Die Geister, die ich rief.

Vor einigen Tagen leckte ich Multivitaminsaft vom Tisch um das Familenfrühstück zu retten und auch sonst habe ich mein Leben fest im Griff.

Sohnemann interessierte sich sehr früh für Sachbücher und Reportagen. Comics und Zeichentrickserien interessierten ihn nicht. Zu seinem 4.Geburtstag wünschte er sich eine DVD, die sowohl die Urknalltheorie beschreibt als auch den Ablauf des zu erwartenden Big Crunchs. Das Entwickeln ausgeprägter Spezialinteressen ist typisch für Menschen, die mit dem Asperger-Syndrom leben. Oft vertiefen Sie ihre Kenntnisse so intensiv, dass es Ihnen im späteren Berufsleben auch zum Vorteil gereicht. Manchmal gestaltet sich dies jedoch auch eher schwierig. Damals, kurz nach der Diagnose, trafen wir im Autismus-Therapie Zentrum einen Jungen im gleichen Alter, der sein Herz den Rasenmähern verschrieben hatte. Die Mutter war völlig verzweifelt, weil er über nichts anderes spricht. Er hatte kein einziges Buch zu Hause, aber ein Dutzend Kataloge mit Rasenmähermodellen. Das wollte ich irgendwie nicht.

Es war leicht ihn in Verbindung mit einigen Youtube Videos ein wenig Umweltbewusstsein zu lehren. Ich selbst befand mich gerade in dieser sehr hirnrissigen Phase, in der ich mir gottgleich einbildete mit ein paar kleinen Tricks die Entwicklung meines Sohnes trotz der gerade frisch erhaltenen Diagnose Asperger-Syndroms entscheidend steuern zu können. Der einfältige Gedanke, dass  ich ihm ein paar Physikvideos zeigen könnte, dies sich zu einem intensiven Spezialinteresse entwickelt und er sich den Nobelpreis für Physik schnappte war, wenn auch nicht so intensiv ausgeprägt, vorhanden. So jubelte ich ihm einige Umweltschutzclips unter in der Hoffnung dies würde seinen Umgang mit seiner Umwelt positiv und nachhaltig beeinflussen.

Wer den Film „Inception“ gesehen hat, der weiß was passieren kann wenn eingepflanzte Gedanken unkontrolliert ihre Kreise ziehen. Ähnlich eskalierend verlief es in diesem Fall.

War es zu Beginn noch sehr hilfreich jemanden im Hause zu haben, der sich darum kümmert, dass Lichter nicht unnütz brennen, Heizungen nicht unnötig hoch eingestellt sind und Verpackungsmaterial weiterverwendet wird zum Basteln, so wurde es im Rahmen der Müllvermeidungsstrategien, die Sohnemann ausarbeitete allmählich anstrengend.

Es durfte zu Hause quasi kein Müll und auch keine Speisereste mehr entstehen, die irgendwie entsorgt werden müssen. Zunächst bemerkten wir es nicht, dass sein Essverhalten sich veränderte, aber er rückte dann nach einer Zeit raus mit der Sprache.

Sein Problem: er teilt nicht ( Nie! Never! Niemals!). Speisen, welche sich also auf seinem Teller befinden, können also erst nachdem er sein Mahl beendet hat, einem weiteren Zweck zugeführt werden. Und dieser Zweck darf nicht die sinnfreie Entsorgung sein.

Der Papsi-Müllschlucker war geboren.

Die bescheuerte Idee an diesem Tag  seinen Teller leer zu essen um Entsorgung zu verhindern, endlich Ruhe zu haben, wenigstens einen Bruchteil dieses Umweltschutzextremisten in den griff zu bekommen und seiner Meinung nach gleichzeitig einen positiven Nutzen zu haben („Papsi bekommt dadurch ja mehr Energie um mit mir zu spielen“) sollte mich bis heute verfolgen.

Die incepitionale Entwicklung des Papsi=Müllschlucker Gedankengangs sorgte dafür, dass sich dieses Vorgehen manifestiert hat. Papsi kümmert sich um Essensreste.

Nachhaltig und sinnvoll.

Vor einigen Tagen war es das umgefallene Multivitaminsaftglas und ich bin noch heute sehr dankbar, dass ich den Saft vom Tisch und nicht vom Boden lecken musste.

Demut ist eben auch eine Sache des Blickwinkels.

