Grubenlampe & Arbeitsschuh

Wir hatten gerade Platz genommen im Familienblock, neben den Schachtscheissern Zörnitz und den Jungs von der Koma Kolonne Carnitz (Leitspruch: „Wir trinken aus“).

Mein Blick schweifte durch den Fanblock, u.a. mit dem Banner der wilden Jungz, die es sich nicht nehmen ließen, neben ihrer Liebe zum Verein auch Bands wie u.a. Freiwild zu huldigen. Ich bin diesbezüglich vielleicht ein wenig hypersensibilisert und muss mich immer selbst ein wenig disziplinieren, zu verstehen, dass es wohl in jedem Verein fragwürdige Fangruppierungen gibt. Mal eben mehr, mal weniger.

So erfreute ich mich lieber an dem Slogan, der über der Ecke der Heimfans an das Dach gehämmert war:

„Grubenlampe – Arbeitsschuh – Wismut Aue – Ich und du.“

AA4Die Macht aus dem Schacht. Ich malte mir aus, welche Marketingmöglichkeiten dies eröffnete, ohne zu wissen, dass diese längst ausgereizt waren. Konsequenterweise hätte man noch Sebastian Schachten verpflichten können, aber ansonsten war das schon ziemlich großes Kino.

Ich war leicht zu erheitern. Eine fast siebenstündige, dieses Mal auch etwas beschwerliche Anreise hatte Spuren hinterlassen, die der Anblick des wirklich wunderschön gelegenen Stadions nicht sofort lindern konnte.

Ich versuchte einen Überblick zu erhalten, mit welchem Schlag Mensch ich es hier heute zu tun bekomme. Das mag arrogant, überheblich und anmaßend klingen, vermutlich ist es das sogar auch, aber so, wie sich Freiburg damals zumindest in unserem Block als Rentner-Hochburg darstellte, und wir in Dortmund negativ auffielen, weil wir zu den wenigen gehörten, die auf dem Weg zum Stadion keine Bierflasche bei uns trugen, so verriet uns hier die fehlende stone washed Jeans oder zumindest ein nicht mitgeführtes klappbares Veilchen-Sitzkissen, dass wir hier nicht zwingend hingehören. Die Atmosphäre empfand Jay-Jay als recht ungewöhnlich. Dies änderte sich auch nicht, als die Menge mit gekreuzten Armen lautstark u.a diese Passagen der Vereinshymne sang:

„Zwei gekreuzte Hämmer und ein großes W

Das ist Wismut Aue, unsre BSG

Wir kommen aus der Tiefe

Wir kommen aus dem Schacht

Wismut Aue, die neue Fußballmacht.“

 

Ich vermute, es war auch der Müdigkeit geschuldet, aber diese Hymne, in Verbindung mit dem bis dato Erlebten, erinnerte mich irgendwie an eine Mischung aus FDJ -Ferienlager und Love Parade. Das positive Gefühl überwog jedoch. Der Sohn lachte sich kaputt. Er mochte die für ihn scheinbar optimale Distanz zu den Heimfans. Direkt neben dem Block die volle Akustik genießend, aber eben doch nicht stehend mittendrin. Er sagte zwar in der Vergangenheit immer wieder, dass ihm auch das gefiel, aber gefühlt genoss er diese Platzsituation zumindest hier und heute mehr.

 

Er fand den gebotenen Rahmen extrem lustig. Den Vater mit seinem Jungen, er Bier vernichtend, der Junge auf dem Gestänge turnend, welches der Abgrenzung zum nächsten Block dienen sollte. Er mochte auch die drei schwer angetrunkenen Jungs, die es sich links hinter uns bequem gemacht haben, und die sich vor und auch während des gesamten Spiel mit der wichtigsten Frage beschäftigten: Wer holt eigentlich das nächste Bier? Er bewunderte auch, glaube ich, den Jungen, der in etwas sein Alter schien und schon vor Anstoß lautstark, als einziger des gesamten Blocks, jeden Fangesang und jede Hymne mitsang.

