Fast(en) vergessen.

Sich einfach mal treiben lassen.

Einen Wunsch,  den ich bisher nicht hegen musste, da er mir täglich, und in ganz großartigen Momenten meines Schaffens auch stündlich, erfüllt wird.

Ich lasse mich treiben. Ich werde getrieben.

Nicht durchs Dorf. Aber wie die Sau. Oder auch anderes Getier.

Der Wunsch, durch eine etwas extremere Fastenvariante wieder einen klaren Kopf zu bekommen, war schon vor Wochen intensiv und laut. Jetzt hat er endlich seine Stimme erhoben gegen dieses andere Tier mit dem Ringelschwanz. Den Schweinehund.

Zehn Tage keinerlei feste Nahrung, keine Fleischbrühen, keinen Kaffee, kein Twitter.

Eine detaillierte Beschreibung von Tag 1 der Fastenzeit würde ich nicht nur mir, sondern auch Euch eigentlich gerne ersparen. Die Einnahme von Glaubersalzlösung ist eklig und die unmittelbaren Konsequenzen so klar wie Kloßbrühe oder eben nicht. (Der dauert ein wenig.)

Wer sich aber angewidert fühlt, bei dem Gedanken, wie ich Glaubersalz, eine oral einnehmbare Lösung, die schnell und chemiefrei zum gewünschten Erfolg führt, nutze, sollte vielleicht den späteren Abschnitt mit dem Einlauf überspringen, wobei ich auch hier schon versprechen kann, dass ich schon aus Scham wohl darauf verzichten werde, Detailtreue bei den Vorgängen rund um mein Rektum walten zu lassen.

Darmentleerung.

Die Geschichte der Darmentleerung ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Ehrlich gesagt, und dies gilt sicherlich nicht nur für diesen Step der gesamten Fastengeschichte, kann ich zu den medizinischen Hintergründen nicht so ganz viel sagen.

Hier wird wohl etwas geleert, was dann intensiv gespült wird. Spielt eigentlich aber auch nicht die entscheidende Rolle. Nach einer gewissen Zeit zersetzt der Körper wohl eingelagerte Fette, in denen sich auch die diversen zugeführten Gifte eingelagert haben. Diese werden über die Haut ausgeschieden.

Man stinkt aus allen Poren.

Wen interessiert das?

Eine berechtigte Frage. Aber da mir auf Twitter schon diverse Male vorgeworfen wurde, ich solle nicht so eine Scheiße schreiben, schien mir diese erneute Darlegung der Geschehnisse rund um die analen Freuden und verpassten oralen Freuden nur als sinnvoll und logisch. Zudem gibt es mit der Kategorie „Giftschrank“ ja nun eine Abteilung, die ich einfach und problemlos kurz vor Übergabe an den Sohn komplett löschen kann.

Ein weiterer Grund ist aber, dass ich tatsächlich glaube, dass dieses körperreinigende Projekt durchaus für andere von Interesse sein und sich als lohnenswert herausstellen könnte, weil es wohl mehr zu bieten hat als einen chic gespülten Darm.

Der Beginn ist jedoch schmerzhaft.

Lässt man die Glaubersalzgeschichte und deren Folgen außen vor, so umtreibt einen der Hunger. Das Salz belastet den Körper zudem heftig. Kurzum: Die ersten zwei Tage sind die Hölle und vergleichbar mit den Schwächungen bei einer Magen-Darm-Grippe. Mit besagtem Einlauf lässt sich diese Schwächung umgehen, aber dazu später auch nicht mehr.

Während die Familie ins Schwimmbad gefahren ist, weil sie ihren rumknöternden Herrn Papa nicht ertragen konnte, versuchte ich geregelt meiner Arbeit nachzugehen. Ohne Erfolg. Die Kopfschmerzen setzten ein und ich vermisste Kaffee.

Es war weniger dieses „Ich könnte jetzt einen Kaffee trinken“, sondern eher dieses „Verdammt ich muss jetzt Kaffee haben“. Dieses Gefühl erhielt im Laufe des Tages übrigens eine beängstigende Intensität. Der Versuch, dieses Gefühl mit Wasser zu ertränken, scheiterte. Die Müdigkeit und die Kopfschmerzen siegten und um halb sieben lag ich im Bett und schlief.

