Wochenendrebellin

Es war das Wochenende, an dem wir dem HSV die vorletzte Ehre erweisen wollten. Zweitliga-Tristesse, ein Niveaulimbo der technischen Unzulänglichkeiten, gepaart mit einem Vakuum an Kreativität im Mittelfeld und einer Stadionstimmung, wie ich sie auf unseren Touren nie zuvor bei sicheren Kandidaten für einen klaren Abstiegsplatz in unserem kleinen, internen Ranking gesehen habe. Der Sohn und ich bewerten Ausflüge unter Berücksichtigung aller dreihundertsechsundzwanzig Faktoren mit Noten, und alleine die Paarung deutete an, dass es fürchterlich werden würde.

Wir waren beim FSV Frankfurt, der im Zweitliga-„El Gigantico“ auf den VfR Aalen traf. Und niemals zuvor – und vielleicht werde ich es auch in Zukunft nie wieder – bin ich mit so einer enorm positiven Grundstimmung zu diesem Spiel gefahren.

Oftmals beschäftigen mich Dinge, bevor wir abreisen. Jay-Jay ist vielleicht ein wenig krank und du ahnst, dass ihn eine Tour vielleicht gesundheitlich überfordern könnte. Oder du weißt, dass er die letzten Tage so schlecht geschlafen hat und deshalb schneller, intensiver und dann natürlich auch publikumsreicher völlig eskalieren wird.

Dieses Mal war alles komplett frei von Sorgen und sogar mehr.

Wen die Einleitung perplex zurück lässt, dem sei gesagt, dass wir am Tag zuvor in Hamburg waren und uns den HSV gegen den FC Augsburg angeschaut hatten. Ich werde über das HSV-Spiel noch separat berichten, aber ich möchte diesen Blogpost gerne mit den frischen Eindrücken rund um das Spiel am Sonntag in Frankfurt füllen.

Die ersten beiden freien Tage nach dem Urlaub waren klar verplant. Ich schnappe mir einen Tag den Sohn für eine unserer Touren und den anderen Tag verbringe ich den ganzen Tag mit meiner Tochter, die wählen darf, was sie gerne tun möchte und offiziell auch entscheiden darf, ob ihr Bruder Jay-Jay dabei sein darf. Dies tun wir allerdings in weiser Voraussicht, dass sie jedes Mal ihren Bruder dabei haben will. Immer. Sie liebt ihn abgöttisch.

Nicht ungewöhnlich zwischen Bruder und Schwester, aber hier darf man vielleicht nicht außer Acht lassen, wie widerlich Jay-Jay manchmal mit seiner Schwester umgeht. Sie ist Opfer seiner Eifersucht, seines Neids aber auch seiner völlig verquert-unvorsichtigen Art im Umgang mit Gefahren. Er erkennt sie nicht oder ihm ist die Konsequenz nicht bewusst. Für irgendeinen Text schilderte ich, glaube ich, einmal, wie sicher sich Jay-Jay ist, dass er aus dem fünften Stock springen könne, es würde dann lediglich der Boden zerstört sein, auf dem er aufschlägt. Er ist nämlich nicht nur einfach der Stärkste, Klügste, Schnellste und Beste der Welt. Er ist absolut unbesiegbar. Auch nicht von fahrenden Autos, in die er hineinläuft. So erklärt er es einem zumindest dann immer in Seelenruhe, wenn er sich trotz Verbots in mehrfach besprochene Gefahrensituationen begibt. Er schnitt schon eingesteckte Stromkabel mit der Heckenschere durch und rannte über stark befahrene Straßen, ohne nach links und rechts zu schauen und das, obwohl er innerhalb von 24 Stunden nie allein ist.

Seine Schwester leidet oft unter ihm und umso mehr schätze ich ihre immer wiederkehrenden Versuche, an ihren Bruder ranzukommen. Liegen beide abends bei uns im Bett (ja, unsere Schlafsituation ist auch seit vier Jahren diskussionswürdig), versucht sie, sich immer wieder mal an ihn ranzukuscheln, wird aber jedes Mal sehr barsch abgewiesen. Sie versucht es einfach am nächsten Tag wieder. Und wieder und wieder und wieder. Sie versteht ihn manchmal nicht, aber sie gibt ihn auch nicht auf.

