Ein Star ist ein Stern

„Dieser verdammte Tag kann sich ficken“

Serengeti-Festival, 20.07.2013, 09:30. Ca. zehn Minuten nach dem Aufstehen.

Sohn eskalierte. Die Stimmung war frühzeitig auf verdammt hohem Niveau.

Die Zahnbürste war auf dem Weg zu den sanitären Anlagen ins Gras gefallen.

Nicht mehr verwendbar. Undesinfizierbar. Darf aber nicht weggeschmissen werden.

Manche Tage fangen eben bescheiden an und entwickeln sich dann unglücklicherweise  kontinuierlich abwärts. Manchmal hilft aber auch die schnelle, pragmatische Lösung eines eigentlich riesigen und für den Sohn unlösbaren Problems, um ihm einen Schub zu geben, der seine Laune auf hohes Niveau hebt. Wir fuhren also ungewaschen, ungeduscht und mit gänzlich ungebürsteten Zähnen nach Stukenbrock, um  eine Zahnbürste zu kaufen. Auf dem Weg erklärte ich ihm, dass seine alte Zahnbürste natürlich zukünftig meine persönliche Festivalzahnbürste sein wird.

Aber was geschah am Vorabend?

Der Kopfkrieg-Tag des Serengeti-Festivals endete mit einer unspektakulären Show von Skunk Anansie.

Sohn würdigte die Dame im Glitzerfummel relativ wenig, da es ihr nicht einmal gelang einen Moshpit zu erzeugen. Die Moshpit-Intensität oder die Circle Pit Größe  schienen sich zu einem neuen Maßstab zu entwickeln, was es für Helene Fischer, Tokio Hotel und Rihanna schwer machen dürfte, das Herz des Sohns zu erobern. Ihm reichte sogar die jeweilige Übersetzung des Songtitels, ohne nach der näheren Bedeutung des gesamten Songs zu fragen.

Auf dem Campingplatz angekommen, packte ich den Sohn in den Schlafsack und wir setzten uns kurz vor Mitternacht an unser Tischlein, um rebellisch, wie wir sind, nach dem Zähneputzen dem Konsum diverser Erzeugnisse der Süßwarenindustrie zu frönen. Gerne hätte ich das Gespräch in Richtung Kopfkrieg Thema gelotst, aber in der unendlichen Stille genoss es der Sohn immer sehr, einfach in den Himmel zu den Sternen zu schauen und ein wenig aus seinem Weltraumrepertoire zu referieren.

Also hielt ich einfach mal meine Fresse und genoss es, mehr über die Jupitermonde Io, Ganymed, Kallisto und wie sie alle heißen zu erfahren.

Nach wenigen Apfelringen, Glühwürmchen, Rollos, schokolierten Cashewkernen, Mambas, Salinos und Lakritzvampiren, schlummerte der Kopfkrieger friedlich ein und ich wuchtete ihn ins Zelt. Ein Schlachtplan für Tag zwei musste ausgearbeitet werden.

Klar war, dass unser zweiter Festival Tag nicht von langer Dauer sein würde, wenn ich den Sohnemann bei erneut arabisch anmutenden Temperaturen über das Festivalgelände schleppen darf.

Ich machte mir die Nähe des Safari-Parks zu Nutze und schlug beim Frühstück vor, dort ein wenig Zeit zu verbringen und erst am späten Nachmittag zu „Funeral for a friend“ auf dem Festivalgelände aufzuschlagen.  So stürzten wir durch den Park und ich konnte meine Schultern schonen. Sohn meidete dort Attraktionen, wie ein Kettenkarussel, welches aus fliegenden Elefanten besteht, konsequent, nutzt aber gerne logische und näher an der Realität liegende, aber vollkommen langweilige Fahrgeschäfte, wie stupide im Kreis fahrende Autos.

Am frühen Nachmittag fuhren wir zurück zu unserem Campingplatz, ca. 500 m vom offiziellen Festival- und Campinggelände gelegen, aber mit menschenwürdigen sanitären Einrichtungen ausgestattet und nur von sehr ruhigen, holländischen Rentnerpaaren besucht, die tagsüber Boules spielen und um 21:00 Uhr in ihrer Koje verschwinden.

