Wildparkrebellen

„Die Mannschaftsaufstellung unseres Gastes aus Düsseldorf wurde Ihnen präsentiert von der Trauerhilfe Stier.“

Ich mag ja den subtilen Humor mancher Fußballvereine und Vereinsverantwortlicher. Nicht zwingend auf dem Niveau von Kopf und Puck, SUlidarität oder „Doping im Fußball bringt nichts“-Aussagen. Spiel-des-Jahres-Gehype und der mediale Umgang mit Maskenjubel verursachen ebenfalls fieseste Darmreizungen, die letztendlich dann nur noch getoppt werden von den zigtausend Kommentaren, die vehement ins Pro- oder ins Kontra-Horn blasen. Das macht es nicht immer einfach.  Aber so ein kleiner Marketingverantwortlicher, der der Karlsruher Trauerhilfe Stier diesen Werbeplatz verkauft hat, verdient meinen vollen Respekt.

Ironie und Humor. Davon ist in den letzten Wochen und Monaten genug abhanden gekommen.

Mir persönlich zumindest.

Im Rahmen des Projektes mit meinem Sohn habe ich ja bei den allermeisten Spielen einen nicht unbedingt typischen Blickwinkel. Ich sympathisiere manchmal vielleicht mit einem Verein, aber im Grunde genommen, ist mir der Ausgang des Spiels völlig egal. Hauptsache, es unterhält Jay-Jay und mich. Das heißt, ich entdecke bei vielen Spielen Dinge, die mir bei einem Spiel meines Vereins kaum auffallen würden. Wie verhält sich der Gästeblock? Was hängen für Banner bei den Heimfans? Wie führt sich der Trainer auf? Was für einen Job machen die Securitys? Wie verhalten sich die Menschen unmittelbar um mich herum? Ich saß schon neben Mitzuschauern, die während des Spiels mehr mit der Handy-App „Quizduell“ beschäftigt waren, und stand schon neben dem potentiellen Herzinfarktkandidaten, der gefühlte zwei Schachteln Camel durch seinen ungepflegten Schnauzer zog, und sich immer auf seinen monströsen Bauch aschte. Ich sah den popelnden Caterer, den übereifrig-freundlichen Security, den schlafenden Ersatzspieler und den pubertierenden, den Spielern den Mittelfinger entgegen streckenden Nachwuchsultra.

Ich bin nicht immer zwingend im Spielgeschehen gefangen, wenn es uns nach Aalen oder Mainz verschlägt. Schlimm eigentlich. Vermutlich bin ich ein Eventfan.

Vielleicht sogar ein bekennender Event-Fan. Ich mag es, bei diesen Touren mit dem Sohn das Drumherum zu beobachten und nur zu schauen, wie der Sohn all dies aufsaugt. Mir gelingt dies bei Spielen meines Vereins nicht. Da bin ich im Spielfiebertunnel gefangen. Kann meine Mannschaft den Rückstand drehen? Wie wird sich der eingewechselte Youngster X heute schlagen, nachdem er beim letzten Spiel versagte? Wird Y zum dritten oder vierten Male eine solide Partie abliefern, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass er am Ende der Saison nach Beendigung der Leihe zurück zu seinem Verein kehren wird? Was würde ein Punkt in der aktuellen Tabellensituation bedeuten?   Ich bin eigentlich gar nicht so der Fan des schönen Fußballs, so wie sich schöner Fußball heute zu definieren scheint. Achtundzwanzigtausend Ballkontakte, möglichst lange Ballbesitzphasen, idealerweise prozentualer Ballbesitz von mindestens X%. Sich graziös verschiebende Viererketten, absichtliche Ballverluste in der gegnerischen Hälfte um dem dann aufrückenden Gegner mit intensivem Pressing in der Vorwärtsbewegung und in somit defensiv ungeordneter Formation zu überfallen oder auch das berühmte Stellungsspiel.

Das interessiert mich irgendwie alles nicht die Bohne. Ich kann es aber nachvollziehen, wenn sich jemand als Fan eines Vereines daran erfreuen kann. Ehrlich. In jedem Spiel eine Vielzahl an wunderschön herausgespielter Tore, klare Siege, gleich in welcher Formation. Es ist nicht so, dass ich das nicht für meinen Verein mal nehmen würde. Für eine gewisse Zeit. Oftmals ist der Spannungsmoment ja nur möglich, wenn man die Faktenlage im Überschwang der Gefühle gänzlich beiseite lässt.

