Grau

Im Kindergarten war ich Zorro. Nein, nicht nur an Karneval. Das gesamte Jahr hinüber lief ich im schwarzen Umhang in den Kindergarten. Man hatte schnell verstanden, dass eine Diskussion mit mir über die Notwendigkeit des Tragens dieses Umhangs nicht zielführend ist. Ich war schließlich Zorro. Und wie konnte ich Zorro sein ohne schwarzen Umhang?

Ich habe nur vage Erinnerungen an meine Zorro-Zeit und kann mich daher nur noch an wenige Heldentaten erinnern. Ich glaube, ich habe Vera mit der blauen Cord-Latzhose und dem roten Stick-Rollkragenpullover mal gerettet, aber so richtig weiß ich das nicht mehr, und selbst sie wusste nicht, wovor ich sie eigentlich gerettet hatte. Frauen halt. Anstatt sich einfach zu freuen. Mit ihr habe ich auch einzelne Bücherseiten mit selbst angerührtem Matsch an unserem Baum, einer riesengroßen alleinstehenden Kastanie, befestigt. Retrospektiv war dies quasi unsere Guerillamaßnahme zur Optimierung der Bildungspolitik, tatsächlich hatten wir nichts anderes zum Dekorieren des Baumes gefunden und wir rührten verdammt gerne Matsch an. Mir hätte es passieren können, ohne Hose in den Kindergarten zu gehen, aber niemals ohne meinen Zorro-Umhang.

Jay-Jay verbringt mittlerweile viel Zeit in einer Parallelwelt. Es geht tief. Sehr tief und wir haben manchmal Mühe, ihn in der Realität zu halten, bzw. über den Tag hinweg Realität und die Geschehnisse in seiner Welt klar zu trennen.In der Schule haben wir da aktuell weniger Einfluss und so fantastisch er sich bezüglich der schulischen Leistungen in den ersten Monaten auf dem Gymnasium auch macht und so unfassbar stolz, wie wir auf ihn sind, so macht er sich im sozialen Kontakt mit seinen Mitschülern mit den Sagengeschichten aus seiner Welt ziemlich viel kaputt. Ich weiß noch nicht, ob, wann und wo ich dazu etwas detaillierter Geschriebenes festhalten möchte, aber ich glaube, die Lösung ist grau.

Immer muss alles bunt sein. Städte müssen bunt sein, Einstellungen müssen bunt sein, Charaktere müssen bunt sein. Ich mag es nicht so bunt. Bunt ist das neue hip. Ich finde, die pure, volle Schönheit einer Farbe erkennt man am besten in ihrer schlichten, alleinigen Präsentation oder mit maximal einer passenden Kontrastfarbe. Ich mag grau, auch wenn es Klugscheißerinnen gibt, die es nicht einmal als Farbe bezeichnen, sondern als Farbreiz, zwischen schwarz und weiß liegend. Es ist gar nicht das negativ anhaftende Image, was mich an der Farbe reizt, ganz im Gegenteil. Es ärgert mich, dass die Farbe oftmals nur im negativen Kontext genannt wird. Ich treffe selten Menschen, die sich über graue Himmel freuen oder ihr Gegenüber für sein graues Erscheinungsbild loben.Würde man seinen Charakter mit einen Farbe beschreiben wollen, würden wohl nur wenige grau wählen, und nur besondere Menschen nennen grau als Lieblingsfarbe. Keine Bundesligamannschaft möchte die graue Maus der Liga sein und graue Haare über Clooney-Level hinweg sind auch eher selten beliebt. Grau stellt immer düstere Stimmungen dar, symbolisiert Langeweile und steht lt.Wikipedia auch meist für unbedeutendes.

Einspruch.

Grau ist großartig.

