Todt und Haas zum FC Köln

Irgendwie hatte ich am Samstag Morgen das Gefühl, der Horror-Trip nach Aalen gehörte dazu. Wie das Tal vorm Gipfelaufstieg oder ein notwendiger langer Anlauf vorm großen Sprung. Nur war es hier eben das Ertragen eines torlosen Grottenkicks in einem Umfeld, wo Fußballliebhaber sich Augen und Ohren brechen.

Samstag Morgen, 09:00 Uhr. Die Regionalbahn aus Leipzig spuckt den Sohn und mich auf den Cottbusser Bahnhof. Hinter uns liegt eine der übelsten Nächste, die wir erleben durften, aber um die wunderbare Fortuna aus Düsseldorf nicht unnötig zu belasten, wertete ich dies noch als Abreise aus Aalen und nicht als Anreise nach Cottbus.

Wer noch nicht auf einer dieser Pritschen im CityNightLine-Zug geschlafen hat, stelle sich einfach vor, wie man auf einem Kinderschreibtisch schläft. In dem Fall nur eben nicht alleine, sondern gemeinsam mit dem Sohn. Normalerweise sind das Highlight-Momente.

Körperkontakt ist nicht so seins. Das beginnt mit dem verweigertem Handschlag zur Begrüßung und endet damit, dass man ihn nicht umarmen darf und kann. Ggf. lässt er dies nach mehrminütigen Überredungen zu, verkrampft dann aber so, dass es sich anfühlt, als würde man einen Baum umarmen. Daher genieße ich eigentlich die Bettgehzeiten. Daheim klettere ich manchmal mit in das viel zu kleine Hochbett, um den ersten Klängen der Podcasts mit zu lauschen, und mich an den Sohn ran zu kuscheln. Er muss mich nicht täglich abknutschen oder umarmen, aber der körperliche Kontakt fehlt.

Daher hätte ich es eigentlich genießen müssen. Sohn und ich nächtigten auf einem dieser Feldbetten innerhalb dieser Bahn-Liegebatterien. Die Vorzüge dieser Art zu reisen kann man ja ganz gut hier nachlesen. Jay-Jay schlummerte schon nach wenigen Sekunden.

Ich erst so gegen fünf Uhr. Die Enge machte mich fertig. Um halb sieben kamen wir dann in Leipzig an. Schmerzender Rücken, doch ich hatte einen Auftrag zu erfüllen. Im Rahmen des Projektes war es meine Aufgabe, mit größtmöglicher Objektivität und der notwendigen respektvollen Neutralität dem FC Energie Cottbus die Ehre zu erweisen und ihm die faire Chance zu geben, das Herz des Sohns zu erobern. Unglücklicherweise besorgte ich Karten für den Gästeblock, und zur Vorbereitung auf den Trip blieb uns auch nur die DVD: „Fortuna Düsseldorf-Nie mehr Oberliga“.

Eine Dokumentation über die Zeiten der Fortuna in der Viertklassigkeit. Zu allem Überfluss landeten wir auch noch vormittags auf eine Tässchen Kaffee ausgerechnet in dem Hotel, in dem, die Jungs ihre Nacht verbrachten, und wo wir kurz vor Abfahrt zum Stadion noch ein paar Schnappschüsse machen konnten .

Warum, und für wen auch immer, wurde in der Woche vor Reiseantritt ein Fortuna-Düsseldorf-Trikot in Größe 140 angeliefert, und auch die Cottbusser Lokalpresse titelte:

„Ein (vorerst) letzter Versuch.“

Passend. Einen letzten Versuch wollte auch ich wagen.

Wir lasen nur einen einzigen Brief auf dieser Tour, der eigentlich an den Sohn gerichtet war, mich aber dennoch ansprach und den wir bisher noch nicht veröffentlichten.

Wie schön muss es sein, gemeinsam mit dem Sohn die Chants auf den Rasen zu schreien, das gleiche Team voller Leidenschaft zu supporten? Der Autor empfahl die Entscheidung des Sohnes stärker zu beeinflussen. Vielleicht unbewusst.

 

Also warum dem Sohn dann die große Wahl lassen? Habe ich nicht als Vater auch eine Fürsorgepflicht? Wie steht er denn dann da, im Turnunterricht, als Kolner oder als *Setzen Sie hier den zu dissenden Verein nach Wahl ein*.

Nein, ein letzter Versuch steht mir zu. Es ist meine Pflicht als Vater, ihm nur das Beste zu gönnen, und ihm den rechten Weg zu weisen und ihn fern zu halten von all den bösen kinderfangenden Provinzvereinen.

Ankunft, und wir wurden erwartet.