Beim Grillen brachte ich dem Sohn die grobe Planung für den restlichen Tag näher. Neben ein paar Mittelklassebands erwartete ich voller Vorfreude das Zusammentreffen mit Daniel Wirtz. Musikalisch konnte der Sohn ihn schon begeistern und über ein kleines Treffen und ein Foto mit einem Star würde er sich bestimmt freuen.

Der Hype um die Stars und die Fans hatte ja nicht erst durch Suicidal Tendencies begonnen. Nach dem Spiel des VfB Stuttgart gegen die SpVgg Greuther Fürth bekannte sich, die treuen Leser werden dies wissen, der Herr H.K. dazu, Fan des Sohns zu sein. Er war quasi der Ur-Fan, auch wenn man die Rolle durchaus einem mir völlig unbekanntem VfB Fan zuschreiben könnte, den wir am Stuttgarter Hauptbahnhof trafen. Wie auch immer.

Die Wochen nach dem damaligen Spiel brachten viel Licht in dunkle Seelenecken des Sohns. Die übertriebene Art der eigenen Darstellung, dass er der größte, beste, klügste Mensch auf der Welt sei, war und ist, und da hätte man auch eher selbst darauf kommen können, nichts weiteres als das Schutzschild eines , doch an sich selbst oft zweifelnden kleinen Kerls ist, der mit den Umständen des Asperger-Autismus hadert.

Natürlich hatte er die Unterschiede zu anderen Kindern seines Alters bemerkt. Natürlich war ihm klar, dass es kein Zufall ist , dass er beim Fußballtraining nie den Ball zugespielt bekommt und auch wenn ihm sehr viele seiner Eigenarten völlig egal sind oder er zum Teil sogar stolz darauf ist, so ist er doch öfter verunsichert gewesen, ob man ihn so mag wie er ist. Es ist nicht so, dass er bereit wäre sein Verhalten auch nur im Minimalbereich deswegen zu ändern, aber ein wenig Zuneigung tut ihm schon gut.

Es geht in dem Fall nicht um die Liebe seiner Eltern oder seiner Großeltern, sondern vielmehr um den Zuspruch, die Aufmerksamkeit, die man gelegentlich auch von völlig Unbekannten oder flüchtigen Bekanntschaften, von Leuten aus demselben Ort oder von Schulkameraden erfährt. Ein Lob oder ein nettes Wort beim Bäcker, vom Postboten oder eben vom Mitfahrer in der Bahn.

In diesem Bereich fiel es ihm zudem schwer Botschaften unmissverständlich zu empfangen. Und an eindeutigen Botschaften mangelte es natürlich zusätzlich, nachdem man selbst jedes Kind im gleichen Alter mehrfach beschimpft hat, die Wurstscheibe der Metzgerin mehrfach angewidert abgelehnt hat und beim Bäcker auf Fragen nur mit einem arrogant abgewandtem Blick reagierte.

Der Krieg in seinem Kopf und die tückischen Rahmenbedingungen des Asperger-Syndroms beförderten einen vielleicht etwas irren Plan zu Tage.

So, wie sich der Freund von Hans Ritter und Matze Krause outete, sollten es ihm möglichst viele gleich tun. Fans assoziiert der Sohn mit Menschen, die anderen Menschen gegenüber Sympathie empfinden, weil sie was besonders tolles können oder etwas Außergewöhnliches sind. Auch wenn die Gefahr besteht, dass ich Sohnemann gegenüber Schwachsinn impliziere, weil ja umgekehrt nicht jeder Mensch mit Fans auch wirklich tolles leistet oder etwas besonders gut kann.

Der grobe Plan stand und es war letztendlich wie immer, dass wir anstatt zu zaudern erst einmal loslegen und dann schauen wie es sich entwickelt, um dann korrigierend einzugreifen.

Ich mache aus dem Sohn einen Star. Nach gelungenem Abschluss ließ sich „Star“ immer noch definieren. Es war einen Versuch wert, die Beziehung zu anderen unter dem Deckmantel der Star-Fan-Beziehung aufzubauen. Vielleicht ein wirrer Plan, aber was sollte schlimmstenfalls passieren.

