Schalke-Dschohnsi, Sohni, Uschi und ich

Pott! Viel gehört und jetzt auch endlich gesehen. Die „Mannschaft-für-Sohn-Findungskommission“ brach zeitig am Samstamorgen auf, um eventuell noch in den Genuss der Sky-Konferenz zu gelangen.

Ankunft: 14:00 Uhr.

Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich gibt es keinen Ort in Europa,in dem der Verein und die Stadt so eng miteinander verbunden sind wie in Gelsenkirchen. Schalke-Flaggen stehen Spalier beim Gang durch die Innenstadt. Der Bäcker, die Hotels und der Fleischer bieten diverse Fanartikel an oder stehen zumindest damit hinter ihrem Verkaufstresen Die Farbe gelb würde nicht existieren, wenn McDonald’s nur den Hauch einer Ahnung hätte, was ein blaues “M“ dieser Stadt bedeuten würde und wie viel Mehrumsatz dies bringen könnte.

Beim Thema Kohle wird einem aber auch schnell klar, dass es davon im Pott nicht – oder nicht mehr – viel gibt. Ich kenne wenige gut frequentierte (und damit bezüglich ihrer Miethöhe nicht zu unterschätzende)  Fußgängerzonen, in denen es sich lohnt, Schuldnerberatungen einzurichten oder Walk-in-Kreditshuttlestores zu betreiben.

Man kennt es auch in Nürnberg, München, Frankfur, dass man in Bahnhofsumgebung meist mit Bier bewaffnete, reichlich verlotterte Gruppierungen findet, denen man ansieht, dass sie sich hier nicht erst seit einer oder zwei Stunden befinden

Aber hier in Gelsenkirchen, ich traue es mich fast nicht zu schreiben,  war ich mir nach Ankunft wirklich nicht sicher, ob es sich um Bestandteile des Bahnhofsmilieus handelt oder um repräsentative Fangruppen von Schalke 04. Ausnahmslos alle waren in Schalke-Outfit mit Kutten, Schals und Mützen bekleidet und leider gibt ja auch der hohe Alkoholpegel nicht immer eine verlässliche Auskunft ob der Einstellung zum Bundesligageschehen.

Ein kurzer Abstecher in das Restaurant „Der Schalker“ beruhigte mich dann doch ungemein: Es reichte aufgrund der Überfüllung zwar nur für einen kurzen Erfrischungstrunk, aber die im Nachhinein recht irrsinige Vermutung, dass alle Schalker Fans asozial und obdachlos seien und unter Brücken oder in der Bahnhofsmission schliefen, war in Anbetracht der illustren Gesellschaft dort wohl widerlegt.

Zeitlich war dann auch ein Besuch des Marriott Hotels am Stadion noch möglich. Während das Schalker Team unmittelbar vor unserer Ankunft schon abgefahren war, hielt sich der ein oder andere Düsseldorfer Spieler noch entspannt in der Lobby auf. Kurz nachdem mit Trainer Norbert Meier auch der letzte aktive Teilnehmer des späteren Geschehens das Hotel verließ, traten auch wir, dick eingepackt, den Weg zum Stadion an.

„Setz Dich mit Sohnemann über das Mundloch, den Eingang der Nord“, lautete der Tipp der Schalker Timeline auf Twitter. Man wagt zu erahnen, wie der Eingang in der gegenüberliegenden gegnerischen Kurve genannt wird.

Dass man, um einen dieser Plätze zu ergattern, vermutlich vier Stunden vor dem Spiel am Stadion eintreffen müsste, sagte mir niemand.

Die Nordkurve war knappe 45 Minuten vor dem Spiel picke-packe-voll! Das ist neu. Keine der Heimkurven der zuvor besuchten Stadien war so früh so voll, so aktiv, so stimmungsvoll.

Ich muss zugeben, dass mich dies ein wenig beeindruckt hat. Wir stellten uns dann in Höhe der 5. Reihe an die Seite, was einem Ordner sofort zu missfallen schien, so dass er auf uns zustürmte. „Scheiss Wichtigtuer!“ Kaum gedacht, war er schon da: „Gehense mal da runner zu de andere Kinners.“ Wow, Ordner mit Einfühlungsvermögen und Interesse am Zuschauer. Ich muss zugeben, dass mich auch dies ein wenig beeindruckte.  Ich war nur die Gesichtsausdrücke und das testosteronelle Verhalten der Securitys gewohnt, die bei „Deutschland sucht den martialischsten Wichtigtuer-Idioten“ Siegchancen hatten.