Vielleicht nervt mich diesbezüglich dann auch das Gejammer weit vor dem Spiel, wenn einer der fünfzehn Nationalspieler sich verletzt hat, während ich weiter lernen muss, auch in der siebenundachtzigsten Minute noch von der unerreichten Schönheit des wohlplatzierten Tacklings eines technisch nur marginal beschlagenen Spielers meines Teams in der zweiunddreissigsten Minute zu zehren. Das funktioniert erstaunlich gut. Mir gelingt es, geradezu jedem Spiel meines Vereins eine positive Note zu entnehmen und das, obwohl sich, selbst für mich recht schnell und sehr deutlich offenbart, an wie vielen Ecken und Enden es im Spiel meines Teams hapert. Aber nun gut, ich bin ja auch einer der besten unter den achtzig Millionen ausgebildeten Fußballexperten in Deutschland.

Ich habe dafür schon einmal reichlich Prügel bezogen, aber ich glaube, um die volle Gefühlsbandbreite erleben zu können, muss man sich zumindest einmal vorstellen können, als Absteiger der ersten Bundesliga zu Hause sechs Stück gegen den SC Paderborn eingeschenkt zu bekommen. Das erdet, und öffnet die Augen für die Schönheit eines dreckig-glücklich errumpelten 1-0 in der Nachspielzeit. Aber doch ist es schön, so wie es ist. Der gleiche Sport bietet einen Vielzahl an Perspektiven, warum man ihn oder Verein X oder Y gut finden kann.

Wir waren bei dem, was mir abhanden gekommen ist. Ich habe immer mehr den Eindruck, mich in einem sehr unglücklichen Minderheitenlager zu befinden. Was ich mich oftmals frage ist, ob es noch Vereine oder zumindest Spiele gibt, wo insgesamt die Mehrzahl an Zuschauern Fußballfans sind?

Ich bin Eventfan und Fußballfan. Ich kann ein spannendes, abwechslungsreiches, dramatisches Spiel genießen. Egal, welche Vereine daran beteiligt sind. Und ich kann ein Spiel meiner Mannschaft genießen. Egal, wie grottig und scheinbar lustlos mir die Spieler ihre Leistung auch vor die Füße rotzen.

Aber ich habe ein echtes Problem mit diesen Event-Fans, die sich selbst als Event sehen.

Eskaliert ist es glaube ich dann durch die Diskussion um Rasenball Leipzig.

Ich mag dieses Konstrukt nicht. Ich differenziere da deutlich zwischen dieser Marketingplattform und einem vielleicht ebenfalls am Reissbrett geplanten Verein, der aber nicht zwingend das Ziel hat, ein separates Produkt werbewirksam zu platzieren. Seltsamerweise unterscheide ich auch diesbezüglich noch einmal zu Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg. Vielleicht bin ich also ein wenig Fußballromantiker. Keine Ahnung. Ich möchte einfach RB Leipzig kacke finden dürfen, ohne in die antisemitische Ecke gestellt zu werden, oder den Eindruck zu erwecken, mit den Regeln des Kapitalismus nicht vertraut zu sein. Mir fallen zudem irgendwie nicht so ganz viele Vereine ein, die komplett ohne Unterstützung der Stadt, des Landes oder ohne Bevorzugung bei Fernseh- und Pay-TV-Gelderverteilung klar gekommen sind, oder zumindest ihre Daseinsberechtigung in der ersten oder zweiten Liga durch dumme Entscheidungen auf Führungsebene eigentlich längst verwirkt haben müssten.  

In keinem der Fälle würde ich mich aber erdreisten, mich so aufzuführen, wie große Teile der Anhängerschaft des Karlsruher SC in der jüngeren Vergangenheit. Sie bilden aber nur die widerliche Spitze der Geschmacklosigkeiten, die man im Kontext zu RB Leipzig in der Vergangenheit erleben durfte.

Ich hätte mir, was das Thema angeht, mehr sachliche Kritik oder zumindest ein höheres Maß an Kreativität gewünscht. Ob das unterm Strich aussichtsreicher gewesen wäre? Nein. Aber das stupide, geschmacklose Gebashe nervt.

