Archiv der Kategorie: Trainingszeiten

Festgehaltenes abseits unseren Rebellentouren.

Käsebrötchen

Es war Mittwoch. Ich erinnere mich genau. Ich erhielt nämlich morgens ein noch warmes Käsebrötchen beim Discount-Bäcker. Ich freute mich einerseits über den bisherigen emotionalen Höhepunkt der Woche. Andererseits war ich traurig, denn ich war sicher, es würde für die Woche auch wieder der einzige bleiben. Ja, es läuft bei mir. Und doch ist alles gut.

Weiterlesen

Angst ist nur ein Gefühl

Angst ist nur ein Gefühl.

Das habe ich Jay-Jay immer versucht zu erklären, als ich bezüglich des Asperger-Syndroms noch recht unbedarft war. Man hatte sich in den ersten Wochen nach Jay-Jays Diagnose ein wenig Wissen angelesen, und trotzdem überwogen der Eindruck und die Meinung, der Menschen, die mich umgaben.

„Ui, Asperger-Autist. Hart. Der fühlt nix, ne?“

Weiterlesen

Ich habe nichts gegen den FC Bayern, aber…..

Nichts aber. Mir ist der Verein eigentlich egal.

Es ist 20:45 Uhr. Der FC Bayern spielt. Sie werden gewinnen. Das Spiel reizt mich nicht. Was kann man also sinnloseres tun, als ein Spiel zu sehen, dessen Ausgang man kennt?

Man verliert wieder ein paar Zeilen über einen Verein, mit dem man doch angeblich nichts am Hut hat. Inkonsequent, ich weiß. Ja, unnötig ebenfalls.

Ich tue es trotzdem. Ich bin schließlich Rebell. Wenn auch nur am Wochenende. Weiterlesen

#37 Christoph liebt die Düsseldorfer EG

Dies ist ein Brief für meinen Sohn. Eine Vielzahl netter Menschen hat sich die Zeit genommen um Jay-Jay ein paar Zeilen nieder zu schreiben und ihm Details zur Findung ihrer Fußballliebe zu verraten. In dieser Woche veröffentlichen wir jeden Tag um 09:31 Uhr (Fragen Sie nicht) eines der großartigen Werke unterschiedlichster Autoren. Innerhalb weniger Monate ist vielleicht sogar mit einer Antwort des Sohnes zu rechnen. Alle Briefe und Antworten findet man dann hier. Den ein oder anderen Posteingang könnten wir übrigens noch vertragen. Was es mit dieser ganzen Briefaktion überhaupt auf sich hat, kann man hier nachlesen. Und wir beginnen gleich mit einer Ausnahme. Aber he, es ist Düsseldorf. Vielen Dank an Christoph vom Halbangst-Blog Team, die gleich drei Briefe beisteuerten und wir somit kurz vor der ersten magischen Hürde stehen. 50! Fünfzig Briefe! Autoren von siebzehn bis dreiundsechzig Jahren mit unterschiedlichsten persönlichen Hintergründen und Herangehensweisen, mit sachlichen, bewegenden und teils einfach logischen Begründungen für ihre große Liebe. Dem Fußballvereins ihres Herzens. Fettes Dankeschön noch einmal an alle Autoren. Viel Spaß!

 

Ich weiß, Jay-Jay, dein Vater hat sämtliche Fußball-Fans dazu aufgerufen, dir einen Text zu schreiben, warum ihr Verein für dich eventuell der richtige sein könnte.

Und dann komm ich – im Fußballleben Dauerkartenbesitzer und Über-Idiologe von Borussia Mönchengladbach – um die Ecke und fasel was von Eishockey und der Düsseldorfer EG. DEG - #37 Christoph liebt die Düsseldorfer EGWarum nur? Für mich ist das ganz einfach: weil es für Nerds einfach keinen schöneren Sport gibt. Und solch einer bin ich leider. Kein Scheiß, vor zwei Jahren hatte ich eine Diskussion mit meinen Eltern. Sie hatten von Asperger gelesen und wollten mich mit damals 30 Jahren zum Arzt schicken. Meine Freundin, selber Fan der DEG, nickte irgendwie. Warum? Weil ich einfach krampfhaft versuche, mir alles in gewisse Regelhaftigkeiten zu lenken, ich auf Familienfeiern lieber alleine bin, statt mich auf die manchmal doch spannenden Gespräche einzulassen und – jetzt das entscheidende – ich mich in Stadien nur mit ausgewählte Menschen abgeben kann, die mich nicht bei meinem Genuss der kleinen Details auf dem Spielfeld stören. Weiterlesen

Aber ohne Anfassen.

