Ich hatte einen Traum

Er schwitzte und schrieb, schwitzte und schrieb, schwitzte und schrieb, schwitzte und schrieb.

Die beiden Vorgänge liefen nicht getrennt voneinander, wie auch? Sie liefen parallel.

Er schwitzte.

Der Schweiss war nicht der Anstrengung geschuldet. Es war die Angst. Angst vorm Versagen.

Dabei war gerade das seine Stärke, sofern er überhaupt Stärken hatte, außer seinem Gemächt, welches vielleicht nicht sonderlich lang war, dafür aber besonders dünn.

Dembowski investierte zehn Sekunden, was in etwa einem Überfliegen der ersten Zeilen gleichkommen dürfte, und senkte den Daumen.

Er blickte rüber zu einer hageren Gestalt, die alle nur „Der Junge macht das Blutbad“ oder kurz DJMB nannten.

Er griff in das Ablagefach aus glänzendem Edelholz, entnahm ein neues Blatt Papier und platzierte es auf dem schweissnassen Tisch.

Der gesamte Raum war sehr hochwertig eingerichtet, insbesondere wenn man bedenkt, dass es sich um einen Keller handelte.

Ein Keller, geschützt von einer 8 Zentimeter dicken schalldichten Panzertür.

Letzte Woche um diese Zeit war das Fach noch üppig gefüllt. Und nun. Das letzte Blatt Papier.

Collini stank wie ein Schwein. Eine Woche ohne detailliertere Körperpflege hatte ihre Spuren hinterlassen. Die ersten Tage lächelte er noch. Er erinnerte sich daran zurück, wie oft er früher darüber nachgedacht hatte, ob ihm seine große Fresse einmal zum Verhängnis werden könnte.

Collini lächelte nicht mehr, und seine Frage schien nun eindeutig beantwortet.

Es muss knappe zehn Jahre her sein, in etwa im Winter 2013, als er Dembowski, den Literaturensohn und Kopf und Führer der Faithismus-Religion, kurz in Berlin traf. Der Ermittler, wie er sich vor seiner Zeit als Medienpapst nannte, entdeckte früh den Trend zur und den Wunsch nach mehr Mittelmäßigkeit. Er schrieb ein paar mittelmäßige Zeilen über einen mittelmäßigen Verein, der, von einem mittelmäßigen Trainer trainiert, mittelmäßig Fußball spielte – einem Sport, der sich damals noch besonderer Beliebtheit erfreute – für ein mittelmäßiges Forum und begründete ein mittelmäßiges Nachrichtenblatt.

Dembowski war ein Mentionfänger, Kaot und Drecksackdings und seine erste große Beute damals war Kamke.

Die irrsten Geschichten von vielen Kisten Kronen, Ruhm, einem König von Europa, Kois und Lamas, kursierten über den historischen Hintergrund für die Einverleibung Kamkes, die keine Einverleibung war, sondern der Auftakt einer kongenialen Beziehung, die die Welt verändern sollte.

Google, Facebook, Twitter. Ein Konglomerat sozialer Medien Leichen pflasterten den Weg des derSamstag-Imperiums.

Der unfassbare Erfolg, der mit derSaturdayLateNight Show seinen vorläufigen Höhepunkt feierte, sorgte Dembowski aber zusehends. Er fühlte sich selbst seines Ursprungs verraten. Er wusste, dass Kamke gut war, aber ihm war nicht die ungeheure Macht bewusst, die Kamkes geschriebenes Wort bekam, wenn Peters es sprach.

Dembowski gehörte das Internetz, doch in Verbindung mit der Weltherrschaft und seiner Macht als Führer über die Sportkultur verlor er den Bezug zum Mittelmaß.

Und noch immer spürte er keinen Funken von echter Liebe. Er wollte mehr Gefühl.

Er brauchte Collini.

Er brauchte ihn, weil niemand anderes so billig die emotionale Ebenen angreifen konnte, und er brauchte ihn für den Weg zurück zu den Wurzeln. Zurück zur Mittelmäßigkeit.