Der Folgetag schaffte es dann tatsächlich, das magere Stimmungsniveau des Vortages dahingehend noch deutlich zu unterbieten. Ich unterschätzte meine körperlich eigentlich nicht sehr anstrengende Tätigkeit und schleppte mich von Termin zu Termin. Bei jeder Treppenstufe ächzte ich und spürte ich nichts außer der vollkommenen Kraftlosigkeit. Am Nachmittag verschwanden die Kopfschmerzen, was aber auch daran gelegen haben mochte, dass ich erstmals die 4,5 l stilles Wasser geschafft habe, die ich mir vorgenommen hatte.

An Tag 4 folgte die erste warme Mahlzeit.

Ein Bio-Tomatensaft, den ich erhitzte und feierlich wie ein 7-Gänge-Menü verspeiste. Ein erstes Highlight. Motiviert von diesem kulinarischen Hochgenuss kochte ich mir am nächsten Tag eine Wirsing-Weisskohl-Chinakohl-Brühe.

Das Rezept ist relativ einfach. Kohl ins Wasser, zwei Stunden kochen lassen, Durch ein Sieb gießen, feste Bestandteile beiseitelegen, Kohlbrühe etwas salzen und genießen.

Schmeckt scheiße, aber man lernt zu schätzen, wie viel Geschmack so ein Schulterstück oder auch Querrippe an eine gute Suppe abgeben kann. Nun ja. Es folgten keine weiteren kulinarischen Highlights. Wasser und grüner Tee, zwischendurch mal eine frisch gepresste Orange, die man wiederum eins zu vier mit Wasser mischen sollte, weil der Körper mit Säure wohl nicht mehr so gut umgehen kann. So hocke ich hier. Das Ende von Tag 9 naht und ich bin enttäuscht. Ich werde einen Tag vorher abbrechen und die ganze Aktion hat mich außer 8 kg Körpergewicht, welches ich nun kurzzeitig eingebüßt (JoJo-par excellence) habe, nichts gebracht.

Bei meiner ersten Fastenaktion wurde ich nach Tag fünf von intensiv-euphorischen Gefühlen geschockt. Ein für mich bis heute prägendes Ereignis, welches ich eigentlich mit der diesjährigen Fasterei als Mindestziel zu wiederholen versuchte.

Ich schrieb einem Freund, mit dem ich plante, die Welt zu verändern, damals in Folge der ersten Euphoriewelle folgende Zeilen:

Ich öffne mein Herz und lass es für Euch scheinen.
Warum ?
Warum nicht ?
Momente des echten Glücks melden sich nicht an. Sie machen keine Termine aus.
Sie bitten nicht um Audienz bei den Schwerbeschäftigten dieser Welt.
Sie überfallen Dich plötzlich.
Heftig, wie übles Gewitter, sanft wie der Sommerwind und wohlig warm wie die ersten Sommersonnenstrahlen aber kraftvoll , dass selbst die größten Wellen hoffnungslos die Abkühlung verweigern.

So wie mich heute Morgen.

Ich saß im ICE 690 von München nach Mannheim. Schwerbeschäftigt tippte ich meine Zahlen in den Lapto . Auf dem Kopfhörer lief AC/DC oder Metallica oder Rise against oder Boysetsfire oder AWilhelmscream. Ich weiß es nicht mehr. Es spielt aber auch keine Rolle.

Was man an Musik eben manchmal so braucht um früh am Morgen wach zu werden. Die Musik habe aber ich nicht wirklich wahrgenommen.
Ich war froh klar zu kommen.
Auf Anraten meines Bruders im Geiste hatte ich vergangene Woche angefangen zu fasten. Ich erspare Euch nun die Details zur Darmentleerung, etc.
Fakt war. Heute war mein 6.Tag ohne feste Nahrung.
Lediglich meine liebevoll selbst zubereitete Gemüsebrühe sowie diverse nicht wirklich zu empfehlende Gemüsesäfte und einige Liter Tee nährten mich die vergangene Tage.
Mein Highlight des Tages war die fast schon rituelle Zubereitung eines hawaiianischen Tees aus handgepflückten Blüten welcher mir von einem sehr beeindruckenden Mann geschenkt wurde.
(www.kahu-naone.com, die Story zu ihm vielleicht ein andermal.)
Nun ja, wer mich und meine üblichen Ernährungsgewohnheiten kennt, der weiß dass sich schon eine leichte Mangelernährung (manchmal auch einfach kalte Pommes im McD) sehr negativ auf mich und meinen Umgang mit meiner Umwelt auswirken kann. Von daher hatte ich mir auch nicht sehr viel von der Fasten-Aktion versprochen.
So war es für mich persönlich nicht verwunderlich, dass ich an den ersten 3-4 Tagen nicht selten nach Ausreden suchte die Geschichte abzubrechen.

