Dresden

Ich bin ja bekanntlich niemand, der oft oder gerne Klischees zu bedienen versucht, außer vielleicht wenn es um die Anhänger des 1.FC Köln (Schlafen unter Brücken), um Fans von Eintracht Braunschweig (alles Nazis), um die Unterstützer des FC Buyern München (alles Kunden) oder um die gut aussehenden Supporter der Fortuna aus Düsseldorf (können alles) geht.

So fuhr ich demnach auch nicht mit der Erwartung nach Dresden, dort einen Haufen homophober Regionalnationalisten in Latschenkiefer-grün-rot und durchweg gewaltbereite Nazihools in schwarz-gelb vorzufinden und, um es vorweg zu nehmen:

Ich wurde auch nicht enttäuscht.

Dem Sohn und mir standen etwas über 12 Stunden Zugfahrt bevor um dann bei herrlichstem Fußballwetter…

Lassen wir das. Morgens um 4:00 Uhr, nach gefühlt 2 Stunden Schlaf, kommen automatisch Zweifel hoch, wie sinnvoll diese Tour wohl werden kann. Machen wir uns nichts vor. Die Wahrscheinlichkeit, dass er Dynamo-Dresden-Fan wird, ist relativ gering, und nach einem 0-2 des eigenen Vereins gegen den Karlsruher SC und real nur 4 Stunden Schlaf fehlt ein wenig die Lust auf einen Trip gen Osten.

Die Hinfahrt verbrachten wir mit der fast logischen Konsequenz des Studiums und der Diskussion resultierend aus dem Brief des hochgeschätzten @miasanmia.

Dieser kleine Drecksack werte Twittererati packte den Sohn dort, wo er auch mich im Alter des Sohns und sicherlich auch die fünfzehn Jahre danach bekommen hätte.

Mehmet Scholl.

So schauten wir auf der Fahrt „Frei:Gespielt!“, was dem Sohn  gefiel und mich erneut daran erinnerte, dass Moritz Bleibtreu absolut Recht hatte in Lammbock, was seine Einschätzung zu Mehmet Scholl und den eventuell durchzuführenden Gefälligkeiten an dessen Gemächt angeht.

Sohn war unentschlossen. Ein Fußballer muss zu allererst gut kicken können, aber das alleine ist sicherlich nicht das, was Mehmet Scholl zu seiner Popularität verhalf. Der Sohn mochte Scholl, war aber auch ein wenig enttäuscht, dass wir ihn nicht mehr live in Aktion sehen können. Verständlich.

Wir sicherten uns Plätze im Block B1 Reihe 1 hinter dem Tor neben der Gästekurve. Frontal gegenüber der Heimgeraden und auf Höhe der Gästeecke versprach ich uns einen relativ guten Eindruck von der Stimmung, gleich von welchen Farben diese ausging und unabhängig davon, wohin der berühmte Funke sprang.

Dieser Funke.

Er beschäftigt mich seit geraumer Zeit.

Im Nachgang zum Besuch von Union Berlin dachte ich etwas intensiver über diesen Funken nach, dem manche ja irrerweise auch den Sprung von den Rängen auf den Platz zutrauen.

Verzeihung, aber dies halte ich für ziemlichen Unsinn. Der Sprung des Funkens geschieht wenn, dann nur in umgekehrter Richtung, und ist extrem spielverlaufsabhängig.

Nicht auszudenken, wir hätten die Eisernen erleben dürfen, wie sie einen 0-1 Rückstand kurz vor Schluss egalisieren und dann das Tor der Karlsruher bestürmen.

Diesen Funken kann es aber in jedem halbwegs gefüllten Stadion geben. Er ist nicht zu einhundert Prozent von einer lautstarken Fanszene abhängig, auch wenn es mit einer sehr aktiven Mange natürlich leichter ist.

Entscheidend ist eigentlich eher der Funkenspringzeitpunkt.

Der Funkenspringzeitpunkt?

Man nehme die Attraktivität der ersten Offensivszene (A) und multipliziere diese mit der Stimmungswilligkeit der Fans (B), addiere die Lautstärke der ersten aktiven Fans sowie die Intensität der Mimik und berücksichtige über die gesamte Arena hinweg zusätzlich den Gleichmäßigkeitsverteilungsfaktor extrem stark gestikulierender Supporter.

Simsalabim.

Der Funke entsteht.

Der Unterschied zwischen einzelnen Teams ist eventuell in der Ursache des Funkens zu verorten.

