Vergebene Herzen

Heute darf ich einen Text außerhalb unseres Projektes veröffentlichen. Quasi eine Art Gastbeitrag außerhalb der vielen lieben Briefe, die Jay-Jay erhalten hat. Alle diskutieren über die Traditionsvereine und deren böse Gegenüber. Nina wollte sich ein Bild machen und hat den FC Ingolstadt direkt vor Ort an einem besonderen Spieltag angeschaut. 

Es ist schwer vergebene Herzen zu gewinnen und neue Emotionen zu schüren.

Wow was für ein Tag. Was für ein historisches Ereignis. Okay die Emotionen sind noch frisch. Deswegen zurück zum Anfang.

Ich wollte eigentlich nicht hin. Wegen schlechtem Gewissen: Als Fan eines anderen Vereins steht es mir nicht zu, zu dem wichtigsten Spiel seit Bestehen des FC Ingolstadt 04 einem Anhänger des Vereins eine Karte „weg zu nehmen“. Nachdem ich sehr freundlich dazu ermuntert wurde und mir nachdrücklich eine Karte angeboten wurde, freute ich mich auf dieses Erlebnis.
Ich wußte nicht, was mich erwartet. Neues Stadion und einen Verein, den ich nur vom Hörensagen und durch Medien kannte.
Meine Nervosität am Spieltag hat mich ebenso erstaunt, wie die Unkompliziertheit rund um das Stadion.
Ich wurde herum geführt und Fans erzählten mir von ihrem Club. Der Gedanke der sich mir immer mehr aufdrängte: wow was für ein Glück diese Fans, Verantwortliche und alle die dazu beitragen haben: Sie können gerade das erleben, was in allen anderen Vereinen längst so lange her ist, dass es keine Zeitzeugen mehr gibt. Sie erleben das Jahr 1910, 1920, 1919 vom FC Bayern, FC St. Pauli oder dem BVB. Sie erleben die Geburt und das Heranwachsen eines – ihres – Vereins.
Jeder Verein fing klein an. Mit ein paar Enthusiasten, die mit viel Engagement diese Idee vorangetrieben haben. Vermutlich war es rund um 1900, als die meisten Vereine sich gegründet haben, sehr viel einfacher als heute. Damals war es Mainstream. Damals gab es noch keine Fanzugehörigkeiten. Diese haben sich erst gebildet. Die Herzen wurden erst verteilt. Die Lager waren am entstehen, die Strukturen noch fließend.

2015-06-02 22.49.53Heute muss man dafür kämpfen. Ja richtig kämpfen. Man muss Mut haben, einfach so einen Verein aufzubauen. Gegen alle Vorurteile und bestehenden Fanzugehörigkeiten.
Der finanzielle Hintergrund ist das geringste Problem. Ohne Sponsoren, Aktien oder Mäzenen kommt heutzutage keine einziger Verein aus. Da gibt es keinen Unterschied zu den etablierten „Traditionsvereinen“. Das ist das Geschäft Fußball. Wir wären alle nicht so vernarrt in diesen Sport, wenn es nur darum ginge. Wir lieben diesen Sport, weil wir mit ihm leiden, jubeln und weinen. Wir lieben die Emotionen, die wir damit verbinden. Das macht uns zu Fans dieses Sports. Das macht uns zu Fans eines für uns bestimmten Vereins. Diesem schenken wir unser Herz und leiden, jubeln und weinen fortan mit diesem. Ist einmal das Fanherz an einen Verein geklammert, trennt es sich selten wieder von diesem.
Deswegen ist es mutig, heutzutage einen neuen Verein zu gründen: Es ist schwer eine Fanbasis aufzubauen. Es erfordert mutige Fans, sich zu dieser Idee als erste zu bekennen.
Überhaupt wieso und wann wird man Fan eines Vereins? Die Fußballverrückten sind überschaubar und deren Fanherzen meist schon vergeben. Da gehört eine Menge Vertrauen und Mut dazu, inmitten dieser erstarrten Strukturen etwas Neues entstehen zu lassen. Für junge Vereine ist das Geschäft Fußball kein Problem. Die Emotionen aufzubauen, ist die Herausforderung mit der neue Ideen stehen und fallen.
Umso mehr hat mich die bereits nach 10 Jahren entstandene Fanbasis vom FCI beeindruckt.
Ständig hatte ich den Eindruck: hier entsteht was. So eine Chance bekommt kein anderer Fan, Verantwortlicher und sonstiger Beteiligter. Eine einmalige Chance: die Mitgestaltung der Geburt des FC Ingolstadt 04. Die grundlegende Steuerung in die eine oder andere Richtung kann noch eingeleitet und korrigiert werden: welche Werte möchte ich mit diesem Verein vertreten, wo engagiere ich mich, wofür stehe ich?
Alle anderen Vereine haben schon lange ihre Geschichten und Ausrichtungen. Klar kommen neue dazu. Die meisten jedoch sind nichts Außergewöhnliches. Hier passiert gerade Außergewöhnliches. Und zwar mit Hand und Fuß. Nichts Gekünsteltes. Etwas Profundes. Etwas was mit beiden Beinen im Boden heranwächst. Hier wird in diesem Moment Historie geschrieben. Und zwar der Anfang der Geschichte. Es ist die Zeit in der Legenden entstehen. Die Aufstiegsmannschaft bleibt auf Ewigkeit einzigartig. Es sind die Pioniere, von denen andere Vereine nur noch in ihren Chroniken nachlesen können. Chroniken, die in manchen Vereinen mit akribischer Arbeit neu erarbeitet werden müssen, passieren hier gerade.
Vielleicht täusche ich mich und dieser Eindruck, der sich mir als Außenstehendem Fan aufgedrängt hat, ist von Innen gesehen anders. Ich hoffe ich liege richtig und es ist der Beginn einer wunderbaren Geschichte.
Danke an die Fans des FC Ingolstadt 04, dass ich daran Teil haben durfte.

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