Oralapostel Hoeneß

Es gibt aktuell nicht viel, was noch nicht zum Fall Hoeneß gesagt oder geschrieben wurde, und trotzdem ist es mir ganz persönlich ein Bedürfnis, hier temporär ein paar Zeilen zu hinterlegen. Temporär, weil ich diesen Blogpost in ein paar Tagen einfach wieder löschen werde, da er thematisch nicht im Geringsten hinein passt, und persönlich, weil mir unwohl ist bei dieser ganzen Hoeneß Geschichte.

Ich hasse Doppelmoral, deswegen lamentiere ich jetzt auch nicht rum, wie beide Seiten der hoeneß‘schen Lager in den diversen Netzwerken und Kommentarspalten eskalieren.

Wie die eine Seite ihn möglichst schnell, möglichst lange im Knast sehen will und die andere Seite das Bundesverdienstkreuz fordert und ihn trotz seines “ kleinen Malheurs“ heilig spricht.

Ich leiste ja durchaus und auch mit Freuden das eine oder andere Mal meinen bescheidenen Beitrag. Der schnelle plumpe Witz auf Kosten des anderen liegt mir oder besser gesagt:

Ich kann ihn meistens nicht verhindern.

Der Drang ist größer, und vor allem mit einer so immensen Handlungsschnelligkeit ausgestattet, dass der Tweet meist schon versendet ist, bevor ich über ihn im Detail nachgedacht habe. Es ist aber letztendlich auch nicht so, dass ich reumütig meine abgesendeten Tweets zurückscrolle und mir selbst Besserung gelobe.

Ich schreibe, was ich denke, und weil es mir hilft, mich von Gedanken zu befreien.

Befreien muss nicht unbedingt heißen, dass ich sie loswerden muss, sondern vielleicht auch nur, dass ich sie anderweitig festhalten möchte. Eben nicht in meinem Kopf. Bei meinen Erlebnissen mit meinem Sohn ist es beides. Das Festhalten, aus Angst es zu vergessen, oder weil es von anderen immens wichtigen Dingen zu verdrängen bedroht wird.

Im Falle Hoeneß ist es anders. Ich will diese Gedanken loswerden, aber ich muss sie nicht festhalten.

Wirr, nicht wahr?

Der ein oder andere kennt meine Fan-Vergangenheit und weiß, dass ich dem Verein, der sich bescheiden auch den Stern des Südens nennt, eine Zeit lang nicht ganz abgeneigt war. Ich kann feierlich beschwören, dass dies heute anders ist. Es ist aber eigentlich keine Abneigung gegen den Verein selbst. Der ist mir egal. Mich langweilt nur das Abfeiern von logischer, wenn auch erwirtschafteter Überlegenheit, gegen die Jahr für Jahr weniger und weniger Gegenmittel wachsen.

Einer der Faktoren, warum ich die Bayern mochte, war Uli Hoeneß. Ich erspare mir jetzt die Aufzählungen der bekannten guten Taten, viel wichtiger fand ich eigentlich auch die Vielzahl an Kleinigkeiten, die nicht die mediale Aufmerksamkeit genossen haben.

Ich verstehe jeden, der sich über die Art und Weise, die cholerischen Anfälle der Vergangenheit und die Einmischungen und rechthaberischen Aussagen von Uli Hoeneß ärgert, aber für mich war er eine faszinierende Persönlichkeit.

Was gesagt werden musste, hat er stets rausgehauen, ohne darauf zu achten, welche Konsequenzen dies für ihn haben könnte. Ein Typ, der nicht nur austeilte, wenn er sich ans Bein gepinkelt fühlte, sondern auch wenn er seinen FC Bayern in Gefahr gesehen hat.

Er hatte einen Standpunkt und vertrat diesen. Mit allem, was er hatte. Mir fallen keine zwei Namen der Bundesligahistorie ein, die dies mit dieser Hingabe, dieser Leidenschaft und dieser absoluten Gnadenlosigkeit konsequent ihren Standpunkt gelebt und verteidigt  haben.

Während ich auf Spielerseite die Mc Inallys, Wohlfarths, Kögls, Mazinhos und auf Trainerseite die Lerby, Rehhagels und Ribbecks habe kommen und gehen sehen, war Uli Hoeneß meine Konstante und gleichzeitig mein persönlicher Statusmelder beim FC Bayern. Es gibt nur wenige Menschen, die permanent in der Öffentlichkeit stehen, bei denen ich mehr den Eindruck hatte, ich könne in Ihren Gesichtern lesen, was in diesem Menschen vorgeht und was in diesem Fall den Menschen seines Umfeld, den Trainern und Spielern des FC Bayern widerfahren wird.

Ich habe ihn bewundert für seine Eier im Fall Daum, und erinnere mich noch an seinen Gesichtsausdruck 1987, der mir fast mehr wehtat, als der Moment wo Madjers Hackentor den Titeltraum jäh beendete. Ich habe keine Spieler vor Augen, wenn ich zurückblicke bis Mitte der Neunziger. Immer nur Hoeneß. In unterschiedlichen Funktionen und doch immer der Frontmann.