Sein gelegentlich um sich greifender Größenwahn könnte sich stärker ausprägen.

Na und?

Nach dem ersten Mobbingverdacht in der Schule versuchte ich mit unterschiedlichsten Maßnahmen sein Selbstwertgefühl zu stärken. Nur mit dicken Cojones ausgestattet wird es ihm möglich sein, sich zur Wehr zu setzen.

Es galt abzuwägen, aber auch auf die Gefahr hin, dass der Sohn als Angeber in der Schule auch nicht everbodys darling wird, ist mir dies allemal lieber, als nur der bloße Verdacht, Kinder stellen sich um ihn herum im Kreis, bespucken ihn und erklären ihm es wäre ein Spiel.

Ob jetzt seine eigene Facebookseite, Fanpost, die er tatsächlich bekommen hat oder Einladungen zu tollen Veranstaltungen, sowie weitere Ehren, die sonst nur Stars zu Teil werden, nachhaltig die Wirkung erzielen, die es braucht weiß ich nicht, aber aktuell ist es etwas, was die Arroganz und den Hochmut des Sohns fördert, damit einhergehend aber auch Sicherheit und Selbstvertrauen schafft.

Nachhaltigkeit ist ein schwieriges Thema in diesem Zusammenhang, weil man Maßnahmen nie bewusst mit Hinblick auf Nachhaltigkeit planen kann, im Umkehrschluss aber meist ein Problem nachhaltig gelöst wird, wenn der Sohn seinen Umgang mit dem Auslöser reglementiert hat. Es kommen zwar meist Medusa ähnlich zwei neue Probleme auf ein gelöstes, aber mit ein wenig Glück sind diese kleiner als das vorherige.

Er fühlte sich mittlerweile nun wie ein Star. Ein kleiner Star. Aber ein Star. Und dieses Gefühl galt es fortan zu erhalten und zu steigern. Daher rührte auch seine Frage und das mein Herz zum zerbersten bringende Statement nach dem Song der Suicidal Tendencies.

Ihn verwirrte es, dass Stars zum Teil eine höhere Präsenz in den Medien haben. Stars werden in Zeitungen abgedruckt, im TV gezeigt oder stehen eben auf Bühnen und die Menge jubelt Ihnen zu. Soweit hatte er es nicht gebracht, woraufhin ich ihm erklärte, wie viele großartige Stars es auf der Welt gibt und gab, die nie die Aufmerksamkeit von Film, Funk und Fernsehen genossen haben, die aber dafür von vielen Menschen geliebt und gemocht wurden.

Ich erhoffte mir eine Relativierung seiner Ansicht, wenn er mit Daniel Wirtz einen seiner und meiner Stars kennen lernte. Ich hatte dieses kurze Vergnügen erstmals bei einem kleinen Konzert, vor viel zu wenig Zuhörern, in München, vor einigen Jahren anlässlich seiner ersten CD (11 Zeugen) und danach immer mal wieder sporadisch bei Festivals und Konzerten oder über myspace. Dieses Blog ist und bleibt ja immer werbefrei, aber diese Empfehlung wird erlaubt sein.

(Hier geht`s zur Homepage. Hier einer der etwas ruhigeren Songs und hier entlang zu etwas rockigeren Klängen.)

Unfassbar geerdeter Typ. Nun gut. Der Sohn musste auf dieses Giganten-Startreffen vorbereitet werden und so trug sich folgende eigentlich als länger andauernd geplante Konversation zu.

„Wenn alles klappt, treffen wir uns nach dem Konzert noch kurz mit Daniel. Soll ich dann mal fragen, wegen einem Autogramm?“

„Traut der sich nicht alleine mich zu fragen?“

„Äh, doch. Natürlich.“

Die Fronten waren geklärt.

Sohnemann hatte sein Starlevel, demütig und bescheiden wie er ist, punktgenau eingeschätzt und ich war heilfroh, dass ich Daniel nichts von Sohnemanns Situation berichtet habe.

