Nur der FCB

Man kann es drehen und wenden, wie man will.

Der FC Bayern ist und bleibt das Maß aller Dinge.

 

Das Spiel ist schon eine ganze Weile her, und es passte eigentlich nicht so in den Rahmen der Tour, aber da die Notizen hier sowieso rumliegen, schreiben wir ein paar Zeilen dazu.

 

Ausverkauftes Haus!

Totale Dominanz!

Absolut spannungsfrei!

Viele Tore!

Stars! Stars! Stars!

Unsere Tour hatte definitiv ihr nächstes Level erreicht. Nie zuvor fuhren wir zu einem Spiel, dessen Sieger bereits vor Ankunft feststand, nie zuvor war vorab klar, dass das Team in rot dem Gegner wieder einige einschenken wird, und die Bundesliga war auch tot.

 

Aber ich muss lernen, nachzugeben, auf mein Herz zu hören, und dem Sohn für seine Vereinsauswahl den Freiraum zu geben, den er braucht. Und wenn sein Fanherz nun einmal von einer Mannschaft gewonnen wird, die alles in Grund und Boden spielt, dann habe ich das gefälligst zu akzeptieren.

 

Vorbei  sollte sie sein, die Zeit der billigen Plätze, von denen sich nur schemenhaft die Bewegungsabläufe von unterdurchschnittlich talentierten Spielern erkennen lassen. Vorbei die Zeit des Anstehens für Tickets und der Hoffnung, noch einen brauchbaren Platz zu ergattern. Schluss mit dem Konsum billiger, torloser Unentschieden zweier Zweitligateams im kalten Betonpalast, den irgendein lokaler Schrotthändler-Baunternehmer-Lokal-Mäzen im Anflug von Größenwahn und in Ermangelung einer ausreichenden genitalen Ausstattung hat bauen lassen.

 

Vorbei. Alles vorbei.

 

Die Rebellen drehten das große Rad.

Connections.

Vitamin B.

Zauberei.

Die Vorteile des Ruhms.

 

Der direkte Kontakt zu den Vereinsverantwortlichen war schnell hergestellt.

Die Betreffzeile „Die Rebellen kommen“ muss Eindruck hinterlassen haben. Schon am nächsten Tag erhielt ich die Bestätigung für die Hinterlegung zweier Tickets.

 

„Wir stellen Sie dann dem-und-dem vor…“

 

Wir waren endlich wer.

 

Nervosität machte sich breit. Und das alles schon eine Woche vor dem eigentlichen Spiel.

Was sollte ich anziehen?

Wie spricht man mit solchen Weltstars?

 

Stress.

 

Der Sohn blieb cool. Für ihn war es ein Spiel wie jedes andere.

 

Wir wollten besonders früh los.

Trotz allem Hype ist uns der Erfolg noch nicht zu Kopf gestiegen und wir wollten dem Veranstalter die Ehre erweisen, rechtzeitig vor Spielbeginn am Ort des Geschehens einzutreffen. Und wenn es dafür notwendig ist, morgens um 5:00 Uhr aufzubrechen, dann ist das eben so.

 

Die Nachteile des Ruhms.

 

Natürlich waren wir viel zu früh. Und natürlich war bei Ankunft weder eine der Mannschaften vor Ort, noch irgendwelche Vereinsverantwortlichen. Ein paar Caterer bauten noch auf, aber ansonsten herrschte Ruhe.

 

Glücklicherweise schien die Sonne, und das, obwohl diese bekloppte Wetter-App Regen und Kälte angesagt hatte. Meine Frau hatte uns dementsprechend mit einer Garderobe  ausgerüstet, die auch einer Nordpol-Expedition angemessen gewesen wären. Zum Glück hat der schlaue Papsi die Hälfte davon im Schließfach hinterlegt, so dass wir uns nun bei ein paar Sonnenstrahlen von der Anreise erholen konnten.

 

Wir saßen auf einem Felsen abseits der Arena und genossen den Anblick der Stadionsilhouette im gleißenden Sonnenlicht. Es herrschte eine romantisch-melancholische Stimmung.

Der Sohn war es, der als erster die Stille durchbrach.

 

„Ich muss kacken. Jetzt!“

 

Ich kannte die verschiedenen Ansagestufen in Verbindung mit dem Ausscheiden flüssiger oder fester Überreste der Nahrungsaufnahme.

 

Ich wusste: ES IST DRINGEND!

 

Weit und breit befand sich kein WC im Außenareal. Am Haupteingang bereitete sich jemand auf die Öffnung der Tore vor. Er war unsere einzige Chance, und da der Sohn auch in der Lage ist, über seinen Gesichtsausdruck der Dringlichkeit seines Wunsches nach dem Verrichten eines Geschäfts Ausdruck zu verleihen, ließ der nette Herr uns tatsächlich passieren.

