Rote Karte!

Ich hätte schon unmittelbar nach Einstieg misstrauisch werden können. Im gut gefüllten ICE Richtung München war ein Doppelsitzplatz frei, direkt hinter ein paar netten, alten Damen.

 

Ich hatte den Laptop noch nicht aufgeklappt, als unter lautem Gekicher der Sektkorken, der von einer der netten, alten Damen an die Decke des Zuges katapultiert wurde, soeben knapp an meiner rechten Schläfe vorbei schoss.

Der Sohn war erheitert.

Nicht wegen des Korken-Attentats auf seinen Papsi, sondern weil er sich endlich einer Hörbuch-CD widmen konnte, die er sich bewusst für eine unserer Touren aufgehoben hat, da sie das Thema Fußball behandelt. Eigentlich wollte er das Hörbuch auf dem Weg nach Berlin hören, da es in dem Hörspiel um die Berliner Stadtmeisterschaften geht, aber so lange warten wollte er auch wieder nicht.

 

Nächster Halt Fulda. Die 2.Flasche Sekt ist nicht nur geöffnet, sondern auch bereits geleert. Hanne erzählt von Ihrer Pechsträhne. Drei Blasenentzündungen in nur einem Jahr. Ziemlich einfühlsam beschreibt sie die Gefühle, die sie überkommen, wenn Sie trotz Entzündung Wasser lässt. Linde, die vermutlich in Wirklichkeit Sieglinde heißt erzählt vom Sohn von Heinz Hartung. Er soll ein Strolch sein.

Ich habe keine weiteren Kopfhörer dabei und auch keine Taschentücher.

Ich möchte weinen.

Sohn hört und sieht nichts von dem Treiben, der diabolischen Truppe.

 

Ich beneide ihn.

 

Er sitzt dort, völlig tiefenentspannt und braungebrannt, während meine Klamotten weiterhin in kurzen Abständen von den Hautfetzen befreit werden müssen, die von meinem Körper rieseln.

 

Der Urlaub war hilfreich. Nicht entspannend, aber ablenkend.

Mein Dad, der jedem Kellner stolz seine Enkel präsentierte, verwechselte zwar unglücklicherweise die Worte „witch“ und „bitch“ bei der Beschreibung meiner Tochter, aber die entgleisenden Gesichtszüge des Hotelangestellten waren es wert, diesen Fauxpas zu entschuldigen.

 

Hach, wie der Sohn so friedlich da sitzt. Wie ein Engel.

 

Nächster Halt Würzburg.

 

Zu den geöffneten Tupperboxen (ca.12 Stück) gesellen sich nun diverse Tüten mit Süßigkeiten. Die 40 cm lange Hartwurst am Stück (auch Stracke genannt), führt bei der Sitznachbarin von Linde zu logischen Assoziationen.

„Die ess ma nüscht. Die brauchen wir noch, HÖHÖHÖHÖ“

 

Ich musste mich schütteln und sehnte mich nach einer Technologie, die mir diese Bilder von der Netzhaut nimmt oder Will Smith, der mich blitzdingst oder Hannibal Lecter, der mich einfach verspeist.

 

Jetzt und hier.

 

Der Sohn hatte sich für einen Zweitliga Doppelpack entschieden und absolute Knallerpaarungen rausgesucht.

 

Im Hexenkessel Audi-Park empfingen die Ingolstädter, die Jungs vom Karlsruher SC. An Tag zwei  gelang es uns, Tickets zu ergattern für das Spitzenspiel des SV Sandhausen gegen Energie Cottbus.Aber über die Gnadenlosigkeit des Sohns ist denke ich alles gesagt.

 

Nächster Halt Nürnberg.

 

Deinhard Flasche 3. Die Plastikbecher wurden erneut befüllt oder wie Hanne sagen würde:

„Tu ma Luft raus“

 

Das Tupperboxen-Massaker nimmt beängstigende Formen an. Beide Tische üppig bestückt, übertrumpfen sich die Damen nun mit aufgetischten Delikatessen. Gekochte Eier, Schokolinsen, Gummifrösche, Ahle Wurst, Schmalzbrote, Bockwürstchen, Kartoffelsalat.

„Sektchen noch jemand?“

 

Während ich bei der kauenden Linde bis in die Speiseröhre schauen kann, habe ich Angst, Hanne packt gleich eine Doppelherdplatte aus und bereitet ihren Freundinnen ein exquisites 3-Gang Menue zur Erlangung des epochalen Siegs im Tupperboxen-Krieg.

