Superdad

Es scheint tatsächlich zu wirken. Also dieses Ding mit dem Fasten und der daraus resultierenden Gedankenklarheit. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (Hunger und aufrichtiger Hass auf in meiner Nähe essende Menschen) wurde mir schnell glasklar, was ich eigentlich für ein ultrageiler Typ bin. Keine Ahnung, warum ich das nicht exzessiver auch nach außen zeige. Ich kann in aller Bescheidenheit sagen, dass ich vermutlich der beste Ehemann auf Erden, der beste Lover des Universums und der beste Vater der Welt bin. Logisch, ihr versteht jetzt nicht, wieso man fasten muss um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Stimmt,muss man nicht eigentlich auch nicht. Nicht wenn man dieses Maß an Perfektion erreicht hat. Und glücklicherweise gibt es ja für alle Behauptungen zahlreiche Zeugen, die das belegen und bestätigen.

„So, ein toller Papa“

„Superdad“

„Beste(r) Papa der Welt“

Sowohl auf Twitter als auch in den Kommentaren erhielt ich zum Teil diese mir nicht schmeichelnden, sondern nur logischen Bekundungen. Alle anderen, nehme ich an, trauen sich dies nur nicht in den Kommentaren wiederzugeben, weil sie vielleicht selbst Papa oder Mama sind oder einfach neidisch sind, dass ich so ein unfassbar perfekter Mensch bin.

Mit Verlaub. Das ist alles ziemlicher Unsinn.

Nun ja, nicht alles. Ich halte mich tatsächlich für keinen schlechten Vater. Sogar für einen Guten. Dies liegt aber weniger in der Tatsache begründet, dass ich am Wochenende diese unfassbaren, kaum auszuhaltenden Qualen auf mich nehme und Fußballstadien mit meinem Sohn besuche.

Es ist viel mehr relativ einfach, ein brauchbarer Vater zu sein, wenn man so einen gigantisch tollen Sohn hat wie ich.

Ehrlich. Wer mich deswegen für einen tollen Vater hält, der hat noch nie Stories von echten Superdads und vor allem Supermums gehört.

Dazu empfehle ich auch gerne die Lektüre dieses Blogs oder die Zeilen dieser Dame.

Darum hier mal eine Geschichte von einem Freund, dessen Bekannter, der einmal jemanden kannte, dessen Schwesters Nachbarin eine Supermum ist.

Sie war noch nicht einmal 20, kam aber schon als Kind mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem südeuropäischen Ausland nach Deutschland. Als jüngste unter den weiblichen Geschwistern erfuhr sie nicht nur seitens der Eltern eine Form von Erziehung, wie es wohl in muslimisch orientierten Familien durchaus üblich ist. Es war aber nicht so, dass sie das Gefühl hatte, Annehmlichkeiten gleichaltriger Mädchen zu vermissen oder sich gezwungen eingeschränkt zu fühlen. Im Gegenteil. Die übertriebene Offenheit und die Freizügigkeit ihrer Mitschülerinnen waren ihr meist zuwider. Trotzdem war es auch nicht so, dass sie regelmäßig den Koran las oder sich gerne bedeckt zeigte. Sie würde heute vermutlich von sich behaupten, sie lebe eine ziemlich perfekte Mischung aus dem Zurückhaltung lehrenden Islam und der realen westlichen Welt in einer Kleinstadt in Deutschland.

Er war Anfang 20. Die gastronomische Ausbildung beendete seine sowieso real eigentlich überhaupt nicht vorhandene Fußballerkarriere und schrumpfte seinen kargen Freundschaftskreis fast auf den kleinsten möglichen Umfang zusammen. In diesem Kreis genoss er Alkohol und weitere Drogen mit natürlichem Ursprung. Gerne. Oft. Exzessiv. Er behauptete gerne, dass er seit dem Konsum diverser Pilze mexikanischer Herkunft die Zeichensetzung nicht mehr beherrscht, Freunde wissen aber, dass dies auch zuvor schon (s)ein großes Problem war.

Sie lernten sich an der Arbeit kennen. Er fand sie sofort ziemlich nett geil und total heiß gut aussehend . Sie fand, dass er ein arroganter Arsch und vermutlich ein notgeiler Bock war. Zudem war er deutsch, was definitiv für sie selbst, aber auch für ihre Familie ein sehr sicheres Ausschlusskriterium war.

