntor gefallen hat, dass Sie auch noch einen Sieg live sehen durften, macht mich ein bisschen neidisch, aber macht immer Spass, wenn der FCSP durch Fremdaugen begutachtet wird.

    Erinnert mich an meine mutige Gast-Raute, die sich trotz mentaler Gegenwehr auch nicht ganz der „Magie“ entziehen konnte 🙂

    Antworten

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