So, da stand ich nun. 1. Reihe Nordkurve, Höhe Eingang N5, mit einigen anderen Kids und deren Eltern und Schalkes Elitefans. Das Warmmachen begann, die Heimmannschaft wurde würdigend empfangen und ich hatte das Vergnügen, die Konversation von Heinz und Uschi zu verfolgen, die es sich vermutlich schon heute Morgen gegen 8 Uhr mit einigen Pilsken in der Nord gemütlich gemacht hatten. Er beschwor immer das „dääär Hanta“ heute sein Ding machen wird und eiskalt zuschlagen wird, während sie immer nur „Dschohnsi, mein Dschohnsi“ ziemlich direkt in mein Ohr spuckte. Ich war Leid gewohnt, und in Anbetracht der bescheidenen Anzahl an vorhandenen Zähnen bei Uschi war eine etwas feuchte Aussprache nur logisch. Auch Heinz war nicht mit einer Vielzahl an Zähnen ausgestattet, was beim Anblick diverser Zungenspiele zwischen den beiden Mittvierzigern schnell für Unbehagen bei mir sorgte. Empfehlung: Kopfkino aus.

Überhaupt war ich nach einem Blick in die Runde der Meinung, dass die Ergo statt der Allgemeinwerbung  in der Schalker Arena ihre Marketingaktivitäten auf die Zahnzusatzversicherung ausrichten sollte. Goldgrube!

Es folgten die üblichen Warm-up Songs , wobei ich die Schalker Liedgutkultur zwar für ausgesprochen passend halte; sie mich persönlich aber mal so gar nicht anspricht. Ich weiss nicht, vielleicht bin ich da zu sehr Mainstream, aber gegen so ein Süd-Feeling in Dortmund bei „You’ll never walk alone“ ist dann „Blau und Weiß, wie lieb‘ ich Dich….“ doch recht altbacken und packt vermutlich nur den echten Schalker.

„Dschoooooohnsi!“, hallte es schon zur 3. Spielminute das siebte oder achte Mal in meinen Ohren, während sich Heinz intensiv über jedes Zuspiel aufregte, welches der Spieler Matip erhielt.

Who the fuck is Dschohnsi?

„Pass uff. Fehlpass“ war eigentlich der klassische Kommentar in den ersten Minute, sobald Matip oder auch Höwedes den Ball erhielten. Ungewöhnlich, wie ich empfand. Zunächst einmal hat das Spiel gerade erst begonnen und zudem konnte ich den Zuspruch für einen Holländer im Sturm einhergehend mit der Ablehnung der eigenen Abwehrreihen überhaupt nicht nachvollziehen.

Der Rest von Halbzeit 1 ist schnell niedergeschrieben. Natürlich war es Matip, der traf und natürlich ist er „Beste von Schalke“, „Beste von uns“, „Beste von Welt“.

„Mein Dschohnsi kricht immer gelb, weil er alles jibt“. Am schicken  Würfel in der Arenamitte wurde soeben Jermaine Jones‘ gelbe Karte angezeigt. Wäre auch dieses Rätsel geklärt. Auf diesem Würfel wird übrigens auch jede Schiedsrichterentscheidung noch einmal bildlich animiert dargestellt. Wenn ich an die Truppe vom Bahnhof und an das alkoholische Level von Uschi denke – eine gute Idee. Ich sah sie eigentlich nicht mehr in der Lage, zwischen Foul, Abseits, Ecke und Einwurf zu unterscheiden, auch wenn sie es sich nicht nehmen ließ, bei jedem Pfiff gegen Schalke lautstark mitzuteilen, dass Aytekin sowieso immer nur Scheisse pfiff. Was er aber auch bei jedem Spiel tue. So wie alle anderen Schiedrichter auch.

Das 1:1, welches dann ja direkt vor der Nordkurve fiel, ließ dann aber alle Masken fallen, und vermutlich trat das zum Vorschein, was Schalke in jedem Fall unterscheidet von Vereinen wie Wolfsburg, Hoffenheim und der Spielvereinigung Greuter Fürth, meiner Meinung nach aber auch anders ist im Vergleich zum Kurvenfeeling in München, Bremen und Leverkusen: Hier wird gelitten, und es herrscht aufrichtige Betroffenheit. Diejenigen, die sich denken: „O.k., was sonst?“, müssen richtig lesen. Betroffenheit. Ich rede nicht davon, dass man sich hier ärgert oder aufregt über das, zugegebenermaßen, auch recht unverdiente Gegentor. Ich rede auch nicht davon, dass man besserwisserisch über den eigenen Trainer urteilt, der die falschen Leute aufgestellt hat oder sich einfach nur über den unfähigen Verteidiger X oder über Torwart Y, den Vollidioten, aufregt.

Die gesamte Kurve war persönlich betroffen.