Bei den rechtlichen Grauzonen ist es vielleicht noch interpretationsbedingt negativ konnotiert, JAYJAYGRAUobwohl es klar mittig zwischen illegal und legal zu finden sein müsste. Und demnach nicht illegal ist. Aber spätestens derjenige, der an seinen Opa und seine Oma zurückdenken kann, der wird neben dem Lächeln dieses geliebten Menschen auch meist sein ergrautes Haar in den herzgespeicherten Bildern Erinnerung haben, und wenn es einmal negative Erinnerungen an die Vergangenheit gibt, so sind die beim Gedenken an liebe Menschen schemenhaft grau, und so ist es richtig, da sie dann nicht mehr klar erkennbar sind und wichtige von unwichtigen Erinnerungen trennen. Wenn man im Morgengrauen gen Himmel schaut, kann dieser durchaus mit einem romantischen Abendrot mithalten. Das Morgengrauen als Start in den Tag. Das klingt schlechter, als es tatsächlich ist. Grau ist wunderschön.

Grau ist nicht schwarz und nicht weiß. Wir könnten alle viel mehr grau vertragen. Es gibt zu viel gesellschaftlichen Druck für klares schwarz und weiß, insbesondere, wenn der Mensch gezwungen wird, seinen Kopf zu benutzen. Kommt es mir nur so vor, oder ergeben sich momentan täglich irgendwie immer mehr Alltagssituationen, bei denen man gedrängt wird, sich klar auf eine Seite zu stellen und dementsprechend konsequent das Leben anzupassen? Kannst du noch ruhigen Gewissens Fleisch essen? Ist da nicht Palmöl enthalten? Die Nutzung dieser Creme fördert Tierversuche. Also unser Kind wird ja mehrsprachig erzogen? Ist das Echtfell an deinem Kragen? Wo wurde dein Shirt produziert? Ist das Fair Trade Kaffee? So sehr ich es doch schätze, dass zumindest oberflächlich viele Menschen die richtigen Fragen stellen oder auch begonnen haben, ihr Leben ressourcenschonend anzulegen, so strengt es mich doch zu sehr an, als das ich mithalten könnte. Mir ist das auch zu mühselig, in allen Bereichen vorbildlich zu leben. Manchmal bin ich einfach echt eine faule Sau und spätestens wenn man versucht mich auf missionarische Weise zu bekehren, hat es ein Thema schwer bei mir den Einstieg zu finden. Noch schlimmer sind dann aber Small Talk Fragen zu vermeintlich aktuellen Geschehnissen, wie der Ehekrach von Paar X oder die bevorstehende Geburt des Kindes von Paar Y. Dieser Gossip-Müll wird nur noch übertroffen durch das Bashing von grottenschlechten TV Formaten, denn man muss ja auch Zeit in diesen Müll investieren um sich darüber auslassen zu können. Ich möchte das aber nicht sehen. Welch Dilemma.  Ich hasse es, gezwungen zu werden, Position zu beziehen, und meistens geht es mir gar nicht darum, dass ich Angst davor habe, mich zu schwarz oder weiß zu bekennen, sondern weil mir meine Position tatsächlich in manchen Belangen vollkommen schnuppe ist. Es gibt Themen, die sind für viele Menschen wichtig, und man engagiert sich und ist interessiert. Das respektiere ich, und ich schäme mich manchmal sogar, gar keine Position beziehen zu können, weil ich vielleicht von Thema X oder Y keine Ahnung habe, es ist aber auch leider nicht so, dass keine Ahnung haben mich im Zweifel davon abhalten könnte, sich klar für schwarz oder weiß zu positionieren.

Was hat man eigentlich vom Meinung haben oder vom ständigen Meinung kundtun bei Themen, die keinen nachhaltigen Einfluss auf unsere Lebensqualität haben? Ist es tatsächlich nervig, wenn Journalisten den Heiland befragen, ob er seinen Vertrag verlängert, oder sind nur die empörten Reaktionen störend und verrauchen die dann, wenn Pep weg ist und sich dann plötzlich gar nicht so viel ändert? Sind Sterne statt Herzchen essentiell für Twitter? Wie viele Sky-User nutzten die Einzeloption des Hoffenheim-Spiels? Wie viele Fans saßen im Wolfsburger Gästeblock und wie viel wären es gewesen, wenn die Spätschicht hätte, Kette, sollen, scheiße. Was hat es mit dieser Hochstilisierung von Banalitäten auf sich. Wird das schlimmer?