 

Am Vortag versuchte ich den Sohn noch von anderen besuchenswerten Spielen im Süden Deutschlands zu überzeugen. Aber weder der BvB in Augsburg noch die Amateure des FC Bayern konnten ihn reizen. Er freute sich tatsächlich auf die beiden Spiele in den Abgründen der 2.Liga genau so, als würden wir uns das Topspiel der ersten Liga gönnen.

 

„Sei doch froh!  Wenn nichts schief geht haben wir Sandhausen ja dann abgehakt.“

Manchmal schafft er es durchaus, mich zu motivieren.

 

Er fragte mich auch einmal, ob man jemandem gegenüber erst Vertrauen oder Misstrauen aufbringen muss. Eine heikle Frage, dessen Beantwortung ich mied.

Trotzdem musste ich schmunzeln, als ich neulich im Urlaub meinen sonnenverbrannten  Körper zu einem Doktor schleppte und mir dieser freundlich aber bestimmt mitteilte, dass die Behandlung 150 € kosten würde. Ich verzichtete und suchte eine Apotheke auf, da der Sohn sein neulich erfundenes Spiel am Meer mit mir spielen wollte und so eine kurzfristige Wunderheilung von Nöten war.

Der Apotheker warf einen kurzen Blick auf meinen Schulterbereich, schüttelte entsetzt den Kopf, um seinem Kollegen dann irgendetwas auf türkisch zu zurufen.

 

Beide lachten.

Der Sohn auch.

 

Er kam mit 3 Tuben zurück und informierte mich was er gedenkt zu tun: „I mix it“

Der dazu geholte Kollege berichtete mir dann, während der Medizinmann im Hinterzimmer verschwand, dass er nun die drei Salbe miteinander vermischen wird, ich mich damit eincremen soll und ich dann nach 2 Stunden wieder ins Wasser und in die Sonne gehen kann.

Sohn war begeistert.

 

Ich war hingegen schockiert.

Wie konnte jemand nur davon ausgehen, dass ich so unfassbar dämlich bin?

Der Mann wusste schließlich nichts von mir, außer dass ich mich kalkweiß und uneingecremt in die türkische Sonne gepflanzt habe. Mmh.

Moment mal.

Aber kürzen wir das lieber ab. Keine zwei Stunden später warf mein Sohn vom Strand aus meine Flip-Flops ins Meer, während ich hinterher schwamm und er dies mit lautem Geschrei begleitete.

„Schlappen auf großer Fahrt! Schlappen auf großer Fahrt!“

 

Außerplanmäßiger Halt irgendwo in der Walachei.

Hanne ist nun rotzevoll oder wie Linde sagt:

„Hanne zieht die Kette stramm heute.“

Ihre melittawerbungsgrüne Bluse löste bei mir einen Brechreiz aus. Der Lautstärkepegel hatte immense Dimensionen erreicht. Jede der Damen versuchte nun, ihren flotten Spruch zu platzieren. Als Außenstehender, so ganz ohne einen Hektoliter Sekt intus, ein schier unmögliches Unterfangen. Der Schaffner steht in der Tür, sieht dem Treiben zwei Minuten zu und geht wieder. Seine Angst war zu riechen. Er wusste genau, was ihm blühen würde, wenn er sich in die Nähe der Damen bewegt.

 

Wenn er Eier gehabt hätte würde er die Damen jetzt fragen welche er mit seinem Stechapparat zuerst lochen kann.

Loser.

 

Herr Schaffner hat Frau Zugbegleiterin geholt.

Geschickter Schachzug.

 

Die Damen aus der Deinhard-Runde halten sich auch einige Sekunden an die deutliche Ansage des kleinen weiblichen Kraftwürfels.

 

Sehr verehrte Reisende. In wenigen Minuten erreichen wir: Ingolstadt

 

Meine Haut fühlte sich nur eine Stunde nach der Einbalsamierung in der türkischen Apotheke bereits an, wie die Lederrückseite einer patschnassen Satteltasche, die man mehrere Stunden zum Trocknen in die Sonne legt. Furchtbares Hautgefühl, aber ich konnte völlig schmerz- und blasenfrei meinem Schlappen in den Fluten nachjagen. Verrückt. Beschissen wurde ich trotzdem, da die Mischung aus drei Salben natürlich auch den dreifachen Preis kostete.

 

Egal. „Burning Man“ war geheilt

 

Das war es mir wert.

 

Warum ich Euch das erzähle?

Nun ja, unzählig viele haben sich ja nach dem „Burning Man“ bezüglich meines Gesundheitsstatus‘ [alternativ: nach meinem Gesundheitszustand] erkundigt (Dank an Euch beide), und außerdem habe ich nach der Wunderheilung zum Schnäppchenpreis  am Strand ein tolles Gespräch mit dem Sohn über Vertrauen und Misstrauen geführt. Wenn ich Euch irgendwann einmal davon berichten sollte, dann kennt ihr zumindest den gesamten Hintergrund.

