Feine Sahne Helene Fischerfilet

Kennt ihr diese rührselig-schönen und manchmal aber auch wirklich beängstigenden Stories von Vätern? Von Vätern, die versuchen, ihren Kindern liebevoll, verzweifelt oder unangebracht drängend das zu gönnen, was sie in der Kindheit als Erlebnis für wichtig erachteten. Vielleicht, weil sie der Meinung sind, dieses Kindheitserlebnis ist für die Entwicklung des eigenen Nachwuchses so essentiell, weil es bei einem selbst so prägend war oder zumindest intensiv haften geblieben ist.

Ich habe mein erstes Spiel als aktiver Fußballer 13-0 verloren. Es war das erste Jahr E-Jugend, ich wurde mehrfach ein- und wieder ausgewechselt und wir trugen keinen Rückennummern. Vermutlich hat der Sponsor nicht genügend springen lassen. Es reichte nur für die weißen Trikots mit schwarzen Ärmeln. Den Namen des Sponsors hatte ich vergessen, aber ich erinnere mich, dass wir unsere Hosen und Stutzen selbst mitzubringen hatten. Die Farbdisziplin bei der Hosenwahl ließ zu wünschen übrig. Ich trug immer eine blaue Hose, manche eine weiße, einer sogar eine rote, aber die meisten trugen wie vom Trainer gewünscht eine schwarze Hose. Aber alle trugen schwarze Schuhe. Es gab nicht einmal andersfarbige zu kaufen, meine ich mich erinnern zu können. Die taktischen Anweisungen, die ich damals vom Trainer erhielt, kamen und kämen noch heute meiner spieltaktischen Auffassungsgabe zu Gute.

„Martin, geh nach vorne!“

Manchmal auch:

„Martin, geh nach hinten!“

Wir haben so dermaßen einen auf den Arsch bekommen, aber ich habe es gar nicht gerafft. Mir war zwar klar, dass wir verlieren, aber dieses Maß an Deutlichkeit, welches glücklicherweise auch nie wieder eine Wiederholung erfuhr, wurde überdeckt von diesem Rauschgefühl, ein Trikot zu tragen, Fußballschuhe an den Füßen zu spüren und einem Ball hinterherlaufen zu dürfen. Ich werde dieses Spiel nie vergessen. Ziemlich genau ein Jahr später war es erneut der Serienauftakt der E-Jugend. Nun gehörte ich zum älteren Jahrgang der E-Jugend und wir spielten ein Turnier im Nachbardorf.

Eine nur mäßig erfolgreiche Saison lag hinter uns und insbesondere hinter mir. Wir verloren nahezu jedes Spiel und ich wurde immer mal gelegentlich eingewechselt. Einigen „Martin, geh nach vorne“ oder eben nach hinten folgte irgendwann ein „Martin, lauf einfach dem Ball hinterher“. Im Rückblick befürchte ich, dass dies nicht meiner enormen läuferischen Stärke zu verdanken, sondern eher meiner mangelnden Nützlichkeit im jeweiligen Spielfeldbereich geschuldet war. Wir spielten fünf Spiele, gewannen das Turnier und ich erzielte sieben von neun Toren. Ein Youtube-Video meines Torjubels nach dem ersten Treffer hätte sicherlich zwanzig Quadrilliarden Aufrufe. Die Menge fing mich glücklicherweise und auch die Metallbarrieren rund um den Platz erfüllten ihren Zweck, mich zu stoppen. Das erste Tor. Ich werde dieses Spiel nie vergessen. Es folgten unzählig viele Spiele. Von der E-Jugend bis zur ersten Seniorensaison verpasste ich nahezu kein Spiel. Ich liebte alles an diesem Sport. Das Brennen am von Grätschen geschundenen Oberschenkel unter der versifften, natürlich immer kalten und meistens nur tröpfelnden Dusche der mit Maulwurfshügeln übersäten Geläufe der Kreisliga, das Gezeter der Rentner-Ecke, die vor fünfzig Jahren den Ball natürlich per Flugkopfball noch von der Linie gekratzt hätten und die sowieso alles viel filigraner, männlicher, eben einfach besser gelöst hätten, als es noch barfuß gegen Eisenkugeln ging. Das Klacken der Stollen, wenn du vom urin-eitrig-gelben PVC-Boden auf den würg-karamellfarbigen Fliesenboden geschritten bist, der Duft aus der viel zu engen Kabine, dieses Gemisch aus Fußschweiß, Mentholsalbe und – spätestens wenn du für die Reserve ranmusstest – auch aus schalem Bieratem. Und natürlich liebte und lebte ich für diese kurze, aber sehr intensive Befriedigung, wenn eine Aktion gelungen, ein schwieriger Pass angekommen oder eine gute Idee zu einem Tor geführt hat. Ich liebte das Spiel. Alles Momente des Glücks, bei denen es mir bescheuerterweise wichtig war, dass sie auch dem Sohn zuteil werden.