Es sieht vielleicht manchmal ein wenig blöd oder mitleiderheischend aus, dabei geht es mir nur darum, dass niemand den Kurzen für einen schlechten Kerl hält, weil er zur Begrüßung nicht die Hand gibt oder gerade diverse Fäkalbegriffe um sich schmeißt.

Beim Treffen mit Daniel ergab sich das Problem nicht. Sie schüttelten sich die Hände und für den Sohn war es das normalste von der Welt. Stars unter sich eben. Ein Autogramm wollte Daniel dann nicht, was den Sohn aber in Anbetracht der Vorfreude auf die Broilers auch nicht störte.

Ich war perplex, froh, dankbar und verwundert, was Daniel vermutlich dazu veranlasste, mich für einen ziemlich durchgeknallten Fanboy zu halten.

Ich hatte vieles erwartet, aber dass Sohnemann plötzlich jemandem die Hand gibt, was er übrigens später abgestritten hat, ließ mich erstaunt und recht still bei Daniel stehen, wie bestellt und nicht abgeholt.

Sohn verfolgte unser kurzes Gespräch extrem desinteressiert, um dann unnachahmlich reinzuplatzen:

„Ich will einen anständigen Platz bei den Broilers – Wann gehen wir?“

Der Plan ging wohl schief. Es war zwar Klasse mit Daniel mal wieder persönlich ein paar Worte wechseln zu können, aber für den Sohn war das ziemlich unspektakulär. Lediglich die Tatsache, dass ich dann ein wenig schwindelte und ihm sagte Daniel habe um ein Foto mit ihm gebeten, ließ ein kurzes Lächeln über sein Gesicht huschen.

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Die Broilers waren, warum auch immer, sein erklärtes Ziel. Schon bei der Auswahl des Festivals waren sie der ausschlaggebende Faktor, dass Sohnemann, entgegen seiner Regelung er wolle jedes Jahr ein anderes Festival besuchen, sich erneut für das Serengeti-Festival entschied.

Nun galt es einen vernünftigen Platz zu erobern, was sich auf Grund eines kleinen Zwischenfalls während des  Danko Jones Auftritts, als schwierig erwies. Sohnemann war auf eine der Brüstungen geklettert und beim Runterspringen unglücklich auf einer der Bodenstreben gelandet und umgeknickt. Der Knöchel schwoll leicht an, aber außer einem Kühlakku von den wirklich sehr netten Sanitätern, ließ Sohnemann keine Hilfe zu. Damit der Sanitäter sich den Fuß überhaupt anschauen durfte, musste Papsi wieder Federn lassen.

Broilers mussten vor dem ersten Wellenbrecher begutachtet werden und er wolle noch ins Moshpit. Beidem stimmte ich zu, weil ich des Sanis Aussage brauchte, ob wir überhaupt noch hier verweilen könnten. Wir sollten den Fuß beobachten war dann nicht die extrem hilfreiche Aussage, die ich mir versprochen hatte, aber die Versprechen gegenüber dem Sohn wollten gehalten werden.

Wir platzierten uns rechts von der Bühne, mit bombastisch gutem Blick. Die Schultern schmerzten von einem sehr hüpflastigen Itchy Poopzkid und einem springstarken Danko Jones Auftritt.

Sohn war on fire.

Alle Bands zuvor haben ihm gut gefallen und nun, mittlerweile viertel vor Elf am Abend, zahlten sich auch die ruhigeren, schattigen Stunden im Park aus.

Die Anzahl an Kindern unter 10 Jahren war nun um 22:30 Uhr auch kleiner als zwei und die verächtlichen Blicke lagen, zumindest gefühlt, im niedrigen dreistelligen Bereich.

Es galt nun, ein wenig dem Starkult zu frönen und da sich Sohnemann nach dem Abschluss von „Funeral for a friend“ erklären ließ, warum die Band im Graben noch die Fans abklatschte, wir noch gute 15 Minuten Zeit hatten und ich nach dem Knöchelunfall einfach das Bedürfnis hatte, ihm den Rest des Abends vom Star zum Superstar zu transformieren, zogen wir los.