Am meisten gefiel ihm aber der ältere Herr, direkt hinter uns, der bei jedem Torschuss, auch wenn er frühzeitig erkennbar die Southgate-Gedächtnisflugbahn zu nehmen gedachte, lautstark und langgezogen „ Toooooooooooooooooor“ in unsere Ohren schrie.

Aue hatte viele Chancen und Torschüsse. Oder zumindest Spielsituationen, die den Herrn dazu veranlassten, diese entsprechend lautstark zu begleiten.

Das Spiel war großartig. Zwar hatten nicht, wie erwartet, die Karlsruher das Geschehen beherrscht, sondern es waren die Auer Schachtkumpels, die, so würde es wohl der Kommentator beschreiben, mit einem „ beherzten Auftritt“ zu gefielen wussten.

Der KSC sah in der ersten Halbzeit kaum Land und verlor gefühlt jeden Zweikampf, oder sah sich unmittelbar nach einem gewonnen Zweikampf den nächsten beiden Spielern der Veilchen gegenüber. Die Strapazen des Erzabbaus waren dem Team von Trainer Stipic nicht  anzumerken und die Konstellation des Tabellenletzten, dem aber nur drei Punkt zum Nichtabstiegsplatz fehlten, gegen den Karlsruher SC, der weiterhin den Aufstieg im Visier hatte, zahlte sich aus. Das frühe eins zu null ließ sowohl unseren Block, als auch große Teile der Haupttribüne zum Leben erwecken.

Ein Blick ins Veilchen-Magazin und auf die dort vertreten Werbepartner ließ in etwa erahnen, AA5dass es sich bei dem Heimverein nicht zwingend um ein Team handelt, welches über genügend Kohle verfügt, um sich bei Abstieg mal eben ein schlagkräftiges Zweitliga-Team zusammenzukaufen und den Wiederaufstieg anzupeilen. Die gesamte Preisgestaltung war offensichtlich der wirtschaftlichen Situationen der Region angepasst.

Als sehr sympathisch empfanden wir Bierpreise von 2,50 € (0,4l, pfandfrei), und Schals für acht Euro. Die spartanisch eingerichteten Imbissbuden wurden selbst betrieben oder zumindest an die örtliche Fleischerei abgegeben, aber definitiv nicht aramarkisiert. Es wirkte teils holprig, aber sehr sympathisch.

Unglücklicherweise muss die vorab hochgelobte Wurstgulasch-Verantwortliche einen schlechten Tag gehabt haben. Die Freude über die Abwechslung zur Stadionwurst wich der Enttäuschung über völlig zerkochte Nudeln mit einem relativ geschmacksneutralem Ketchup-Wasser-Wurst Gemisch. Ich vermute, ich überschätzte das Feedback zu den Nudeln, welches ich von dem ein oder anderen bekam, dessen Geschmacksnerven vielleicht auch eine sechs- bis zehnstündige Anreise-Odyssee hinter sich hatten.

Aber nun gut. Man will nicht jammern. Ärgerlicher empfanden sowohl der Sohn als auch ich eher die Filiale des Schnellrestaurants mit dem großen gelben M, deren Auftritt im Antrittsbereich zum Stadion sich so gar nicht in mein Fußballromantikbild dieses Standorts einfügen wollte. Dann doch lieber vier Kilogramm arg überschätztes Wurstgulasch in Mastfütterung.

Es fällt schwer in Worte zu fassen, aber ein Besuch des Stadions in Aue gehört zum Pflichtprogramm von Fußball- und Stadionfans. Die spookige Atmosphäre, viel Ursprüngliches und ja, vielleicht auch viele der Klischees, die bedient werden, wenn es um Ostdeutschland geht, machen das Stadion, neben der sehr idyllischen Lage, besuchenswert. Vom Gegenteil konnte uns auch nicht die Tormelodie von Wismut Aue überzeugen, die dem Refrain von 2Unlimiteds „No limit“ verdächtig ähnlich klang.