Was Kamke mit einem Füllfederhalter zu Papier brachte, glich bei Collini dem Wachsmalstiftgekrakel eines motorisch minderbegabten, dreijährigen Jungen, und wenn Peters dann noch Kamkes Worte sprach, klang es engelsgleich und lieblich, wie Lemmy und  Celine Dion, aber im Duett, wenn sie ihre ganz eigene Version von „Nember oft he beast“ trällern.

Bei Collini versagte auch Peters. Seine Texte klangen gesprochen vom Kamke-Interpretationsmonster wie das Gerülpse eines Allesfahrers dieses Ex-Volkssports Ende des letzten Jahrzehnts.

Schwarzgelb sollte sein „DerSamstag“- Kosmos leuchten.

Kamke hatte er am Sack.

Der stand für das Gute im Menschen, er war der weiße Part des Ying und Yang und symbolisierte die hell strahlende Sonne des schwarz-gelben „DerSamstag“ Monopols.

Collini sollte den dunklen Part übernehmen. Der negative Magnet, der das Medium in der Mittelmäßigkeit hält, wenn Kamkes Macht zu stark wird. Dembowski brauchte beide, um Konstanz zu wahren. Konstanz ist wichtig. Der Schlüssel zur gesicherten Bedeutungslosigkeit im Mittelmaß.

Dembowski musste seine Probleme lösen. Nichts ließ sich mehr hypen, faithen und pushen, seitdem der Boring München vor einigen Jahren die Weltherrschaft übernommen hat. Einige Monate noch blies der ein oder andere Rolex-tragende Propagandaminister damals die Gegner bis zur Gleichwertigkeit auf, um sie dann vom B-Team zerstören zu lassen, nur um dann am Ende des Tages festzustellen, dass der Sport am Ende des Tages durchaus einen nicht unerheblichen Teil seiner Faszination daraus bezieht, dass eben am Ende des Tages doch jeder jeden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schlagen kann.

Es grenzte an Matchfixing mit System, was der Super-Super kataralanische  Dopingjunkie dort mit den Millionen des  Super-Super FC Bayern Moneten fabrizierte, was natürlich nicht bedeuten soll, dass ich es für kaum weniger wahrscheinlich halte, dass auch Thorsten Fink, ausgestattet mit diesen Super-Super-Möglichkeiten Super-Super-Titel eingefahren hätte.

Ojweh, vorbei die Zeiten, als uns Kobra Wegmann, Oleg Blogin und andere Verrückte uns noch begeisterten und selbst Stadtteilvereine, die ausschließlich Expertisen im Projectpitching vorweisen konnten, mit völlig übersteiger tem Selbstbewusstsein optimistisch zu einem Fußballmatch mit dem aberwitzigen Gedanken antraten, man hätte eine reelle Chance.

Über Jahre traten die Teams der Bundesliga, zur Schonung der ersten Elf, nur noch saumselig taumelnd mit der A-Jugend gegen die bajuwarischen Mannen um Götze, Lewandowski, Reus und Hoffmann an, und während der Kaiser seine Jungs noch mit einem einfachen „Geht’s Weihnachtsfeier oder spuilts Fußball“ motivieren konnte, gaben die Trainer den resignierenden Mannschaften nach 2013 nur noch ein:

Helmi auf und durch“, mit auf den Weg.

Collini erinnerte sich noch an die erste Einladung, damals von Dembowski, die so harmlos klang.

„Jesus he knows me“ trällernd fuhr er zum Treffpunkt auf der Lamafarm, doch er lost in nippes.

Chance vertan und keeneAhnungFCU, wie er das wieder gutmachen sollte.

Und dann wieder diese unerwartete Einladung des Imperators einige Jahre später.

Mal hat man eben Glück, Mahatmapech.

Aufgeregt stand Collini beim Pförtner, der Ihn zunächst abwies:

„Du kommst hier nicht Reinkens.

„Aber ich habe einen Termin beim BigEasy.“

„Uno Omenanto por favor, ich muss erst im Empfang nachfragen.“

„Nun glauben Sie mir doch, ich bin nicht irgendein Vogel, der hier auftaucht und behauptetet er hätte einen Termin mit, äääh, Nicht Marcel, wie heisst er doch gleich. Na, mit dem Meister.“

Ich verstriggla te mich in Widersprüche und der Honk verstand natürlich nicht, dass diese nur aus meiner Aufregung resultierten.