 

„Zweite Tür links“, hörte ich ihn noch rufen, von der Dringlichkeit abgelenkt, während ich immer noch verblüfft-erfreut war, dass wir nun ohne Ticket mit zu den Ersten im Stadion gehörten.

 

Zum Glück fanden wir das WC schnell und die Schlichtheit der Einrichtung hielt den Sohn nicht davon ab, bestes Kaliber abzuliefern. Normalerweise muss ein Mensch über Wochen täglich das Mehrfache des eigenen Körpergewichts zu sich nehmen, um solche Mengen abliefern zu können. Von der Qualität des Aromas mal zu schweigen. Die Enge des Raumes in Verbindung mit dem Bouquet brachte mich fast zum Erbrechen.

 

Oft denke ich in diesen Momenten an die Zeit, als er noch kein Jahr alt war, ich ihm die Windeln wechselte und ihm in den Bauch kniff und sagte:

 

„Oh! Hast Du feines Häufchen gemacht! Hast Du ein bißchen Kaka gemacht!“

 

(Liebe frische Väter, meiner Twitter Timeline –  erzählt mir jetzt bitte nicht, dass die Häufchen Eures Nachwuchses nicht beklatscht werden und ihr der Leistung huldigt oder ihr zumindest den frischen, teils heuigen Geruch noch zu schätzen wisst.)

 

Ich erzählte Jay-Jay dies vor einigen Monaten.

Dies war sicherlich einer der größeren Fehler. Er amüsiert sich jetzt immer köstlich, wenn wir unterwegs waren und ich seinem Geschäft beiwohnen durfte.

 

Er geht nicht alleine auf die Toilette zum großen Geschäft. Das ein oder andere motorische Hindernis nach Abschluss zwingt ihn immer noch, mich oder die Mama dabei zu haben, die noch einen obligatorischen prüfenden Blick ins hintere Rund wirft.

 

Dieses seltsam anmutende Schauspiel wird seit meinem Geständnis zu unserer „Bauchkneif-Windelwechsel“-Beziehung natürlich nun immer von motivierenden Sprüchen begleitet.

 

So kniete ich, mal wieder, den Blick in die Dunkelheit zwischen zwei Pobacken gerichtet auf einer karg eingerichtet Stadiontoilette, und der Sohn äffte mich nach:

 

„Hab ich fein Kaka gemacht? Na? Na? Kuck mal – ein Häufchen“

 

„Spül jetzt! – Wir müssen raus hier!“

 

Nun ja – keine Fenster, lüften war also nicht.

 

Zügig verließen wir die Räumlichkeiten, in der Hoffnung, es möge niemanden geben, der dieses WC am heutigen Tage benutzen muss, und erschraken dann doch wenige Meter später.

Wir blickten durch eine offene Tür in einen Raum, in dem sauber aufgereiht die Trikots der Stars lagen. – Niemand war vor Ort.

Man hätte sich einfach ein Trikot nehmen können. Oder auch zwei. Uns war es gar nicht aufgefallen, aber wir befanden uns mitten im Spielertrakt,

 

Der Sohn fand es gänzlich unspektakulär, denn es war ja nur ein leerer Raum mit Trikots.

Ein schnelles Foto und brav marschierten wir raus, bedankten uns artig bei dem Ordner und warteten vor dem Tor eine weitere halbe Stunde, bis die VIP Kasse geöffnet wurde.

 

Wir holten unsere hinterlegten Tickets und meldeten uns wie vereinbart bei der Vereinsführung, die uns sofort freundlich in Empfang nahm und in den VIP-Raum geleitete. Dort wartet der Stadionsprecher, der mit uns die Rahmenbedingungen für das Interview besprach, welches in der Halbzeit stattfinden sollte. Man könne uns nicht versprechen, ob man es unter bekomme und in welchem Umfang, fände aber das Projekt spannend genug, um dazu etwas zu machen.

 

Ich bat damals um eine Art Generalprobe mit dem Sohn, den ich nicht stotternd uns nichts-sagend zur Schau stellen wollte, aber er plauderte  gleich munter drauf los. Er erzählte, wie das Projekt seiner Meinung nach entstanden ist, welchen Hintergrund und welchen Ursprung es hatte. Er sprach leise, war aber sichtlich stolz über das Interesse seines Gegenübers.

 

Wenige Minuten vor Spielbeginn nahmen wir unsere Plätze ein.  Wir durften uns direkt neben die Trainerbank stellen und hätten den Reservisten auf die Schulter klopfen können.

 

Das Spiel selbst verging wie im Flug. Die enorme Überlegenheit, die schnellen Tore, die absolute Dominanz, die Nähe zu den Spielern, zur Trainerbank und die Stimmung im ausverkauften Haus beeindruckte den Sohnemann mal so

 

ÜBERHAUPT NICHT!

 

Ganz im Gegenteil. Es langweilte ihn.

Langeweile ist schlimm. Die Ticks sind härter und er präsentiert sie ausdauernder.