Nun saßen wir hier im Vapiano am Kieler Hafen. Es war mittlerweile 22:00 Uhr. Sohnemann und ich schwiegen uns an. Ich hatte meine Pasta bereits verzehrt. Er hatte von seiner Pizza drei Stücke übrig gelassen. Die Selbstverständlichkeit mit der ich aufgefordert wurde die Stücke zu essen verwunderte den Nachbartisch, was mich relativ wenig juckte. Er hätte  mir die Pizzastücke auch vor die Füße werfen und sagen können: Friss!

Es würde mein Problem nicht verkleinern.

Ich hatte nicht einfach nur keinen Hunger mehr, sondern ich befürchtete mich zu erbrechen, wenn ich jetzt auch noch Pizza esse. Ich wollte es aussitzen. Wieder einmal. Ich hatte es ihm erklärt. Und nun sitze ich es aus. Und diesmal werde ich gnadenlos sein. Ich hatte diesbezüglich ja auch schon einiges versucht. Kinderportionen ( „Ich bin kein Kind. Ess ich nicht“) oder auch für mich selbst nur eine kleine Portion mit der Gewissheit als Müllschlucker dann doch satt zu werden.

Aber es nervt eben einfach tierisch, da die Nahrungsaufnahme bei Sohnemann, und diese ätzende Angewohnheit hat er von seiner Frau Mama, eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeewig dauert. Meine Frau zelebriert das Essen so sehr, dass wir gar nicht mehr gemeinsam essen gehen könnten. Ich bin eigentlich eher der Typ Schaufelbagger. Mein 300 g Steak mit Salat und Beilagen inklusive Supplement  ist verputzt während Frau Gemahlin, die erste Erbse sauber mittig getrennt hat um sie auf der freien Gabelspitze neben dem Kartöffelchenchenchenchenstückchen und dem Maiskorn zu platzieren.

So speist auch der Sohn. Was immer zur Folge hat, dass ich mein kleines Portiönchen verspeisen würde, 30 Minuten warten müsste um dann als Müllschlucker für erkaltete Speisen zu fungieren. Ich war des Müllschluckens überdrüssig und diese bisher so friedlich verlaufene Tour schien mir eine gute Möglichkeit es im romantischen Kerzenschein am Kieler Hafen zur Eskalation zu bringen. Die knutschenden Pärchen um uns herum würden das verstehen. Ich bot Ihm erneut an, dass wir die Pizza teilen, bzw., dass ich ihm frühzeitig helfe. Er lehnte ab. Ich verdeutlichte ihm die Ernsthaftigkeit meines Anliegens warnte ihn, dass er jetzt mit mir teilt oder die Pizza nachher auf dem Teller liegen bleibt.

„Dann werden wir wohl die ganze Nacht hier sitzen“, antwortete er und sein Blick beinhaltete in etwa das emotionale Niveau einer Kartoffel. Mit so einem Ausdruck in den Augen von Goycochea wären wir vielleicht früher in den Genuss von Andy Brehmes Tränen gekommen.Eiskalt.

Dieser hartnäckige, kleine Drecksack. Ich war platt. Die Strecke München-Kiel per Zug empfiehlt sich einfach nicht nach einem Treffen mit diversen Twitterern am Vorabend und einer dementsprechend kurzen Nacht.

23:15 Uhr. Wir verlassen dieses Restaurant kurz nachdem ich drei eiskalte Pizzastücke unter den triumphierenden Blicken meines Sohnes quasi inhaliert habe. Er überzeugte mich mit:

„Papsi, findest du nicht meine besondere Logik bereitet uns manchmal größere Probleme als diese drei Pizzastücke?“

Argumentativ geschlagen trat ich mit ihm den Weg ins Hotel an und wir fielen beide innerhalb weniger Sekunden ins Koma.

Wir hatten ein ziemlich skurriles Stadionerlebnis hinter uns. Das Relegationshinspiel der  KSV gegen den KSV (Holstein Kiel gegen Hessen Kassel) stand an und nach Erhalt der Eintrittskarten hätte ich erahnen müssen was uns erwartet.

Auf den Eintrittskarten waren Elf! Sponsoren mit ihren jeweiligen Logos aufgeführt.

Famila, Sinalco, Adidas, Förde Sparkasse, Markant, Lotto Schleswig-Holstein, Warsteiner, Citti, CB Mode und Willer Wäsche. Die letzten beiden platzierten sogar noch einen neckischen Abreisscoupon auf der Eintrittskarte. Sollte also jemand bei Gelegenheit im CB Mode im Citti-Park im Ostseepark Schwentinental einkaufen gehen wollen oder auch die Autowäschen T1-T3 bei Willer Wäsche nutzen wollen. Meldet Euch.