Er ließ nicht locker und kippte ihr ZUFÄLLIG Kaffee über die Hand, um sie im Anschluss zur Entschädigung in eine Eisdiele einzuladen. Sie willigte ein und in der Eisdiele erklärte sie ihm in Ruhe ganz sachlich und einfühlsam – und eigentlich auch für den letzten Hinterwäldler-Idioten verständlich-, dass sie von ihren Eltern ein gewisses Maß an Freiheit genießt, aber das sie mit einem deutschen Freund in KEINEM FALL nach Hause kommen kann. Sie verdeutlichte dies anhand von sehr anschaulichen Beispielen, auf was sie sich in diesem Fall einstellen dürfte und auch die Geschehnisse, die der „Kartoffel“ (so wurden Deutsche wohl in diesen Kreisen gerne genannt)  zustoßen werden, beschrieb sie recht blumig und leicht nachhaltig einprägsam.

 

Die „Kartoffel“ hatte aber wohl nur zur Hälfte zugehört (ein Problem, welches sie ihm noch über zehn Jahre später häufig vorwerfen wird.)

Er verabschiedete sie mit den Worten: „Wenn es sich Deine Eltern anders überlegt haben, blablablablabla……“

Man hörte ja bekanntlich sehr häufig von plötzlichen Sinneswandeln in stark religiösen Familien und einer toleranten Öffnung für multikulturelle Partnerschaften.

Sie trafen sich aber weiter und bevor sie es bemerkten hatten sie sich dann doch ineinander verliebt. Immer mit dem kurz bevorstehenden Ende direkt vor den Augen.

Nicht weil er es so wollte.

Nicht weil sie es so wollte.

Sondern weil es ihre Familie nicht wollen würde und dies für beide durchaus nicht ungefährlich sein könnte.

Zur Vermeidung eines erneuten 7.500-Wörter-Blogposts verfassen wir den Mittelteil in Stichpunkten.

Weitere Monate vergingen…… erste Träumereien, wie es wäre….. für immer…… zusammen…….. Sie trafen sich heimlich…….. oft fuhr er über eine Stunde, um sie 10 Minuten sehen zu können…….. Der Bruder kam ihr auf die Schliche…… Ein letzter Urlaub von ihr in der Heimat…… danach….. entscheiden, wie sie zusammen bleiben können……… Letzte Heimatreise….. Pass weggenommen… Psychoterror….. fremden Mann heiraten müssen…… keine Kontaktmöglichkeit…….. Rückkehr als verheiratete Frau… Sie floh… vertraut dem kiffenden Säufer…… mit ihm…… quer durch Deutschland……. ohne lebenswerte Rückkehroption …… Vermisstenmeldung…… Polizei…….. Verbreitete Lügengeschichten …… Juristisches Ankämpfen der Hochzeit……..Jahre vergehen, weil Zustimmung des „Ehemanns“ notwendig………

Und doch halten sie durch.

Heute haben sie zwei Kinder.

Einen ganz beSONderen Sohn und eine wunderschöne Tochter. Er ist zumeist 4-5, früher auch 6-7 Tage die Woche unterwegs, während sie sich mit den BeSONderheiten des Kindes rumschlagen muss. Meistens steht sie gegen halb sechs auf, um die morgendlichen Rituale vorbereiten zu können, und um wenigstens 5 Minuten in die eigene Körperpflege investieren zu können. Schulweg, Toilettengang, Tasche packen, Haushalt, Schularbeiten, Mittagessen, Bespaßungsprogramm für die Tochter, Bespaßungsprogramm für den Sohn. Das gesamte Programm endet in Glücksfällen gegen 21:00 Uhr und lässt keinen Spielraum für persönliche Bedürfnisse. Wenn es blöd läuft, ist der Sohn so überdreht, dass er bis um halb elf Bambule macht oder sie, also die Kleine, hat ein Mittagsschläfchen etwas ausgedehnter genossen und erfordert jetzt bis um 23:00 Uhr ihre gesamte Aufmerksamkeit.

Freitags kommt dann Superdad nach Hause, schnappt sich den Sohn, um mit ihm durch die Gegend zu düsen. Die Tochter kommt zu kurz. Die Frau sowieso. In Extremfällen tauschen sie am Bahnhof seine Arbeitstasche gegen den Sohn, um den engen Wochenendzeitplan einhalten zu können. Sie hat dann mal 10-20 Stunden für „sich“, um Bügelwäscheberge zu bekämpfen, Fenster zu reinigen oder den Garten in Ordnung zu halten. Nebenbei koordiniert sie die Therapietermine und rammelt von Behörde zu Behörde, von Ergotherapie zur Frühförderung und wieder zurück.