Wir ritten durch die Reihen, der Sohn die Pommesgabel reckend, forderte ich Besucher zum High Five mit dem Sohn auf – was der Sohn erst nicht raffte (oder nicht wollte), ihn dann aber immens beglückte und weiter seine Flosse High Five bereit durch die Massen gleiten ließ.

Bei besonders imposanten Erscheinungen blieben wir stehen, um zum Mini-Moshpit einzuladen, was der Sohn zunächst nur auf meiner Schulter und dann später, bei einem besonders üppig mit Fleisch bepackten Typen, dann auch, mehr oder weniger einbeinig, im direkten Fight von Angesicht zu Angesicht. Es war spannend zu beobachten, wie Sohnemann in der Euphorie plötzlich eigene Regeln über den Haufen wirft. Wildfremde, völlig verschwitzte Menschen in seltsamsten Kostümierungen klatschten den Sohn ab und er fand es total super. Wir drehten eine komplette Runde durch den hinteren Zuschauerbereich, um uns dann auf dem Rückweg, an den unzähligen Fressbuden vorbei, wieder auf unseren Platz zu kämpfen. Die Meute der Fotografen wartete gerade darauf am Bühnenrand Einlass zum Graben zu erhalten. Ich bat den Sohn um eine kurze Verschnaufpause, nahm Ihn von meinen mittlerweile doch arg lädierten Schultern und ging zum Fotografenpulk. Ich fragte eine der beiden Damen, ob ich Sie um einen Gefallen bitten und sie meinen Sohn fotografieren könnte. Die Fotos können Sie ja danach einfach löschen. Sie willigte ein.

Ich erklärte dem Sohn, dass mich die Fotografen angesprochen haben, ob sie vielleicht ein Foto machen dürfen. Auf dem gesamten Festivalgelände würde man ja nur noch von ihm sprechen.

Sohn platzte vor Stolz und willigte ein. Das Posen müssen wir vielleicht noch üben, er bevorzugte eine eher schüchterne Haltung, aber das war in Ordnung.

Die Broilers begannen. Ich richtete des Sohns Ohrstöpsel erneut und platzierte ihn dort, wo meine Schultern sein sollten. Ich hatte keine Ahnung, was er an der Truppe so mochte. Es ist ja nicht so, dass ich die schlecht finde, aber es scheint mir tatsächlich so, als würde sich die Truppe zur Lieblingsband entwickeln. Aber nun gut, es hätte schlimmer kommen können. Viel schlimmer.

Am Abend vor unserer Anreise trat McFitty hier auf. Der VFL Wolfsburg des Musikbusinesses. Beängstigender Gedanke, sich einmal ein volles Konzert von dem Typen anschauen zu müssen.

Auch nachdem ich beim Lieblingssong des Sohns korrigierend eingreifen musste, änderte er seine Meinung nicht. Er hatte aus dem Song: „Meine Sache, mein Problem“ kurzerhand: „Meine Sache, dein Problem“ gemacht, was ich schon recht amüsant fand.

Ein Freudscher Verhörer par excellence.

Er hüpfte, wippte, reckte die Gabel, klatschte und forderte mich auf zu hüpfen, zu wippen zu klatschen und die Pommesgabel zu recken. Ich muss zugeben, dass die Jungs, und natürlich auch die Dame, live schon ziemlich gut abgehen.

Sohn vergaß in jedem Fall die Aufmerksamkeit, die ihm durch Handyfotos und Gewinke aus dem direkten Umfeld zu Teil wurde und genoss einfach die Musik. Ich würde zu gerne wissen was in diesen Momenten aus dem „War in his head“ wird. Kann er frei von jeglichem Gedankenchaos Musik einfach nur genießen, ohne sich gleichzeitig über tausende Dinge Gedanken zu machen? Gefällt Ihm diese Art von Musik wirklich? Wie würde er klassische Musik aufnehmen? Sollte ich mit ihm zu einem Heino Konzert gehen? Oder eine Oper besuchen? Ein Muscial? Wacken 2014? Burning Man? Unglücklicherweise schränken die Faktoren Zeit, Geld und eine Frau, die mich töten würde, die Möglichkeiten ein wenig ein, aber die entstandene Euphorie in der Abklatschphase und die ansteckende Stimmung, die auf einem Musikfestival üblicherweise herrscht, zeigte beim Sohn Auswirkungen, die mich intensiv berührten.

