Radiorebell – Episode #6 – Kräfte im Universum

Ich lebe in einem satirischen Land. Ein Land, welches einer Satire – ganz gleich ob es eine gewesen sein mag oder auch nicht, im Rahmen der aktuellen europäischen Gesamtkonstellation, der Diskussion um die Äußerungen des Herrn Böhmermann – diesen Raum zulässt, kann nur völlig irre sein. Oder dieses Land ist eben eine einzige Satire. Ich vermag nicht einzuschätzen, inwieweit sich Frau Merkel hier vom türkischen „Flüchtlingsproblem-von-deutschen-Grenzen-Verdränger“ am Nasenring über europäisches Parkett ziehen lässt, ob es clever, enorm wichtig oder überhastet war, der Staatsanwaltschaft die Ermächtigung für Ermittlungen gemäß Paragraph 103 zu erteilen. Ich weiß auch nichts über die sexuellen Vorlieben des türkischen Ministerpräsidenten, halte aber Böhmermann eigentlich für einen ziemlich intelligenten Burschen, der eher selten völlig unvorbereitet und ahnungslos in ein Fettnäpfchen staatspolitischer Größe tapst. Rückt seine beleidigende Satire, Schmähgedicht, geistiger Dünnpfiff oder wie auch man immer man es nennen mag, Themen wie Pressefreiheit in der Türkei und vielleicht auch in Deutschland, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen in den Fokus? Thematisiert es die wichtige, für ein Land allein nicht schaffbare Rolle der Türkei als Grenzwächter der EU? Feuert es die Diskussion an, wo in Deutschland Rassismus beginnt? Führen Böhmermanns Äußerungen zu einer fruchtbaren Diskussion über den Umgang miteinander, über Anstand und Moral?

Nein, denn wir leben auf einem satirischen Kontinent. Anders kann man es sich nicht erklären,
wenn man einem Land, dem man die Einhaltung grundlegender Menschenrechte bei den eigenen Einwohnern nicht zutraut, „nur“ auf Basis der geografischen Lage die Rolle zuspricht , eine große Anzahl an Flüchtlingen aufzunehmen und die Schlüsselrolle einzunehmen, während man selbst mit seinen EU-Partnern nicht einmal ein Viertel der Menschen im Rest des Kontinents untergebracht bekommt. Ich hoffe so sehr, dass alles nur Satire ist und wir tatsächlich die Zeit und die Aufmerksamkeitskapazität haben, über den Beleidigungsstatus von Staatsoberhäuptern nachzudenken. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur unzufrieden und motze gerne rum. Alles geht zu langsam oder zu schnell. Zu detailliert oder zu oberflächlich. Zu lustlos oder zu fokussiert.

Unser gesamtes Familienleben ist aktuell die neue Mehrfach-Looping-High-Speed-Turbo-Extrem-Achterbahn und sowohl meine Frau als auch die Kids sehnen sich nach einer gemütlichen Runde im Kinderkarussell. Der Sohnemann liefert in der Schule weiterhin fantastisch ab. Es gibt kein Fach, in dem er Schwierigkeiten hat, dem Schulstoff zu folgen, aber die Pausenzeiten, die An- und Abfahrt und das Schul-Drumherum setzen ihm zu. So intensiv er auch darauf beharrt, keine Freunde haben zu wollen und lieber zu Hause zu bleiben, um so mehr spürt er auch, dass Mami nicht seine persönliche Spielkameradin sein kann und seine Schwester im Alter von fünf Jahren durchaus andere Interessen hegt, als über Phänomene des Weltalls zu diskutieren oder sich mit der Frage zu beschäftigen, ob wir beim Thema Klimawandel nicht schon die Verlierer sind.