Jay-Jays erstes Spiel beinhaltete drei Ballberührungen, sie verloren 0-4. Beim ersten Tor Gegentor schaut er den eigenen Torwart verächtlich an, beim zweiten schüttelte er nur noch den Kopf und grinste ihn an. Beim dritten Tor sagte er ihm er wäre eine Flasche. Jay-Jay bekleidete anscheinend keine Position oder der Trainer hat ihn angewiesen immer konkret dahin zu laufen wo vor zehn Sekunden der Ball war. Ich kann nachvollziehen, dass es ihm keinen Spaß machte. Und dann war ja auch immer noch diese Sache mit dem Kreis. Ich habe ihn damals interviewt nach dem Spiel und ihm eine Aufzeichnung in eine Kiste gepackt in der ich die ein oder andere Erinnerung für sammele. Er hat dieses Spiel schnell vergessen aber ich hoffe er freut sich irgendwann das Interview zu hören. Er wird herzhaft lachen.

Wir mussten also früh umschwenken – vom Fußball spielen zum Fußball schauen – und konzentrierten uns bekanntermaßen auf den Livesport im Stadion. Im TV schauen wir Fußball DSCN5821selten und während alle anderen Jungs im Fußballverein sind, bat mich Jay-Jay, keineswegs einen erneuten Versuch zu starten, ihn via Fußballvereinssport mit KINDERN! „ in die Gesellschaft zu integrieren“. Es ist spannend, denn wenn er sich in einer Situation zu einer konträren Position zur Gesellschaft bewegt oder es zumindest so empfindet, dann zeigt es mir, wie vielen unnötigen Drucksituationen wir ihn ausgesetzt haben.

Er möchte eben keine Gruppenarbeiten in der Schule machen und dass er es nun auch nicht mehr muss, ist nicht dem Durchsetzungswillen eines bockigen Zehnjährigen geschuldet, sondern er kann es wirklich nicht und wir bewegen uns dort auch in einem Bereich, wo es der Regelschule nicht möglich ist, begleitende Maßnahmen zu unterstützen, die eine vollständige Integration, sofern sie machbar ist, ermöglichen würden. Heute muss er in Deutsch ein Märchen schreiben. Es wird wohl seine schlechteste Note in diesem Jahr werden. („Ich schreibe nichts über so einen unrealistischen Mist). Er möchte einen autobiographischen Text über Galileo Galilei schreiben, der darlegt wie unrealistisch das Märchen Sterntaler ist.

Der Sohn zeigt momentan an allen Fronten klare Kante. Er hat seine persönlichen Bemühungen der letzten Jahre sachlich analysiert und ist zu dem Entschluss gekommen, dass er keinerlei Freunde haben möchte. Zumindest keine im Kindesalter. „Kumpel so wie der Ralph und der Sammy sind in Ordnung“, sagte er neulich im Podcast. Es ist schwierig für uns als Eltern, denn er vertritt seinen Standpunkt sachlich, logisch und mit einer Inbrunst und Überzeugungskraft, dass wir seinem Wunsch nachkommen möchten. Auch auf die Gefahr hin, dass das tatsächliche Problem nicht der fehlende Wille zu einer freundschaftlichen Beziehung zu Kindern ist. UnsereST.PAuli4 Herangehensweise ist vielleicht aus pädagogischer Sicht Unsinn und es wäre nicht das erste Mal, wenn Fachkräfte für unser unkonventionelles Handeln nur ein müdes Lächeln oder Unverständnis aufbringen. Wir sind nicht nur gesetzlich dazu verpflichtet, einen erzieherischen Auftrag gegenüber unserem Sohn zu erfüllen. Die besten Erfahrungen haben wir allerdings damit gemacht, ihm Freiheit zu geben. Freiheit so zu sein, wie er ist. Das ist manchmal schmerzhaft für sein Umfeld, oft schmerzhaft für seine Mama und regelmäßig schmerzhaft für seine Schwester, aber es gibt ihm den Rückenwind die großen Ziele zu schaffen, die er sich setzt und nicht die Messlatten zu überschreiten die Mama, Papa und die Gesellschaft ihm vor die Nase halten. Meine Frau und meine Eltern machen das großartig. Während meine Eltern ihn immer mal wieder mit in den Urlaub nehmen, was für ihn wie ein Ventil zu wirken scheint, gibt ihm meine Frau im Alltag die Freiheit, die er braucht und schont sich selbst dabei wahrhaftig nicht. Je nachdem, in welcher Situation man ihn zu Hause über uns herrschen hört, könnte man auch schnell andere Eindrücke darüber gewinnen, wer daheim tatsächlich die Hosen anhat. Er ist konsequent, mutig, mittlerweile auch sehr aufgeschlossen, unfassbar ehrgeizig, clever, nervtötend und es gibt nur wenige Menschen, mit denen man sich so großartig amüsieren kann. Er kann ein so ekelhaftes Scheusal sein, dass ich mich ob meines Vaterversagens schäme und trotzdem muss man resümieren, dass der aktuelle Stand fantastisch ist. Ich weiß nicht mehr wo ich es erwähnte, aber es ist die Achterbahnfahrt unseres Lebens mit dem intensiven Drang einfach mal zwei oder drei Runden im Kinderkarussell zu sitzen.