Ich hatte auch kurzzeitig überlegt, mit Jay-Jay zu sprechen und Leipzig einfach aus dem Projekt zu nehmen. Einfach nicht hinfahren. Es ist nicht so, dass ich Sorge habe, Jay-Jay könnte sich ausgerechnet dort in SEINE Mannschaft verlieben, ich hätte es eher als kleinen Beitrag für mich persönlich gesehen. Dort keine Eintrittskarte zu kaufen hätte in kleinstmöglichem Maße erst einmal bedeutet, dass ich das Konstrukt nicht finanziell unterstütze. Nun gut. Sie hätten den Schaden sicherlich verkraftet. Und da diese „Kauft nicht da“-Nummern nicht erst seit gestern unter aller Sau sind, war dies eigentlich schnell vom Tisch. Spätestens aber die Hetzjagd der letzten Wochen hat mich final überzeugt, dass es richtig wäre, hinzufahren. Einfach mal sich selbst ein Bild machen.

Und schuld sind eigentlich diese ganzen Event-Fans. Ob in Maleranzügen gekleidet, mit medizinischem Gesichtsschutz die „Seuche“ bekämpfend oder mit zweifelhaften Bannerbotschaften ausgerüstet. Die Kurven, die dem Support des Teams dienten, verkommen mehr und mehr zur Plattform irgendwelcher Ego-Trip-Spinner, die sich zeitgleich über den Klatschpapper auf der Haupttribüne mokieren, wohlweislich unterschlagend, dass dieser seinen Sitzplatz zumindest nicht als Bühne für sein eigenes Ego, für seine Form der Selbstdarstellung und Aufmerksamkeitshascherei nutzt. Viel zu selten habe ich letzter Zeit den Eindruck, dass es bei Bannern oder Aktionen um die Botschaft an sich geht, sondern vielmehr um die Personen dahinter und ihre scheinbar hippen Ansagen um sich abzugrenzen oder um sich über Teile der Mitbesucher eines Stadions zu erheben.

 

Echte Fußballfans sind also deutlich in der Unterzahl. Nun gut, aber gelingt es uns vielleicht trotzdem, Grenzen unter den Event-Fans und den echten Fußballfans abzustecken ?

Ich hatte neulich die Gelegenheit mit einem etwas älterem St.-Pauli-Fan zu sprechen. Er erzählte sehr anschaulich von seinen Besuchen am Millerntor Ende der Siebziger. Es war die Zeit, in der ein Spieler noch ganz selbstverständlich ungestraft als Schwuchtel bezeichnet wurde, weil er heute nicht seinen besten Tag hatte. Er beschrieb mir en detail die Phase vom Beginn, wo der erste „Schwuchtel-Rufer“ aus dem Block geworfen wurde. Es dauerte wohl eine Weile, bis das jeder begriffen hatte, aber der Block war sich einig, dass es unduldbare Aussagen gibt, die man stoppen kann, wenn man die Störenfriede konsequent belangt. Dies geschah oftmals mit Unterstützung des Ordnungsdienstes, so dass es nicht all zu lange dauerte, bis jedem klar war, dass er sich bei einem Besuch am Millerntor mit homophoben und rassistisch geprägten Aussagen keinen Gefallen tut.

Warum bekommen wir das fünfunddreissig Jahre später nicht hin? Warum wird nicht eingegriffen, wenn Spieler auf Grund ihrer Hautfarbe beschimpft werden oder Schiedsrichter mit homophoben Tiraden attackiert werden? Ab wie viel Euro Gehaltserhöhung werde ich zum Judas, wenn ich meinen Arbeitgeber deshalb wechsle?

Aber ich schweife ab. Wir waren in Karlsruhe, im wunderschönen Wildpark, weit bevor sich die Jungs und Mädels dort mit den Mundschutz zum Obst gemacht haben. Das Spiel war grottig, die Nudeln mit hausgemachter Sauce großartig. Ein messiesker Zauberfreistoß von Fink landete in Unterzahl spielend im Netz der Karlsruher.

Die Schiedsrichterleistung zollte den anwesenden Zuschauern einen solchen Respekt, dass der ein oder andere gerne den kargen Lohn des Mannes an der Pfeife angehoben hätte.