Ich bin kulturell nicht besonders interessiert und auch kein außerordentlich gebildeter Mensch, vielleicht fällt es mir dahingehend leichter zu lächeln, zu schmunzeln und kopfschüttelnd in der Zeitung weiterzublättern oder im TV weiter zu schalten, wenn ich irgendwo lese oder sehe, dass X oder Y für Ihr Lebenswerk geehrt wurden.

Ich maße mir nicht an, drüber zu urteilen, aber ich ertappe mich dabei, die Unwissenheit über das Lebenswerk von Mister X oder Y auf eine Ebene zu stellen, wo ich dieser Leistung eine allgemein gültige Anerkennung abspreche, einfach nur, weil mir das vollbrachte Lebenswerk in vollem Umfang nicht geläufig ist.

Dreist, oder?

Vielleicht ist es nicht die Existenz, sondern nur das mangelnde Interesse am Geleisteten. Wer weiß das schon?

Spielt aber auch im Falle Hoeneß keine Rolle. Niemand wird die Existenz des Lebenswerkes von Uli Hoeneß abstreiten. Niemand kann behaupten, dass dieser so wahnsinnig erfolgreiche Verein, der vermutlich über Jahre den deutschen Fußball dominieren wird, in seiner Struktur zufällig entstanden ist. Der Architekt der ganzen Geschichte ist Hoeneß, und nun wird auch auf europäischer Ebene die Ernte eingefahren.

Die Bayern holen in diesem Jahrzehnt noch mindestens vier Champions League Titel, und unabhängig davon, wo und wie Uli Hoeneß das miterleben wird, war er es, der die Erde umgegraben hat, die Saat auswählte, düngte, wässerte und pflegte.

Wem jetzt schon schlecht ist in Anbetracht meiner Lobeshymnen, der sollte hier aufhören zu lesen und diesen Blogpost nun schließen.

Die Geschehnisse rund um das Steuerdebakel machen mich nachdenklich, wütend und traurig.

Traurig, weil ich mit Boris Becker und Lothar Matthäus zwei Helden meiner Kindheit auf tragische Art und Weise verloren habe, und völlig egal wie die Hoeneß Geschichte ausgeht, er nicht mehr mein Held werden wird, wobei er das sicherlich auch nie war. Es war eher jemandem, dem ich einen Heidenrespekt ob seiner erbrachten Leistung, seines Ehrgeizes, seines Durchsetzungsvermögens und seiner Zielstrebigkeit zollte, weil sie stets auch einhergingen mit menschlicher Größe und einem Maß an sozialer Verantwortung, wie es sonst im Sportbereich wohl nur wenige leben.

Er hätte aber einer werden können. Also ein Held.

Es klingt vielleicht fatal, aber die hinterzogenen Steuern interessieren mich nur zweitrangig. Und da der durchschnittliche Bild-Online Leser und Kommentarsetzer sowieso seit Wochen mit Sätzen schwadroniert wie:

„Haben wir nicht alle schon ein wenig das Finanzamt betrogen?“

kann ich mich ja outen.

Nicht um einen einzigen Cent. Ganz im Gegenteil.

Ich verurteile dies,weil es schließlich auch eine Straftat ist aber es interessiert mich nur ein wenig mehr als die viel zu jungen Frauen von Lothar Matthäus, und zudem vertraue ich dort in die deutsche Justiz.

Ich glaube allerdings auch weiterhin, dass Uli Hoeneß da etwas entglitten ist, was nie als bewusster Steuerbetrug begonnen hat. Ein Mann, der sich bewusst ist der nach so einem Skandal lechzenden Gesellschaft mehr Angriffsfläche zu bieten als die Queen Mary 2 Kubikmeter aufweist riskiert für ein paar ersparte Euro sein mühsam aufgebautes Werk, welches er mit Entbehrungen sondersgleichen zahlen musste :

Nee, das macht keinen Sinn.

Er hat aus Scham, Stolz oder vielleicht auch aus einer Fehleinschätzung zum Ernst der Lage heraus, aber sicherlich nicht aus Geldgier, einen Nullachtfünfzehn-Steuerberater mit einer höchst komplexen Selbstanzeige beauftragt. Und dies hat er vermutlich erst getan, nachdem er die Ermittlungen des Sterns auf sich bezog. Spätestens irgendwann danach müssen ihm diese beiden dicken Fehler in ganzer Tragweite bewusst geworden sein, und er hätte mein Held werden können, wenn er dort die volle Konsequenz gezeigt hätte, die er zuvor jahrelang vorgelebt und eingefordert hat.

Ich mochte Uli Hoeneß, weil ich davon ausgegangen bin, dass er auch in so einer Situation das Heft des Handelns in der Hand behalten möchte und auch ohne Hoffen auf ein mildes Urteil Maßnahmen und Schritte einleitet, die sein Lebenswerk schützen. Irrwitzigerweise hatte ich erwartet, dass er die Strafe für seine Fehler würdevoller in Empfang nimmt. Klingt albern, ich weiß.