Heute in Dresden reichten ein, zwei nette Offensivszenen,  in Dortmund reicht manchmal auch ein Gegentor, um reflexartig das Team in voller Gänze zu supporten. In anderen Stadien wiederum funkt’s vielleicht erst nach dem 3-0 oder nur nach ganz besonderen Situationen oder in ganz besonderen Spielen.

Heute funkte es nur kurz.

Dann brannte es lichterloh. Der Support, den ich aus dem mir wie gesagt frontal gegenüberliegenden Dresdener Block akustisch und optisch sehr gut wahrnehmen konnte, war über die Ränge hinweg fast flächendeckend, und so war es dann in Verbindung mit dem Spielverlauf natürlich auch leichter, die Haupt- und die Gegentribüne zum Mitmachen zu animieren. Bezüglich der Stimmung allererste Güteklasse. Mir fallen keine zwei Erstligabegegnungen ein, bei denen wir eine so gute Stimmung erleben durften. Auch wenn dies sicherlich dem geradezu perfekten Spielverlauf und den ebenso intensiv singenden Kaiserslauterner Fans geschuldet war.

Man könnte fast sagen, dass es bezüglich der Stimmung perfekt war.

Fast?

Ich nehme es niemandem übel, dass schon in der ersten Viertelstunde der Ruf aus dem Dresdener Block laut wird, ob man denn das Gestöhne der Lauterer Söhne von Müttern aus dem Horizontalgewerbe hört, und auch Spruchbänder, auf denen Worte wie „Kinderf…..“ angedeutet sind, stören mich nur wenig, haben aber vielleicht sogar thematisch ihre Daseinsberechtigung.

Was mich wirklich nervte war die Abschlusshumba, auf die wir einen fantastischen Blick hatten, und bei der der Capo es für notwendig hielt, mehrfach ein:

„Gebt mir ein Scheiss Kaiserslautern“ von seiner Wand einzufordern.

Unnötig und unsouverän.

Da hatte das „Der Betze flennt“-Banner mehr Stil. Am meisten mag ich aber, wenn Kurven ihre Mannschaft feiern und wenig Wert auf die Denunzierung und Demütigung des Gegners legen, oder es ihnen zumindest gelingt, auch den neutralen Fan zum schmunzeln zu bringen, so wie es zum Beispiel den Bayern-Fans gegen die Borussia aus Dortmund mit der „Noch auf der Suche“-Choreo gelungen ist.

Was mich ebenfalls nervt, auch auf die Gefahr hin, dass mich der ein oder andere nun als paranoiden Nestbeschmutzer bezeichnet, ist dieses stupide ‚Sieg! Sieg! Sieg!‘-Gebrüll, welches unter dumpfem Getrommel meines Erachtens nach sogar noch pünktlich in der 88. Minute begann. Sorry, aber da schüttelts mich ein wenig.

Ausserhalb dieser beiden Fauxpas, sofern man sie so beurteilen möchte, machte Dynamo viel richtig.

Ein Maskottchen wurde, wenn es überhaupt eines gab, gut versteckt und die vom Sohn ebenfalls verhassten Halbzeitspiele waren wiederum so albern, dass der Sohn es schon wieder lustig fand. Das dann noch ein 4-jähriger Namensvetter, also drei oder vier Jahre jünger als Jay-Jay, zum Schuss in die Mülltonne vorm Dresdener Tor ansetzen durfte, und lautstark unter Nennung seines Namens vom gesamten Block gefeiert wurde, gefiel Jay-Jay sichtlich gut. Zumindest so lange, bis ich mit den Getränken um die Ecke kam und er mich sah.

Der Sohn hatte überhaupt eine Menge Spass.

Ulf, ein Dynamit-Typ unter den Dynamofans, stellte sich immer auf den Sitz neben dem Sohn, um während des Telefonierens seinem Herrn Papa zuzuwinken, der wohl einen Sitzplatz auf einer der Geraden hatte.

„Vaddiiiiiii! Hier bin ich!“ (winkt aufgeregt)

„Hier, siehst Du mich?“ (winkt aufgeregter)

„Hier, jetzt direkt auf Ballhöhe! (winkt so schnell, dass ich Blutstau in den Fingerkuppen befürchte)

Jay-Jay konnte sich kaum noch beherrschen. Während er sich aber hauptsächlich über das „Vaddiiiiiii“ belustigte, was mir in Anbetracht von „Papsiiiiiii“ nicht vergönnt war, so musste ich doch über die seltsame Positionsbeschreibung schmunzeln. Über das gesamte Telefonat hinweg beschrieb er seinem Vater, immer auf Basis der aktuellen Ballposition, wo er sich gerade befand.

