Senfeier

20 Jahre Marlboro hatten Ihre Spuren hinterlassen.

So war ich zunächst zwar genervt aber dann doch froh, dass Sohnemann mir gegenüber im Oktober letzten Jahres intensiv und unmissverständlich seine Abneigung gegenüber Zigaretten, den Rauch und den Gestank deutlich äußerte. Nicht sonderlich verwunderlich mag man denken.

Welches Kind mag das schon?

Gut, zu Hause rauchte ich nur im Garten und auch wenn ich mit Ihm unterwegs war versuchte ich dies einzugrenzen. Seine offenen Worte motivierten mich aufzuhören, zumal sie im Rahmen einer dieser Diskussionen gefallen sind, wo ich ihm eigentlich erklären wollte, was er alles schaffen kann, wenn er das nur wirklich will. Es ging um das „Danke“ sagen , wogegen er sich bis heute erfolgreich „wehrt“.

Wir wollten damals zum Münchener Sommernachtstraum und standen zuvor in der Spielzeugabteilung von Galeria Kaufhof. Sohn hatte sich in den Wochen zuvor mit mir an den Star Wars Teilen erfreut und stand nun mit leuchtenden Augen vor einem Star Wars Lego Set.

Es ist verwerflich, aber es war auch zu verlockend und erfolgsversprechend.

„Wenn du anschließend danke sagst, kaufe ich es Dir“

„ Vergiss es!“

Sprach es, drehte sich um verließ den Kaufhof und der Tag war so ziemlich im Eimer.

Im Rahmen der Klärung der Vorkommnisse verlagerte er dann das Thema. Oft haben wir die Diskussion über alltägliche Dinge, warum er im Auto einen zusätzlichen Sitz braucht und ich nicht, warum ich alleine Zug fahren darf, usw.

Er hat schnell gelernt Themen zu transferieren.

Oftmals liegt er völlig daneben, weil er vielleicht gewisse Rahmenbedingungen, wie gesetzliche Bestimmungen nicht berücksichtigt und somit seine Argumentation, warum er nächstes Mal das Auto fährt und ich auf dem Kindersitz sitzen muss, ins Leere läuft.

Bei der „Danke sagen“ Geschichte und meinem flammendem Apell was man alles schaffen kann, wenn man es einfach tut, riss er mir aber den Boden unter den Füßen weg. Einfach so.

Sein argumentativer Konter warum ich eigentlich noch rauche, wenn es doch ihm nicht gefällt, der Mama nicht gefällt und mir selbst auch wenige positive Aspekte einfallen traf mich wie Klitschkos Rechte.

Nicht völlig unerwartet, aber heftig und wirkungsvoll. So wie Klitschkos Gegner nur selten wieder aufstehen, hörte ich auf zu rauchen.  Nach all den Pflaster und Kaugummimethoden anscheinend die erste wirkungsvolle Methode, denn Stand heute, reitet der Marlboro Cowboy nun einsam dem Sonnenuntergang entgegen. Ohne mich .

Das ist aber eigentlich nicht das Problem.

Was die folgenden Monate geschah, nennen die Experten wohl Suchtverlagerung,  die sich bei mir in einer hohen Akzeptanz ausdrückte, den Konsum diverser Süßwaren auch in völliger Hemmungslosigkeit gegenüber Zeitpunkt und Menge zu zulassen.

Mit beeindruckendem Resultat.

Von 88 kg ( 1,94 m) bin ich nun bei einer magischen Grenze angelangt, die ich nicht niederschreiben möchte, die sich aber jeder denken kann und auf die ich nicht sonderlich stolz bin.

Leider bin ich nicht zeitgleich porportional auf 2,10 m herangewachsen.

Das ist aber eigentlich noch gar nicht das Problem.

Viel mehr bin ich erschüttert, wie oft es mir in München passiert, dass ich am Ende des Arbeitstages merke, keine feste Nahrung zu mir genommen zu haben. Dies führte von einer sowieso schon nicht sonderlich bewussten Ernährung zu einer maßlosen Art von Nahrungsaufnahme, bei der es selbst Mr. Spurlock wohl schlecht geworden wäre.