Ich sprach mit Jay-Jay, welches Spiel er sich fürs Wochenende ausgesucht hat. Über das Ausschlussverfahren, welche Stadien uns noch fehlen und über die sehr schnelle Möglichkeit, so kurzfristig an Tickets zu kommen, entschied er sich für den HSV. Damit war der Samstag 2015-04-24 20.19.14verplant und ich fragte meine vierjährige Tochter, was sie dann am Sonntag unternehmen möchte. Ich hatte ihr Spielplatz, Therme oder Kino angeboten. Alles Dinge, für die man sie begeistern kann.

„Ich will ins Stadion.“

Ich lächelte. Ich lächelte auch, weil es so ein unfassbar schönes Gefühl war, dass meine Tochter die vielen schönen Momente mit meinem Sohn mittlerweile über Fotos und Jay-Jays Erzählungen „miterlebt“ hat und nun auch live dabei sein will. Ich malte mir aus, wie wichtig dies auch für die nicht intensiv genug ausgeprägte Beziehung zu meiner Tochter ist. Es war nach vielen Abneigung zeigenden Gesten in der Vergangenheit ein Schritt nach vorne. Und sie ist diesen Schritt auf mich zugegangen. Ich blickte Jay-Jay an, der sich ebenfalls zu freuen schien. Er strahlte förmlich. Er freute sich über etwas, das seine Schwester freut. Das kommt nicht oft vor. Freude überall.

Es war mein herzallerliebster Sohn, der mich aus diesem Traum riss. Natürlich wollte meine Tochter nicht mit mir ins Stadion. Natürlich grinste er nicht so glücklich, weil er sich für seine Schwester freute. Der kleine Drecksack hatte es ihr eingetrichtert. Gleich nachdem ich ihm vor zwei Tagen gesagt hatte, er dürfe sich einen Tag aussuchen, was wir machen und an dem anderen Tag entscheidet seine Schwester, hat er sie bearbeitet.

Dank seinen psychologisch einschlägig bekannten Profi-Tricks („Da gibt es Pommes.“), seiner penetranten Hartnäckigkeit und seiner ausgewiesenen Überzeugungs-Expertise sagte mir nun meine Tochter, sie wolle ins Stadion. Vermutlich ohne wirklich zu wollen, denn sie hatte ja überhaupt keine Ahnung, was ein Stadion ist.

Klar, sie kickt ab und zu mal mit dem Gummiball im Wohnzimmer rum, hat eine gute rechte Klebe und eine für ihr Alter überzeugende Schusstechnik. Ich kenne Jungs, die mit sieben Jahren nicht so koordiniert Anlauf nehmen und denen es nicht gelingt, das Standbein bei jedem Anlauf so perfekt neben dem Ball zu platzieren.

Ihre Mama konnte gut kicken. Papa war jetzt auch nicht die völlige Nulpe. Wer weiß, was aus ihr wird. Sie mag Fußball. Aber eben nur spielen.

Selbst da ist es schwierig, da sie bei jedem Tor laut Foul schreit und bei Gegentoren rote Karten verteilt. Gerne greift sie auch mal zu den „glünen“ oder „schwahzen“ Katen. (Sie kann noch kein „r“).

Stadion ist definitiv nichts, wo sie von alleine drauf kam. Der Blick des Sohnes war nun deutlicher zu lesen. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd.

