Augsburg-Köln

„Ey Schiedsrichter, das ist doch Zeitvertreib“

(Wortklaubereien meines Sohnes nach offensichtlichem Zeitspiel der Frankfurter Eintracht gegen 1899 Hoffenheim)

Ich liebe die Fachsimpelei mit meinem Sohn wenn wir mit der „Mannschaft-für-Sohn-Findungskommission“ unterwegs sind. Man spürt ganz klar eine Entwicklung in großen Sprüngen. Wenn ich  an den vollkommen desinteressiert wirkenden  Jungen denke, der mich erstmals begleitete , so sehe ich dort fast keinerlei Parallelen mehr zu dem Minigroundhopper , den ich nun dort begleiten darf. Es geschieht auch jetzt noch, dass er der Dachkonstruktion der Veltins Arena mehrere Minuten mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem Spiel, aber das gehört dazu bei ihm.

Zwei Spiele an einem Wochenende. So lautete die klare Bedingung als Entschädigung dafür, dass ich mich in der Vorwoche nicht mit dem tödlichsten aller Schnupfenarten in einen ICE gen Norden quetschen musste.

Wieder einmal war festzustellen, dass die Spielplangestalter der DFL keinerlei Rücksicht auf unser Projekt genommen haben. Verkraftet unsere Hauptstadt es wirklich nicht wenn , Union und Hertha an einem Wochenende zeitnah beide daheim spielen ? HSV und St.Pauli können nicht Samstags um 13:00 Uhr und 18:30 Uhr ein Heimspiel haben?

So versuchte ich es abermals mit einem Trick mit dem ich schon mehrfach scheiterte, dessen gelingen aber meines Erachtens nach möglich war, aus der Doppelspielnummer heraus zu kommen.

„Papsi, von welcher Mannschaft ist denn der Schiedrichter Fan?“

(Sarkastischer Sohn während Borussia Dortmund-VFL Wolfsburg kurz nach der roten Karte gegen Schmelzer.)

Kurze Rückblende.

Unmittelbar nach Feststellung des Asperger-Syndroms und der Lektüre diverser Fachmedien blickte ich natürlich auch mit anderen Augen auf die Ticks meines Sohnes. Gelernt, dass es scheinbar stupide Vorgänge gibt, die ihm enorm wichtig sind und das ihm Abweichungen von gelernten, gefestigten Routinen seelische Schmerzen bereiten.Aufzüge waren eines dieser Themen.

Gab es einen – Musste der genommen werden. Egal ob dafür noch Zeit ist oder nicht. So, auch wenn dieser überhaupt nicht funktionierte.

Arzttermine wurden abgesagt, weil die S-Bahnfahrt zur Hölle geworden wäre wenn wir in Gernlinden, unserem damaligen Wohnort einfach die Treppe runter zur S-Bahn gegangen wären, weil zum x-ten Male der Aufzug nicht funktionierte.

Überreizung, hatte ich gelesen ist diesbezüglich ein wirksames Mittel.

Es klang einfach. Ich würde einfach mit ihm in der Stadt Aufzug fahren bis er keine Lust mehr hat. Wenn er anfängt zu jammern , fahren wir noch eine Stunde und schon hat er von dem Thema die Schnauze so voll, so dass er bewusst seine eigenen Regeln bricht und nicht mehr Aufzug fahren will. Ich mache es kurz.

Nach 4 Stunden haben wir den Aufzug erstmals gewechselt, weil ich durstig war. Nach weiteren 5 Stunden mussten wir die Location wechseln , weil der Sicherheitsdienst des Glasaufzuges an der Münchener Freiheit mir meine Überreizungsgeschichte nicht abgekauft hat und nach einer weiteren Stunde musste ich abbrechen, weil ich sonst Gefahr gelaufen wäre jemandem etwas anzutun.

Mein Sohn ist zu besonderen körperlichen Leistungen fähig , weil er anscheinend Erschöpfungszustände ausblenden kann. Wir sind 10 Stunden Aufzug gefahren ohne den Hauch eines Überreizunngsandeutung. In meiner fussballerischen Karriere gab lustigerweise, eine konträre Problematik. Nach 5 Minuten- Erschöpfungszustand-Nicht ausblendbar. Aber sprechen wir nicht von mir.