Aber auch das ist eigentlich nicht das Problem.

Der Tag beginnt mit Kaffee und endet mit Kaffee. Meinen Schlaf beeinflusst es kaum noch wenn ich mir um 23:00 Uhr einen letzten Cappuccino gönne. An den meisten Tagen trinke ich mehr Kaffee als Kaltgetränke. Oftmals bestelle ich mehrere Becher, damit diese auskühlen können und ich diese dann schneller trinken kann. Ich denke eine gewisse Koffeinsucht ließe sich bei mir schnell diagnostizieren.

Aber auch das ist nicht das Problem.

Der Job, das Projekt  mit dem Sohn, all die üblichen Verpflichtungen, die man so im privaten Bereich noch zu erledigen hat. Nur wenig davon kann man auf den zahlreichen Zugfahrten, die ich so absolviere erledigen, was mich zu Twitter und zu diesem Blog hat verleitet. Kurzweilige Konversationen, interessante Menschen,  aber auch die Möglichkeit Ballast los zu werden, Pushback zu bekommen oder eben um für den Sohn nachhaltig Verläufe fest zu halten.

Aber auch hier herrschte zuletzt  vermehrt der innerliche Zwang die komplette Timeline zurück zu scrollen. Ganz gleich ob es sich um eine Stunde oder um 10 Stunden handelte, in denen man nicht mal einen kleinen Blick riskieren konnte. Es fehlte mir sonst der Kontext zu aktuellen Tweets, was mein Monk nicht wirklich akzeptierte.

Aber auch das ist nicht das Problem.

Die letzte gemeinsame Unternehmung mit meiner Frau muss 2010 gewesen sein. Seit der Geburt unserer Tochter lässt sich dies nicht mehr wirklich arrangieren. Wenn ich nach Hause komme, ist es meist wie die feierliche Übergabe der Verantwortung für die Kids um das Chaos komplett oder zumindest den Sohnemann zu übernehmen und meiner Frau die Gelegenheit zu geben sich um den Haushalt zu kümmern. Bügeln, waschen, putzen….

Dies ist in der Woche nicht in vollem Umfang möglich, weil Sohnemann neben diversen Terminen im Therapiezentrum auch beschäftigt werden muss. Es gelingt ihm nicht selbständig und alleine sich zu beschäftigen und diverse Zusammenkünfte mit Klassenkameraden scheiterten kläglich. Und bei jemandem mit seiner Ausdauer kann dies eben schon einmal bedeuten, dass sie ihm bis um halb elf vorlesen muss, damit er einschläft. Papsi hat sich glücklicherweise die Ausstrahlungsrechte für diverse Podcasts und Hörspiele gesichert, so dass ihm der Lesemarathon verwehrt bleibt.

Aber auch das ist nicht das Problem.

Es fällt mir mehr und mehr schwerer einen klaren Gedanken zu fassen. Die alltägliche Hektik in Verbindung mit der ständigen 24h Erreichbarkeit im Job verhindert es meist einen Schritt aus dem Hamsterrad zu gehen und zu prüfen, zu hinterfragen und zu reflektieren. Vergessene Geburtstage, sich häufende Fehler an der Arbeit, sich zu recht beklagende Menschen für die man keine Zeit hat und zu guter Letzt dann der entscheidende Tropfen, der das Fass oder besser die entscheidenden Liter, die den Tank des neuen Autos füllten und nicht zum Überlaufen brachten, aber doch einen nicht unerheblichen Schaden anrichteten. Dieselfahrzeuge möchten zumeist auch mit dem richtigen Kraftstoff versehen werden und da ich den netten Herrn der Servicewerkstatt auf die Nachfrage hin, ob vielleicht falsch betankt wurde doch recht unnett (wie einen Idioten)  behandelt habe , wurde ein nicht unbeträchtlicher Aufwand in anderweitige Analyse gesteckt um dann doch fest zu stellen, dass der falsche Kraftstoff verwendet wurde.