2008er Soave Classico gab es eben, kurz vor dem Tippen der Zeilen, mit der Frau. Eine Flasche. Fünfundvierzig Minuten und trotzdem mehr Nähe, als wir in den vergangenen Monaten insgesamt hatten.

Es ist schon verrückt, aber viele, die Jay-Jay kennen, vermögen es meist nicht einzuschätzen, welchen Aufwand er zu Hause benötigt, welche Herausforderungen er an meine Frau stellt und welche Kompromisse diesbezüglich notwendig sind, und mit ein wenig Verlust an ganz privater Zeit einhergehen. Das Maß an Belastung, welches sie trifft, in der Zeit wenn ich arbeiten bin, geht über das hinaus, was man mit den Rahmenbedingungen einer normalen Ehe vereinbaren kann. Es ist nicht so, dass meine Frau und ich uns ich nicht häufig sehen, aber Zeit für Gespräche, in ruhiger Atmosphäre, wie sie am heutigen Abend stattfanden, fiel in den vergangenen vier bis fünf Jahren nicht so oft ab. Weiterlesen

Couchogate- Mein Weltmeister

Mario hat mit fünf schon in der F-Jugend beeindruckt. Er tanzte sie alle aus.

Manuel war zu klein für den Job als Torhüter. Er trainierte wie ein Besessener, brannte vor Ehrgeiz.

Mesut war schon damals der Kopf der Mannschaft. Bei einem 12:0 schoss er zehn Tore und bereitete zwei weitere vor.

Sami war immer Kapitän in der Jugend. Ein Führungsspieler.

(Auszüge aus der Welt am Sonntag, 06.07.2014)

Du tanzt niemanden aus. Du wärest sehr gerne der Kopf der Mannschaft.Mir würde es reichen, Du wärst ein Bein, ein Arm. Ein Teil halt. Bist Du aber nicht, und seit heute wirst Du es auch erst einmal eine Zeit lang nicht werden können.

Weiterlesen

Arschlochkind

 

Hallo Jay-Jay,

ich war aufgeregter als Du. Ich hatte Dich im ersten Training gesehen. Hüftsteif, ungelenk, desorientiert und mit einem erbärmlichen Raumgefühl ausgestattet. Die Unterlegenheit, die auch für Dich offensichtlich war, hast Du später abgestritten. „Ich war der Beste, bla, bla, bla…“ Ich konnte es nicht mehr hören. Dieses ständige Vergleichen, in jeder Lebenssituation. Abgezählte Smarties, genauestens aufgeteilte Süßspeisen, Geschenke für Dich auf jedem Geburtstag anderer, nur um die Eskalation zu vermeiden, Papierflieger, die nicht einen Zentimeter weniger weit fliegen dürfen, als bei Deinem Cousin. Dein vermutlich dem Asperger-Autismus geschuldeter Blickwinkel macht es Dir uns uns nicht einfach.

Ich wies Dich darauf hin, dass Du im Verein und innerhalb einer Mannschaft ungeschützter bist. Dass man hier Rücksicht auf mehrere Menschen nehmen muss, nicht nur exklusiv auf Dich. Ich erklärte Dir, was ein Team ist, und wie man sich integriert. Deine Vorstellung des Integrationsprozesses („Alle machen einfach, was ich will“) wich dann doch deutlich von dem zu Erwartenden ab. Am meisten hast Du Dich über Maurice geärgert. Er ist kleiner als Du und war der erste Junge, der sich letztes Jahr mehr als zwei Mal mit Dir getroffen hat. Während alle anderen Nachbarskinder und Schulkameraden nach dem ersten Besuch abwinkten, oder die Eltern teils von ihrem Veto-Recht Gebrauch machten, akzeptierte Maurice jede noch so bescheuerte Regel in eurem „Baumhaus“. Zumindest bei einigen Treffen. Heute ist er Dein Feind, sagst Du. Er hatte sich zwei Mal hintereinander an der Bushaltestelle den Platz vor Dir erobert. Das langte. Er ist seit einigen Monaten im Fußballtraining und ist Dir aktuell um einiges überlegen.

