Ein bisschen Bochum

Dieses klackende Geräusch vergesse ich mein ganzes Leben nicht. Wie nur sehr wenige Geräusche verbinde ich dieses Klacken mit einem außerordentlich ausgeprägten Gefühl tiefen Glücks. Es sind immer nur ein paar Meter gewesen aus unserer Umkleidekabine heraus bis zum Platz Acker, auf dem sich die Helden der Kreisklasse die Ehre gaben. Es war das Geräusch, welches die Stollen, zunächst auf den ersten beiden Metern würgbraunen Fliesen aus den frühen Siebzigern und im Anschluss auf den Pflastersteinen bis zum Spielfeldrand, verursachten.

Immer wenn das Klacken ertönte, bedeutete dies für die drei Kiebitze Zuschauer am unteren rechten Spielfeldrand dieser klassischen Rohrbarrieren, die um das Spielfeld verliefen, dass sie den entsprechenden Spielern ihres Teams der Kreisklasse A noch ein paar Takte mitteilen durften. Ich hatte Glück.

Während andere meist motivierende Worte wie:„Heute kannst du aber mal Deinen Arsch bewegen“ oder „Hoffentlich spielst nicht wieder so einen Scheiß zusammen“ mit auf den Weg gegeben bekamen, erhielt ich tatsächlich aufmunternde Worte. Dieses Klacken der Stollen auf dem Asphalt war der Moment, in dem es auch bei mir klackte. Jetzt geht es los.Die Minuten zuvor unterlagen meist rituellen Mustern. Aufpushen mit Musik aus überdimensionalen Micky-Maus-Kopfhörern war noch nicht, ich vermute allerdings, dass dies auch nicht die entscheidenden achtundneunzig Prozentpunkte gebracht hätte, die für die große Zweitligakarriere gefehlt haben.

Meist wurden in den Umkleidekabinen Tinkturen, Cremes und Wärmesalben ausgepackt, die eigentlich für besonders weiche Haut oder eben zur Regeneration der Muskeln von Pferden gedacht waren. Ich hielt mich diesbezüglich meist bedeckt zurück, was aber auch an den gezogenen Lehren aus einem Debakel-Spiel gelegen haben könnte, bei dem ich irgendein chinesisches Heilöl, welches die Nase frei machen sollte, mir versehentlich im Spiel in die Augen rieb. Das Traurige daran ist aber, dass es wohl trotzdem nicht mein schwächstes Spiel war. Ich hielt nicht viel von dem Humbug vorab. Lediglich zwei Gummis, die man eigentlich zum Verschließen von Weckgläsern verwendet, nutzte ich, um die Stutzen zu straffen und sie dort zu halten, wo sie meines Erachtens nach hingehören.

Es gab nichts Unsinnigeres als diesen Stutzen-Look à la Breitner, Lerby, Herget und Co. Welchen Zweck sollten die Stutzen zusammengeknäult auf Knöchelhöhe noch erfüllen? Es kann sich meines Erachtens nach nur um optische Aspekte handeln, und die sind mir auf dem Rasen, bei mir selbst, aber auch bei den heute aktiven Akteuren, schon immer zuwider gewesen. Bei Breitner wiederum würde es passen. Mir fallen nur wenig unsympathischer auftretende Offizielle eines Vereins ein. Gut, die sehr verantwortungsvolle Position, die ihm seine Mitstreiter der Siebziger Jahre zutrauen spricht für sich. Chefscout beim FC Bayern? Was macht der im Nebenjob: Koordiniert das Hitzefrei an Grönlands Schulen?

Warum ich den alten Kram erzähle?

Nun gut, die Wochenendrebellen reisten kürzlich zum VfL Bochum, und auch wenn der Fußballromantiker-Gaul da sicherlich mit mir durchgeht, ist dies für mich immer noch der Verein, dessen Klang am meisten „Klacken“ verkörpert. Dies liegt tatsächlich weniger daran, dass sie einen Trainer haben, der eindrucksvolle Spielerstationen wie STV Horst-Emscher und der DJK Gütersloh aufweisen kann und dessen mir einzig bekannte Expertise die gnadenlose Motivationskalaschnikow ist, sondern eher am Umfeld, am Geruch und an der Ausstrahlung des Vereins. Neben den Borussen aus Dortmund wohl der letzte deutsche Arbeiterverein. *Hust*

Wir fuhren diesmal recht zeitig los, weil aufgrund beruflicher Verpflichtungen am nächsten Morgen eine Rückreise nach dem Spiel zwingend notwendig, mit dem Zug aber nicht mehr zu gewährleisten war. Sohnemann durfte sich als Entschädigung für die verlorene Zug-Rückfahrt einen Mietwagen der unteren Mittelklasse aussuchen und akzeptierte daher diesen kleinen Regelverstoß ohne größere Schwierigkeiten.

Wir suchten ein Restaurant in der Innenstadt auf und er erfreute sich an der für ihn merkwürdigen Speisekarte.