1501488_221951801318864_1641751570_o

Direkt nach Ankunft am Stadion der Freundschaft, Block O, fühlte ich mich in meiner Vorgehensweise bestätigt. Wir lernten Marc und seinen Kumpel am Würstchenstand kennen. Nach kurzer Konversation über die Qualität der Speisen und der Feststellung, dass man nach dem Frikadellenkauf auch die Pappunterlage mit verspeisen kann, ohne einen Unterschied festzustellen, landeten wir schnell beim Sohn. Erstmals auf der gesamten Tour, dass ich aktiv darauf angesprochen wurde, was vielleicht aber auch an dem verständlichen Mangel an Kindern im Gästeblock beim Spiel in Cottbus lag. Wir wechselten zwei oder drei Sätze, und die Jungs fühlten sich in Ihrem Ehrgeiz gepackt.

„Aalen-Fan kannst Du ja werden, so lange du kein *ölner wirst.“

„Am besten wirst Du einfach Fan des geilsten Clubs der Welt – werde Fortuna-Fan! Komm auf die Rheinseite, wo die Sonne scheint. Sag mal, hast du denn schon Fortuna-Düsseldorf-Aufkleber?“

Sprachen es kaum, und versorgten den Sohn mit diversen Klebematerial.

„Hömma, isch mach dich mal `nen Vorschlag. Ich besor(s)ch Dir und Deinem Papa Tickets für das Spiel gegen den Ziejenverein nächste Woche, und dafür versprichst Du mir, dass du kein *öln-Fan wirst. Magst du Ziejen? Schmecken sowieso nicht.“

Der Sohn überlegte. Er wollte gerne zu diesem Spiel. Marcs Kumpel fackelte nicht lange, gab mir seine Telefonnummer, und versprach mir, bis Dienstag zwei Tickets für mich zu reservieren. Danach würde er sie weggeben.

Im Stadion platzierten wir uns ca. drei Meter hinter dem Podest des Capos. Sohn sollte nichts verpassen. Ich musste mich gesondert disziplinieren, denn es ist für mich dann eben schon was anderes, mit dem Sohn Hertha BSC gegen Schalke von der Haupttribüne zu schauen, oder eben den Verein, für den das eigene Herz schlägt. Sohn war vermutlich zunächst etwas erschrocken. Bei unserem einzigen echten Gästeblockauftritt in Nürnberg gegen den BvB ordneten wir uns heimlich still und leise in der hintersten Reihe ein. Nun waren wir mittendrin und Papsi gab alles.

Der Sohn war zunächst irritiert und verschüchtert, da er Papsi auch noch nicht wild schreiend und singend im Stadion gesehen hat. Die ersten Versuche, den Sohn zum Mitmachen zu animieren, scheiterten demnach auch kläglich, und Papsis emotionaler Höhenflug wurde dann auch jäh vom Cottbusser Team gestoppt.

1:0 Cottbus.

Der Sohn fand es lustig. Er beobachtete zunächst das Kamerateam der Polizei, welches sich zwischenzeitlich im Nachbarblock platzierte, um mich unmittelbar nach dem Treffer grinsend zu fragen:

„Warum singst du nicht mehr?“

Er genoss sichtlich die Schockstarre und Frustration im gesamten Gästeblock.

„Du regst Dich über die Bayern auf, dass man vorher schon weiß, wie das Spiel ausgeht. Bei Fortuna Düsseldorf ist das doch genau so.“

Der Trommler verrichtete wieder seine Arbeit, und ich tat so, als hätte ich den Sohn nicht verstanden.

„Gut, dass ich die Jacke anhabe und keiner das Trikot sieht, dass ich anhabe.“

Was sollte ich tun? Ich konnte ihn schlecht später zurücklassen am Cottbusser Bahnhof.

Allein. Als 8-jährigen.

Aber seine Klugscheißerei und seine Spitzen nervten und taten weh. So oft ich mich darüber auch belustigen konnte. Dies war kein Zeitpunkt zum Scherzen.

Doch der Fußballgott hatte ein Einsehen. Der Doppelschlag für die Düsseldorfer Fortuna ließ dann doch eine ganz nette Blockstimmung entstehen und der Sohn murmelte, wenn auch ganz leise, erste Fangesänge mit.

Papsi war stolz wie Oskar. Vergessen die Leiden in Aalen. Der Sohn hüpfte im Block unter dem Getöse der Fortuna Anhänger:

„Wer nicht hüpft der ist ein Kölner. Hey! Hey!“

Das Leben kann so schön sein.

Ich war mir sicher, dass der Sohn nun den Einstieg zu seinem Verein gefunden hat, und wenn wir nächste Woche zu Hause gegen den EFFZEH nachlegen, dann ist der Liebe zum richtigen Verein nichts mehr entgegen zu setzen.