In der Gastronomie tätig, beschäftigte mich der Duft frisch zubereiteter Speisen den ganzen Tag.
Der fehlende Kaffeekonsum verhinderte eine schreibende Tätigkeit (etwas zittrig),  und auch bei meiner Frau kamen erste Zweifel auf.
„Fastest du oder bist du auf Entzug?“

 

Ich war mir selbst nicht mehr sicher.

Hastig tippte ich die Nummer meines Bruders im Geiste ins Handy.
„Das was ich tue ist sicherlich ungesund. Ich bin für das Fasten bestimmt ungeeignet.“

Diese unerträglichen Kopfschmerzen und zu allem Überfluss wollte mich mein Sohn
(3 Jahre) nicht mehr in seiner Nähe haben.

„Papa putz Dir mal die Zähne!“.
Nun gut, das hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber bereits fünf Mal getan.
Eher wegen diesem fürchterlichem Pelz, den meine Zunge durch die Gegend schleppte, aber egal. Es half wohl nicht viel.
Hurra, Freizeichen. Nur noch wenige Sekunden bis zur Absolution.

Er wird mich bestätigen und dann: Auf zu Burger King.
„Nein, das ist normal – Kopfschmerzen? – Ja, Du musst eben mehr Wasser trinken-
Der Geruch? – Du entgiftest- Normal und keine Angst- Das wird noch schlimmer.“

S C H E I ß E.

Ich sorgte mich.

Nicht, weil ich keine Freigabe zum Fastenende bekommen habe oder gerade erfahren habe, dass mein Körpergeruch sich nicht unbedingt positiv entwickeln würde.
Mein Gott. Ich hätte es ja auch so beenden können. Aber ich brauchte einen triftigen Grund und den habe ich nicht bekommen.
Im Gegenteil. Der Gedanke an die Erscheinungen und „Nebenwirkungen“ in Verbindung mit
der Entgiftung lieferte mir ja eher einen Grund weiterzumachen. Das, was solche  Schmerzen bereitet, soll auch kein Heim in meinem Körper finden.

Dann mache ich eben weiter.

Was hatte er noch gefaselt von den Träumen?
Nie in meinem Leben habe ich so beschissen geschlafen wie in der letzten Nacht.
Ich habe gefroren wie die Sau, Fleisch verfolgte mich im Traum. Es war die Hölle.
Der erste Gedanke am nächsten Morgen.

Abbruch!
Dieses sinnlose Unterfangen schwächt Dich und ist einfach nicht gut für Dich.
Der zweite Gedanke an diesem Morgen.

 

Mmmh. Du fühlst Dich erstaunlich gut in Anbetracht dieser Horrornacht.

 

Von da an ging es nur noch bergauf. Kein Hungergefühl und die Gemüsesuppe, die ich durch frisch gepresste Fruchtsäfte ersetzte, tat ihr übriges. Ich fühlte mich gut. Zumindest gut genug, um die Woche durchzuziehen.
Daher sorgte mich auch nicht die Horrorfahrt mit dem Zug über Mannheim nach Dortmund und am selben Tag zurück nach München. 14 Stunden Zug an einem Tag. Heftig.
Aber da ich des Öfteren 8 oder 9 Stunden im Zug sitze – unproblematisch.

 

Es passierte dann kurz hinter oder irgendwo vor Ulm.

 

Ich hatte beschlossen den Laptop kurz Laptop sein zu lassen und mir den Rest meines frisch gepressten Mango-Pfirsich-Ananas-Safts mit Weizengras schmecken zu lassen

(Chiquita Bar München HBF- Sehr zu empfehlen)

 

Auf den Kopfhörern lief eine Coverversion von  „I walk the line“ gefolgt von einer Jazzversion des Guns N`Roses Songs „Welcome to the jungle“.