So sehr ich mich kurzzeitig ärgerte, dass er aus ihrem Tag nun wieder klammheimlich seinen Tag gemacht hat, umso schneller sah ich auch das Positive. Er würde sich innerhalb von Stadien in einem für ihn bekannten Milieu bewegen und sich ihr gegenüber dann anders verhalten. Das ist wichtig, um zu verstehen, wie er tickt. Wenn er sich mit etwas auskennt, ist er diesbezüglich extrem zuverlässig. Als wir auf einer unserer ersten Touren waren, merkte man, was ihn bei seiner Leidenschaft fürs Zugfahren noch stört. Er hatte extreme Angst, dass ich aussteigen könnte oder er in einem Bahnhof einfach rausfällt und es nicht mehr zurück in den Zug schafft, bevor die Tür schließt. Ich begleitete ihn zur ICE-Toilette und er mich. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Wir tasteten uns dann langsam Tour für Tour ran. Er ging dann alleine aufs WC, wenn das WC maximal Sichtweite entfernt war und wir uns in keinem Bahnhof aufhielten. Ich schickte ihn ins Bord-Bistro, um Eis für uns zu kaufen. Er musste die Sitzanzahl des gesamten Zuges zählen und schließlich verschiedenste kleine Herausforderungen im Zug meistern. Schließlich sprang ich dann in Hannover im Bahnhof aus dem Zug und schaute von außen durchs Fenster. Es schockte ihn so dermaßen, dass ich mich außerhalb des Zugs befand und er rastete natürlich völlig aus, dass ich mir diesen blöden „Spaß“ erlaubt hatte. Er hatte eine Heidenangst (was er natürlich nicht zugab). Es ist nicht so, dass er mir zutraut, ihn alleine zu lassen, aber er hat Angst dass dies versehentlich passieren kann. Er berechnet dann Wahrscheinlichkeiten, ob mir vielleicht auf Höhe der offenen Tür am Bahnhof schwindelig werden könnte und ich dann einfach raus plumpse. Wir klärten dies dann in einem späteren Gespräch und konnten das Eis final brechen. Er wollte lediglich für alle Eventualitäten vorbereitet sein.

„Du bleibst stehen, wo du bist, und suchst nach einem Mann mit Uniform der Deutschen Bahn oder einen Polizisten und sagst ihm deinen Namen und wo du wohnst und erklärst ihm, was passiert ist.“

„Okay, ich könnte aber auch anhand des Fahrplans einfach nach Hause fahren, oder?“

„Auch das wäre eine Option.“

Nicht, dass ich es darauf anlegen würde, aber ich könnte in jeder x-beliebigen Stadt mit Bahnhof aus dem Zug fallen und Jay-Jay würde nach Hause finden. Geografie ist mittlerweile einer seiner Schwerpunkte und wenn er ein Muster oder eine Logik in einem Aufbau findet, dann hat er leichtes Spiel.

Sieht er in einem Stadion einen zur Orientierung dienenden Blockbuchstaben oder eine Blocknummer, fragt er, wo wir sitzen. Alles weitere bastelt er sich dann zusammen, sofern neben Block B nicht Block Z und daneben wiederum Block K liegt.

Er kann sich unheimlich gut orientieren und sucht aktiv nach Mustern, Plänen und Anleitungen in seiner Umwelt. Piktogramme, Schilder, Parkhausnummern, Kontositzaufteilungen, Flugpläne, Excel-Tabellen mit den Anstoßzeiten der europäischen Ligen. Er findet Muster oder baut sich welche.

Mit vier Jahren hat er angefangen, mich zu korrigieren, wenn ich ihm sagte, dass wir z. B. zur Oma fahren und ich dann von dem erlernten Fahrweg abwich. Er konnte dies schnell bei Strecken, die wir täglich gefahren sind, war aber auch in der Lage, sich in einer Stadt, in der wir vielleicht zwei Monate zuvor rumgefahren sind, grob zu orientieren bzw. sich zu äußern, wenn plötzlich etwas anders war, man einen anderen Weg fuhr oder vielleicht eine große Baustelle verschwunden war.