Aufwand in einer Intensität, dass es für die Beschäftigung einer Vollzeitkraft reichen würde.

Trotzdem bewahrt sie die Ruhe, schmeißt keine Messer, bestellt kein Zyankali und besorgt sich keine Schusswaffe, wenn der Gatte nach Hause kommt und motzt, weil vielleicht kein Essen vorbereitet ist oder weil er eben einfach einen nicht so guten Tag hatte. Das Motzen störte sie eigentlich kaum, aber wenn er seinen Spruch bringt, dass er schließlich gearbeitet hätte, klingt es immer so durch, als würde sie es sich den ganzen Tag auf der Couch gemütlich machen. Als sie sich kennen lernten,wog sie 49 kg. Zwei Kinder und 15 Jahre später wiegt sie in etwa das gleiche, während er 20 kg zugelegt hat und reichlich Haupthaar verloren und am Rest des Körpers an Behaarung zugelegt hat.

 

Vor ein paar Monaten war es wieder soweit. Er an der Arbeit. Sohn krank. Ihr Auftrag:Den kranken Sohn in der Nacht von Donnerstag auf Freitag in einen so fitten Zustand bekommen, dass man eine Reise Richtung Heidelberg antreten kann. Freitags mittags hin, samstags morgens zurück. Die Reisen sind Teil eines spleenigen Projektes, welches sie nervt, aber nicht verhindern kann. Ähnliche Prozesse, wie in besagter Nacht, werden sonst vermutlich nur bei der medizinischen Abteilung des FC Bayern in Gang gesetzt. Sie senkte das Fieber mit Wickeln, ließ Sohn alle 2 Stunden inhalieren, bereitete Hühnersuppe,… usw. Alles im Zeitfenster von 18:00 Uhr bis morgens um 08:00 Uhr.

 

Ziemlich viel Irrsinn, denn es hätte auch einfach gereicht, den Jungen am nächsten Tag nicht in die Schule zu schicken und ihn über das Wochenende auszukurieren. Aber das wollten die werten Herren nicht und Dank der perfekten Betreuung gab der Doktor dann am nächsten Tag die Tour tatsächlich frei. Dank Supermum.

 

Bei einer anderen Tour, es muss Freiburg gewesen sein, vergaßen die Herren sowohl EC-Karte als auch Kreditkarte. Frau Mama musste hektisch mit dem Auto und Kleinkind durch den Freitagnachmittag Berufsverkehr sausen, damit die Jungs noch den richtigen Zug bekommen. Es gibt unzählige Beispiele, nicht nur im Bezug auf den Support der Tour, die zeigen was es heißt eine Supermum zu sein. Sie ist unfassbar stark.

 

Frauen sind manchmal wie Maschinen. Schon kurz nach der Geburt des Sohnes war ich erstaunt, wie sensibel Frauen nachts auf kleinste Huster des Nachwuchses reagieren und wie diszipliniert sie über Tage und Woche nachts mehrere Male aufstehen, stillen und sich wieder hinlegen können. Wie sie über die ersten Monate einfach funktionieren ohne zu klagen. Faszinierend, während man selbst darüber jammert, man fühle sich so gerädert, nur, weil man beim sechsten Schreien des Kindes nachts wach geworden ist und so der 8-9 stündige Schlaf um wenige Sekunden unsanft unterbrochen wurde.

 

Heute sorgt er sich um sie. Die Belastung nagt an ihr. Und wenn sie im Bezug auf ihren besonderen Sohn sagt, sie könne ihn an die Wand klatschen, dann weiß er auch , dass dies mehr ist, als die oft dahingesagte Floskel, und er weiß auch wie schlecht es ihr später damit geht, dass sie in dem Moment so einen intensiven Hass verspürt hat.

Sie hasst nicht ihren Sohn, aber den Autisten in ihm.

Und trotzdem schämt sie sich später für ihre Gedanken.

Sogar der Sohn selbst differenziert innerhalb seiner besonderen Logik mittlerweile sauber Eigenarten heraus, die er toll, lustig oder eigentlich sogar normal findet und nennt als einzigen Änderungswunsch die Vermeidung seiner Ausraster, die heftiger geworden sind, die er aber nicht kontrolliert bekommt.

Manchmal reichen Schlüsselbegriffe aus, die man, obwohl man sie sich selbst eingebläut hat, doch versehentlich verwendet, manchmal sind es aber auch Konstellationen des Alltags, die sich nicht verhindern lassen, oder deren kontinuierliche Verhinderung unsere Fähigkeiten überschreitet.

