Wissenschaftliche Betrachtungen der Corona-Pandemie

Unsere Welt verändert sich derzeit in rasendem Tempo und die Krise lässt sowohl das beste, als auch das niederste in uns Menschen zum Vorschein kommen. Ich bin kein Virologe und zur Gefährlichkeit oder zum weiteren Verlauf der Corona-Pandemie weiß ich vermutlich nicht viel mehr als ihr. Dennoch kam natürlich auch ich nicht drumherum, mich mit dieser Pandemie zu beschäftigen, spätestens in Anbetracht der geplanten Wochenendrebellen-Lesungen in der Schweiz und meiner Projektpräsentation in Peking. Zuerst möchte ich sagen, dass ich es sehr beachtenswert finde, wie viel Aufmerksamkeit Wissenschaftlern in den letzten Wochen gezollt wird und wie konsequent sich nach der Wahrheit gerichtet wird, ich hoffe wir nehmen einiges daraus mit.

Als ich etwas Recherche betrieb, fielen mir jedoch immer wieder auch Parallelen zur Physik auf. Die Verbreitung von Viren folgt etwa recht ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie die Verbreitung von Schadstoffen in Flüssigkeiten und lässt sich physikalisch als Diffusionsprozess beschreiben. Die Dynamik von Pandemien unterliegt den gleichen Prinzipien, die Sonnensysteme ins Chaos stürzen und die Zahl der Infizierten wächst auf ähnliche Weise wie viele andere grundlegende Systeme in der Natur. Daher möchte ich die Corona-Pandemie hier aus wissenschaftliche Sicht darlegen.

Levy-Flüge und Random Walks

Viren bewegen sich zum einen an ihren Wirt gebunden und können zum anderen auf andere Wirte überspringen. Dieses Verhalten gleicht in etwa dem eines Geldscheins und tatsächlich unterliegen sowohl die Ausbreitungen von Geldscheinen, als auch die von Viren dem sogenannten Levy-Flug. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass die Richtung zwar komplett zufällig ist, die Länge der Sprünge, anders als beim gewöhnlichen „Random walk“, nicht immer gleich lang sind, sondern lediglich einer Wahrscheinlichkeitsverteilung unterliegen, nämlich sind lange Schritte unwahrscheinlicher und kürzere häufiger.

In den meisten Fällen bleiben die Geldscheine lange Zeit an einem Ort, sie legen nur wenige Kilometer pro Tag zurück, doch in sehr seltenen Fällen gibt es plötzlich ganze Sprünge über viele tausend Kilometer. Ähnliches ist bei Viren und ihren Wirten der Fall. Frühe Epidemien glichen eher dem klassischen „Random walk“ mit sehr kurzen zufälligen Schritten, so war es etwa im Falle der Pestepidemie im 14.Jahrhundert. Doch gerade diese seltenen, aber möglichen langen Schritte, etwa durch Fernreisen, machen eine Epidemie zur Pandemie, das System ist so instabil, dass dieser minimale Prozentsatz drastische Folgen haben kann.

Das gleicht einem Brückenpfeiler. Er kann mit vielen Tonnen Masse belastet werden, ohne dass irgendwas passiert. Doch ist ein kritischer Punkt erreicht, genügt auch das Gewicht einer Mücke, um den Pfeiler zum Einsturz zu bringen. Eine Pandemie verhält sich ähnlich: Ein einzelner langer Levy-Flug genügt, um eine Epidemie an einen ganz anderen Ort zu bringen. Und ist sie erstmal dort, verbreitet sie sich rasend.

Exponentielles Wachstum und das SI-Modell

Grund dafür ist die besondere Dynamik, mit der sich Viren vermehren. Da mehr Träger des Virus auch noch mehr Menschen anstecken können, was zu noch mehr Trägern führt, die noch mehr Menschen anstecken können, und so weiter, liegt hier eine positive Rückkopplung (häufig Teufelskreis genannt) vor, die sich selbst verstärkt, ähnlich wie das Kreischen, das entsteht, wenn ein Mikrofon zu nahe am Verstärker liegt, der den Ton verstärkt und den verstärkten Ton wieder als neuen Input ins Mikrofon gibt. Das führt zum sogenannten exponentiellen Wachstum.