„Was die Gladbacher dazu wohl sagen?“

„Wozu?“

„Hier gibt es Fohlengulasch.“

Tatsächlich gab es hier einiges an Pferdedelikatessen, was in unserer Region absolut ungewöhnlich ist, den Sohn aber anscheinend erheiterte. Er entschied sich dann aber doch für Pommes und Apfelschorle. Seine Apfelschorle leerte er im Nu. Aus meinem Glas würde er nicht trinken, sowie er auch zu Hause eine eigene Flasche Wasser benötigt aus der niemand sonst trinken würde. Ich weiß nicht, ob dies mit seiner Abneigung dem Teilen gegenüber zusammenhängt. Ich glaube auch, es ekelt ihn irgendwie, gemeinsam von Tellern zu essen oder kurz meine Gabel zu benutzen. Da reichen meistens Kleinigkeiten und er lässt trotz größtem Hunger einfach seinen Teller stehen. Sohn hatte mehr Durst. Ein guter Zeitpunkt, um mehr zu erfahren.

„Du kannst doch von meiner Apfelschorle was haben.“

„ Ich teile nicht.“

„Musst du nicht. Ist ja meine Schorle. Du darfst sie ganz haben.“

„Aus dem Glas hast du schon getrunken“

„Sag mal, wenn wir jetzt in der Wüste wären, und Dein Glas wäre leer und meines noch voll. Würdest du dann aus meinem Glas trinken oder lieber verdursten?“

„Was ist denn das für eine bescheuerte Frage? Natürlich würde ich das dann trinken. Aber ich würde es vorher in mein Glas umfüllen.“

„ Guter Vorschlag. Dann fülle ich Dir jetzt meine Apfelschorle in Dein Glas um.“

„Nein! Wieso? Wir sind ja nicht in der Wüste. Bestell mir jetzt was zu trinken verdammt nochmal.“

Touché!

Ich ließ die Diskussion abrupt enden und wir brachen auf zum Ruhstadion.

Der Ermittler hatte nicht zu viel versprochen. Das Stadion hatte was.Charme! Das erlebt man nicht mehr so oft.

Das Polizeiaufgebot war etwas üppig und selbst in Anbetracht des gemeingefährlichen Anhangs der Schwarzgelben völlig überdimensioniert. Ich konnte keine Zahlen finden, aber es würde mich nicht wundern, wenn in etwa so viele Polizisten im Einsatz waren, wie auch Dresdner Fans vor Ort.

Kommen wir doch gleich zu dem dreckigen, ständig Ärger machendem Nazigesindel, welches nur zum Krawall machen den Weg nach Bochum angetreten ist.

Nun ja. Ich habe sie nicht gefunden.

Ich gebe zu, ich habe auch nicht nach ihnen gesucht. Dies ist sicherlich auch keine repräsentative Aussage, aber: Ich habe nie zuvor einen stimmungsvolleren, intensiveren und stetigeren Auswärts-Support erlebt als an diesem Tag im Bochumer Ruhrstadion.

Ja, der „Bochum“-Song war nett.

Ja, die Bochum Fans sind lautstark und loyal gegenüber Ihrem Team.Trotzdem mussten wir uns in der zweiten Halbzeit in einen anderen Block schleichen, damit Sohnemann nicht weiterhin verwundert und schwer beeindruckt in den Gästeblock schaut, sondern vielleicht auch noch etwas vom Spiel mitbekommt. Sehr starke Vorstellung des Dresdner Anhangs, der den zeifelsohne starken Heimsupport der Bochumer in den Schatten stellte.

Nicht umsonst die beunruhigende Frage.

„Papsi, warum sind denn in der zweiten Liga die Fans viel lauter?“

Dass für die Dresdner am Ende mit Christiena Fiél der Spieler zum 1-1 traf, der die Stutzen konträr zu Grönland-Paule als Strapse über das Knie gezogen trug, war hart aber zu verschmerzen.

Alles in allem und trotz nerviger Autorückfahrt. Auch ohne „Klacken.“

Top-Ausflug!

Next Stop: Der Hexenkessel Audi-Park.

Warum wir durch die Gegend reisen liest du hier und alle bisherigen Stationen findest du hier.

2 Gedanken zu „Ein bisschen Bochum

  1. Dynaminator

    Ich fühle mich geehrt auch wenn ich selbst nicht in Bochum war *-*.
    Ein Dynamoheimspiel solltest du aber erst besuchen wenn wir wieder aus dem Tabellenkeller raus sind sonst wird sich Sohnemann wundern wieso so viele Schimpfworte fallen in seiner Umgebung ;).
    Dynamischer Gruß.

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  2. Stefan

    Nicht umsonst die beunruhigende Frage.
    “Papsi, warum sind denn in der zweiten Liga die Fans viel lauter?”

    Warum war das eine beunruhigende Frage?

    Antworten

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