Leider sahen dies der Capo und große Teile aktiven Fortuna-Fans wohl etwas anders. Ein Anti-Köln Gesang folgte dem anderen. Keiner der Gesänge war besonders einfallsreich oder kreativ, und es störte ungemein, denn ich hatte eigentlich überhaupt keinen Bedarf, jetzt an den Verein auf der anderen Rheinseite zu denken. Warum auch? Ich verstehe ja die Rivalität, und bin auch großer Befürworter davon, dieser Rivalität kreativ Ausdruck zu  verleihen, aber hier? In Cottbus? Beim Stande von 2-1 gegen deutlich spielstärkere Cottbusser?

„Tod und Hass dem FC Köln“  schallte es, wenn auch nicht von der gesamte Meute aus dem Block.

Der ein oder andere Gesichtsausdruck ließ den Rückschluss zu, dass diesem Wunsch wohl mehr echtem Willen zuzusprechen ist als man vielleicht den Anschein hat.

„Was singen die?“

„Ach, es geht um zwei ziemlich schlechte Spieler. Todt und Haas. Die Düsseldorfer wollen gerne, dass die zukünftig in Köln spielen, weil die so schlecht sind.“

Der Sohn grinste. Das war immer ein gutes Zeichen, wenn es darum ging, ihn mit einer Notlüge vor Kraftausdrücken und heftigeren Chants der Fanszenen zu bewahren.

Die Geschichte der Spieler Todt und Haas kaufte er anscheinend genauso, wie die darauf folgende Story über die berühmte Kölner Glut, von der gesungen wurde.

Ich ließ mir die Laune nicht verderben. Das Spiel verlief geradezu ideal. Der Sohn wechselte in seinen klassischen Gesten und Körperspannungen zwischen positiver Anspannung und ausgelassener Freude.

Mehr geht nicht!

Nach Spielschluss kamen die Spieler direkt zum Gästeblock und Erat stieg auf den Zaun und brüllte mit Feuereifer etwas Undefinierbares in unsere Richtung.

Pure Freude. Schön anzusehen.

Jay-Jay wirkte nach Spielende erstmals sichtlich ergriffen. Wir verblieben noch ein wenig im Block und er eroberte sich den Platz auf dem Capo-Turm.

1512762_221947501319294_1370642954_n

Bis Berlin sprachen wir kaum miteinander, als Jay-Jay plötzlich anfing zu grinsen.

Ich bekam eine leichte Gänsehaut, als ich ihn dort so im Fortuna-Trikot sitzen sah.

„Warum grinst Du so?“

„Ich muss über Dich lachen.“

„Warum?“

„Weil Du mir immer so lustige Geschichten erzählst zu den Gesängen von den Fans, und dann denkst, ich glaube sie Dir.“

„Ich verstehe nicht ganz.“

„Ich weiß ganz genau, was die gesungen haben vorhin. Ich wusste das auch schon ganz genau in Hoffenheim und auch in Freiburg.“

„Aber warum sagst Du mir das nicht?“

„Ich finde es lustig zu sehen, wie Du Dir immer irgendeinen Unsinn einfallen lassen musst.“

„Mmmh, o.k., mache ich nicht mehr. Na ja, wenigstens haben wir die Kölner aussortiert.“

„Wieso?“

„Du bist doch gehüpft ohne Ende, bei „Wer nicht hüpft, der ist ein Kölner!“.

„Ja, ich wäre aber auch gehüpft bei jedem anderen Namen – ich bin ja kein Kölner, aber eben auch kein Münchener, Düsseldorfer oder Hoffenheimer

Deswegen habe ich mich ja auch damals gesetzt, als sie gesungen haben: Steht auf, wenn ihr Schalker seid.

Ich habe mich noch nicht entschieden.“

„Aber Jay-Jay, wenn Du Fortuna-Fan wirst, könnten wir noch Karten für das Spiel gegen den FC *öln bekommen.“

„Kannste absagen. Die verlieren sowieso“

So endete unsere Tour, die uns von der Heimat nach Aalen und von Aalen nach Cottbus führte, nach vom Sohn handgestoppten 36 Stunden und 15 Minuten.

Kaputt und glücklich. Also der Eine das eine und der Andere das andere.

 

Ein Gedanke zu „Todt und Haas zum FC Köln

  1. Kiezkicker

    Tja, das er dir die Stories nicht wirklich abkauft, hatte ich dir, glaube ich, schon bei deinem Festivalbericht vor einem halben Jahr oder so geschrieben…
    Ernsthaft: Wundert dich das? Oder hattest du es wirklich erwartet?

    Antworten

Kommentar verfassen