Meine Frau hat ein interdisziplinäres Treffen organisiert, in dem Jay-Jays Therapeutin, seine Klassenlehrerin, Jay-Jay selbst und eben meine Frau die erste Monate im Gymnasium haben Revue passieren lassen und konkrete Maßnahmen zusammen festlegten. Maßnahmen, an denen Jay-Jay aktiv mitwirkt, funktionieren unüberraschenderweise sehr gut. Verfahren wir ähnlich zu Hause im Rahmen unseres Regelwerks, passieren oft lustige Dinge, da auch wir im Umgang mit unserem Sohn erst Erfahrungen sammeln mussten. Ein kleines Beispiel aus unserem gemeinsamen Regelwerk. Es hängt in der Küche. Wir FB2verwenden es so wenig wie möglich, aber es ist immer präsent. Für vorab klar geregelte positive Aktionen gibt es grüne Punkte. Für klar als Problem dargelegte Geschehnisse, die der Sohn zu verantworten hat, gibt es rote Punkte. Nach Ablauf von Zeitraum X müssen mehr grüne als rote Punkte vorhanden sein. Dann gibt es eine Groundhoppingtour in ein ausländisches Stadion. Für Mailand, Nancy und Prag hat es jetzt bereits schon einmal gereicht und in besonders schwierigen Situationen lässt sich darüber zumindest eine Motivation herauskitzeln, bestimmte Alltagssituationen selbst zu meistern. Das Schuhe binden z.B., das alleinige Zähneputzen oder eben das Duschen. Es gibt keine simplen Alltagssituationen.

Bei unserem ersten Regelwerk – wir waren noch sehr unerfahren bezüglich der Pedanterie unseres Sohnes – gab es für das selbständige Duschen, wenn er es alleine macht (inklusive Haare waschen mit Shampoo!), einen grünen Punkt. Das durchaus detailliert ausgeklügelte Regelwerk ließ aber dem Sohnemann eine entscheidende Lücke. Hagelte es einen roten Punkt, weil er vielleicht seine Schwester anschrie oder schlecht behandelte, ging er duschen. Nach dem Duschen schrie er sie ggf. wieder an. Ohne Lerneffekt. Und dann? Dann ging er wieder duschen. Der Wasserverbrauch stieg deutlich an, bis wir im Rahmen der Regelkonferenz diese offensichtliche Lücke im Vertragsgebilde schließen konnten und das Akkordduschen unterbunden wurde.

Wie gesagt: Gemeinsam getroffene Vereinbarungen funktionieren gut und so stand der junge Mann mit zehn Jahren in der vergangenen Woche im Sozialkundeunterricht vor seinen gesamten Klassenkameraden und hat ihnen erklärt, dass er behindert ist, dass er Asperger-Autist ist und was ihm aufgrund dieser Tatsache Schwierigkeiten bereitet. Er hat nicht um Verständnis gebeten oder konkret eingefordert, was seine Klassenkameraden zukünftig unterlassen sollen, er hat einfach nüchtern konstatiert, welche Situationen ihm unbehaglich sind, was er gar nicht mag, um aber dann natürlich auch ausführlich zu erklären, was er alles geiles kann oder was ihm leichter fällt. Mit Unterstützung seines Autismus. Ich glaube, ich war nie stolzer auf meinen Sohn.

