Elternabend und Autisten-Urlaub

Manche haben gesagt, sie lesen ganz gerne auch Blogposts über unsere Erlebnisse mit Jay-Jay auch außerhalb unseres gemeinsamen Projektes rund um Fußballstadien und Rock Festivals.

Das schmeichelt mir sehr. Vielen Dank dafür. Euch beiden. Daher möchte ich nicht ganz kurz über unseren Urlaub berichten und ein wenig über den ersten Elternabend der im Kindergarten der kleinen Tochter stattfand.

Am ersten Tag nach dem Urlaub gibt es schönere Pflichttermine als einen Elternabend. Einige Mütter und Väter werden dies bestätigen können, Noch-Nicht-Mütter und Noch-Nicht-Väter können beginnen, Angst zu bekommen. Wir waren damals gemeinsam auf Jay-Jays ersten Elternabend im Kindergarten. Wir wollten gemeinsam auftreten, wenn es vielleicht zu Nachfragen bezüglich des Sohnes kommt.

Man kann sich ja nicht vorstellen, was für hirnrissige Fragen man gestellt bekommt, wenn bekannt wird, dass man ein Kind mit Asperger-Syndrom hat.

„Ui, der fühlt nix, ne?“ ist da eigentlich so mein Lieblingsklassiker. Stupide und monoton spulen wir unsere freundlich formulierte Antwort runter, während im Hinterkopf die eigentlich notwendige Antwort leise mitgemurmelt wird:

„Ja, das ist sehr praktisch. Sie können ihn hassen, ihn beschimpfen, missachten und demütigen. Er spürt nichts.“

Es gab keine Nachfragen bei Jay-Jays ersten Elternabend. Es lief strikt organisiert ab, damals als wir noch in der Nähe von München lebten. Es gab eine minutiös geplante Tagesordnung mit einleitenden Worten der Kindergartenleitung, die unter anderem das Leitbild veranschaulichte (10 Minuten), der Elternbeirat wurde gewählt (10 Minuten), der Förderverein kam zu Wort (5 Minuten), die Gruppenleiterin sprach zu den Eltern und stellte sich vor (5 Minuten), die feststehenden Termine von Ausflügen und Brückentagen wurde bekannt gegeben (5 Minuten), die Telefonliste der Eltern wurde erstellt und von der Kindergartenleitung final mündlich einer Endkontrolle unterzogen (10 Minuten). Es endete im Punkt Sonstiges, bei dem Eltern wichtige Fragen stellen konnten wie:

„Wo kann ich anmelden, wenn ich meinem Kind ein Knoppers mit in den Kindergarten bringen darf?“ (Antwort: Wir wünschen keinen Schnuckekram als Pausenmitgabe.)

„Maximilian pflegt gegen 10:30 Uhr ein zweites Frühstück einzunehmen. Können Sie dies sicherstellen? (Antwort: Frühstück findet bei uns um 09:00 Uhr statt.)

„Ich würde gerne von Ihnen angerufen werden, wenn meine Tochter den Toilettengang vollzogen hat. Wir führen Buch. Wir haben jeden Toilettengang seit der Geburt aufgeführt. Und nicht nur echte Toilettengänge. Schauen Sie mal hier, ( Holt ein großes Buch heraus). So richtig von Geburt an. Verstehen Sie? (Erste verwirrte Mienen in der Runde)

Hier ist zusätzlich die Uhrzeit angegeben, wenn wir ihr die Windel gewechselt haben. Uns ist das sehr wichtig, weil wir glauben so mehr über unsere Tochter erfahren zu können. Schauen Sie, hier haben wir im Urlaub sogar zusätzlich die mitteleuropäische Zeit angegeben, (Verzweiflung macht sich in der Runde breit)“

Ich verkürze hier mal stark

„Glauben Sie, Sie könnten uns die Toilettengang-Zeiten jeweils nach Kindergartenschluss zumailen. Manchmal holt Opa ja die Kleine vom Kindergarten ab und der kann sich so schlecht Zahlen und Uhrzeiten merken. Und es wäre ja blöd, wenn ich sie dann immer abends anrufen müsste um die Uhrzeiten des Toilettengangs meiner Tochter zu erfahren, denn…..