Uschi war den Tränen nahe. Heinz nahm sie in die Arme. Neben mir stand ein Baum von Vater, der noch stammelte: „Nicht schon wieder, nicht schon wieder“.

Fassungslosigkeit. Bestürzung. Betroffenheit. Trauer. Angst.

Alles präsentiert ohne jegliche Schuldzuweisung. Gefühlt war soeben der Abstieg beschlossen. Von der ersten direkt in die vierzehnte Liga. Alles zu lesen aus den Augen der Kurve. Das Gegentor ging einigen so nah, dass ich überlegen musste, wann ich das letzte Mal in Verbindung mit Fussball einen so intensiven Ausdruck von Gefühlen, gleich welcher Richtung, gesehen hatte.

Ich habe schon schweigende Kurven gesehen. Meist Kurven, die angesichts ihrer Wut auf die eigene Mannschaft nicht mehr zu einer Unterstützung willens waren. Aber eine komplette Kurve so intensiv still betroffen zu sehen. Still nicht, weil sie jetzt die Mannschaft nicht nach vorne treiben wollten, sondern weil sie es einfach nicht konnten.

Wow. Ja, ich war wieder beeindruckt, und damit liegt Schalke im Beeindruckungsindex bei mir persönlich ziemlich klar auf Meisterkurs. Ich war gleichzeitig saustolz auf meine Fortunen, die ich nicht erst jetzt (aber jetzt mit Anlass) aus der gegenüberliegenden Kurve deutlich vernehmen konnte. Irres Gefühl.

Aber zurück zu den Schalkern. Dieses neue Kurvengefühl fing an, mich zu begeistern. Es war definitiv anders und besonders. Es dauerte vier oder fünf Minuten, bevor sich die Fassungslosigkeit und die Lethargie über monotones Mitschreien und hoffnungsvolles Anfeuern zur „Jetzt erst Recht!“-Stimmung  entwickelte. Das war nicht besonders laut oder außerordentlich stimmgewaltig, aber von nicht gekanntem Trotz und Hoffnung beherrscht.

Das 2:1 und die Folgen in Kurzversion:

  • Trotz des ersten Toren ist sich die Fortuna einig: Matip kann man mal so stehen lassen.
  • Uschi umarmt  und knutscht mich statt Heinz.
  • Glühweinähnliches Getränk im Haar war zum Glück nur warm.
  • Glühweinähnliches Getränk war zum Glück keine Blutkotze.
  • Matip Fussballgott!
  • Aytekin konnte es nicht verhindern.
  • Der Erker-Papa nebenan reichte mir Taschentücher und bat an, meinen Sohn, der hinter einigen Kids stand, auch einmal in der ersten Reihe zu platzieren, indem er seinen Sohnemann an der Mütze nach hinten zog.
  • Uschi entschuldigte sich nicht für die Umarmung und den Knutscher, gab mir aber beim Anfeuern immer durch einen freundschaftlichen Anschubser zu verstehen, dass ich nun auch meinen Beitrag zur Unterstützung der Mannschaft zu leisten hätte.
  • Überhaupt muss nun dieser berühmte Funke übergesprungen sein. Neben der Nordkurve war nun auch der Rest des Stadions deutlich aktiver. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man hier zu Lande durchaus noch der Meinung ist, die gegnerische Mannschaft vom eigenen Tor weg oder die eigene nach vorne brüllen zu können.

Ich war sichtlich beindr…

Ja, war ich wirklich, und dass, obwohl ich mit der Mannschaft selbst wirklich nichts anfangen konnte. Nie zuvor erlebte ich Menschen, die den Fussball so leben, ihre Mannschaft so lieben und so mit dem Team leiden. Der Slogan „Wir leben Schalke“ sollte in jedem Fall angepasst werden. „Wir lieben, leiden, leben Schalke“ wäre treffender.

Ich schämte mich der Dinge, die ich zumindest über große Teile diese Menschen zu Spielbeginn gedacht habe.

Nun bin ich diesen Menschen dankbar – und vielleicht auch ein wenig neidisch.

P.S. Wenn Ihr Uschi seht: Beste Grüße. Schiedsrichter war der Herr Weiner, mit einer fast fehlerlosen Partie.