Die Empörungseuphorie innerhalb der Kombination Fußball und Netzwerk ist vielleicht ein schöner Maßstab, wie tief wir im Mist stecken. Ihr mögt keine Herzchen auf Twitter? Okay, benutzt sie nicht. Meine Ohren sind müde von der ausdauernden Jammerei bei nahezu jedem Thema, mein Hirn ist überfordert vom ständigen Überlegen, ob ich jetzt eine Meinung zur neusten Fifa-Dreyfus-DFB-Honess-Beckenbauer Enthüllung haben muss oder ob da trotzdem weiter beschissen wird. Mehr Meinung zu relevanten Themen. Das wäre großartig. Das würde helfen. Das würde zur Selbstreflektion beitragen. Fundiert wäre noch schön. Selbst erlebt, selbst gesehen, nicht gehört, gelesen oder vom Bruder dessen Freundin ihr Schwager erfahren.  Das wäre schön, aber es gibt vermutlich zu wenig Themen mit tatsächlicher Relevanz, denn sonst würden wir uns nicht täglich an der Boulevard-Onanie aufreiben oder uns am Telefon mit Belanglosigkeiten zufüllen und vielleicht würden auch tatsächlich weniger leicht behirnte Menschen Hetzparolen geifernd, auf die Straße ziehen.

Wir könnten alle ein wenig mehr grau vertragen. Kein langer Positionierungskampf zwischen schwarz und weiß, sondern eine gezielte Auswahl aus unendlich vielen Graufarbtönen sollte doch reichen, um seine Meinung adäquat und differenziert platzieren zu können. Ob silbergrau, taubengrau oder anthrazit, grau ist Vielfalt, grau ist bunt und letztendlich gerätst du nur in ein Problem, wenn du keinen Grauton findest, der hell oder dunkel genug ist,  deinen Vorstellungen zur Beschreibung deiner Meinung oder deiner Situation gerecht zu werden. Grau fördert den Diskurs und erweitert das Blickfeld. Neben grauen Meinungen, Grauzonen und den grauen Haaren, die ich bekomme, wenn jemand versucht, mir eine Kompromiss-Meinung zu Themen, bei denen es keine graue Meinung geben darf (z.B. Homophobie oder Rassismus), unterzujubeln, gibt es auch graue Herangehensweisen.