„STOP! Ihre Tochter sollte sehr schnell, deutlich schneller als alle anderen, schreiben lernen.Den Rest besprechen wir gerne unter vier Augen“

Dies nahm ca. weitere fünf Minuten in Anspruch. Nach fünfzig Minuten, zukünftig übrigens spätestens nach einer Stunde, nahm der Elternabend aber immer sein friedliches Ende.

Wir waren aber durch die Vielzahl an erlebten Elternabenden sicherlich demütig genug zu wissen, dass dies nicht immer durchweg präzise vorbereitete Veranstaltungen sind und durchaus mal die ein oder andere Minute der Mangelorganisation oder der Plauderlaune einer Erzieherin zum Opfer fallen kann.

Trotzdem wussten wir, dass es selbst bei einer geringern Anzahl an übermittelter Informationen einfach eine Sache der Fürsorgepflicht unserer Tochter gegenüber ist, an so einem Eltern teilzunehmen. Das macht man einfach so. Das ist auch eine Frage des Anstands.

Meine Frau versuchte mich kurz zu überreden, dass ich an ihrer Stelle an dem Elternabend teilnahm, was mangels zu geringer Pentetranz der Überredungsversuche schnell scheiterte. Sie war einfach nicht hartnäckig genug. Aber nach einer halben Stunde Rumbetteln gebe ich eben auch einfach nicht auf. Sie verschwand gegen 19:55 Uhr. Zum Kindergarten sind es von uns entfernt circa zwei Minuten. Sie kehrte gegen 22:00 Uhr zurück.

Die Kinder lagen bereits im Bett, ich saß am Rechner und konnte sie beobachten, wie sie das Wohnzimmer betrat. Sie schien ein wenig angesäuert. Sie war vom Urlaub wahnsinnig gut erholt und ich wusste, dass ein läppischer Elternabend ihr nicht die Laune vermiesen kann. Sie ließ sich auch nichts anmerken, aber nachdem wir nun über fünfzehn Jahre zusammen sind und jegliche Achterbahnhochs und -tiefs genommen haben, sieht man anhand von Kleinigkeiten, wie es um den Partner bestellt ist. Sie trat in die Küche und sagte nichts. Normalerweise käme jetzt in ihrer Verfassung die Stelle, wo sie mir vorwerfen würde, dass die Spülmaschine noch nicht leer geräumt ist, oder der Wohnzimmertisch nicht abgewischt ist, oder die Spielsachen der Kids im Wohnzimmer noch nicht weggeräumt sind. Ich bin, was das angeht, eigentlich ein verlässlicher Versager, aber dieses Mal hatte ich tatsächlich alles fein säuberlich erledigt.

Ich liebe diese Momente, denn dann platzt es aus meiner Frau immer nur einfach so raus, und sie sagt, was sie wirklich nervt. Wir lachen dann sehr viel, und egal, wie groß das Problem dann auch ist, es ist weg oder so klein, dass es keiner besonders großen Aufmerksamkeit mehr bedarf. Vermutlich ist das der Grund, warum wir heute immer noch zusammen sind.

Sie berichtete mir anschaulich vom Elternabend und erfreute sich, wie viele Elternteile es doch gibt, die genaustens wissen wie man sich auf Elternabenden zu verhalten hat. Die goldene Regel besagt: „Halte die Schnauze, so lange es nur möglich ist“

Diese Regel ist wichtig. Die Noch-Nicht-Mütter und Schneller-als-sie-denken-Väter sollten das wissen.