Stolz und Fußball. Eine komplexe Kiste. Ich bin nie stolz auf einen Verein. Auf eine Nation schon gar nicht. Und wenn ich an die schlandverseuchte Fußball-EM denke, muss ich brechen. Es sind nicht Cathys spieltagsbezogene Schminktipps, die attraktiven Blog-Werbeanfragen von Firmen die exklusiv für die Leser attraktive EM-Fanartikelpakete geschnürt haben, es ist auch nicht die schwarz-rot-goldene Klobürste, die ich nun zeitlich begrenzt erwerben kann. Es fällt schwer, sich dem unverkrampften Patriotismus meiner schwarz-rot-gülden bekleideten Fußball-Turnusfans, den schlandberauschten Marketingagenturen und dem größtenteils nervtötendem Drumherum zu entziehen. Dem Marketing-Tohuwabohu ist zum Teil in der ersten und zweiten Bundesliga schon schwierig zu entkommen – in Deutschland lebend dem Bohei um die Europameisterschaft zu entkommen gleicht aktuell aber einem schier unmöglichen Unterfangen. Dabei verurteile ich es gar nicht, wenn man alle vier Jahre den Schland-Cowboyhut rausholt und einfach nur dabei sein will. Party machen. Scheiß auf das Spiel. Der Jubel ist der Thrill. Gemeinsam feiern. Gemeinsam saufen. Was auch immer. Ich kann das gar nicht verurteilen. Den Sohn und mich interessiert mittlerweile auch oftmals mehr das Drumherum. Welche Stimmung machen die Heimfans? Wie verhalten sich die Gästefans? Was gibt es für Banner? Was für Gesänge? Was passiert auf dem Platz? Welche Schuhfarbe dominiert? Wer sponsert den Eckball? Welcher lokale Schreinermeister gönnt sich das Werbebanner in Liga drei? Das Spiel selbst nimmt bei uns nicht immer die dominierende Rolle ein. Okay, es ist sicherlich für uns bedeutsamer als für den Capo, der selbst bei spannendstem Spielverlauf mit dem Rücken zum Feld voller Inbrunst das komplette Gesangsprogramm einfordert, aber es spielt bei uns eben weniger eine Rolle, als bei dem alten Herren, der seine Klatschpappe unter dem Druck der Massen müde mitpappt, dessen Besuchsanlass aber nun einmal tatsächlich die Liebe zum Spiel ist und nicht die Liebe zum Drumherum. Vielleicht genießt er Fußballspiele nicht einmal auf Grund der Bedeutsamkeit des Ausgangs, sondern einfach wegen der Schönheit des Geschehens auf dem Platz.Wir sehen oft Menschen, die Fußball auf unterschiedlichste Art und Weise genießen. Es ist schade, dass der Genuss eines Spiels unter Fußballfans gegenseitig nicht in seiner unterschiedlichen Auslegung geduldet wird. Der Klatschpapper wirkt auf den Ultra deplatziert wie der Headbanger auf dem Klassikkonzert und umgekehrt.  Mir steht nicht zu zu urteilen, wer und vor allem wie man Fußball und seine Rahmenerscheinungen genießen darf, mir ist das auch eigentlich ziemlich Latte, wenn nicht ziemlich häufig deutsch beflaggt der Schritt so kurz wäre zur Eroberung Frankreichs und dem Wunsch, es den Spaghettifressern doch endlich mal so richtig zu zeigen. Spätestens da sollte man nicht nur anständig angewidert aber schweigend den Kopf schütteln, sondern aktiv weitere Äußerungen jeglicher Art unterbinden. Klatschpapper, Headbanger, stiller Haupttribünengenießer und exzessiver Kurvensupporter gemeinsam wären ein ordentliches Pfund im Kampf gegen homophobe, sexistische und fremdenfeindliche Parolen. Im Stadion. Beim Public Viewing. In der Kneipe. Überall.