Der Moment, in dem er mir sehr einfach darstellte, was in seinem Kopf los ist, war vermutlich einer der intimsten Momente, die ich mit dem Sohn bisher erleben durfte.

Vereinbart ist, jedes Jahr ein Musikfestival zu besuchen. Die Festivals müssen hinsichtlich ihrer Besucherzahl von Jahr zu Jahr größer werden. Aber demnächst das ein oder andere musikalische Sonderprojekt einzustreuen… Warum nicht? Aber was wirkt? Klänge? Melodie? Texte?

Die letzten Klänge der Broilers verhallten. Der Sohn war wahnsinnig aufgekratzt und hungrig. Wir fuhren also in einen kleinen Nichtketten-Burgerladen am Rande der Stadt und gönnten uns, rebellisch wie der Ausflug begann, zum rebellischen Ende einen rebellischen völlig überfetteten Burger und eine rebellische eiskalte Flasche Vita Malz und versuchten uns wie immer zum Abschluss einer Tour an einem Fazit.

„Und? Wie wars?“

„Note 1-. Es war das beste Festival in meinem ganzen Leben.“

„Welche waren die Bands, die Dir am besten gefallen haben?“

„1. Broilers, 2. Der schnelle Sprecher 3. Die Frau mit dem Lied über mich.“

„Du meinst diesen Watsky vom ersten Tag mit dem Schnellsprecher?“

„Ja, der war lustig.“

„Und welche Frau?

„Die, die dann doch Haare hatte, obwohl sie einen Tag zuvor auf dem Video noch Glatze hatte und die das Lied über mich geschrieben hat.“

Zur Aufklärung:

Sohn sprach von Skunk Anansie. Er ist wohl bei diesem Song, dessen Titel ich ihm, wie alle anderen, übersetzte, ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass es um ihn geht, bei dem Helden, den man hofft zu treffen.

In Verbindung mit unserem Fußballprojekt sehe ich in solch demütig bescheidenen Phasen meinen Sohn immer mit einer Klatschpappe bewaffnet in einem leuchtenden Stadion stehen.

Es erschauderte mich.

Was waren die drei Sachen, die du am schlechtesten fandest bei dem Festival?

„1. Keine T-Shirts in meiner Größe, 2. Meinen kaputten Knöchel 3. Das Star sein so anstrengend ist.“

„Anstrengend? Was war denn bitte für Dich anstrengend? Ich hab Dich 60% des Tages, bei subtropischen Temperaturen, über das Gelände geschleppt.“

„Papsi, aber alle wollten etwas von mir. Die Fans, die abklatschen wollten, die Fotografen, der Daniel. Alle.“

„Oh, `tschuldigung, ich dachte du findest das vielleicht schön.“

„War es ja auch. Aber auch anstrengend. Ich glaube ich werde lieber Bundesligaprofi oder Rockstar.“

Dieser verdammte Tag, der sich zu Beginn eigentlich ficken sollte, endete also damit, nachts um halb eins in einem verwanzten Burgerschuppen, mit fettigen Burgern, bei einem Malzbier, die berufliche Karriere des Sohnes in die richtige Bahn zu lenken.

Wir hatten schon schlimmere Tage.

11 Gedanken zu „Ein Star ist ein Stern

  1. Pingback: Nackt durch die Serengeti | Der Wochenendrebell

  2. Jake1965Blues

    Über Fußball bei Twitter auf dich aufmerksam geworden, lese ich seitdem auch sehr interessiert deinen Blog hier. Jede neue Episode hinterlässt irgendwie einen dicken Kloß in meinem Hals. Und gleichzeitig sehr tiefen Respekt, wie du, nein, wie ihr alle die Situation meistert. Hut ab vor diesem Engagement! Natürlich sind sich die allermeisten Eltern ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kindern bewusst und verhalten sich entsprechend. Umso mehr, wenn diese eine wie auch immer geartete Besonderheit auszeichnet. Aber was du da für ein Programm auf die Beine stellst, um deinen Sohn stark zu machen, das ist schon herausragend! Wie gesagt: Ganz tiefen Respekt!