Hölle. So verwunderte das weitere Treiben in dem eigentlich schicken Stadion nicht weiter. Der Stadionansager begrüßt W.Kubicki noch freundlich bevor er bedauert, dass er die übliche Einmarschmelodie nicht spielen darf, weil er sonst auf Grund von Auflagen seinen Job verliert. Die Aussage wird von Pfiffen und Geklatschpappe begleitet.

Richtig! Klatschpappen. Relegation zur 3.Liga und die Haupttribüne ist versorgt mit Klatschpappen und schon vor Spielbeginn  ist klar: Sie werden sie benutzen. Schade.

Das Stadion bietet zumindest für die heimischen Fans die Möglichkeit ordentlich Stimmung zu machen, was einem Bruchteil der Kurve( die eigentlich eine Gerade ist) auch gut gelingt. Wobei man auch anmerken muss, dass es wenig wirklich kreative Fangesänge gibt, was mich nicht riesig stört. Es fällt nur eben langsam auf, dass die „Komm bring` uns den Sieg heim….“ und „Olé, hier kommt der XXX“ Chants ligaunabhängig recht austauschbar über die Stadien der Republik regieren.

Das der Stadionsprecher dann noch dazu aufruft per SMS seine persönliche Grußbotschaft an die neue Lotto-Schleswig-Holstein-LED-Anzeigetafel zu senden könnte eigentlich auch einem meiner Blogposts entnommen worden sein, ist aber hier die kalte, bittere Realitität. Das es schlimmer geht beweist die Cheerleader Truppe, die vor dem Spiel, in der Halbzeitpause und nach dem Spiel die Massen unterhält und der Stadionsprecher, der die beiden mich sowieso schon nervenden Tore der Kieler selbstverfreilich nach seiner  intensiven Ansage mit einem „Danke/Bitte“ Abschluss untermalt. Kann mir bitte einmal jemand verraten warum ich mich über RB Leipzig oder die TSG 1899  aufregen soll und über diesen Scheiß nicht?

Der Höhepunkt der Pre-Game Show ist dann das Interview welches der Stadionsprecher vor dem Spiel mit einem „Fan“ durchführt.

„Hallo, du bist also heute hier um Holstein zu unterstützen. Bist du öfters hier oder nur wegen der Relegation?“

„Nein, ich bin echter Holstein-Fan. Ich war auch schon gegen Dortmund da.“

Das Gelächter welches nicht nur aus dem fies platzierten Gästeblock dringt verunsichert den jungen Mann etwas.

„Und wirst du das Team am Sonntag in Kassel auch unterstützen“

„Äääh, mal schauen“

Natürlich musste ein teuflischer Spielverlauf folgen wenn die Hölle schon vor Spielbeginn ihre Pforte so weit öffnet. Holstein Kiel versucht es mit der Borussia Dortmund Finaltaktik. Nur die erfolgreiche Version davon und für eine Dauer von 60 Minuten anstatt nur deren fünfundzwanzig. Mit dem 1-0 zur Pause ist Hessen Kassel noch mehr als gut bedient gewesen. Nach dem 2-0 bricht die Truppe aus dem Norden aber gänzlich zusammen und der KSV Hessen kommt besser ins Spiel und es gelingt die ein oder andere Kombination, die allerdings nicht zu wirklich nennenswerten Chancen führen. Es bleibt ein bockstarker Nulle im Tor der Hessen und die Hoffnung im Rückspiel am Sonntag früher besser ins Spiel zu kommen.

Das Hinspiel ging in jedem Fall äußerst verdient an Holstein Kiel.

Erstmals aufgefallen ist mir, vermutlich dank des Studiums dieser Herren, auch eine fantastisch souveräne und auffällig unauffällige Spielleitung des Schiedsrichters Robert Kempter. Lediglich, die nicht nur für mich verwunderliche Tatsache, dass es trotz mehrerer Verletzungsunterbrechungen zu keinerlei Nachspielzeit kam, verwunderte und verärgerte mich. Ändert aber nichts an einer ansonsten tadellosen Leistung.