Es gab keine Tagesordnung. Es war nämlich ein thematischer Elternabend. Das ist pädagogisch betrachtet entweder der ganz heisse Scheiß oder es sind halt Elternabende, wie sie auf einem kleinen 800-Seelen-Dorf nunmal so durchgeführt werden, weil Turnvater Jahn höchstpersönlich 1848 die Konzeption dieses Elternabends veranlasst hat. Ja, es ging sehr aktiv zu, denn zunächst einmal wurden gemeinsam Sonnen gebastelt und ausgeschnitten (10 Minuten), dann wurden die vierundzwanzig Zacken der Sonne mit Stichworten zum Thema: „Was bedeutet Freundschaft?“ gefüllt (20 Minuten), die Inhalte der Zacken sollten dann verlesen werden, was zu der kurzen Diskussion führte, ob jeder seine eigenen Zackeninhalte vorlesen soll oder ob dies eventuell „anonym“ geschieht. Man wolle die Sonnen dann vorher durchmischen (15 Minuten).

Meine Frau geriet auch nur kurz in Panik, denn da nur sieben Elternteile anwesend waren und mindestens drei Elternteile voneinander abgeschrieben haben, war es ein Leichtes, jedem Teilnehmer seine Zacken zuzuordnen.

Meiner Frau gelang es, immerhin fünf der vierundzwanzig Zacken mit Stichworten, wie Vertrauen, Spaß, Gemeinsamkeiten und Fürsorge zu füllen. Die Strebermama, nennen wir Sie Frau Stubenköter, füllte alle vierundzwanzig Zacken und schrieb acht weitere Begriffe in die Mitte der Sonne. Die Verlesungen liefen unproblematisch und nur durch den Vortrag von Frau Stubenköters Ausführungen kam es zu Verzögerungen (20 Minuten) .

Die Erzieherin las einen Text vor (Quelle lautete: Ich habe da mal was aus diesem Internet ausgedruckt), in dem es aus philosophischer Sicht um das Thema Freundschaft ging (15 Minuten), um mit der Frage abzuschließen, ob jemand eine Geschichte über seine beste Freundin oder seinen besten Freund erzählen kann. Der Herr zur Linken meiner Frau, schaute angespannt zu Boden. Auch ihm war klar, dass er jetzt die Klappe halten muss um diese Veranstaltung nicht zeitlich unnötig auszudehnen. Der Typ neben ihm schaute entspannt, innerlich war er jedoch aufgewühlt. Er würde natürlich auch die Fresse halten, aber er war sich nicht sicher, ob alle dicht halten werden. Frau P., sie saß meiner Frau schräg gegenüber, und ihr Ausdruck zeigte, dass sie sich längst ihrem Schicksal gefügt hatte. Sie hat eine weitere ältere Tochter im Alter von Frau Stubenköters Sohn. Sie wusste, was nun kommen würde.

Frau Stubenköter meldete sich (so richtig mit dem Arm.Wie in der Schule) und kam zu Wort.

Frau Stubenköters Geschichte begann beim Kennenlernen ihrer Freundin,  ging weiter über die Zeit, als sie früher mit den nackten Füßen „kleine Löchlein“ in den Sand gestoßen und dann Murmeln gespielt hatten. Und dass ihre Eltern nicht wollten, dass dies ihre beste Freundin ist, und wie sehr sie für die Freundschaft gekämpft hatte. Die Geschichte begann chronologisch bei den Murmeln und endete damit, dass ihre Eltern im Nachhinein natürlich Recht hatten. Ihre Freundin sei dann später auf die schiefe Bahn geraten. Schlimme Geschichte. Vermutlich. „Was ist sie denn heute“,  fragte ich meine Frau. „Eine betrügende Crackhure?“ Meine Frau hatte  keine Ahnung. Sie hat nicht nachgefragt. Also, wäre ich auf diesem Elternabend gewesen, wäre diese Frage nicht ungeklärt geblieben – was vielleicht auch erklärt, dass meistens meine Frau diese Veranstaltungen besucht. Die Murmel-Crackhuren-Story. (20 Minuten).