„Ist Mats Hummels der beste Verteidigungschef für Deutschland?“ 

(Politisch interessierter Sohn vor dem Heimspiel des BVB gegen den VFL Wolfsburg)

 

Eiserne Regel. Samstags und sonntags steht mein Sohn nicht vor acht Uhr auf. Es sind schließlich seine freien Tage, so dass er selbst wenn er früher einmal wach werden sollte, meist fragt wie viel uhr es ist und dann bittet das man Ihm um 08:01 Uhr informiert, damit er endlich aufstehen kann. Diese Regeln sich zu Nutze machend schlug ich vor, dass wir bezüglich der zu absolvierenden zwei Spiele an einem Wochenende uns den FC Augsburg daheim gegen den 1.FC Nürnberg anschauen, im Anschluss nach München fahren, dort übernachten um am nächsten Morgen zeitig aufzubrechen , damit wir um 13:00 Uhr den 1.FC Köln gegen den SC Paderborn schauen können.  Sohn war begeistert.Die Falle schnappte zu.

Abseits? Wieso abseits? Der Spieler steht in der Mitte des Platzes und nicht auf der Seite. Wieso heisst dass trotzdem abseits?.

(Sohn mit Regelwerkfragen bei Fürth-HSV  die auch  CollinasErben ins Schwitzen bringen würden)

Freitag 14:00 Uhr, Aufbruch nach Augsburg.

Ätzend ist immer dieses kurzfristige planen. Man weiss nie so genau ob nicht am Tag zuvor eine der Regeln unsere Pläne auskontert. Die Tickets konnten erst in der Nacht zuvor geordert werden.Ich hatte noch fast die freie Wahl zwischen „sehbehindert“ und „leicht sehbehindert“. Abwechslung tut gut und wir entschieden uns für nebeneinanderliegende Plätze je einer Behinderungskategorie.

Das diese Plätze (Gegentribüne Reihe 30) trotzdem 31 € und 27 € kosten ist schlichtweg eine Sauerei. Aber o.k., wer 40 € für Stehplätze auf Schalke bezahlt hat es auch nicht anders verdient und die Auswahl des Beitragsbildes, erklärt sich nun wohl auch von selbst. Ja, das war wirklich mein Sitzplatz und ich vertrete diesbezüglich die Theorie, dass der gute Mann direkt vor mir seinen Platz gezielt ausgewählt hat; nur um Woche für Woche das dumme Gesicht desjenigen zu sehen, der den Sitzplatz bezahlt hat auf dem ich es mir nun bequem machen durfte.

Neu war für mich auch , dass wir zu einem Spiel fahren wo die Sympathien bei meinem Sohn vorab schon relativ klar verteilt waren. Als gebürtiger Augsburger war für ihn wohl logisch, dass Ausgburg gewinnen muss. „Muss“ heißt in diesem Fall übrigens „M-U-S-S“ und nicht „wäre schön“. Eine neue unschöne Erfahrung, die ich da nach dem Nürnberger Führungstreffer machen durfte. Was dies in der Konsequenz des Spielverlaufs und des finalen Ergebnisses dann im Detail für unseren Besuch bedeutete beschreibe ich vielleicht in einem der nächsten Blogeinträge.

Das spannendste an Augsburg war dann noch die mir völlig unlogisch erscheinende Organisation der Straßenbahnen nach Spielende. Nicht Bundesligatauglich. Ich glaube , ich hätte für das gesamte Stadionvolk Fahrgemeinschaften gebildet, in der Zeit wo versucht wurde Straßenbahnen zu koordinieren. Unverständlich auch, der so enorm deutlich lautere Support der Nürnberger Fans.

Erheiternd waren dann eigentlich nur noch die 20 vollkommen betrunkenen Fortuna Fans im ICE nach München, die Ihre Siegesstrategien für den folgenden Tag zum Besten gaben. Köstlich.

„Papsi,  Augsburg MUSS gewinnen, sonst raste ich aus.“

(Sohn sorgt für meine innere Anspannung in einem stinklangweiligem Fussballspiel.FCA-FCN.)

Die Falle schnappte nicht fest genug zu.

Um halb eins nachts in München angekommen fielen wir in die Betten. Einem Resümée des Spiels und der Probleme des Abends gaben wir keine Chance mehr. Überzeugt von der völligen körperlichen Überlastung eines 7-jährigen in Verbindung mit einer Notwendigkeit den zug um 7:50 Uhr zu bekommen schlief ich beruhigt ein. Das wird nix.

Der Wecker in meinem Kopf plärrte. Ich hatte aber keinen gestellt.

„Papsi,Paaaaaaapsi! Papsi!“ Wir müssen aufstehen!