Wir Menschen sind vor allem mit linearem Wachstum vertraut, also mit Wachstum, bei dem die Änderungsrate stets konstant bleibt, da die meisten Dinge in der Natur sich auf diese Weise verändern. Ein Beispiel ist eine Badewanne, in die pro Minute zehn Liter Wasser laufen. Jeder kann nun sehr einfach berechnen, wie sich die Badewanne in Zukunft entwickeln wird, denn die Gleichung lautet ganz einfach y = t * 10 l. Setzt man für t die Zeit in Minuten ein, lässt sich die Wassermenge (y) für jeden Zeitpunkt exakt und eindeutig berechnen.

y = 1 * 10 l = 10 l

y = 2 * 10 l = 20 l

y = 3 * 10 l = 30 l

y = 1,635 * 1030 * 10 l = 1,635 * 1031 l  (falls es eine große Badewanne ist und du viel Zeit hast)

Das ist die einfachste Art von Wachstum. Doch viel schwerer greifbar ist das exponentielle Wachstum, mit dem sich der Virus ausbreitet hat. Eine alte indische Legende dazu besagt, dass der grausame Herrscher Shihram einst sein Volk tyrannisierte und der weise Sissa durch die Erfindung des Schachspiels, in dem der König zwar die wichtigste Person, jedoch ohne die Hilfe der Bauern machtlos ist, versteckte Kritik an ihm übte. Doch diesem gefiel das Spiel und der gewährte Sissa daher einen Wunsch und schwor, er könne ihm jeden Wunsch erfüllen, den er sich ausdenken könne.

Also wünschte sich Sissa nichts als Weizenkörner. Jedoch wollte er diese auf einem Schachbrett angeordnet haben, und zwar in einem bestimmten Muster. Auf jedem Feld sollten doppelt so viele Körner liegen, wie auf dem vorhergehenden, also ein Korn auf dem ersten Feld, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so weiter und das auf allen 64 Feldern. Das klingt nach einem sehr bescheidenen Wunsch, doch das liegt nur daran, dass wir diese Art von Wachstum nicht fassen können. Insgesamt müssten ganze 18.446.744.073.709.551.615 Weizenkörner auf dem Schachbrett liegen, also etwa 18,45 Trillionen, was einem Gewicht von 730 Milliarden Tonnen entspräche.

Ein weiteres gutes Beispiel ist das Falten von Papier. Die Gleichung für die Dicke eines Platts Papier nach x Faltungen lautet y = 0,099 mm *2^x. 0,099 Millimeter ist hierbei die Dicke eines Blatts. Das sieht ganz harmlos aus, geht jedoch schnell in schwindelerregende Höhen. Faltet man das Blatt zehnmal ist es fast zehn Zentimeter hoch. Faltet man es 30 Mal, ist es hundert Kilometer hoch und reicht bis ins Weltall. Bei 42 Mal falten reicht es bis zum Mond und bei 103 Mal falten würde das beobachtbare Universum zu klein für die Höhe des Blatts, es wäre ganze 106 Milliarden Lichtjahre dick.

Solche Zahlen entziehen sich jeglicher menschlicher Vorstellungskraft. Rein mathematisch müssten sich Viren in etwa nach diesem Muster vermehren und so früher oder später die ganze Weltbevölkerung angesteckt haben. Das ist das sogenannte SI-Modell der Ausbreitung ansteckender Krankheiten, hier ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit nur davon abhängig, wie viele Infizierte und wie viele nicht infizierte Menschen es gibt. Dabei wird unterliegt die Ausbreitung des Virus einer Differenzialgleichung. Erinnern wir uns an die Badewanne, jedem Zeitpunkt wird eine Menge an Wasser zugeordnet. Eine Differentialgleichung ordnet nun einer Funktion ihre eigene Ableitung, also sozusagen ihre Veränderung, zu. Das macht Sinn: Die Änderung der Anzahl der Infizierten ist hier nur von der Anzahl der Infizierten abhängig.