In dem Fall war es der „Holz-hacken“-Tick, der bei mir nach dem sechshundertdrölfundvierzigsten Mal zu großer Erheiterung führt, der aber Unbeteiligte völlig verzweifelt und genervt zurück lässt.

 

Er schreit dabei mit unterdrückter Stimme:

„Ich muss Holz hacken“ und macht dabei holzhackende Bewegungen.

 

Zu Beginn sagt er „Ich muss“ immer ganz leise, um dann das „Holz hacken“ mit langgezogenem „O“ laut rauszupressen. So klingt es zumindest. Man erschrickt unweigerlich bei den ersten Malen, weil man nicht versteht, was er da tut, und die dazugehörigen Hackbewegungen ein wenig angsteinflössend erscheinen.

Er wiederholt dies dann in unregelmäßigen Abständen, mal lauter und mal leiser, und mit mal weniger und manchmal wiederum sehr deutlich ausholenden Bewegungen.

 

Die ersten Holzhackaktionen geschahen zu Hause und ich versuchte es zu unterbinden, was regelmäßig zur Eskalation führte. Mittlerweile kopiere ich ihn beim Abendessen, wenn er damit anfängt und unsere kleine dreijährige Tochter steigt teilweise mit ein.

Er erklärte mir einst, dass es ihm einfach Spaß mache, dass er es gar nicht erklären könne, warum, aber dass ihn dies erleichtere und ihm Freude bereitete, er aber gleichzeitig auch keine Wahl hätte. Er müsse dies machen.

 

In der Zwischenzeit geschieht dies zum Glück weniger häufig. Keine Ahnung, ob für ihn der Reiz der Provokation, der anfangs vielleicht auch dazu gehörte, verloren gegangen ist, oder ob ein anderer Zwang oder ein neuer Tick die Holzhack-Attacken ersetzt.

Wer aber auf unseren Touren ihm mal begegnet, kann ja anstatt des obligatorischen Händeschüttelns, welches er sowieso verweigert, einfach mal vor seinen Augen Holz hacken. Könnte interessant werden.

 

 

Das Spiel ist ja schon eine Weile her, Rensing war zu dem Zeitpunkt noch der Ersatztorhüter bei dem Team, dessen roten Schal ich versteckt unter der Jacke trug, weil es mittlerweile so furchtbar kalt war.

Nun blickte er den Sohn an, der Luftlinie vielleicht einen Meter hinter ihm stand, und ihm ständig unter irren, wirren Bewegungen „Ich muss HOOOOOOOOOOLZ hacken“ in den Nacken brüllte.

 

Rensings Blick war schwer zu deuten, ich konnte allerdings ausschließen, dass er dies lustig, toll, nett, amüsant, schön, gut oder anders positiv empfand.

 

Wir wechselten den Platz und hackten Holz drei Meter weiter rechts.

 

Es war wie gesagt richtig kalt geworden, und es fing an zu regnen.

Warum hat diese verdammte Wetter-App uns nicht gewarnt.

Der Kaffee schmeckte grausam und der einsetzende Regen trug den Rest zum Stimmungswechsel bei.

 

Es waren einige schöne Tore dabei, es stand mittlerweile 4-0 und wie prophezeit brauchte das Team nicht lange, um wieder einmal mehr die totale Dominanz und ihr Super-Super-Spiel auf den Platz zu bringen.

Mir fiel es schwer, mich auf das Spiel zu konzentrieren, weil ich mir immer vorstellen musste, dass eines von den armen Schweinen da auf dem Platz vielleicht kurz vor Spielbeginn noch einmal auf Toilette gegangen ist und das dort Erlebte vielleicht nun sogar negative Auswirkungen auf die Leistung haben konnte.

 

Die Halbzeit kam, und der Regen stellte den Moderator und Stadionsprecher vor unerwartete Probleme. Das Interview musste ausfallen, was den Sohn nicht störte, da es seiner Meinung nach ja auch schon im VIP-Raum stattgefunden hatte. Ein Problem weniger, denn der Sohn hatte seinen Spaß gehabt.

 

Wir waren nah dran und live dabei, als die Fortuna aus Düsseldorf den SSV Strümp mit 7-0 schlug. Ein Spiel, einem Weltherrschaftsfinale ebenbürtig, und es langweilte ihn.

 

Das mochte ich sehr.

 

2 Gedanken zu „Nur der FCB

  1. Pingback: Blaue Faust auf weissem Grund | Der Wochenendrebell

  2. Kiezkicker

    Naja, eine denkbare Alternative zum „Holz hacken“ wäre vielleicht das klassische „Händeflattern“ – vielleicht unterdrückt er das damit, indem er dieser Bewegung eine imaginäre Bedeutung verleiht (eben einem geschauspielertem „Ich hacke jetzt Holz“).
    Ich hätte jedenfalls kein Problem damit, bei eurem nächsten Hamburgbesuch gemeinsam mit JayJay Holz zu hacken, so lange mir das Händeschütteln damit erspart bleibt. :o)

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