Frau Stubenköter verabschiedete sich nach der Geschichte. Ihr Mann müsse gleich zur Nachtschicht und Sie könne leider nicht länger bleiben. Niemand reagierte. Jeder war noch viel zu fassungslos von der unfassbar langweiligen und zeitraubenden Geschichte von Frau Stubenköter. Sie sagte dies zudem sehr aufrichtig. Es fehlten nur noch Tränen. Frau Stubenköter war Elternabendprofi. Situation analysieren, Commitment abliefern, Interesse zeigen, abhauen. Meine Frau war schwer beeindruckt und vertieft in die Überlegungen, welche Ausrede sie nun verwenden könnte.

Ein gemeinsames Lied sollte den Themenabend ausklingen lassen. Es wurde von CD abgespielt. Während sie so über ihre Strategie sinnierte, stupst Frau L., die einen Sohn im Alter unseres Sohnes hat, sie an. Es ging in dem Lied ums Freunde sein und Frau L. beichtete meiner Frau, dass sie viel geweint hat, als sie das erste Mal das Lied gehört hat, weil es einen so dermaßen tief berührt. Ein kurzes Nicken meiner Frau musste reichen, die hatte es schließlich gar nicht wirklich wahr genommen und mitgehört. Dem sollte final abgeholfen werden, indem das Lied dann gemeinsam angestimmt wurde:

Der Song ist aus Rolf Zuckowskis Top 100 und darf hier nur verlinkt und nicht anders wiedergegeben werden:

Wer mag, bitte hier entlang.

Meine Frau, immer noch tief beeindruckt von Frau Stubenköters professionellem Abgang, ließ auch dies über sich ergehen (insgesamt 15 Minuten).

Es wurde präsentiert, was die Kinder auf die gestellte Frage geantwortet hatten. Die wurden nämlich morgens ebenfalls befragt, was Freundschaft für sie bedeutete. (zwanzig Mal genannt: jemand zum spielen, ein Mal: jemand zum Kuscheln) (10 Minuten).

Der Elternabend endete, indem die Sonnenblumen an eine Wäscheleine getackert wurden (5 Minuten).

Die Gruppenleiterin sprach die abschließenden Worte:

„Leider waren heute nicht alle Elternteile anwesend, man hätte sich intensiver austauschen können und der schöne Abend hätte nicht so früh enden müssen. Kommen Sie alle gut nach Hause.“

Es war schön, meine Frau zu beobachten, wie sehr sie lachen musste, als sie dies alles erzählte. Wir haben wieder Kraft. Kraft, all den Unsinn des Alltags zu ertragen. Apropos ertragen. Ich wollte auch dem Sohn noch ein paar Zeilen widmen. Schließlich soll er auch irgendwann den Nutzen von diesem Geschreibsel haben. Es werden sicher nicht diese Zeilen über den Elternabend sein, die ihn von dem Wunsch, Papa zu werden, abhalten.Auch wenn es zur Schulzeit dann inhaltlich auf den Elternabenden eher abstruser wurde.

Kommen wir zum eigentlichen Thema. Autisten-Urlaub. Das klingt genau so spektakulär, wie es ist. Ich versuche mich ja gerne an absoluten „Autismus-Experten“ zu orientieren. Helene Hegemann zum Beispiel, die neulich in einer FAZ-Schmiererei einen Text erbrochen hat, der unter dem Subtitel „Hochstapler und Autisten“ (ja, da hätte man es bereits ahnen müssen) unter anderem folgendes zu berichten wusste:

Bei dieser neuen, glorifizierten Form von Autismus handelt es sich nicht um unberechenbare Asperger-Kids, die schon im Vorschulalter masturbierend am Kronleuchter hängen. Es geht um zurückhaltende Außenseiter, die nicht lügen können und ihre Fähigkeiten wegen irgendeines irrationalen Pflichtbewusstseins in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Sie sind hochbegabt, sich selbst egal und deshalb unsere letzte Rettung.“

Ich mag nicht auf den Originaltext verlinken, aber hier ist der gesamte Text ziemlich gut und bezüglich der Kritikpunkte treffend analysiert und kommentiert.