 

Ich musste schmunzeln, was mir dieses Radiosendermitschneidprogrammdingsbums alles für psychodelische Songs aus dem Netz gezogen hatte.
Ich schaute ein wenig aus dem Fenster und genoss den Blick auf schneebedeckte Landschaften. Ich stellte fest, dass ich sonst eigentlich nie aus dem Fenster schaute.

 

Die Arbeit oder eine Zeitschrift zog mich immer schnell in ihren Bann.
Schöne Gegend hier, dachte ich, als es begann. (Wenn man überhaupt einen Startzeitpunkt definieren kann.)
Obwohl der ICE relativ schnell gefahren ist, hatte ich das Gefühl, bei jedem einzelnen Baum, jedem Hügel dieser wunderschönen Landschaft verbleiben zu können.

Die Sonne funkelte auf der Schneedecke.

Der Media Player spuckte „I don´t care“ von Apocalyptica raus.
Ich hatte diesen Song nie zuvor gehört.
Nun beamte er mich davon. Ich schloss die Augen (glaube ich zumindest) und erfreute mich über den Anblick, den mir Mutter Natur da am frühen Samstagmorgen bereitet hat.
Ich hatte das Gefühl, die Sonne würde mir direkt ins Herz scheinen. So müssen sich Stimmungsaufheller oder Antidepressiva anfühlen, dachte ich, und genoss nur noch dieses Gefühl. Mit der Gewissheit im ICE Richtung Mannheim zu sitzen. Dieses Gefühl schwand jedoch.
Die Musik, die optischen Reize. Ich kann es nicht erklären was mich so vollständig in eine völlig andere Welt gerissen hat. Ich weiß nur, dass es mich zutiefst berührt hat und meine Umwelt durch vollkommene Klarheit bestach.

Berührt, wie mich bisher selten etwas berührt hat. Es war ein magischer Moment und so sehr ich mir wünschen würde, ihn Euch beschreiben zu können, umso sicherer weiß ich:
Keine Worte können beschreiben was ich dort gefühlt habe und was dort passiert ist.
Ich wachte auf (hatte ich geschlafen ?) kurz vor Ulm. Ich hatte Tränen im Gesicht und es lief „stairway to heaven“ von Led Zeppelin. Der magische Moment dauerte ca 25 Minuten und ich habe keine Ahnung wo ich war.
Jupp, Dankbarkeit und Demut erfüllt mich. Malama Pono, bis die Tage. 04.03.2009

 

Dieses Mal:

Nichts.

Nichts außergewöhnliches.

Keine erhellenden Momente.

Vermutlich war es etwas viel verlangt, im Rahmen eines üppig aufgestockten Arbeitspensums die völlige Gedankenklarheit anzustreben. Aber ich versuche es wieder. Und dann nehme ich mir zwei oder drei Tage frei und finde endlich die Lösung für eines meiner Probleme.

Ich möchte die Welt messbar besser machen. Schlankes Ziel. Ich weiß , aber ich hab‘s dem Sohn versprochen.

Wer tatsächlich bis hierher gelesen hat, vielleicht sogar noch in der Hoffnung Details zu meinem Einlauf zu erfahren, den muss ich zunächst einmal enttäuschen. Ich habe die entsprechend ausführlichen und sehr, sagen wir einmal, blumig umschriebenen Passagen zum Einlauf gelöscht, weil ich Angst hatte, an meinem Erbrochenem zu ersticken.

Verlosung

Um die Enttäuschung des geneigten Kotfetischisten zu lindern und trotzdem in den Genuss von etwas beschissenem kommen zu lassen, verlose ich hier nun und jetzt

ein Original FC Bayern München Trikot in Größe XL.

Ich kann leider nicht mit der stylischen Trachtenjankervariante aufwarten, habe aber dieses Trikot, welches sich seit ca. 3 Jahren in meinem Besitz befindet und welches ursprünglich den Namen des französischen le Chef(begatters) trug, aufwendig umflocken lassen, damit der „Rizzoli“ der wahre „Man uffse Mätsch fromse gäim offse jier“ entsprechend seine Huldigung erfährt. Das Trikot kann wahlweise bei einem Bierchen übergeben oder versendet werden.

Hauptsache, ich bin es los. Gibt noch genügend andere Leichen. Ich war treuer Kunde.

Der erste Tweet nach Veröffentlichung dieses Blogposts mit dem Hashtag #SindwirnichtalleeinbißchenPep gewinnt.

Viel Erfolg.

 

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