Was Jay-Jays Parallel-Welt angeht empfiehlt uns die Therapeutin eine klare Trennung zur Realität dadurch herbeizuführen, indem man ihm oft und unmissverständlich verdeutlicht, dass die Parallelwelt seiner Phantasie entspringt. Dies ist mäßig erfolgreich. Seit ca. drei Monaten. Ich habe langsam Zweifel. Die Momente, in denen es Jay-Jay in letzter Zeit am schlechtesten geht, sind die Momente,in denen ich ihm mitteilen muss, dass das von ihm benannte Gesetz aus seinem eigens gegründetem Land keine Gültigkeit in der Realität besitzt. Er versucht ständig, seine Parallelwelt auf eine Ebene mit dem Alltag zu stellen, die Schnittstelle aufzureissen, den Kopf seiner Schwester oder seines Cousins mit den Regeln, Gedanken und Eigenarten seiner Welt zu fluten. Diese Parallelwelt ist vielleicht einer seiner letzten Rückzugsorte. Da behindern ihn keine Regeln, und wenn doch, dann passt er sie halt an. Vielleicht ist ihm diese Welt wichtiger, als es die Experten vermuten, die immerhin eine ganze Stunde pro Woche mit ihm Zeit verbringen. Es gibt selten Tränen zu Hause. Aggression, Eskalation, Geschreie, vielleicht auch mal fliegende Gegenstände oder das indirekte Beschimpfen in der zweiten Person, obwohl ich neben ihm stehe. Aber Tränen gibt es nur, wenn ich ihm deutlich die Grenzen der Akzeptanz aufzeige, was seine Welt angeht. Haben wir die Gelegenheit, in Ruhe darüber zu sprechen, erfordert die Konversation meine volle Aufmerksamkeit. Er versucht mir dann zu erklären, welche Schwierigkeiten er mit der Realität hat, und dass dies in seinem Land eben nun einmal kein Problem ist. Ich konnte ihn bisher aber immer beruhigen und ermutigen, den nächsten kleinen Fortschritt zu gehen, indem ich ihm anbot, meine Hand zu nehmen und sich führen zu lassen. Gemeinsam würden wir ja schließlich alles schaffen. Er hat Angst, auch wenn er das nicht zugibt, Angst vor der nächsten großen Pause, in der ihn die anderen Kinder wieder ansprechen, warum er nicht mitspielt, Angst vor dem nächsten Sportunterricht, ob er schnell genug die Schuhe gebunden bekommt und Angst vor dem nächsten Vokabeltest, ob seine Note schlechter ist als die von Max, Paul oder Niklas. Mir wird immer schwindelig, wenn er mir berichtet, was ihn in der Schule alles beschäftigt. Trotzdem bleibe ich stark, konsequent und diszipliniert, wenn er mir von den Geschehnissen aus seiner Welt berichtet. Ich erkläre ihm, dass es mir Angst bereitet, ihn so unmissverständlich von unrealistischen Szenarien aus seiner Welt erzählen zu hören. Er spricht ganz ruhig und gelassen und lässt sich von mir auch nicht durch ironische Nachfragen in die Irre führen. Er beschreibt mir sein Land so, dass ich es mir bildlich vorstellen kann, und es macht mir Angst, wie genau er kleine Details beschreibt. Er ist dort völlig hineingetaucht und unsere Angst, er käme dort nicht mehr raus, paart sich mit seiner Angst, wir würden ihm diese Ausflüge missgönnen und sie verhindern wollen. Und er ist dort nicht gern allein. Er bräuchte schließlich Einwohner in seinem Land. Er kann sich auch nicht um alles kümmern und es gibt viel zu tun.

Ich könnte mir das alles ja mal in Ruhe anschauen und dann entscheiden, ob es sich lohnt, dort Zeit zu verbringen. Mir machen seine Äußerungen Angst, sie wirken nicht persönlichkeitsgespalten, aber besorgniserregend essentiell für ihn. Ich habe Angst davor und das spürt er auch in unserer Diskussion.

„Papsi, nimm meine Hand. Du brauchst keine Angst haben. Ich führe dich durch meine Welt, so wie du mich durch deine führst.“

So machen wir es jetzt. Ich lasse mich jetzt führen. Zeitlich begrenzt, zu festen abgestimmten Uhrzeiten, mit Rückkehrgarantie und einem Recht zur fristlosen Kündigung der Vereinbarung, fliege ich mit ihm durch seine Welt. Ich brauche nur noch einen Namen in seiner Welt. Ich glaube, ich werde mich Zorro  nennen, denn er fragte mich, was Zorro heute macht, wenn er doch damals im Kindergarten so viel Spaß hatte.

Grau ist Freiheit, grau ist, wenn du dir das Beste aus schwarz und weiß gönnst und bunt miteinander mischst, grau ist, wenn du das tust, was das Herz dir sagt, trotz Warnung des Kopfes. Alles wird gut. Immer. Irgendwann.