Das schlimmste ist die Machtlosigkeit, mit der man diesen Ausrastern gegenüber steht. Es gilt sie zu ertragen, durchzustehen, über sich ergehen zu lassen. Jede Reaktion erzeugt stärkere Aggression. Jeder Versuch es einzudämmen treibt die Eskalation voran. In diesen Momenten ist der Sohn nicht zu stoppen. Sie versuchten es eine Zeit lang, dass sie ihn in solchen Momenten letztmalig ermahnten und ihn dann in sein Zimmer schleppten.

Doch wenn der Mann unterwegs war, konnte Frau Mama den mittlerweile wohl 25 kg wiegenden Brocken nicht die Treppen hochschleppen, und selbst dem Herrn Papa fiel es bei Anwesenheit schwer, das dynamische, um sich schlagende, tretende, kratzende Bündel zu halten, ohne Verletzungen zu riskieren.

 

Aktuell versuchen sie es mit einem perfiden Vertrag, den sie mit dem Sohn abgeschlossen haben. Impulsgeber für diese Idee war ein netter Herr aus Stuttgart, der sich als Fan des Sohnes outete, was wiederum dem Sohn gefiel und was dem gesamten Projekt einen zusätzlichen Aspekt, eine zusätzliche Stütze verschaffte.

Der Sohn mag es, gemocht zu werden, er liebt es, geliebt zu werden, und auch wenn er es nicht zeigt wie du und ich, spüre, sehe und höre ich auch seine Liebe und seine Empfindungen. Selbst im dicksten Clinch, wenn er die Fäkalwörter-Kalaschnikow auspackt oder auch wenn er mir einfach mit hasserfülltem Blick Schlechtes wünscht oder mich nüchtern-trocken anstarrt und sagt, ich solle am besten für immer verschwinden, weiß ich, dass er mich liebt.

 

Auch von etwas Fan zu sein, hat er nun mittlerweile einzuordnen gelernt und differenziert dort zu Dingen, die er mag. Aber dass auch er Verhalten an den Tag legen kann, dass auch er Dinge im Leben tun und erreichen kann, die andere Menschen dazu bewegen, Fan von ihm zu sein.

 

Das war ihm neu und er brauchte Zeit dies, vollends zu verstehen. Dies birgt wie immer die Gefahr, dass die Anzahl an Fans plötzlich die einzig legitime Messlatte des Sohnes ist, über Glück und Unglück zu entscheiden, aber eine ziemlich dunkle Rückseite einer jeden Medaille sind wir im Umgang mit dem Sohn gewohnt.

Zu diesem Vertrag dann aber bei Gelegenheit einmal mehr.

Wir waren bei der Supermum.

Diese Mama hat nur das Beste verdient, was sich aber im unaufmerksamen Verhalten ihres Mannes und im recht ungerechten Verhalten ihrer Familie öfters ziemlich konträr verhält. Und doch kann sie sich eines sicher sein. Damals, als sie nach den hektischen Wochen der Flucht erstmals zur Ruhe kamen, versprach er ihr auf einer Bank am Wegesrand eines kleines Waldwegs, dass sie dort wieder sitzen werden, wenn sie sehr, sehr alt sind. Sie vermutlich ohne Zähne, er vermutlich ohne Haare, beide aber mit durchtrainierten Herzen. Und wenn Sie dann mit Ende 70 zurückblicken, werden sie händchenhaltend und strahlend die Ruhe finden, die ihnen zuvor verwehrt blieb, weil sie wussten, dass sie zuvor im Leben alles, aber auch alles richtig gemacht haben.

So wird es sein und an nichts anderem arbeite ich, nicht anderes motiviert mich, nichts anderes treibt mich an.

Tag für Tag für Tag.

 

Ein Gedanke zu „Superdad

  1. Anita

    Als Mutter von 4 Kindern, davon zwei autistischen Jungen, möchte ich Deiner Frau meinen Respekt aussprechen! Und ihr gerne sagen, dass sie das Recht hat, nicht immer perfekt zu sein!

    Ich weiß durchaus, wie es ist, wenn einem selbst die Luft ausgeht und man um 5 Minuten Ruhe kämpft und diese Tagelang nicht erhält. Dann hilft manchmal wirklich nur noch der Rundumschlag, um sich 1 Minute zu erringen!

    Nur dann hat man die Kraft, wieder aufzustehen und weiterzumachen!

    Ich wünsche Ihr weiter die Kraft, für die Familie da zu sein.

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