Du warst aufgeregt. Einmal Training und schon darfst Du mitfahren zum Hallenturnier. Du bist F-Jugend, älterer Jahrgang, was im Normalfall bedeuten sollte, dass du positiv auffallen müsstest. Einige Gegner beim Turnier gingen Dir bis zur Brust. Ich habe mir den Samstagvormittag frei genommen, um Dich zu begleiten. Das Binden der Schuhe klappte noch nicht, und Schienbeinschoner hast Du auch nie zuvor getragen. Toilettengang, mögliche Niederlagen, Körperkontakt, ein nicht von Dir aufgestelltes Regelwerk… Es gab zu viele Möglichkeiten für unvorhergesehene Ereignisse.

Ich war aufgeregter als Du. Das erste Fußballturnier meines Sohnes. Weit vor Deiner Geburt habe ich an diesen Moment oft gedacht. Oft stellte ich mir vor, wie es sein würde, mit Dir Fußball zu spielen oder Dich beim Fußball zu sehen. Ob mir Fußball früher wichtig war? Nun ja, ich habe mich mit Gehgips ins Training geschlichen, was dem damaligen Trainer großen Ärger einbrachte und für den Krankenpfleger am Folgetag eine Schweinearbeit zur Folge hatte. Ich war süchtig. Oder besser wir. Es brauchte keine Absprachen. Man traf sich nach der Schule. Waren wir zu dritt, wurde geputtet oder eins gegen eins auf ein Tor gepölt. Den ganzen verdammten Tag. Die coolen Jungs mit Moped durften uns abends manchmal ein wenig Licht machen. Tolle Zeit.

2014 03 01 10.40.40 - Arschlochkind

Mein Dad ist in der Jugend viel, fast immer mitgefahren. Er hat selten was gesagt, aber es war mir immer wichtig, dass er da ist und es hat mich auch ein wenig stolz gemacht. Komisch eigentlich. Vermutlich war er viel stolzer. Dein Papa war nicht so schlecht im Fußball. Einige sagen, wäre ich dran geblieben, hätte es für die 5. oder 6.Liga reichen können. Hätte-Hätte-Fahrradkette. Ich malte mir jedenfalls oft aus, wie es ist, wenn ich meinen Sohn zur schollschen (heute messiesken ) Kindertorwartvernichtungsmaschine ausgebildet habe. Tatsächlich formierte sich früh dieser abstruse Gedanke, meinen Sohn durch tägliches Training zum Profi zu trainieren. Eigentlich ganz simpel. Und Logisch. Und erstrebenswert. Für Dich.

Ich war wahnsinnig aufgeregt. Dein Ehrgeiz macht Dich zur Bombe. Schaffst Du es, ihn positiv zu kanalisieren, bist Du in der Lage, unfassbare Dinge zu tun. Du bist neulich zehn Kilometer mit mir gejoggt und auch in der Schule schwärmt Deine Lehrerin davon, wie intensiv Du Dich in Sachen reinknien kannst. Aber wehe, Dein Triumphzug verläuft nicht gemäß Deinen Planungen. Es darf niemanden geben, der Dir überlegen ist und Dir dies ggf. auch noch offen zeigt. Beim Training gab es die Situation mit Mario. Der Trainer hatte ihn zwei Mal hintereinander gelobt. Ich habe Dein Gesicht gesehen, und ich habe es auch registriert, wie Du Mario, wenige Sekunden später, in vollem Lauf, sehr zielstrebig und mit voller Absicht, ein Bein gestellt hast. Dein Grinsen in dem Moment lässt mir immer noch den Atem stocken.

Widerlich. Ich hatte Dir direkt danach noch auf dem Platz gesagt, dass Du zehn Jahre kein Stadion mehr von innen sehen wirst, wenn ich das noch einmal erlebe, aber du schaltest oberhalb des Halses oftmals ab.In der Schule hast Du schon Briefe mit Lügen über Phillipp verteilt, weil Du ihn hasst, denn er hat in Mathe zwei Mal eine bessere Note als Du geschrieben.Jay-Jay, das waren die ekelhaftesten Situationen, die ich bisher erlebt habe, und auch unter Berücksichtigung aller Faktoren und Umstände völlig untolerierbare Erlebnisse.