Der Sohn ist für Albanien. Wegen Mami. Und für Wales. Weil ZeitOnline ihm das errechnet hat.Er war völlig begeistert, als ich ihm erklärte ihm wird nach einem mathematischen Schlüssel auf Basis seiner Antworten auf ein paar allgmeine Fragen ein Nationalteam zugeordnet. Ich hoffe er möchte nicht auswandern oder demnächst die League auf Wales als Groundhopper erkunden. „Warum sollte ich mich für einen Verein freuen? Das ist doch albern!“  Er bricht Angelegenheiten zuweilen immer ganz weit runter, denn während er Fansein eines Vereins inhaltlich nun soweit verstanden hat, so fehlt ihm doch der Bezug zu einem Verein, mit dem er richtig mitfiebert. Er genießt die Abwechslung des Drumherums, vielleicht ist dies seine Genusszone im für sich selbst ansonsten straff durchreglementierten Alltag, vielleicht gönnt er sich im Stadion unter ihm bekannten Rahmenbedingungen die Spannung, dass der Baunatal1Flutlichtmast anders positioniert ist, es statt Würstchen Würstchengulasch gibt und dass es anstatt einer LED-Anzeige eben Klapptafeln gibt, die ein Mitarbeiter per Stab und bezifferter Holztafel bei Ergebnisveränderung bedienen muss. Für Ihn quasi das Neue, überraschende, was er nicht immer mag, er dies aber in einem für ihn sicherem und bekanntem Rahmen erlebt und deswegen genießen kann. Flutlichtmasten, Eingangskontrollen, Halbzeitpausen, Anzeigetafeln, Gedränge, Laute Beschallung, Nummerierte Sitzplätze, Identische Anzahl von Spielern mit unterschiedlich farbigen Schuhen und völlig durcheinander gewürfelten Rückennummern.

Ich weiß es nicht. Aber auch dies ist mir egal. Die Touren machen ihm Freude. Von der oftmals chaotischen Abreise über abenteuerliche Randerscheinungen beim Spiel selbst und kleine Spielrahmendetails bis zur Ankunft im Hotel nach dem Spiel. Fußball hat auf eine ungewöhnliche Art und Weise, mit all dem Drumherum und den vielen lieben Menschen, die wir treffen und kennen lernen durften, meinem Sohn mehr gegeben als alle Therapien, die er bisher besuchte.Deswegen touren wir natürlich weiter. Die beruflichen Rahmenbedingungen ließen Reisen in der Vergangenheit nicht mehr zu, aber entsprechende Gegenmaßnahmen sind eingeleitet, so dass wir spätestens zur Rückrunde der Saison 2016/2017 wieder routiniert einsteigen werden. Bis dahin werden wir EM im TV schauen und wenn wir Bock haben, tragen wir Trikots, vielleicht kaufen wir uns sogar schwarz-rot-geil beflaggtes Malzbier und fressen dazu Schland-Chips, vielleicht gehen wir aber auch einfach ein wenig joggen oder podcasten, wenn Deutschland spielt. Wir werden sehen, wozu der Sohnemann Bock hat. Ich weiß nicht, für welche Spezies Fußballfans wir stehen. Im musikalischen Kontext wären wir wohl das Feine Sahne Helene Fischerfilet oder eine Kombination aus Justin Bieber und Marcus Wiebusch, ihr wisst schon: eben eine Kombination aus dem, was die einen gut finden, die den anderen Aspekt nicht mögen und umgekehrt. Vielleicht sind wir aber auch stupide Emotions- und Eventkonsumenten. Bis dahin sollten wir entspannter mit der EM und den Spielen selbst umgehen. Niemand wird gezwungen, sie zu schauen und niemand wird gezwungen, den Rahmen zu kommentieren, sich über andere zu erheben und seine Form des Fußballkonsums als die einzig akzeptable Variante zu erachten.Ich bin dem Fußball vermutlich einfach nur unendlich dankbar. Er schenkte mir persönlich unvergessliche Momente und er stellt sicher, dass ich mit meinem Sohn unfassbar schöne Erlebnisse teilen kann. Nichts erdet mehr als ein abgefrorener Hintern bei einem torlosen Aalen gegen Sandhausen und bei arktischen Temperaturen. Und wer gar keinen Bock auf die EM hat? Der könnte sich trotzdem mitfreuen. Es wäre beruhigend, wenn wir trotz Hochwasser, trotz der politischen Situation in Europa, trotz der Schatten aus dem November 2015 und auch ohne einen Michel Platini im Stadion in ein paar Wochen auf eine friedliche Europameisterschaft in Frankreich zurückblicken können.

2 Gedanken zu „Feine Sahne Helene Fischerfilet

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