 

 

 

14 Gedanken zu „Grau

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  3. Tanja

    Du sprichst mir aus der Seele. Ständig muss man sich rechtfertigen, für den Namen seines Kindes, seinen Lieblingsverein, warum man dieses oder jenes isst oder trinkt, warum man keine typische Mit-30erin ist usw usf. Ich bin lieber grau. Einfach ich sein. Leben u Leben lassen. Wichtiges wichtig und unwichtiges unwichtig sein lassen. Und jeder sollte entscheiden was wichtig und unwichtig ist.

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  4. uk

    Ein sehr nachdenklich stimmender Text – und im Besonderen auch sehr berührend.

    Wer bestimmt eigentlich, was normal ist und was nicht normal… ??

    Wir schöpfen lediglich 10% unserer Gehirnkapazität aus…Vielleicht ist es Jay Jay einfach vergönnt, Räume betreten zu können, die den meisten verborgen bleiben.

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  5. mueller7de

    Ich kann grau nicht ausstehen. Aber Dein Text hilft mir zu verstehen, warum grau eine gute Lösung sein kann.
    Ich möchte mich kiezkicker anschließen, denn das klingt vernünftig und ist nachvollziehbar.
    Ich wünsche euch unfassbar viel Glück, Ich weiß, dass ihr es braucht.

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  6. KiezkickerDe

    Lass ihm unbedingt seine Welt. Mach sie vielleicht besser nicht zu deiner, aber nimm dran teil.
    Schule ist ohnehin immer ein sehr schwieriges Thema, weil es eben keinerlei Rückzugsmöglichkeiten gibt. In Momenten, wo man sie braucht. Wo man Abstand zu Klassenkameraden braucht. Man ist mit denen in einen Raum gezwängt, mit denen man vielleicht gerade nicht gemeinsam in einem Raum sitzen möchte. Das bedeutet Stress.
    Und dann gibt es die große Pause. Wo man sich endlich ein wenig zurück ziehen kann, zurück in seine eigene Welt. Weg von den Klassenkameraden, die einem ohnehin nicht verstehen. Und dann kommen die an und fragen einem, warum man nicht mitspielen würde. Stören einem dabei, abzuschalten von ihrer Welt. Stören einem bei der Entstpannung. Lassen einem keinen Rückzugsraum, um neue Kraft für die nächste Doppelstunde zu sammeln. Kraft für die Zeit zu sammeln, zu der man wieder mit Personen zusammen ist, zusammen sein muss, die man sich nicht selbst ausgesucht hat.

    Es braucht diese Pausen, diese Zeiten des Rückzugs. Die Zeiten, die man in seiner eigenen Welt ist, ganz sprichwörtlich. Wo man selbst die Regeln aufstellen kann. Regeln, die man versteht, Regeln, mit denen man klar kommt. Logische Regeln.

    Bitte lass ihm diese Rückzugsmöglichkeit. Du wirst einen entspannteren Sohn erhalten, als wenn du ihm diese Möglichkeit, sich zu entspannen nimmst. Auch wenn er bei seinen Klassenkameraden dann als seltsam gilt. Das tut er ohnehin. Würde er auch, wenn er sich an deren Pausenspielen beteiligen würde, statt sich in seine Welt zu flüchten. Weil diese Pausenspiele nicht entspannend sind, sondern erneut nach fremden Regeln ablaufen, Regeln, die man nicht unbedingt immer versteht. Die nicht logisch aufeinander aufbauen. Die nicht verlässlich sind. Die je nach handelnden Personen, mit denen man sich aufhält komplett gegensätzlich sein können. Was in der einen Gruppe „cool“ ist, ist in der anderen mindestens „seltsam“. Das zu verstehen – ich fürchte, das ist ein Versuch, der nicht gelingen wird, jedenfalls nicht in Gänze. Das schaffen manche „neurotypische“ Erwachsene nicht (stell dir einen einfachen Arbeiter in einem Fünfsternerestaurant vor) – für einen Autisten ist das noch umso schwerer.
    Ja, man kann es lernen. Aber man lernt diese Regeln lieber mit Leuten, die man sich selbst aussuchen konnte. Im Moment scheint das für JayJay, wenn ich seine Tweets mit einbeziehe, seine Familie zu sein. Ich finde das in Ordnung. Soziale Kommunikation und lernen, wie man sich sozial verhält, ist eine immens wichtige Sache. Aber es müssen nicht unbedingt die Klassenkameraden sein. Es reicht manchmal die eigene Familie. Und wenn die gerade nicht greifbar ist, auch eine selbst erdachte Welt.