Ich habe mich nie zuvor geschämt für Dich. Ich habe Dir das versucht zu erklären, traf aber dort auf wenig Verständnis. Diese zwei Beispiele für hinterhältigste Aktionen waren der Anlass für meine Aufregung heute. Ich hatte nicht den Anspruch, ein Tor meines Sohnes, einen grandiosen Sieg Deines Teams oder eine Leistung zu sehen, mit der der Papa stolz prahlen kann.Der Weitschusshammer, das Mega-Dribbling, wie toll Du gekämpft hast oder wie immens viel Du gelaufen bist. Ich wollte einfach nur nicht, dass irgendjemand auf Dich blicken kann mit dem Gedanken, wie ekelhaft ein Kind sein kann und wenn es richtig gut läuft, hast du vielleicht auch noch Spaß.Ich wollte nicht, dass man dich für ein Arschlochkind hält.

Egoistisch betrachtet wollte ich nicht, dass man mich für den Papa eines Arschlochkinds hält, aber hauptsächlich ging es mir um Dich. Du zeigst Kindern und Gleichaltrigen nie, was Du für ein feiner Kerl sein kannst. Mit Erwachsenen klappt dies meistens fantastisch, aber gegenüber Kindern zeigst du immer öfter eine Seite, nach dessen Anblick ich für jedes Kind das vollste Verständnis aufbringe, wenn es nichts mehr mit Dir zu tun haben möchte.

Ich will einfach nur, dass man Dich mag.

Wo waren wir? Ich war aufgeregt.

Meine Aufregung wuchs schon in den Tagen zuvor, so dass ich mein Vorhaben, niemanden aus dem Trainerstab über Deine besondere Logik zu informieren, aufgab und den Trainer kontaktierte. Ich schilderte ihm meine Bedenken und bat ihn, kleinste Verstöße sofort zu ahnden und sehr streng mit Dir zu sein. Dein Umgang mit Niederlagen verursachte mir zusätzlich Bauchschmerzen. Kurzum: Es war mit allem zu rechnen. Ich würde Dir jetzt gerne von einem heroischem Auftritt berichten, aber Du kannst Dir ja auch einfach das Video anschauen, welches ich von Deinem ersten Spiel aufgenommen habe. Ihr habt 0-4, 0-2 und 0-1 verloren. Das Spiel um Platz Sieben habt ihr nach Siebenmeterschießen gewonnen. Du hast keinen Siebenmeter geschossen. Eure Spiele waren schlecht. Grottenschlecht, aber im letzten Spiel durftest Du als Kapitän die Mannschaft aufs Feld führen, was Dich anscheinend noch einmal beflügelte. Du hattest in diesem vierten Spiel Deine Zweikämpfe Nr. drei! und vier! während des gesamten Turniers, und hast beide fair gewonnen.

Ich war wahnsinnig stolz auf Dich. Du hast abgeklatscht mit dem Trainer, was Dich sichtlich Überwindung gekostet hat, und als die Mannschaft vor dem Spiel einen Kreis bildete, hast Du Dich einfach in die Mitte des Kreises gestellt, damit Du niemanden in den Arm nehmen musstest. Du bist mit den Niederlagen relativ sachlich umgegangen, („ich spiele ja auch nur mit Leuten, die nichts können“) und auch der Umgang mit Deinen Teamkollegen war meistens (exklusive: „Justin, du Idiot, den hätte meine Schwester gehalten!“) gut oder zumindest neutral.

Das war mehr, als ich erwarten durfte. Dein Fazit des Turniers umschreibt unsere gemeinsamen Erlebnisse der letzten Monate recht gut. Du hattest trotz der Niederlagen viel Spaß und schlussfolgertest logisch, dass das Team mit Dir als Käpt’n ungeschlagen ist.
Du möchtest nicht mehr zum Fußball gehen, weil Du es nicht mochtest, vorm Anpfiff mit der gesamten Mannschaft einen Kreis zu bilden. Ich soll den Trainer informieren, dass er den Kreis zukünftig zu unterlassen hat, da er sonst ohne seinen Kapitän anzutreten hat. Und das könnte er ja nicht wollen.

Wir werden sehen.

geschrieben nach Deinem ersten „offiziellen“ Einsatz beim Hallenturnier am 01.03.2014.