 

Man spürte, dass der Zug bremst. Ankunft in Ingolstadt.

 

Die ersten schmutzigen Lieder werden angestimmt.

„Eins trink ma noch, eins trink ma noch, Heut` sauf ma noch mal wie`n Loch

Denn danach da geht`s ins Altersheim, bei Nudelsupp und Haferschleim.“

Eins trink ma noch….“

 

Ich vermutete die Melodie von „Oh Tannenbaum zu erkennen“, konnte es aber nicht genau sagen, weil Hanne so gegrunzt hat vor Lachen.

 

Ich überlegte, ob es Zufall sei, dass man aus „Deinhard“ so einfach „Die hard“ machen konnte.

Und überhaupt.

 

Wo ist überhaupt Bruce wenn man ihn braucht?

 

Wir steigen aus. Gerade noch rechtzeitig. Ich denke, Hanne wird sich später noch an dem Bistrokellner vergehen, während Linde das Material dreht für den Youtubechannel :

„Reife Frauen besorgen…“……

 

Kommen wir zum Fußball.

 

Man kann über die Bayern vieles sagen, aber in schweren Zeiten halten sie zusammen. Parallel zu den Vorkommnissen beim FC Bayern hielten sich auch die Ingolstädter Fans strikt an ihr Stimmungsboykottgelübde.

 

Verfluchte ich die Linde und Anhang im Zug heute Vormittag, so vermisste ich jetzt Hannes versoffene Stimme, die hier alleine das Stimmungsniveau hätte anheben können. Aber es sollte wohl nicht sein. Der Haufen scheinbar konzeptloser Individualisten auf dem Rasen lud zwar nicht zum stimmungsvollen Support ein, aber trotzdem gebe ich als Fan der Heimmannschaft das Stadion normalerweise nicht komplett und „kampflos“ in die Hände der Gästefans.

 

Peinlich. Und es sollte schlimmer werden.

 

Getoppt wurde das Ganze dann nämlich noch von Beschimpfungen gegen Caiuby und Hajnal , die sich anhören durften, was sie für faule Schweine sind, und dass zweite Liga oberhalb ihres Niveaus liegt. Beide spielten sicherlich nicht die Partie ihres Lebens (Das hoffe ich zumindest) , aber beiden konnte man auch nicht vorwerfen sie würden das Spiel schleifen lassen.

 

Wo wir beim Thema Niveau gerade sind, wären noch die Ordner zu erwähnen. Es mag Zufall sein und nur die drei Ordner vorm Block N betreffen, aber mir ist es trotzdem unbegreiflich, wie Vereine, die sich den Kampf gegen den Rassismus mit auf die Fahne geschrieben haben, Security Personal einsetzen kann, welches durch auffällige „White Power“-Tattoos direkt auf dem Hals oder mit tätowierten Schwertern mit der 88 auf dem Unterarm klar Stellung beziehen.

FC Ingolstadt,

deine Unachtsamkeit oder Desinteresse führt jegliche Kampagnen gegen Rassismus ad absurdum und du hast es geschafft, dass es mir das erste Mal auf unseren Touren unangenehm zumute war. Nicht , weil ich Angst vor den rechtsradikalen Arschlöchern habe , sondern weil ich Sorge habe ich unterstütze die Nazibrut durch den Kauf einer EIntrittskarte von Euch auch nur mit einem einzigem Cent.

Zudem gerät mein Blut ein wenig in Wallungen, wenn es nach allen Rückschlägen, die wir erleben durften ausgerechnet der braunen Brut gelingt einem Teil unseres durchweg wunderbaren Projektes einen negativen Kratzer zu verpassen.

FC Ingolstadt 04,

des Sohns Herz hast du glücklicherweise nicht gewonnen, und auch wenn ich es konsequent finde, ein Stadion zu bauen, welches einem überdimensionalen Autohaus gleicht;

Ihr habt im deutschen Profifußball meiner Meinung nichts verloren, aber ihr habt Glück.

Meine Meinung ist da nicht entscheidend.

FC Ingolstadt 04,

du kannst  vielleicht nichts dafür, dass du viele illoyale, lustlose, leidenschaftsarme Fans hast und dein Stadion bescheiden zu erreichen ist.

Mir ist auch Deine abenteuerliche Transfergestaltung so egal , wie die Unfähigekeit des BBQ Hauses am Ingolstädter Viktualienmarktes einen Hamburger zuzubereiten.

Aber du kannst, du musst sogar genau hinschauen wer sich um die Sicherheit kümmert, wer sich im Umfeld der Jugendlichen Balljungen bewegt und welches Bild dort Zuschauern ob jung oder alt präsentiert wird.