    Persönlich bin ich gespannt auf die Fortsetzungen. Und ich bin mir sicher, dass eure Rebellion nicht nur am Wochenende stattfindet. Weiter so! Ich wünsche euch allen die nötige Kraft, das weiter durchzuziehen, auch wenn die eigene vielleicht mal nicht reicht. Mögen immer Menschen da sein, die euch unterstützen – und sei es nur durch ein aufmunterndes Wort.

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  3. SvenGZ

    Da hat es der Heinz Kamke mal wieder auf den Punkt gebracht.
    Auch ich ertappe mich während des Lesens dabei wie ich an Eurem Projekt oder Teilen daraus zweifle, doch wenn ich dann mitbekomme, wie Dein Sogn händeschüttelt oder abklatscht, wie er das Erlebte zu verarbeiten scheint und wie Du damit umgehst weichen die Bedenken der Bewunderung für Euer Projekt.

    Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich an Deiner Stelle das Projekt so konsequent durchgezogen hätte, wenn ich denn überhaupt darauf gekommen wäre es zu versuchen. Natürlich muss ich die Antwort als Vater eines Sohnes ohne das Asperger Syndrom schuldig bleiben, tendenziell würde ich es aber verneinen. Das hat mit den Lebensumständen und Möglichkeiten zu tun, aber auch abgesehen davon habe ich mir gegenüber Zweifel. Das verstärkt jedoch wiederum meine Bewunderung für Deine Familie und Dich.

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  4. Anita

    Mutig bis übermütig! Schön, dass der Tag so für Euch gelaufen ist. Und toll, was Dein Sohn für Schlüsse zieht, aus den Projekten, die Du mutig bis übermütig startest.

    Und ich hoffe sehr, dass Du „Tonnen“ von Selbstbewusstsein um Deinen Sohn gepackt bekommst!!! Denn Mobbing ist das schlimmste, was geschehen kann. Der Super-GAU schlechthin!

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  5. julian

    Was Herr Kamke sagt.

    Wie schätzt du es eigentlich ein – ist ihm jeder Fan willkommen oder sind bestimmte Personengruppen ausgeschlossen, weil er von ihnen nicht verehrt werden will (Nazis, TSG-Fans, …) ?

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      Die Frage meines allerliebsten Hoffenheim-Fans kann ich aktuell gar nicht so beantworten, weil das Naziregime noch kein großes Thema war, aber die Koexistenz in Deiner Klammer ist mehr als schockierend. ich werde demnächst ein paar erklärende Zeilen zu der „Fanthematik“ schreiben. Nur so viel vorweg.
      Es geht hier weniger um den Fan im Sinne des Fans und schon garnicht um das Verehren.
      Er geht seit Jahren nicht zum Friseur. Glücklicherweise ist hier bei uns um die Ecke ein sogenannter Schnippinator. Schnippinatoren, sind Dienstleister, die Deine Haare ohne kürzen können ohne sie mit der Schere abschneiden zu müssen. Praktische Sache, wenn man nicht zum Friseur geht.
      Der Sohn lehnt jegliche Form von Freundschaften ab. Freunde sind unnütz und man benötigt sie nicht. Ein Fan ist aktuell für Ihn jemand , der ihn mag und den er mag , weil er ihn mag. Nicht perfekt, aber ein Anfang.Aber wie gesagt. Vielleicht demnächst ein paar ergänzend erklärende Zeilen.
      Beste Grüße
      Mirco