Also, Jay-Jay. Ich berichte mal vom Urlaub mit Dir. Frau Hegemann braucht Futter. Wir waren in der Karibik, was die Anreise etwas beschwerlich und langatmig machte, aber das Wetter und die Atmosphäre dann umso schneller Erholung erlaubte. Wir haben eine Menge gesehen in der Zeit. Da waren die Kanadier, die morgens um sechs an der Strandbar standen und 0,2l-Töpfchen braunen Rum um die Wette exten. Man traf sie dort, wenn sie dieses Spiel beganne,n gegen sechs Uhr morgens, es gab aber auch Tage, an denen sie dieses Spiel um diese Uhrzeit spielten, um den Tag rund abzuschließen. Es gab dann auch diese nette Dame um die fünfzig, mit den Glitzerklunkern an der Hand, die den Urlaub mit dem zwanzigjährigen Einheimischen mit dem gestählten Body verbrachte. Wir diskutierten darüber, was Liebe ist, und wie sie entsteht. Wir sahen auch die beiden Mamis, die ihre ca. acht Jahre alten Kids den ganzen Tag am Pool weitgehend unbeaufsichtigt ließen, damit sie sich einen hinter die Birne gießen können. Wir beobachteten auch die Paare aller Altersgruppen, die sich am Buffet über zehn Minuten alle Garnelen aus der Paella pulten und bewunderten die interessanten Bauwerke, die manch Hotelgast aus Salatgurke, gedünstetem Fisch, Bananenmus, Käse, Pommes, Reis, Brötchen und gebratenen Würstchen auf seinem Teller baute, und staunten über die hohen Tomatenscheiben-Mauern, die manches Kunstwerk säumte. Wir kicherten über die Vorstellung, wie es eskalieren würde, wenn sich jeder am Buffet nur einen Teller voll nehmen dürfte. Wir sahen aus nächster Nähe, wie tiefenentspannt der Vater geblieben ist, als seine kleine Tochter aus dem Meer gestapft kam, den kleinen Slip leicht beiseite zog und einfach mitten an den voll besuchten Strand strullerte.

Wir sahen den ziemlich wohlbeleibten Typen um die sechzig, der seine Frau, die auch seine Enkelin hätte sein könnte, in der Lobby vor dem Abendessen präsentierte. Er in Schlappen, T-Shirt, unfreiwillig bauchfrei. Sie Abendkleid, 25-cm-Stilettos in Lackrot. Hätte sie sich darin nicht bewegt wie ein Wisent beim Eiskunstlauf, hätte es vielleicht sogar chic aussehen können. Das schreibe ich aber nur so, weil ich nicht weiß ob „nuttig“ eine politisch korrekte Beschreibung wäre.

Wir haben auch kalkweiße, später hummerähnlich gefärbte Menschen gesehen, die sich bei feinster Karibiksonne, uneingecremt und völlig schattenfrei zur gepflegten Rumvernichtung trafen. Wir sahen, zugegebenermaßen noch recht kleine Menschen, deren Exkremente auf dem Weg zur Toilette aus der Hose purzelten. Wir sahen viele Menschen, die der Meinung waren, der Hotelpreis beinhalte die Einverleibung sämtlicher Grundrechte des Hotelpersonals. Und dann natürlich das Paar, welches wir morgens im Sonnenaufgang gesehen haben; nun ja, die haben nicht Paar-Pilates betrieben. Aber das denkst Du Dir mittlerweile sicher selbst.

Wir haben Menschen gesehen, die sich über ein im Pool tobendes Kind beschwerten (es spritzte einmal Wasser in ihre Richtung) und es gab Menschen, die begeistert von einer Hotelkonzeption erzählten, in der Kinder keinen Zutritt haben. Reine Erwachsenenhotels. Wir fragten uns, ob da dann auch so ein kleines neckisches Baby-Icon an der Tür klebt: „Wir müssen draussen bleiben“.

Wir haben Menschen gesehen, die dem Essen dort gegenüber eine Wertschätzung abgelegt haben, dass man sich fragt, warum sie sich nicht gleich einen Stuhl ans Buffet stellen, und nacheinander in die Rechauds reiern.