„Jetzt von Dir aus gesehen direkt hinter dem Ball – jetzt von Dir aus gesehen direkt schräg vor dem Ball!“

Ein einfaches „Der Winkende direkt hinter Kirsten am rechten Pfosten“ hätte vollkommen ausgereicht. Das Telefonat hätte dann aber vermutlich auch keine zehn Minuten verschlungen.

Machen wir es kurz. Ulf war nicht das hellste Licht am Dresdner Fansternhimmel.

Dynamo hätte an dem Tag vermutlich machen können, was es wollte. Für des Sohns Herz reicht es wohl nicht, aber wir hatten eine Menge Spaß. Trotz erneuter Marketingberieselung aus der Hölle:

„Dynamische Geschenkideen im Fanshop“, das Produkt mit dem „fan-tastischen Fan-Taste“ oder auch „Korch-Brat sie dir, die Wurst“ und ein unfassbar schlechter Halbzeitspot für Nudeln aus Riesa konnten uns nicht verschrecken.

Zwei spannende Dinge, die dem Sohn aufgefallen sind:

Torhüter Kirsten bedankt sich immer, wenn er von den Balljungen den Ball bekommt.

Ehrmann bockt Sippel nach dem Spiel noch auf dem Platz vom Allerfeinsten auf.

Tatsächlich beides Erlebnisse, die ich so auch noch nicht wahrgenommen habe.

Dynamo Dresden – kann man mal machen.

Next Stop: Doppelspieltag in Aalen und Cottbus.

Infos zum Projekt hier.


2 Gedanken zu „Dresden

  1. Andreas (@schlumpfmuetze)

    Dieser Eintrag war genau das, was ich als Dynamo-Anhänger und aufmerksamer Leser dieses Blogs erwartet hatte. Und darüber bin ich sehr froh. Ob das daran liegt, dass ich deine/eure Vorlieben nach den bisherigen Rebellenberichten schon ganz passabel einordnen kann oder weil mir das meiste, was dich stört auch auf die Eier geht, ist mal nebensächlich.

    Das unnötige Scheiß Kaiserslautern bei der Uffta? Jupp, brauchts nicht. Überhaupt gehen mir dauernde, unbegründete Anfeindungen ziemlich auf die Eier. Mit dem FCK verbindet uns mal absolut gar nix – außer derzeit die gleiche Liga.

    Bescheuerte Werbung (besonders von den Riesaer Nudeln)? Ja, es nervt. Sehr. Ich leide. Bei jedem Heimspiel.

    Unnötig homophobes/sexistisches aus dem K-Block? Jo, haste recht. Sing ich nicht mit. Nervt mindestens so sehr wie der „offizielle Nudelpartner“.

    Ach, und wegen des Maskottchens. Gibts nicht, wirds nie geben. Haben wir uns in der Fancharta quasi selbst verboten.

    Freut mich, dass ihr Spaß hattet. Vielleicht schafft ihr es ja später nochmal her. Scheinbar habt ihr ja nur Stadion und Hauptbahnhof gesehen. Dresden ist viel zu schön, um nicht nochmal wiederzukommen. 😉

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  2. Dynaminator

    Kling jetzt alles nicht ganz sooo schlimm was du da schreibst aber komm schon das „Sieg!“ Gebrülle ist nun wirklich ein bisl paranoid 😛 .
    Außerdem heißt das in Dresden nicht Humba sondern Uffta…DAS ist z.B. ein kleiner feiner Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten. Gut die Beleidigungen sind vielleicht nicht schön gehören aber dazu, auch wenn ich nicht mitmache, mich störts nicht 🙂 .

    Abschließend sei noch gesagt die Halbzeitshows gehen in Dresden noch weil es wenigstens ein wenig Bezug zum Verein hat mit dem Quiz zum Beispiel aber der ganze Rotz mit der Werbung auf der Leinwand und „diese Ecke wir präsentiert von den Nudeln aus Riesa“ oder was weiß ich nicht alles, das ist schon nervig. Die Halbzeit verbringe ich eh immer damit aufs Klo zu gehen ein Bier oder was zu Essen zu holen und dann noch 2-3 Minuten rumbringen und wieder Vollgas zu geben im K-Block deswegen kann ich gar nichts zur Halbzeitshow gegen Lautern sagen.
    Und die Winker sind überall aber so ein schönes Exemplar wie ihr hatte ich auch noch nicht 😀 .

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