So fing er an, dieser wohl peinlichste Tag meines Lebens.Vom Tankdesaster führte mich dies mit meinen Kaffees bewaffnet in den ICE Richtung München, wo ein älterer Herr in Anbetracht meines blauen Hemdchen und der Bewaffnung mit meiner üblichen Kaffeeration bei mir erst einmal Getränke bestellen wollte, was enebfalls zur Erheiterung des gesamten Wagen führte.

Der peinlichste Moment gelang mir dann am Abend. Ich übersah eine DM, die ich rausgesandt hatte, die aber die Empfängerin im Paket von drei Nachrichten nicht erhielt. Auf meine zwei Nachrichten antwortete sie:

„Ehrlich? Ich liebe sie. Nicht darüber nachdenken“

Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, zielte doch einer meiner DM Nachfragen darauf hin ab, dass ich verwundert bin über den Umgang mit meinen vielleicht manchmal doch recht fragwürdigen Tweets.

Wer meine grammatikalischen Fähigkeiten und meine mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber Groß- und Kleinschreibung , sowie Zeichensetzung kennt, der ahnt vielleicht schon was hier geschehen sein mag.

Die Antwort der werten Dame bezog sich auf den Teil unserer Konversation, wo es um das köstliche Gericht „Senfeier“ ging und die Frage zum Umgang mit mir als bösem Twitterer hatte sie nun gar nicht erhalten. Während ich also auf meine Frage, “ Warum siezen wir uns eigentlich plötzlich?“,  zur Antwort bekam “ Wir duzen uns doch“, trat ich innerhalb von Millisekunden eine Reise zum Mittelpunkt der Erde. Unfassbar peinlich. AUch wenn ich heute herzhaft darüber lachen kann.

Werte Senfeier-Liebhaberin, ich liebe sie auch. Aber nur von Frau Mama oder selbst zubereitet.

Aber irgendwie ist auch das nicht das Problem.

Ich erinnerte mich an einen guten Freund, meinen besten, vielleicht ist er sogar der einzige, was auch daran liegen könnte, dass ich ungefähr zwei Mal im Jahr Zeit habe mit Ihm etwas zu unternehmen, was für mein Verhältnis an Aufmerksamkeit außerhalb des Sohns, aktuell schon recht viel ist. Es gibt Twitterer, mit denen ich mehr Zeit verbracht habe als mit meinem besten Kumpel und das einzige Mal, wo wir in diesem Jahr etwas unternommen haben klappte es, weil er nach München kam.

Dieser empfahl mir jedenfalls vor einigen Jahren das Heilfasten als Methode innerlich Ruhe zu finden, bla bla bla.

Ich hab es damals nicht voll durchgezogen, aber trotzdem genügend positive Erinnerungen daran, die es mich nun erneut versuchen lassen. Nicht im Original, da der Job ja auch irgendwie weitergehen muss, aber im Kern vielleicht trotzdem hilfreich.

Vom 09.07.2013 bis einschließlich 18.07.2013 verzichte ich daher vollständig auf:

1.Feste Nahrung

Meine Ernährung besteht bin den nächsten 10 Tagen nur aus flüssigen Brühen ohne jegliche Form von festen Einlagen. Kein Glutamat. Keine Brühen aus Fleischansatz. Nahrung frei von jeglichen festen Bestandteilen.

2.Kein Koffein

Der vollständige Verzicht auf Kaffee, Cappuccino und Co.

Weder flüssig noch in Tablettenform (Ja, es gab da mal eine wilde Phase).

3.Kein Twitter

Man nannte mich ja schon Spammer in Anbetracht der Anzahl an Tweets. Genießt die Zeit.

I will be back.

4.Kein Alkohol, kein Koks, keine Nutten.

Wäre vermutlich fatal ohne Nahrungsgrundlage, aber ich muss zugeben dieser Verzicht fällt mir vermutlich auch nicht sonderlich schwer.