Wie gesagt. Wenn er sich dann mit etwas auskennt, ist er zuverlässig. Er ist dann auch entspannter. Unsere Stadiontouren haben mittlerweile ein so fantastisch flexibles Routinegerüst, welches ihm mehr Halt gibt als der klassische Alltag, der dann doch von so vielen Faktoren beeinflusst wird, so dass er dort nicht so viele Routinen hat, an denen er sich orientieren kann. Er besteht mittlerweile im Stadion darauf, alleine aufs WC gehen zu dürfen, da er ja unseren Platz oder die Blocknummer kennt und weiß, wie eine Toilette ausgeschildert ist. Toilettenschilder sind immer gleich. Zu Hause ist dies schwieriger geworden. Feste Abendessen oder Zu-Bett-Geh-Zeiten sind aktuell nicht möglich, weil die Diskussionen, warum er denn jetzt ins Bett müsse, wenn er doch der Chef des Hauses sei und über alles zu entscheiden hat, viel Zeit und Geduld kostet. Vielleicht setzte eine ähnliche Chef-Diskussion aber auch nachmittags auf Basis einer anderen Kleinigkeit ein, so dass wir das Abendessen nach hinten verschieben mussten.

Auf Touren darf er Chef sein. Da widerspreche ich ihm selten und es funktioniert gut. Ich lasse ihm Entscheidungsspielraum. Viel mehr als zu Hause. Da versuche ich, ihn deutlich strenger zu reglementieren. Zum Teil auch auf provokativ-hohem, überforderndem Niveau. Aber auf Tour ist er der Boss. Er wählt den Platz, die Anreisemodalitäten, die Art der Verpflegung und wenn er nach dem Spiel sagt, er möchte jetzt einfach noch ein Stündchen im Stadion verbleiben, dann ist das so und dann habe ich das zu organisieren.

Es ist dann eine seiner Welten, die er so für sich aufbaut. Davon gibt es viele, aber die Stadionwelt ist hier in diesem Fall die wichtigste. Er würde sicher Rücksicht auf seine Schwester nehmen, er würde ihr vieles zeigen und erklären wollen und gönnerhaft aber liebevoll aus seinem reichhaltigen Profi-Groundhopper-Erfahrungsschatz teilen wollen.

Das alleine sorgte für mein Hochgefühl, welches auch eine Paarung wie FSV Frankfurt gegen VfR Aalen nicht verhindern konnte. Dass die Tochter eine Fahne wollte, die Tickets für den Sohn und mich 63 (D-r-e-i-u-n-d-s-e-c-h-s-z-i-g!)Euro kosteten, der Heimblock peinlich leise war (trotz zweier Ultrablöcke mit zwei Capos für 120 singfreudige Fußballfans) und auch die Tatsache, 2015-04-26 12.59.38-1dass sich beide Teams wie eingangs beschrieben fein rausgeputzt hatten, um den Wochenendrebellen bestmögliche Zweitligatristesse zu kredenzen, all das konnte mich nicht schocken. Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug. Und ich wurde nicht enttäuscht. Jay-Jay kümmerte sich die gesamte Bahnfahrt um seine Schwester, machte mit ihr eine Entdeckungstour durch den Zug und fragte im Bordbistro nach Spielzeug für Kinder und übergab dies seiner Schwester. Er half ihr beim Toilettengang und hatte Verständnis, dass ich sie am Bahnhof ein Stück tragen musste.

Nur um das mal zu relativieren. Es ist noch keine zwei Jahre her, da wurden die Schritte gezählt, wie weit ich meine Tochter auf der Schulter trug. Mindestens die gleiche Anzahl an Schritten musste ich dann auch ihn durch die Gegend wuchten. Es war großartig. Er war, wie man sich einen großen Bruder vorstellt. Fürsorglich und liebevoll. Großartig. Ich ließ ihn an dem Tag noch mehrfach mit seiner Schwester alleine und bat ihn, sich um sie zu kümmern. Ich ließ mir von ihm versprechen, dass er sich gut um sie kümmert und auf sie aufpasst. Versprechen sind heilig. Ich beobachtete ihn heimlich, als ich die beiden alleine ließ, um Pommes zu holen, zur Toilette zu gehen oder um Geld vom Geldautomaten abzuholen. Er bespaßte sie, half ihr beim Trinken oder hob sie wieder auf ihren Sitz und als sie anfing zu weinen, weil sie registriert hatte, dass Papa außer Sichtweite war, tröstete er sie liebevoll und versuchte sie abzulenken. Es war fantastisch. Das völlig langweilige Spiel und die grottige Stimmung waren mir völlig egal, weil vermutlich auch Neymar, Messi und Ronaldo da unten hätten zaubern können und ich trotzdem einfach nur genießend beobachten würde, wie die beiden miteinander interagierten. Es mag komisch klingen, aber seit der Geburt unserer Tochter erleben wir auch häufig Momente, die wir als Mutter und Vater eines Sohnes mit Asperger-Syndrom bisher nicht kannten. Es ist eine andere Form von körperlicher Nähe, aber ich weigere mich zu akzeptieren, von normaler Zuneigung, normalem Körperkontakt zu meiner Tochter zu sprechen, weil es gleichzeitig vielleicht gedeutet werden könnte, als wäre Jay-Jays Form der Zuneigung abnormal. Sie ist anders. Anders normal.