Alles, was er tat, tat er im Sinne dieses Vereins, dem er nun doch dienen möchte, so lange er atmet, und trotzdem bleibt bei mir, unabhängig von der weiteren Entwicklung, ein Bild hängen von jemandem , der völlig anders agiert, als er es jahrelang bei anderen selbst eingefordert hat.

Mich interessieren die Tränen dieses Mannes nicht, aber ich kann auch die Taktik-Tränen-Trolls nicht ernst nehmen. Mir wird schlecht bei dem Gedanken an den taktischen Zug des Misstrauensvotums, nach dessen Abstimmung er sich erneut feiern lassen wird, wenn es denn dazu kommt. Scheinheilige Kiste.

Natürlich ist dies zum Teil vielleicht heile-Welt-Moral-Romantik-Blabla, aber deswegen will ich es ja loswerden. Ja, vermutlich habe ich den Blick für die Realität verloren und strebe und sehne mich dort nach Idealen, die wohl gar nicht existieren.

Was mich nachdenklich macht?

Nun ja, die Faktenlage scheint ja relativ eindeutig. Wenn die Steuerschuld über eine Mio. beträgt, was aktuell ja der Fall ist, und sich dies nicht noch reduziert durch eine Verjährung zum Beispiel, ist sogar eine Haftstrafe möglich. In diesem Fall erübrigt sich langes Rücktrittsgeplänkel sowieso.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass er im Amt bleiben wird, wenn er keine Haftstrafe antreten muss, denn sonst wäre auch nicht die geniale „Ich-lege-mein-Schicksal-vertrauensvoll-in-eure-Hände(-oder-zumindest-denkt-ihrdas)“-Versammlung auf den Plan getreten.

Was passiert eigentlich, wenn der so oft geäußerte Wunsch wahr wird, und Uli Hoeneß im Gefängnis landet?

Natürlich würde es den FC Bayern weiter geben, und er wäre zumindest in den nächsten 3-5 Jahren keinen Deut weniger erfolgreich. Die Familie, so schwer diese Situation ist, hat finanziell einen Rahmen, der ein angemessenes Leben in der Haftzeit garantiert und die Wurstfirma ist beim Sohn in sicheren Händen. Dies wird vermutlich wieder missinterpretiert, aber das macht mir relativ wenig Sorgen.

Ich will auch nicht eine Haftstrafe in diesem Fall mit einer Vielzahl an Bewährungsstrafen für ekelhafteste Verbrechen zum Beispiel an Kindern vergleichen. Das hinkt immer.

Auch wenn es eigentlich zu spät ist, würde ich diesem Mann wünschen, dass er noch eine weitere Gelegenheit bekommt, seinen Ausstiegszeitpunkt selbst frei zu wählen, und er die entsprechende Würdigung für sein Lebenswerk erfährt. Eine Haftstrafe würde sein Lebenswerk nicht zerstören, aber ihm einen so großen Teil seines selbst gewählten Lebensinhaltes nehmen, dass ich wirklich große Sorge hätte.

„Ich werde diesem Verein dienen, bis ich nicht mehr atmen kann“

Oder wie es Gunnar Jans in der Abendzeitung interpretiert:

„Bis dass der Tod uns scheidet! Und nicht die bayerische Justiz“

Ein gruseliger Gedanke.

„Ich habe mich nie mit Rücktritt beschäftigt, weil das im Verein nie an mich herangetragen wurde. Und nur der Verein ist für mich wichtig, und nicht das Handelsblatt.“ U.Hoeneß auf der JHV

Es soll Menschen geben, die über ein gewisses Maß an Selbstreflexion verfügen, so dass sie in so einem Fall den Rücktrittsgedanken von keiner Seite herangetragen bekommen müssen.

Seine Entscheidung. Dürft ihr auch toll finden. Mich kotzt es an.

Und vielleicht ist es ja auch einfach schwierig sein Handeln gesund zu hinterfragen, wenn einem zig Tausend Jubelianer trotz begangener Straftat in den Heldenolymp hieven.

Vielleicht stärkt so etwas diesen kleinen kranken Gedanken:

Wird nicht mir Unrecht getan hier?

Ich werde vermutlich weiter meine Witze machen, was aber hauptsächlich daran liegt, dass Hoeneß selbst sie nicht liest, und wenn er sie lesen würde, ihm meine Aussagen zu Recht scheißegal wären.

Tatsächlich hat dieser Blogpost also nur den Sinn, das eigene Gewissen zu beruhigen, sich selbst die Absolution zu erteilen sich an den Fehlern eines Mannes zu ereifern, der als Mensch so Großes geleistet hat, und der es dann doch geschafft hat, nicht durch den Fehler selbst, sondern durch seinen Umgang mit Fehlern, zu einer mein Mitleid erregenden Persönlichkeit zu werden.

Armselig von mir.

Ich weiß, aber ich bete und hoffe ehrlich und aufrichtig dafür, dass Uli Hoeneß gesund aus dieser Geschichte rauskommt.