Aber spannend war der Herr neben uns. Er schaute das Spiel. Neunzig Minuten. Keine Wurst. Kein Bier. Kein Geklatsche. Kein Jubel. Keine Regung. Kein Lächeln. Er schaute konzentriert das Spiel. Die Halbzeit widmete er dem Stadionmagazin. Er sprach das gesamte Spiel kein Wort. Sah ich mich, was die Fankultur betrifft, in der Vergangenheit vielleicht eher als passiven Unterstützer der aktiven Fan-Szene, so sehe ich mich heute mit ein wenig zeitlichem Abstand eher näher bei ihm. Er ist leider wohl auch nicht derjenige, der aufgesprungen wäre, sofern dies aufgrund von Affenlauten oder rassistischen Beschimpfungen notwendig gewesen wäre. Er war so konzentriert aufs Spiel, er hätte es vermutlich nicht einmal mitbekommen, aber er wäre vermutlich jemand, der nicht nur Aktionen wie „Kein Bier für Rassisten“ gut finden würde, sondern vielleicht auch den Nazi neben ihm im Block nicht dulden würde, wenn einige den Anfang machte  und ihren Unmut darüber äußern würden.

Der KSC hat es verkackt.

Jay-Jay hatte sich nach langer Zeit mal wieder vorm Spiel auf einen Favoriten festgelegt. Er wünschte sich einen Sieg der Düsseldorfer Fortuna. Rot-weiß beschalt kämpften wir uns durch den Einlass, wo dem Sohn dann dringlich nahe gelegt wurde, seinen Schal zu auszuziehen oder zu verstecken. Dies missfiel dem kleinen Rebell, weniger aus seiner intensiven fortunellen Zuneigung heraus, sondern weil es einfach verdammt kalt war. Ein KSC-Schal musste also her. Auf der Tribüne angekommen waren wir dann etwas verwundert: Schals in rot-weiss und in blau teilten sich friedlich den Platz auf der Haupttribüne. Ich hatte sowieso nicht verstanden, was die Schalnummer in dem Sitzplatzbereich sollte. Schließlich wurden wir ja auch noch mit einer Klatschpappe versorgt. Nach einem kurzen Schaltausch mit dem Sohn saß ich da nun also im KSC-Schal, nur wenige Plätze neben Axel Bellinghausen, der es sich während seiner Gelb-Sperre hier gemütlich machte.  

 

  Und der Sohn? Der genoß das Spiel. War es bis dato so, dass er bei einem Rückstand einer von ihm favorisierten Mannschaft sich umdrehte und dem Spiel keinerlei Aufmerksamkeit mehr schenkte, erfreute er sich an meinem albernen Auftritt, Fortuna-Gesänge grölend, im KSC-Schal.

Es war schön, ihn so gelöst zu sehen. Bei allen positiven Entwicklungen in seinen klassischen Problembereichen ist in der Vergangenheit einiges an Schwierigkeiten hinzugekommen. Ihm fehlen unsere Touren und seine Mami kann daheim nicht mehr das Maß an Aufmerksamkeit leisten, was er einfordert, da nun auch die Tochter im Alter von vier Jahren logischerweise Ihr Recht auf Bespaßung und Unterhaltung einfordert.

„Welche meiner beiden Gehirnhälften funktioniert nicht richtig?“

„Geht das irgendwann weg?“

„Lässt sich das operieren?“

Seine Fragen werden schmerzhafter und er verliert seine Gelassenheit im Umgang mit dem Asperger-Syndrom. Vielleicht ist es nur eine Phase, eventuell merkt er aber auch, dass es außerhalb des Mami-24-h-Service und der Papsi-Touren noch ein großes Stück Leben gibt, welches er alleine meistern muss – und zweifelt.

Unsere Touren sind für ihn (und für mich) bisher auch immer eine gute Möglichkeit gewesen, sich auszutauschen, ins Gespräch zu kommen. Das dauert oftmals ein oder zwei Stunden, bis er so zum Punkt kommt. Das lässt sich daheim nicht so einfach reproduzieren. Zu viele Ablenkungen des Alltags. Daher werden wir es nächstes Jahr mit einer längeren Reise versuchen. Vierzehn Tage. Nur wir beide. Als Entschädigung für die Entbehrungen der letzten Monate. Ein Abenteuertrip. Vermutlich geht’s in die USA. Da gibt’s eine Menge Dinge, die er sehen möchte. Und wir werden alles besprechen, was ihn beschäftigt. Momentan sortiert er. Alles, was in seinem Kopf vorgeht, versucht er in Worte zu fassen, und spricht es auf ein Diktiergerät. Es fällt ihm leichter, zu reden, wenn niemand dabei ist. Ein Diktiergerät als Papsi-Ersatz. Läuft bei mir. Aber alles wird jut.