 

Er entdeckte die Kamera, die vor Spielbeginn die Bilder der Zuschauer auf die Anzeigetafel übertrugen und schlich sich die Reihen hinunter, um sich selbst auf der Anzeigetafel zu sehen und fragte seine Schwester, ob sie auch einmal auf dem Riesenfernseher zu sehen sein möchte. Sie bejahte dies, was ihn dazu veranlasste, mir mitzuteilen, dass ich mich sofort darum zu kümmern habe, dass die beiden auf der Anzeigetafel zu sehen sind, was für mich auch in der dargebotenen Deutlichkeit seiner Aussage nicht mehr ungewöhnlich war. Völlig neu war aber, dass ich ihm erklärte, dass ich schlecht hinuntergehen könne, um um Aufnahme meiner Kinder zu bitten und er akzeptierte dies. Er bat um Tipps, was er tun könnte, um das Ziel selbst zu erreichen und befolgte meinen Ratschlag, sich vielleicht ein wenig bemerkbar zu machen. Ich lernte, dass „ein wenig“ eine Größeneinheit ist, die Jay-Jay und ich im Einzelfall noch zu kalibrieren haben.

Nur wenige Sekunden später erstrahlte das Antlitz der beiden durchs Rund der Volksbank-Arena. Er hatte es geschafft. Er machte seine Schwester darauf aufmerksam, dass sie nun im Fernsehen ist. Und nun freute er sich. Für sie.

So verlief der gesamte Ausflug. Keine neidgetriebenen Attacken auf seine Schwester, keine Einforderungen von Taten oder Zugeständnissen der Gerechtigkeit wegen, weil ich der Tochter auch mal die alleinige Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen.

Er war von ihrem ersten Stadionbesuch aber auch ein wenig beeindruckt. Wir stimmten uns vorher ab, wie wir wohl damit umgehen werden, denn es wäre ja klar, dass die Tochter spätestens nach zehn Minuten auf dem Stadionplatz sagt, ihr wäre langweilig und dass ich sie dann wohl beschäftigen muss. Vielleicht auch außerhalb des Stadions, ganz sicher aber mindestens an einem anderem Ort innerhalb der Arena. Er entschied, in diesem Fall dann einen Treffpunkt festzulegen, wo man sich nach dem Spiel treffen könnte, denn er würde das Spiel gerne zu Ende sehen. Er sagte das so selbstsicher und voller Vertrauen in seine Orientierung, dass er sich ggf. auch am Bahnhof mit uns getroffen hätte, was aber zum Glück gar nicht notwendig war. Die Tochter schwang ihre Fahne, beobachtete das Geschehen auf dem Platz und unterrichtete mich minutiös über das Verhalten des Maskottchens. Es sollte wohl ein Bär sein. Ich müsste mir aber keine Sorgen machen. Sie ging davon aus, dass es kein echter Bär sei. Falls doch, könnten wir aber auch einfach weglaufen. Sie glaubte nämlich, wir sind schneller als der Bär. Sie hatte riesig Spaß und sie möchte gerne wieder einmal mitfahren.

Ich bin mir nicht sicher, ob Jay-Jay seinen Status verteidigen oder nur möglichst langfristig sicherstellen wollte, dass seine Schwester nun öfters dabei sein muss.