Halb Sieben! Der Kerl macht mich fertig. Er hatte sich sogar schon die Hose angezogen.

Er hat sein Interesse an diesem Fussballspiel über seine festgezurrten Regeln gestellt. Ein unfassbar großer Fortschritt, der mich bei allen üblen Erlebnissen des gestrigen Abends motivierte weiter zu machen . Geduld zu haben. Nachsicht zu üben. Verständnis zu zeigen. Sich zum Obst zu machen. Zum Horst. Zum Idioten. Zu was auch immer. Das Positive überwiegt.

Unser Sohn ist geistig völlig normal, eher überdurchschnittlich entwickelt. Interessiert ihn ein Thema kann er sich bis ins letzte Detail hineinlesen und hineinfragen und sich ein schier ekelhaftes Wissenspaket aneignen.

Schwierig ist nur diese Zwanghaftigkeit. Es gibt völlig banale Dinge, die ihm seelischen Schmerz verursachen.

Vom Schulweg, bis zum Ablauf beim Decken des Frühstücks-Tisches, Bettgeh-Rituale. Alles unterliegt Regeln und Ritualen. Nicht so wild?

Wie umgeht man denn die Regel, dass man in frisch gefallenen Schnee nicht reintreten darf, wenn man morgens aus der Tür kommt und alles zugeschneit ist? Wie stellt man sicher ,dass Deutschland gegen Italien gewinnt? Wie schreibt man in der Schule jedes Mal den besten Mathe-Test? Wie repariert man einen Apfel von dem die kleine Schwester abgebissen hat? Wie repariert man ein in 1000 Splitter zersprungenes Wasserglas? Wie macht man Geschehenes rückgängig?

Tausende Regeln. T-a-u-s-e-n-d-e! Und jede gebrochene Regeln führt zu Tränen und Trauer und seelischem Schmerz und üblen Ausrastern. Die Ausraster sind mir aber lieber. So lange er mich beschimpft und anschreit hat er selbst keinen Seelenschmerz, denke ich mir.

Er hat, ein vom Papier her nicht einmal sonderlich spektakuläres Zweitligaspiel mit mehrstündiger Anreise über die Einhaltung seines Regelwerks gestellt.  Hennes würde den Harlem Shake tanzen wenn er wüsste was das bedeutet.

Er stritt zwar den ganzen restlichen Tag ab, dass wir so früh aufgestanden sind, aber diesen Selbstschutz kannte ich bereits. Als es uns nach 4 Jahren und gefühlten 137 Anläufen gelang einen Friseur zu besuchen erzählte er uns auch im Anschluss die Geschichte des Schnippinators den er besucht hatte. Es muss sich seiner nach Beschreibung um eine Friseurähnliche Berufsgruppe handeln. Zu einem Friseur würde er schließlich niemals gehen.

Nun also Köln. 4,5 Stunden Zugfahrt lagen vor uns. Genügend Zeit um über das Vorabend Erlebnis nachzudenken.

 

„Papa, bin ich jetzt eine Legende?“

( Fussballhistorisch interessierter Sohn nach dem ersten Fussballtraining und einem Abstaub-Abprall-Zufallstreffer gegen einen 3 Jahre jüngeren Bambinitorwart)

 

Soso, Köln. In Verbindung mit meiner abgeschlossenen Fanfindung wäre ein EFFZEH-Sohn wohl so ziemlich das letzte was man im Hause gebrauchen kann. Ich wehrte mich intensivst dagegen meinen Sohn unterschwellig zu beeinflussen.

„Gut, dass wir nicht geduscht haben; Sohn. Wir fahren nach Köln. Wir müssen uns anpassen“

Gedacht, doch nicht gesagt und mittlerweile auch mit anderen Sorgen ausgestattet. Dank meiner für alle Vereinsfarben offenen Twitter Timeline lassen sich trotz unserer knappen Anreisen immer noch kurzfristig wichtige Informationen einholen. So erfuhr ich auch, dass es bei Anstoss 13:00 Uhr und Ankunft 12:20 Uhr am Kölner HBF knapper werden könnte als ich vermutete.

Für mich stellt es kein großes Problem dar den ganzen Eröffnungsfirlefanz zu verpassen und vielleicht erst zur 5. Spielminute einzutreffen, aber  mein Sohn hat in Verbindung mit unseren Touren klare Regeln. Wir müssen jede Mannschaft mindestens einmal im eigenen Stadion sehen.