12 Gedanken zu „Schalke-Dschohnsi, Sohni, Uschi und ich

  1. Pingback: NULLVIER | Der Wochenendrebell

  2. BuenderSchalker

    Liebe Rebellen,

    natürlich nicht unbewusst nehme ich jetzt mal stellvertretend für ALL Deine Blogeinträge dieses Posting für ein einfaches und schlichtes DANKE! Es ist für mich ein festes Ritual geworden, u.a. bei eigener, mieser Stimmung einfach Deinen Blog aufzurufen und darin zu stöbern. Nicht weil Deine „Geschichten“ für mich als Frustbewätigung dienen, sondern weil sie mich schlicht berühren, ich mich an der hunoristische Schreibweise erfreue, ich Teil einer einzigartigen Mission sein darf, bei der ich mitfühlen, lachen, nachdenken und Ausgenpippi abputzen darf. Du würdest vielleicht treffendere Worte finden, aber das wäre ja auch langweilig… 😉

    Ich hoffe, dass Dein Blog lange „lebt“. Viel Kraft auf Euren weiteren Missionen und auf das Dir Deine positive Sichtweise auf ewig erhalten bleibt.

    Und sollte ich am kommenden Sonntag gegen den HSV auch nicht Uschi und Heinz in der Nord treffen, erteile ich den anderen 10000 Freunden ungefragt Lesebefehl…

    Glück Auf
    Buender-Schalker

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  3. Marie von den Benken (@Regendelfin)

    Grundsätzlich ist es natürlich unverzeihlich, sein Geld für Eintrittsberechtigungen in die größte Turnhalle der Welt in Herne-Ost zu tregen, aber das ist nicht das, was ich Dir heute sagen wollte. Ich bin mir sicher, dass Du deine Berichte hier nicht dafür verfasst, dass Du mit Lob überhäuft wirst. Viel mehr macht es mir Freude, mir vorzustellen, was Dein Sohn denken wird, wenn er in einigen Jahren und dann immer, immer wieder, diese Berichte nachlesen wird. Ich bin auch nicht Albert Camus, aber dennoch wollte ich Dir sagen: Fussball ist auch für mich wichtig, in vielen Lebenslagen, aber besonderen Respekt empfinde ich für jemanden, der es mit einer so wundervollen Aufgabe verknüpfen kann, einem so besonderen und liebenswerten Menschen wie Deinem Sohn damit grossartige Momente zu bereiten. Die, da bin ich mir sicher, über die 90 Minuten Spielzeit weit hinausreichen.

    Alles Liebe, Marie

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  4. Uli04

    Geiler bericht, würde ich gern auf unserer homepage verlinken, ne kurze info per mail wäre nett.
    Glück auf aus der kurpfalz / dem kraichgau
    Ulfert – sportfreunde kurpfalz 04

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  5. mberghoefer

    Wunderbarer Text, vielen Dank dafür. Eigentlich wie gemalt für die „1904 Geschichten“ – falls das etwas für dich wäre oder du gerne mehr wissen magst, dann meld dich doch einfach mal.
    So oder so weltbesten Dank für das Lesevergnügen + Glückauf!
    matthias

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  6. Martin Kensy

    Selten so einen geilen Artikel gelesen 🙂 Besser kann man uns Schalker nicht beschreiben. Wohne mittlerweile 700 km vom Stadion „wech“, aber ich hatte beim Lesen das Gefühl, datt ich gestern live auf N5 war.
    Danke dafür, dass mal jemand das Bild gerade gerückt, was nur auf Äußerlichkeiten beruht.
    Und Grüße an die Jungs vom Fanclub Blau-Weißer Stachel aus Dortmund(!)
    Auch sowat gibbet nur bei uns!

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  7. Julia

    „You’ll never walk alone“ ist natürlich ein schönes Lied, gehört aber nur einer einzigen englischen Mannschaft, wo das Lied Erinnerung weckt und immernoch Betroffenheit auslöst . Alle anderen Vereine sind Nachahmer und haben kein eigenes Vereinslied, dann lieber ein Lied, was etwas „altbackend“ klingt, als ein Lied, welches nicht dir gehört!

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      Hallo Julia,
      ein absolut berechtigter Einwand.Wobei „“You’ll never walk alone” auch nicht DER BVB Song ist , sweit ich weiss.Aber du hast mich da auf eine interessante Idee gebracht. Danke.Und wichtig war am Samstag auch wie sich alle Blauen mit dem Song fühlen und da waren keine Klagen zu sehen, hören,spüren.

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  8. Andreas

    Sehr schöner Post!!!

    Ein kleinen Tipp an dich 😉 versuche mal bei einem Auswärtsspiel dabei zu sein und erlebe diese Stimmung/Geschlossenheit in der Fremde.

    Das ist wirklich ein Erlebnis! Am besten mit etwas Blau/Weiß und man wird mit offenen Armen empfangen – einfach einzigartig.

    Einfach nur Pure Gänsehaut!

    Glück Auf!
    Andi

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      Hallo Andreas,

      das ist einer der nächsten Ansätze.Bei allen Touren ist mir bisher aufgefallen, wie intensiv die Auswärtsfans wirken wenn man sie so kompakt genießen kann.
      Vielleicht dann auch mal wieder Schalke.

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