Er erklärte ihr, wie man Wochenendrebellin wird. Sie kann natürlich jetzt nicht einfach so mitkommen, sondern es gibt ein ausgeklügeltes Qualifizierungssystem, welches sie bei ihm durchlaufen muss. Sie muss selbstverständlich erst einmal in ein größeres Stadion und auch mindestens einmal in einen Steh-Block. Ein Flutlichtspiel diente als Achtelfinale, das Viertelfinale wurde bisher unterschlagen, aber das Halbfinale ist ein Spiel im Ausland. Das Finale wird dann ein Doppelspieltag sein, den sie inklusive einer Übernachtung mit uns verbringen möchte. Erst dann, keinesfalls vorher, kann sie eine echte Wochenendrebellin sein. Die Tochter und ich, wir lassen uns nicht hetzen aber: Challenge accepted. Wir fahren am 23.05.2015 alle drei nach Hannover gegen den SC Freiburg.

 

 

7 Gedanken zu „Wochenendrebellin

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  2. KiezkickerDe

    Das mit der anderen Form der Zuneigung hast du sehr schön gesagt. Ist bestimmt so.
    Klar, ein wenig nutzt er seine Schwester dafür aus, damit er einen weiteren Tag ins Stadion kann, aber das macht er sicher auch, weil er halt insgeheim eben doch auch gerne mit ihr zusammen ist. Ich schätze, in umgekehrter Konstellation wäre das nicht ganz so einfach, sofern sie sich etwas wünschen würde, was nicht zu seinen Lieblingsdingen gehört. Insofern schön, dass jüngere Geschwister durch die älteren noch „formbar“ sind – habe ich mit meinem jüngeren Bruder damals auch ganz gut hinbekommen, glaube ich. :>
    Auch wenn er sie beim abendlichen Kuschelversuch dann doch wieder wegschiebt – letztlich will er doch offenbar auch mit ihr zusammen Zeit verbringen.

    Interessant wäre es gewesen, wenn du mit ihr alleine ins Stadion gegangen wärest, weil es ja schließlich ihr Tag ist – auch wenn sie ihren Bruder immer dabei haben möchte – dann hätte ich gerne mal Jayjays Gesichtsausdruck gesehen, wie es sich von einem breiten „Ich habe sie gut genug beeinflusst und ihren Tag zu meinem gemacht“ – Gesichtsausdruck zu einem „Wieso darf sie mit dir ins Stadion und ich nicht, immerhin war das doch meine Idee, dass sie das möchte!“ gewechselt wäre. Hättest du ja nicht machen müssen, aber diese Gesichtsanimation wäre es mir wert gewesen, es zumindest mal zu sagen, lol.

    Achja: Die Aktion mit dem Zugfenster und deinem von draußen zuwinken: Arghs! Das ist echt fies und nicht sehr nett. ;-( Da wäre ich sicher dann auch an die Decke gegangen… *mitfühl*

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  3. Heike Ischdonat

    Einfach nur schön! Ich freue mich mit Ihnen über den so erfolgreichen Ausflug. Da ich 3 Jahre lang mit einem “ Asperger Autisten“ zusammen arbeiten durfte, kann ich in etwa nachempfinden wie es Ihnen ergangen ist.
    Ich wünsche Ihnen noch viele schöne Erlebnisse mit Ihren Kindern.

    Herzlichst
    Heike Ischdonat

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  4. Pingback: #Link11: Menetekel | Fokus Fussball

  5. Stefan

    Wieder wunderbar geschrieben. Ich liebe es, wenn Du bei Deinen Erzählungen selten auf den Punkt kommst und noch einen Absatz lang abschweifst. Das macht Deine Posts noch intensiver, wie ich finde, weil Du dabei nicht langweilst, sondern eben intensivierst.

    Am 23.05. bin auch ich mit meinem Sohn (3 Jahre) erstmals in ein Stadion unterwegs. Natürlich muss es der BVB sein. 😉 Falls Du also irgendwelche Tipps noch hast, was man auf jeden Fall berücksichtigen sollte, wenn man mit seinen Kindern ins Stadion geht, immer her damit. Vielleicht sogar als eigener Post, eine Quasi-Anleitung für Väter (und Mütter), die ihre Kinder ins Stadion mitnehmen wollen.

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