 

Wir hätten etwas mehr Zeit einplanen sollen. Eigentlich wollten wir den Aue-Trip mit einem Auslandsspiel in Polen oder Tschechien verbinden, aber die aktuell vorhandenen Zeitfenster gaben dies einfach nicht her. An- und Abreise mit dem Zug verschlangen an dem Sonntag AA2dreizehneinhalb Stunden, weitere zwei Stunden gingen drauf für Besichtigungen der sächsischen Metropole Glauchau und dem lebendigen Gößnitz, welches als Hauptattraktion noch den längsten Bahnsteig Deutschlands zu bieten hatte. Die Rückfahrt war eng kalkuliert und wir mussten fünf Minuten nach Spielende im Taxi sitzen, um rechtzeitig in Zwickau zu sein, da eine Abreise aus Aue mit dem Zug sonst erst wieder 90 Minuten nach Abpfiff möglich gewesen wäre. Meiner mangelhaften Planung und der Unkenntnis darüber, dass es in Aue nur einen Taxifahrer gibt, der zeitgleich auch noch die Telefonzentrale auszufüllen hat, verdankten wir es, dass wir natürlich viel zu spät in Zwickau ankamen, quasi zeitgleich mit dem 90 Minuten nach Spielende verkehrenden Regionalzug. Fünfzig Euro ärmer und um die Erkenntnis reicher, dass Frau Mama alles anderes als begeistert sein würde über eine Rückkehr um 23:00 Uhr mit einem darauf folgendem Schultag für den Sohn, plauderte ich mit dem Sohn, der erstaunlich wenig Müdigkeitserscheinungen aufwies.

Das Stadion ist in seinen Top 3 der Stadionbesuche. Er wertet mittlerweile nach unterschiedlichen Kriterien in verschiedenen Kategorien. Mal ist es das Stadion, mal die Stimmung, mal die Verschiedenfarbigkeit des Schuhwerks, mal die Eigenarten der Menschen um uns herum. Er nimmt dies alles vollkommen ungefiltert auf, aber während ihn dies in vielen Alltagssituationen verzweifeln lässt, scheint er es hier zu genießen. Ich lasse ihn all das auch ungeregelt bewerten. Normalerweise müssten nun Tabellen gebaut werden, aus denen hervorgeht, welcher Verein in welcher Kategorie nach Punkten vorne liegt, aber er genießt es so, wie es ist.

AA6Aue soll nicht absteigen. St.Pauli aber auch nicht. Aalen darf gehen. „Da müssen wir sowieso nochmal hin. Dann sehen wir die eben in der dritten Liga.“

Er will sich partout für keinen Verein entscheiden, aber er baut sich so seine Liga und seine eigenen Rahmenbedingungen, nach dem was er an Fußball so sympathisch findet. Den VfB Stuttgart mag er eigentlich auch ganz gerne, aber wenn die in die zweite Liga kommen, schießen die ja viel mehr Tore. Das würde er auch ganz gut finden.

Ich mag das, und ich schätze seinen Enthusiasmus sehr. Er begeistert sich nicht für ein Team. Er begeistert sich für ein Umfeld, für den Rahmen, die Atmosphäre und das Auftreten aller am Spiel Beteiligten und deren Unterstützer. Er wird sich wohl in zehn Jahren noch nicht für ein Team entschieden haben, aber viele Sympathien verteilt haben und seine Liebe zum Fußball intensiviert haben.

AA7

 

 

Ein Gedanke zu „Grubenlampe & Arbeitsschuh

  1. Max

    Ich freue mich, dass es euch gefallen hat. Ihr hattet Glück, dass ihr noch das alte Stadion erleben konntet.

    Glück auf!

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