Die (Uh)rudola schlug drei. Ich kam zu spät. Doch der wirklich voll nette Mann vom Empfang, quasi ein Nedfuller, hatte ein Einsehen und ließ mich passieren.

Während ich nun hier vor dem letzten Blatt Papier saß, dachte ich, was wohl passiert wäre, wenn er mich einfach nicht rein gelassen hätte, wenn ich einfach in KölnSüd geblieben wäre, oder ich meine Geschäftsidee mit einem Baumarkt in Leverkusen, dem Farbenstadt Obi, durchgezogen hätte. NurderTim hatte dies noch verhindert, mit seinem Ratschlag damals, ich solle den Termin wahrnehmen und auch wenn sein Tipp sicherlich von Herzi kam, ging er mir fürchterlich auf my k x.

Ich musste nun also meine letzten Worte finden, bzw. eigentlich musste ich Worte finden, die niemanden ver prell en verhindern sollten, dass es meine letzten Worte sind. Ich hätte über die Geschichte von Prinzessin Badrulbudur schreiben können, die auch diesen Text wieder in mühsamer Kleinarbeit für euch lesbar gemacht hat, oder über andere Welten, wie die von LizasWelt, den ich ärgerte, was mich ärgerte, weil der Ärger unnötig war, oder über Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, unmittelbar nachdem die Rebellen ihre Ankunft ancochisen, oder über wahnsinnig viele #Rebellensupporter im ersten Jahr unserer Tour, Briefeschreiber, Hilfesteller, Ermutiger, Kritiker, Unterstützer, Ticketbesorger, Ratgeber und einigen Hoolinetten. DANKE!

Ich hätte mich auch an einen Töfte-Text wagen können über Leute, denen ich zumute, mich zu muten, was wenig Mut erfordert, denn ich folge ihnen ja nicht, und sie folgen mir nicht, so dass ein muten eigentlich keinerlei Folgen hat.

Können Sie noch folgen? Vielleicht ist es dem ein oder anderem aufgefallen, aber ich breche soeben aus meinem Traum aus. Es ist aber eher ein kurzer Ausflug, bevor auch der hartnäckigste Durchhalter das ersehnte Ende dieses Textes vorfindet.

Bevor ich nämlich zum Ende des Textes komme, möchte ich schon wieder um Hilfe bitten.

Aus unterschiedlichsten Gründen, die ich demnächst dann wohl auch einmal schildere, brauchen wir für unser Projekt im nächsten Jahr:

–        Ein Spiel mit einer Anreise mit Sonderzug.

–        Ein Spiel, bei dem Jay-Jay als Einlaufkind fungieren kann ohne, dass es völlig albern aussieht (8 Jahre!).

(In Wattenscheid wurde ihm dies ja angeboten, doch es war eben vorab nicht eingeplant, also lehnte er es ab.)

–        Ein Spiel, bei dem es einen Sitzplatz gibt, von dem man aus nächster Nähe sehen kann, wie die Anzeigetafel bedient wird (Es ist egal ob digital oder Holzschilder einhängend).

Ein Spiel, bei dem beide Mannschaften kein Maskottchen rumlaufen lassen, und bei dem es keine Halbzeitspiele gibt.

–        Ein ausländisches Stadion mit völlig verrückter Architektur, total bekloppten Rahmenbedingungen oder eigenartigem Ambiente, welches man mit dem Zug erreichen kann.

Ausserdem fehlen uns noch Briefe. Der Großteil der Briefe ist aktuell von Bayern-Fans und von Fans des 1.FC Köln. Merkt ihr selbst, oder?

Ja, auch von Dir. Dein Brief fehlt auch noch.

Und vielleicht kennst du ja noch jemanden mit einer tollen, verrückten, einzigartigen Geschichte rund um seine Fanwerdung. Auch seinen Brief nehmen wir gerne.

Tauchen wir zurück.