Während ich hier gerade im ICE 77 von Kiel nach Zürich sitze und diese Zeilen tippe ist soeben ein junger Mann aufgestanden, hat sich in den Türrahmen gestellt und laut in das Großraum gefragt ob es uns allen gut gehe. Er ist Schweizer und ist extrem bekifft gut gelaunt. Er teilte dem gesamten Abteil mit, dass er für alle Fondue im Restaurant bestellt hat um kurz danach darauf hinzuweisen, dass dies nur ein Spaß ist. Anschließend informiert er darüber, dass die Wunder nicht nur in biblischen Regionen geschehen, sondern auch in Deutschland. Wunder sind ganz normal. Wer sich über Wunder wundert sollte bereit sein Wunder in Empfang zu nehmen. Der erste Passagier reagiert:

“Ein Wunder wäre wenn das mit dem Fondue klappt“

Die Stimmung ist angespannt. Der Typ ist meinen Mitreisenden suspekt. Eigentlich ist er einfach nur nett und freundlich, was aber die vier älteren Damen am Nachbartisch zu der Beurteilung veranlasst, dass es sich um einen Terroristen handeln könnte.

“Der hat sich doch schon die Haare abgeschoren“ schien eine der aussagekräftigsten Äußerungen der Dame mit den intensiven Kenntnissen zu den perfiden Unterwanderungsstrategien der ElQaida.

In Wirklichkeit ist es nur ein liebenswerter Mensch auf Mission. Vermutlich auf hoffnungsloser Mission. Aber das interessiert ihn nicht. Er hat mittlerweile jedenfalls tatsächlich ein Paar mittleren  Alters in ein Gespräch über die Liebe verwickelt. Schön.

Ich hoffe er gibt nicht auf. So lange, bis niemand mehr bei auftretenden Nettigkeiten etwas Schlechtes dahinter vermutet. Daher gehört ihm auch der letzte Satz.

„Das einzige was wirklich zählt ist ob jemand im Herzen ein aufrichtiger Mensch ist.“

18 Gedanken zu „Die Geister, die ich rief.

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  5. Dynaminator

    Wie wärs denn mit der Seniorenportion? Die ist für nen Erwachsenen aber trotzdem ist da soviel drauf wie bei nem Kind aber das musst du ihm ja nicht sagen 😉 .

    Grüße und fahrt mal nach Dresden würde gern mal einen Bericht von dir dazu lesen und ob dein Sohn dann vielleicht infiziert wird 😀

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  6. YOYO

    Alter Schwede, lieber Herr „Papsi“!

    Ihre Schreibe ist wirklich einen schöne, ungewöhnliche Melange aus Feinfühligkeit und Hemdsärmeligkeit – gekrönt mit einem Sahnehäubchen von Wahrhaftigkeit.

    Respekt!
    Chapeau, Bro!

    YOYO

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  7. Emily

    Einfach wieder göttlich erzählt!
    Und ich stamme übrigens ebenfalls aus dem Kreis der ZiemlichlangsamengenussesserInnen. Tja, was soll ich sagen 😉

    Einen schönen Tag dir & liebe Grüße, die Emily

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  8. Detlef (Doktor_d)

    Wer bestimmt die Größe der Portionen die auf dem Teller deines Sohnes landen?

    Er? Dann weiter guten Hunger.
    Du? Sei kreaktiv.

    Ich Google mal die Adressen für die Abrisse auf der Eintrittskarte. Wir fahren im Sommer, also Ferien dort „oben“ Urlaub machen 😉

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      Er entscheidet.Leider. Und er reagiert allergisch auf Kinderteller/Kinderportionen. Er ist der größte der Welt.Und Jugendlicher. In unserer Stammeisdiele sind alle gebrieft.Ein Stammrestaurant gibt es leider noch nicht.

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  9. der_tim

    Was dagegen spricht die Essensreste umweltschonend mit zunehmen habe ich mich auch gefragt…des weiteren gehört Dir meine aufrichtigste Bewunderung für das vernichten von 3 Pizzastücken, nachdem Du Dir schon Pasta einverleibt hattest.

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  10. Feix

    Ist es keine Option die Essensreste in Plastikdosen oder sowas in der Art einpacken zu lassen? Das würde zumindest so ein Pizzadebakel verhindern. Ich bin mir eigentlich sicher, dass es keine Option ist, ich weiß nur nich warum.

    Ansonsten war es wieder sehr angenehm zu lesen und auf seine eigene Art unterhaltsam.

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      Hi,
      Der Grund ist einfach. Vertrauensbruch. Wir haben uns schon einmal etwas einpacken lassen und es dann aus versehen in der Bahn liegen lassen.
      Das passiert ihm nur einmal. 😉 Fehler bestraft er gnadenlos.

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