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      1. Stefan

        Großartig natürlich der Part mit der Autogrammkarte. Wie ich zum Thema Freunde und deren Notwendigkeit stehe, hatte ich ja schon unter dem letzten Beitrag geschrieben, hier nur was zum Thema „Fansein“ und „Starkult“: Braucht man genauso wenig. Also, was andere Personen angeht. Auf mich bezogen finde ich es befremdlich, wenn Leute einen bestimmten St. Paulispieler besonders toll findet. Die sind mir schlichtweg egal, ich bin zwar St. Paulifan, aber kein Fan der Spieler – die sind halt da und machen, wofür sie bezahlt werden. Irgendwann gegen Ende der Saison kann ich dann bestimmt auch die Namen den Gesichtern zuordnen, aber käme niemals auf die Idee, einen von denen anzusprechen, wenn ich sie zufällig mal irgendwo treffen würde. Ein St. Paulispieler wohnte mal bei mir in direkter Nachbarschaft, gerade mal zwei Häuser weiter, war mir letztlich aber absolut egal. Scheint nicht allen so egal zu sein, sonst stünden die Spieler ja im Telefonbuch, mit Telefonnummer und Anschrift, tun sie aber nicht…
        Insofern: Bei mir gibt es kein Verehren, jedenfalls nicht auf Personen bezogen. Entsprechend würde ich mir auch nichts aus so Dingen wie Autogrammkarten machen, oder mich besonders über ein Autogramm auf irgendeiner Devotionalie freuen. Autogrammstunden bietet der FC St. Pauli dennoch an, scheinen also andere auch wiederum anders zu empfinden. Nur- was soll ich mit so einem Namensschriftzug, den man dann am Ende ohnehin nicht entziffern kann? Hat mich nie, auch nicht als Kind, interessiert, sowas…

        Würde mich freuen, mehr über das Thema „Fansein“ von euch zu lesen.

        Schnippinator? Lustiges Wort. Kann ich mir aber nichts drunter vorstellen, schneiden die dann nicht mit der Schere, sondern einem Scherrgerät oder so? Dein Satz ist leider – ähm – da nicht ganz vollständig…
        Zum Friseur gehe ich übrigens auch nicht, weil ich es nicht mag, wenn mir andere Leute im Haar herumfummeln. Ist schon schwerig genug, wenn ich selbst das mache (weswegen es ziehmlich selten vorkommt, dass ich sie mir kürze, erst, wenn es gar zu warm auf dem Kopf wird….), aber andere am Haar herumzupfen lassen, und dann auch noch Geld dafür bezahlen, dass sie das tun? Ochnö..

        So, bevor der Kommentar wieder, wie üblich, ein viel zu langer wird…

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  6. Nember

    Stimme Herrn Kamke vollumfänglich zu.
    Freue mich zudem jedes Mal wieder aufs Neue, wenn ein neuer Text über eure Abenteuer erscheint.

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  7. heinzkamke

    Danke, wie so oft, für Deine Erzählung. Zugegeben: es gibt Momente, in denen ich kurz zweifle, ob Deine Strategie tragen kann, Momente, in denen ich mir die Fragen stelle, die Du Dir ja ganz offensichtlich auch selbst stellst. Ganz abgesehen davon, dass ich dann in aller Regel Deine Sichtweise teile: wie um alles in der Welt käme ich dazu, zu glauben, die „richtige“ Herangehensweise auch nur annähernd so gut einschätzen zu können wie Du, der Du den gesamten Themenkomplex Asperger und vor allem natürlich Deinen Sohn so viel besser kennst als ich.
    Ich finde das, es kann nicht oft genug gesagt werden, ziemlich großartig, was Ihr da macht. Was Du für ihn auf die Beine stellst, aber auch, wie der Rest der Familie das mitträgt.

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      @Julian @heinzkamke @SvenGZ,

      vielen Dank für Euer Pushback.
      Ich kann Eure Sorge und Eure Bedenken voll und ganz nachvollziehen.
      Abseits des Projektes passiert immer noch so einiges von dem ich bisher nicht berichtete, weil es unter dem Aspekt, dass dies Sohns Nachschlagewerk für später ist nicht von sonderlich großer Relevanz ist. Werde demnächst aber ein paar Zeilen zusammenfassen, die sowohl den „Fanaspekt“, als auch seine grundsätzliche ENtwicklung in den letzten Monaten ein wenig zusammenfassen.

      Beste Grüße

      Antworten

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