Und…..

es darf keine Spielsekunde verpasst werden.

Diese Regel stellt uns beim Toilettengang schon vor Herausforderungen , aber selbst das klappte bisher.Diesmal sollte es schon bei Anreise  nicht funktionieren. Trotz Umstieg ins Taxi nach Ankunft wegen verpasster Bahn und einem sehr optimistischem Taxifahrer:

„Janz , janz locker pack mer doss“

Wir hasteten die Treppe des Blocks O18 hoch als der Anpfiff ertönte. Die gesetzlichen Vorgaben der „Mannschaft-für-Sohn-Findungskommission“  kennen in diesem Fall keine Grauzone. Das Spiel wird nicht gewertet. Das bedeutet wir müssen innerhalb dieses Projekts erneut nach Köln reisen um ein Heimspiel des 1.FC Köln zu sehen. Ein Umstand den mein Sohn ausserordentlich genoss. Er ging also auch mit diesem  Regelverstoß entspannt um. Anscheinend hatte er realisiert , dass dies das Projekt in die Länge zieht.Mehr Spiele, mehr Stadien,mehr Touren.

Der Weg scheint das Ziel und dieser Umstand ist ebenfalls eine mehr als wichtige Erkenntnis für mich.

„Der Wiese sieht auf dem Kopf aus wie meine Playmobilfigur“

(Sohn in der Beurteilung von Spielerfrisuren beim Heimspiel der Eintracht aus Frankfurt gegen TSG Hoffenheim)

Der EFFZEH arbeitete übrigens mit allen Tricks um innerhalb unseres Projekts meinen Sohn auf die dunkle Seite des Rheins zu ziehen. Mein Sohn mag den 1.FC Köln. So viel kann ich auch ohne Beendigung des Projekts schon sagen. Warum?  Ihm gefällt das Geissbockgeblöke vor dem Anzeigen von Zwischenständen aus anderen Stadien. Tolles Kriterium,oder?

Es ist ein total beruhigendes Gefühl tausende von Euro und unendlich viele Stunden in ein Projekt zu investieren an dessen Ende das Ergebnis vom Brunftschrei eines alten Ziegenbocks entscheidend beeinflusst werden könnte. Was mache ich da eigentlich?

Es gibt erste Tendenzen Mannschaften betreffend , die er definitiv nicht mag , aber auch Mannschaften für die mein Sohn Sympathien hegt. Zum Teil mit irrwitzigen Begründungen , zum Teil erstaunlich fundiert. Noch ein bis zwei Touren und es gibt ein kleines Zwischenfazit.

 

„Setz Dich jetzt sofort neben mich!“

(Sohn sitzend inmitten der Stehplätze in der Schalker Nordkurve gegen Fortuna Düsseldorf  während die Menge skandiert: Steht auf , wenn Ihr Schalker seid!)

 

Äh, Bayernschwein ?

Oha, fast vergessen.  Eigentlich nur 1/50 Byernschwein.

Sollte Euer Verein noch in den Genuss eines Auswärtsspiels beim FC Augsburg kommen nutzt die einmalige Gelegenheit in der Braukneipe 1516 eine Schweinshaxe zu geniessen.

Durch direkte Nähe zum Hauptbahnhof versammelt sich dort sowieso das Fussballfanvolk, aber ganz im Gegensatz zu anderen bahnhofsnahen Speisenrestaurants wird hier hoher Wert auf Qualität gelegt. Die Haxn sind von  Bayernschweinen und gemeinsam mit der Sauce basierend auf dem selbstgebrauten 1516 Bier definitiv ein Gedicht.

***Kontextlücken? Passiert und liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass ich manchmal vergesse, dass vielleicht jemand den Ursprung meiner „Bayernliebe“ oder den Anlass der „Mannschaft-für-Sohn-Findungskommission“ nicht gelesen hat.

Zur Hilfestellung:

Hintergründe zur „Mannschaft-für-Sohn-Findungskommission“ findest du hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Augsburg-Köln

  1. der 8. Tag

    Wie schön, dass so herrlich „nebensächliche“ Kleinigkeiten den großen Unterschied ausmachen…

    Vielleicht weil wir neben Hennes und Leiden(schaft) sonst nicht viel zu lachen haben und es trotzdem leidenschaftlich gerne tun?!

    Willkommen beim FC und…
    Wie schön, dass Ihr mindestens noch einmal in das gelobte Land wiederkehren werdet!

    Am 8. Tag schuf Gott den 1. FC Köln

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