Bis zur Lösung dieser Situation dient wohl der Podcast als Ventil. Es macht riesig Spaß, mit Jay-Jay Themen zu ergründen. In den Podcasts geht er vollkommen auf in den letzten Wochen. Er genießt es, Wissen „auszulabern“ und sich in einem Bereich auch einmal stark zeigen zu können
und viele Menschen zu haben, die ihm zuhören und eben nicht nur der Papsi.  Kommunikation funktioniert nur mit Erwachsenen, die seine Art zu reden oder sein Wissen um spezielle Themen
positiv erstaunt zurücklässt. Mit Erwachsenen interagiert er auch angenehm, zuvorkommend, höflich, aber auch sicher, mutig und wissbegierig. Im Umgang mit Kindern ist seine Rolle nicht so flexibel. Da haben sich Kinder erst einmal den Grundprinizipien des Jay-Jay-Lands unterzuordnen und eine Friedensvereinbarung zu unterzeichnen. Manchmal steht in den Verträgen auch etwas bezüglich der Besitztümer des Martin-Lands, des Paul-Lands oder des Klaus-Lands. Und genau immer geht es dann darum, dass diese Besitztümer in den Besitz des Herrschers von Jay-Jay-Land übergehen. Ein eher uncharmanter erster Eindruck, den Kinder, die Jay-Jay mal zu Hause besuchten, erhielten. So lief es immer. Außer bei Steffen. Der kam immer, allerdings nur so lange, wie unser Rechner nicht geschützt war, um irgendein Ballerspiel am Computer zu zocken. Während Steffen zockte, beschäftigte sich Jay-Jay mit seinen Büchern oder malte etwas. Nachdem mangels Benutzerpassworts Steffen nicht mehr zocken konnte, war auch diese kurze Liaison beendet und Jay-Jay wirkte nicht einmal traurig als er sagte: „Schade. Mit Steffen war es super. Keiner geht mir mehr auf den Geist, dass ich Freunde haben muss und er geht mir nicht auf die Nerven, weil er nebenan im Zimmer hockt und mich in Ruhe lässt.“

Die Podcast-Vorbereitungen sind spannend. Es gibt Themen, auf die sich Jay-Jay intensiv vorbereitet, und es gibt Themen, die er mehr aus dem Stegreif bedient. Witzigerweise fallen ihm die Themen wie Geschwister und Berufe dann doch etwas schwerer, obwohl es genau diese sind, bei denen er vorab googelte und sich irgendwelches Wissen anlas. Beim heutigen Thema agierte er aus dem Stegreif. Er erklärte mir das Hertzsprung-Russell-Diagramm und die Heisenbergsche Unschärferelation, die Gut-Kraft und ich weiß jetzt, was Quarks sind.

Wir veröffentlichen meistens zwei bis vier Wochen zeitversetzt. Viele Passagen hören wir uns als Familie gemeinsam an und schneiden dann ggf. auch Teile raus, bei denen wir auch nur den Hauch eines Zweifels haben, ob wir Jay-Jay mit der Veröffentlichung einen Gefallen tun. Enthalten bleibt aber zum Beispiel einer dieser magischen Momente, die ich als Vater häufig erleben darf. Vergleichbar eventuell mit dem Moment oder der Situation, der Gestik, der Mimik seines Partners, wenn man das erste Mal merkt, dass man mehr als ein paar lose Sympathiegefühle für den Gegenüber hegt, verliebe ich mich in meinen Sohn in dieser Folge zum zehntausendsten Mal.Er erweitert meinen Horizont. Er öffnet mir Blickwinkel. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Das nächste Thema wurde in der Folge natürlich auch gezogen und ich verrate nicht zu viel wenn ich sage, dass dafür ein Reisepass notwendig sein wird. Wem Folge eins gefiel, als Jay-Jay über Sterne und Planeten philosophierte, dem dürfte auch diese Folge sehr gefallen. Wer aber eher die persönlicheren Themenpodcasts wie Liebe oder Berufe mochte, wird auch dieses Mal nicht enttäuscht. Ich versprach einst, meinem Sohn die Welt ein wenig besser zu machen. Er will mir nun dabei helfen – und in der neuen Folge erklärt er mir, wie.

 

 

3 Gedanken zu „Radiorebell – Episode #6 – Kräfte im Universum

  1. KiezkickerDe

    Ich hoffe, ich bin nicht der einzige Erwachsene, der an der ein oder anderen Stelle gedanklich ausgestiegen ist. 😉

    Antworten

Kommentar verfassen