 

Zu den Zielen und zum Verlauf  werde ich die Interessierten auf dem Laufenden halten. Die Nicht-Interessierten können dementsprechend eine Woche Ruhe genießen.

Um die Fans des Sohnes nicht zu langweilen habe ich die Kategorien neu sortiert. Alles außerhalb des Sohnes findet ihr in den Unterkategorien des Giftschranks. Es fehlt einfach die Zeit noch so ein durchgestyltes, designorientiertes Blog zu erstellen. Ich widme mich jetzt der beschleunigten Darmentleerung. Bis die Tage.

Demnächst trifft man uns dann auch wieder hier . Vielleicht ist ja jemand da. ich würde mich freuen.

 

 

7 Gedanken zu „Senfeier

  1. Nember

    Auf Nachforschung, wo du denn auf Twitter geblieben bist, hier mal nachgeschaut.

    Mutiges und hoffentlich erfolgreiches Experiment.
    Gutes Durchhaltevermögen auf die letzten Tage, Halbzeit ist geschafft. 😉

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  2. Lars

    Viel Erfolg beim Fasten. Ich habe das vor sieben Jahren auch einmal gemacht, nur Wasser, Säfte und Brühe für eine Woche. Das Problem bei der Sache war, dass ich keine klaren Suppen mag und Brühe die Mutter aller klaren Suppen ist. Deswegen habe ich nach zwei Tagen auch aufgehört, nicht mit dem Fasten, sondern mit der Brühe, und mich dann nur noch auf Wasser und Saft konzentriert. Machte die Sache nicht einfacher.

    Meine letzte Art Fasten war dieses Jahr während der offiziellen Fastenzeit der Verzicht auf Alkohol, Fleisch und Süßigkeiten. Das Ergebnis ist, dass ich jetzt wieder knapp sechs Kilo mehr wiege als am Karfreitag 2013, nachdem ich die eineinhalb Jahren davor insgesamt knapp 20 Kilo abgenommen hatte. Meine Lehre daraus: Wenn man (=ich) abnehmen will, sollte man (=ich) nicht fasten. Dieses letzte Fasten habe ich zwar nicht gemacht, um abzunehmen, das hat ja auch ohne Fasten ganz gut geklappt. ich dachte nur, ich tue etwas Gutes. Was die Sache noch ein wenig absurder macht.

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      Hi Lars,
      danke für Deine Worte.
      Motivieren kannst du super. *hust*.
      Tatsächlich ist mir eine damit einhergehende Gewichtsreduktion völlig egal,da der Körper , dieses verdammte Mistvieh, zukünftig zugeführte fette schneller und langanhaltender speichern wird aus Sorge vor der nächsten Durststrecke.
      Momentan sitze ich noch recht leidend hier und hoffe auf Linderung am morgigen Tag. Ziel ist eine nachhaltige ENtgiftung des Körpers. Zudem sollen ab Tag sieben recht interessante euphorische Gefühlswallungen entstehen. Nehm ich. Sag den Twitterwelt einen lieben Gruß.
      Bis dann.

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      1. Lars

        Fiel mir nach Abschicken dann auch auf, dass es nicht so richtig motivierend klang…aber Du schaffst das! Und entgiftet fühlte ich mich auf jeden Fall (weitere Gefühle werde ich hier dann mal außen vor lassen).

        Grüße sind ausgerichtet.

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  3. Stefan

    Hach, bei deinen Berichten kann ich eigentlich immer bloß „Hach“ sagen, so nun auch wieder hier, speziell beim ersten Teil…
    Die wahrscheinlich härteste Prüfung für dich wird ja ohnehin der Dritte sein,deswegen wünsche ich dir natürlich nicht „dort“ viel Erfolg, sondern hier. 😉

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  4. Jan

    Tröllchen 🙁 Viel Erfolg & gutes Durchhaltevermögen. Wir sehen uns dann hoffentlich beim nächsten Kaltgetränk, wenn mir der Fitnesstroll gegenüber sitzt.

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