Wir haben eine Menge Menschen gesehen, denen ich zutrauen würde, dass sie gelegentlich mal onanierend am Kronleuchter hängen, und das meine ich eigentlich sogar noch völlig wertfrei, aber wir wollten ja über Dich sprechen. Du hast ein Problem mit dem Rumtoben, hast Du gesagt. Du würdest mehr entspannen wollen. Das Thema wird groß. Das spüren wir. Aber hier im Urlaub konntest Du Dich das ein oder andere Mal überwinden. Du warst  ein stinknormaler, langweiliger Urlaubsgast. 2015-04-11 17.48.22Du hast viel Spaß gehabt, bist geschwommen, mit Haien geschnorchelt, bist Katamaran gefahren, hast gekickert, Billard gespielt, Tauchwettbewerbe gemacht und Entdeckungstouren durchs Hotelareal durchgeführt. Du hast Dich in Wellen 2015-04-11 06.24.57gestürzt, deren Größe Omas Respekt zu groß werden ließ, und Du hast genossen, wenn es schöne und sehenswerte Dinge und Momente gab. Du bist mit der Hotel-Lok von Ort zu Ort gefahren und hast die Mangroven studiert, Du hast die Schildkröten beobachtet und die Tierfotos verachtet, die die Animateure mit unterschiedlichstem Getier gemeinsam mit den Hotelgästen durchführten. Du hast gut und ungewöhnlich bunt gegessen, und Papsi musste fast nie als Müllschlucker agieren. Du warst lieb zu Deiner Schwester und respektvoll zu Deiner Mama. Du bist brav zu Bett gegangen und hast Anweisungen meisten respektiert. Du hast mir tolle Geschichten erzählt und sehr kluge Fragen gestellt und warst nicht böse, dass ich Dir den Groundhopping-Länderpunkt versaut habe, weil ich die Anstoßzeit falsch recherchierte. Und Du hast mit mir viele völlig durchgeknallte Menschen beobachtet und mir berichtet, was Du an ihnen seltsam fandest. Wir waren eigentlich immer einer Meinung. Wir waren die Normalen. Papsi und Mami waren so unterfordert von Dir, dass wir selbst viel zu schnell viel zu entspannt und erholt waren. Das war sehr ungewohnt. Ich muss Frau Hegemann und Konsorten wohl enttäuschen. Es war ein wunderschöner Urlaub, wie man ihn mit seinen Kindern nun einmal üblicherweise verbringt.

 

 

 

 

5 Gedanken zu „Elternabend und Autisten-Urlaub

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  2. Stadtneurotiker

    Ich werde nie die Kolleg*innen verstehen, die meinen, man müsse an einem Elternabend basteln oder spielen. Ich spiele mit den Kindern auch nicht; die sollen miteinander spielen. Ich möchte an Elternabenden auch keine blumig ausgeschmückten Anekdoten hören (dafür sind u.U. Elterngespräche geeigneter), auch wenn Erziehung viel mit eigener Biographiearbeit zu tun hat.
    Kurz: Elternabende können auch für das einladende Personal eine harte Geduldsprobe sein. Gute Vorbereitung und eine straffe Tagesordnung können sehr hilfreich sein.

    Davon ab: Es freut mich, daß Ihr alle einen schönen und entspannten Urlaub hattet.

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  3. heinzkamke

    Schöner Text, wie immer, und schön, dass Ihr so einen schönen Urlaub hattet. Und dann war da noch diese hier leider nur angerissene, durchs ganze Leben mäandernde Freundschaftsgeschichte von Frau S., die ich mir in Sachen Aufbau, Ausführlichkeit und vielleicht auch Stringenz ganz gut in einer Reihe mir bekannter Blogs, inklusive Deines und meines, vorstellen könnte.

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  4. politgirl

    🙂 Mehr ist nicht zu sagen. Liebe Grüße an alle aus Berlin und:

    Alles wird gut, solange du wild bist. (Gilt insbesondere für uns Eltern.) Doreen und Max

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