    Finde ich in Ordnung. Nochmal, bitte lass ihm diese Welt. Es wird dir ohnehin nicht gelingen, ihn da heraus zu holen. Du wirst seine Gedanken nicht übernehmen können. Aber du kannst sie vielleicht verstehen, wenn du dich darauf einlässt, ein Teil von dieser Welt zu sein. Und vielleicht gelingt es dir dann auch, diese Welt ein wenig so zu gestalten, wie die wirkliche Welt sich darstellt.
    Aber das wird dir nur aus der Innensicht, seiner Innensicht, gelingen. Nimm daran teil, es ist ein Geschenk an dich!

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  7. wajakla

    Manchmal – leider eher selten – liest man einen Text und fühlt dabei, dass mehr nicht geht. Nicht mehr Text. Nicht mehr Gefühl. Gerade war mal wieder so ein Moment. Großes Kino. Danke.

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  8. Anita

    Ach Rebell,

    ich finde JayJay einfach toll. Ich finde es GUT, dass er Dir anbietet, Dir seine Welt zu zeigen!!!

    Was für eine Ehre!
    Was für ein Vertrauen!

    Und was für einen Selbstschutz sich JayJay geschaffen hat!

    Der ist wichtig!

    Wie toll, dass er Euch Einlass gewährt. Einlass in seinen Schutzraum. Wo er so viel verarbeitet und für sich klärt, was ihm in dieser „Realität“ so sehr verzweifeln lässt!

    ———-

    An die Therapeuten:

    erarbeitet Euch das Vertrauen, damit ihr JayJay verstehen lernt.

    Damit Ihr lernt, was JayJay beschäftigt!

    Nehmt ihm nicht weg, was er so dringend benötigt!!

    Lasst Euch darauf ein und lernt ihn verstehen!

    ———–

    JayJay,

    ich kann Dich gut verstehen. Es kostet so unendlich viel Kraft, diese Realität – den Schulhof – die Lehrer – die Kinder zu verstehen.
    Die Regeln in der Realität sind so schwierig und so vielfältig.

    Dabei könnte es so viel einfacher sein.

    ———–

    Nichts geht schnell, es gibt so viel zu verarbeiten —— lasst Euch Zeit! Und gönnt Euch die Schattierungen des Grau.

    Jedwede Farbe kann erschlagend sein. Und das bunte Chaos erst recht!
    Nur schwarz und weiß ist oft (bis auf benannte Beispiele) so entsetzlich ausweglos und langweilig.

    Liebe Grüße und viel Kraft für Euch alle
    Anita

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  9. andreaharmonika

    Die Farben des Grau

    Du fragst: „Wie viele Farben hat das Grau?“
    Ich würde sagen sieben… ganz genau!
    Die kannst Du zählen, nachts, beim Regenbogen,
    Wenn’s nieselt und der Vollmond ausgezogen.

    (Alexander Herzen)

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  10. Marco Müller

    Auch wenn mir der direkte Bezug fehlt, berühren mich viele Passagen doch sehr und bringen mich zum reflektieren und helfen mir, eigene Angelegenheiten klarer zu sehen und zu verarbeiten. Dafür danke ich Ihnen und wünsche Ihnen und Ihren lieben alles gute!

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  11. Teilzeitborussin

    Keinen Kommentar zu hinterlassen muss kein Zeichen von Desinteresse oder Konsumhaltung sein. Es kann auch die Unfähigkeit sein, die eigene Bewegtheit in Worte zu fassen.

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