Schmeiss das Nazipack raus!

Machs wie der Sohn. Einfach rigoros aussortieren. Der hat auch zugeschlagen.

FC Ingolstadt 04, heute gibt es kein Foto für dich.

Der dritte Verein, der sich verabschieden darf nach der TSG 1899 Hoffenheim und Fortuna Düsseldorf.

Eine Aufzählung die weder den Hoppschen Jungs noch meinem Herzensverein gerecht wird, aber der erste Verein, bei dem ich mich über die Aussortierung freue.

Wir kommen wohl kaum wieder.

Es sei denn es spricht sich bis zu uns herrum, dass man in Ingolstadt nicht nur fleißig Flyer verteilt um an einem Tag im Jahr dem Rassismus die rote Karte zu zeigen , sondern wenn der FCI dauerhaft, nachhaltig und glaubhaft den dahinter verborgenen Gedanken lebt und umsetzt.

Oder du bleibst braun. Wie Scheiße. Das eine ergibt sich aus dem anderen und umgekehrt.

Bis dahin. Steig ab. Gerne Jahr für Jahr.

Fotos zur Ingolstadt Tour findest ihr hier.

 

 Nachtrag vom 19.08.2013

Guten Tag Ihr elenden Katastrophentouristen.

Viele unfassbar schöne, lustige und bewegende Momente haben wir erlebt und versucht in diesem Blog festzuhalten. Trotzdem ist ein Blogbeitrag über den FC Ingolstadt in Anbetracht eher unschäner Rahmenbedingungen innerhalb von nur 48 h der meistgelesene Blogbeitrag deutlich vor unserem Festivalausflug, dem „Boxen.Lude“ Blogpost oder auch unserem Ausflug nach Kiel.

Ich möchte der Fairneß halber kurz auf einige Reaktionen hinweisen.

Am Samstag kontaktierte mich Ralph Gunesch, Spieler des FC Ingolstadt 04 und brachte seine Bestürzung über das Auftreten des Sicherheitsdienst zum Ausdruck und teilte mir mit , dass er den Verein informiert hat und dieser sich mit mir in Verbindung setzen würde. Dies ist am heutigen Montag Morgen auch geschehen.  Entgegen der Ankündigung holte man zwar keine weiteren Informationen bei mir ein , aber man versicherte mir glaubhaft, dass man sich eine Stellungnahme des Sicherheitsdienstes einholen werde und bedankte sich für die Sensibilisierung. Eine bis hier hin eventuell logische aber auch lobenswerte Reaktion des Vereins.

Nicht wegen der Reaktion des Vereins, sondern hauptsächlich auf Grund der klaren Positionierung von Ralph Gunesch und seines Engagements gegen jegliche Form von Rassismus entsprechen wir seinem Wunsch aus der roten Karte eine gelbe Karte zu machen.

Die Wochenendrebellen werden nun in dieser Saison noch einmal nach Ingolstadt fahren um zu prüfen wie viele Taten hinter den Worten der Verantwortlichen stecken.

 

 

3 Gedanken zu „Rote Karte!

  1. Emily

    Ich bin ja für jede Menge Blödsinn zu haben, aber so eine Zugfahrt wäre für mich ebenfalls ein Höllentrip gewesen!!! Wie gruselig *schüttel*
    Danke für den Lacher zum Frühstück 🙂 Emily

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  2. Anita

    Ich hoffe, Du wirst dort dann wirklich eine Rassismusfreie Zone vorfinden. Es ist zum k….. wie unachtsam hier die Verantwortlichen sind!

    Das der Urlaub gerettet wurde ist super.

    Aber im Zug hätte ich echt die Nerven verloren. So sehr kann man sich gar nicht die Ohren zudröhnen, dass man diesen Mist nicht mehr mitbekommt. Ich wäre geflüchtet. Absolut. Und weis wieder, warum ich mit dem ÖPNV so meine Probleme habe!

    Zu Misstrauen und Vertrauen,

    ich hoffe, dass Du Deinem Sohn erklären konntest (besser als ich), wie sich aus einem 50/50 Gefühl irgendwann eines herauskristallisieren kann. Und das dies leider keine Sicherheit für die Zukunft bei allen Kontakten ergibt. Es ist etwas, was ich bis jetzt nicht nachvollziehbar erklären konnte.

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  3. Melodie1904

    Als wäre ich dabeigewesen!
    Hab mich köstlich amüsiert während der Zugfahrt .
    Der 2.Teil über Fans, die die eigene Mannschaft fertigmachen und über Rassismus hat mich wieder ernüchtert.
    Danke für die gute Unterhaltung

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