Das Blatt Papier. Es blieb nicht weiss. Ich schrieb. Ich schrieb nichts eigenes, sondern einen der Texte nieder, der mich nachhaltig bis heute noch am meisten beeindruckt:

Wenn es einen Menschen gäbe, der wagte, alles zu sagen,
was er von dieser Welt gedacht hat, bliebe ihm kein
Quadratmeter mehr, um sich darauf zu behaupten.
Wenn ein Mensch erscheint, stürzt sich die Welt auf ihn
und bricht ihm das Rückgrat. Immer sind zu viele morsche
Säulen stehengeblieben, zu viel verfaulte Menschheit, als
dass ein Mensch aufblühen könnte. Der Überbau ist eine Lüge
und das Fundament eine riesige zitternde Angst.

Wenn in Abständen von Jahrhunderten ein Mensch mit einem
verzweifelten, hungrigen Blick in den Augen auftritt,
ein Mensch, der die ganze Welt umwälzen würde,
um ein neues Geschlecht zu schaffen, wird die Liebe, die er in
die Welt mitbringt, in Bitterkeit verwandelt und er wird zur Geisel.
wenn wir dann und wann auf Seiten stoßen, die verwunden und schmerzen,
die einem Seufzer, Tränen und Flüche abringen, dann sollt
ihr wissen, dass sie von einem aufrechten Menschen stammen,
einem Menschen, dem keine andere Verteidigung übrig bleibt
als seine Worte, und seine Worte sind immer stärker als
das verlogene, erdrückende Gewicht der Welt, stärker
als all die Foltern und Räder, die die Feigen erfinden,
um das Wunder der Persönlichkeit zu vernichten.

Wenn es je ein Mensch wagen würde, alles, was er auf dem Herzen hat,
auszusprechen, sein wirkliches Erlebnis, alles, was wirklich
seine Wahrheit ist, niederzuschreiben, dann, glaube ich,
ginge die Welt in Trümmer, würde in Stücke zersprengt, und kein
Gott, kein Zufall, kein Wille könnte je wieder die Stücke,
die Atome, die unzerstörbaren Elemente zusammensetzen,
aus denen die Welt bestand.

Henry Miller

Ich würde ja gerne behaupten, dass mein Traum so verlief, wie ich es in den oben aufgeführten Zeilen versuchte wiederzugeben und das es diesen Giganten-Zeilen zu verdanken war, dass ich noch lebe, aber das ist leider nicht ganz richtig. Ein Traum mit dem werten Herrn Uersfeld war zwar Auslöser für den Beginn dieses Blogposts, und ich befand mich in dem Traum auch in einem Keller, und der werte Herr Dembowski war auch da, und ich schrieb auch irgendetwas unter seiner Aufsicht, aber nach einem kurzem Studium schnitt er mir relativ humorlos die Kehle durch. Dann wurde ich leider wach.

Traumdeuter hier? Aber eigentlich wäre der unnötig. Ich werte dies als Zeichen.

Collini ist tot. Ich brauche einen neuen Namen.

Collini out

 

2 Gedanken zu „Ich hatte einen Traum

  1. Mykx

    Zunächst mal ist ja jeder Zug, in dem DU sitzt automatisch ein Sonderzug, doch das nur mal als milde lächelnd an den Wegrand plumpsen gelassenes Bonmot.

    Einlaufkind wird wahrscheinlich in den Niederungen des Halbprofitums einfacher. Ich würde ja noch mal in Wattenscheid für dich nachfragen, aber aus bekannten Gründen eher nicht…

    Anzeigetafel, hmm… wir haben in Schonnebeck dafür eine tragbare Fernbedienung. Habe ich demletzt gesehen. Will jetzt auch so was haben.

    Antworten
  2. BuenderSchalker

    OK….

    … bin verwirrt! Werde die Zeit zwischen den Jahren nutzen, um über Deinen Text nachzudenken! Aber durchgehalten habe ich! Sogar bis zum Ende. Aufgefallen ist mir allerdings, dass nicht nur Pauli und uns Schalke mehr Briefe geschrieben haben als der Nachbarverein der einzig wahren Fortuna! Aber ich bin ja noch am denken…

    Kommt gut rein und rüber!

    Gutgehn
    BuenderSchalker

    BTW: Mit dem „besonderen“ Auslandsspiel, da hab‘ ich ne Idee. Lass mich zu Ende denken…

    Antworten

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