Herdeneffekt und Basisreproduktionszahl

Doch dies ist nur eine stark vereinfachte Form, wir haben es in der Realität nicht mit exponentiellem Wachstum, sondern mit logistischem Wachstum zu tun, das entspricht einer Art exponentiellem Wachstum mit einer Limitierung. Und selbst das ist nur eine Vereinfachung. Ab einem gewissen Punkt wird das exponentielle Wachstum also flacher und kommt schließlich zum Stillstand, denn in der Realität genesen Menschen auch wieder und können sogar immun werden (womit die Änderung der Infektionsrate nicht nur von der Anzahl der Infizierten abhängig ist), sodass nicht die gesamte Weltbevölkerung infiziert wird, sondern ein Grenzwert gegeben ist, ab dem sich der Trend umkehren muss. Der Punkt, ab dem das passiert, ist durch den sogenannten Herdeneffekt gegeben.

Da Gedächtniszellen im menschlichen Körper die Bildung von Antikörpern bei erneuter Infektion vereinfachen, bleibt eine zweite Infektion häufig aus oder fällt wesentlich milder aus. Und wenn ein gewisser Anteil der Bevölkerung immun ist, geht die Zahl Infizierter Menschen wieder zurück, das sagt der Herdeneffekt. Die Zahl der Menschen, die immun sein müssen, um den Herdeneffekt zu erreichen, lässt sich recht einfach berechnen:

HImin = 1 – 1/R0

R0 ist hierbei ein Wert, der sich Basisreproduktionszahl nennt. Sie gibt an, wie viele gesunde Menschen ein infizierter Mensch im Laufe seiner Erkrankung ansteckt. Genau von dieser Zahl ist abhängig, wann der Herdeneffekt eintritt. Liegt die Basisreproduktionszahl bei 1, ergibt sich eine minimale Herdenimmunität von null, die Krankheit breitet sich also gar nicht aus und liegt sie im Durchschnitt sogar unter 1, erhält man einen negativen Wert und die Krankheit wird bekämpft und geht zurück. Und genau hier liegt das Problem: Aufgrund der hohen Inkubationszeit lag die Basisreproduktionszahl bei SARS-CoV-2 lange bei einem sehr hohen Wert, ein Mensch steckte drei, vier oder fünf Menschen an, für das Erreichen der Herdenimmunität müssten hier etwa zwei Drittel der Menschen immun werden. Bevor das Virus zurückgeht, würden sich also zwangsläufig zwei Drittel der Bevölkerung anstecken.

Wie wir aber zudem sehen, ist R0 hier die einzige Zahl, die wir beeinflussen können. Durch Schutzmaßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperren, Maskenpflicht, etc. können wir also dafür sorgen, dass die Basisrepoduktionszahl unter 1 sinkt und das Virus bekämpft werden kann, sodass sich weniger Menschen gleichzeitig infizieren und somit die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht überschritten werden. Natürlich zögert sich das Erreichen des Herdeneffekts dadurch hinaus, vermutlich wird ein Impfstoff dem zuvorkommen, sodass der Herdeneffekt gar nicht erst erreicht wird.

Kein einziger Mensch darf mehr sterben als es unvermeidbar ist und das mathematische Verhältnis gibt recht offensichtlich an, wieso die Verminderung sozialer Kontakte und weitere Schutzmaßnahmen der einzige Weg dafür sind.

Herdenimmunität eine sozialdarwinistische Strategie

Trifft man keinerlei Schutzmaßnahmen, schießt R0 in die Höhe, und bereits, wenn sie 1,1 erreicht, sieht die Dynamik der Pandemie grundsätzlich anders aus – exponentielles Wachstum reagiert sehr sensibel auf Störungen.

Das bedeutet, das Erreichen der Herdenimmunität bezahlt man damit, dass man große Teile der Gesellschaft „wegsterben“ lässt, in der Regel sind es dann natürlich ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen – man entledigt sich also den Teilen der Bevölkerung, die eine Gefahr für die Allgemeinheit sind. Und häufig sind die Menschen, die das befürworten, dieselben Menschen, die China vorwerfen, der einzelne sei dort nichts wert. Wir Menschen sind die einzige Spezies, die dem einzelnen Individuum einen Wert zukommen lässt und das macht uns zu etwas sehr Besonderem. Wir sollten auch in dieser Krise dem treu bleiben, wir sollten nicht nur die Menschheit bewahren, sondern auch die Menschlichkeit, das, was uns auszeichnet, was uns von Tieren unterscheidet.

Die Wissenschaft sagt uns folgendes:

  • Schutzmaßnahmen können die Basisreproduktionszahl senken.
  • Durch die Senkung der Basisreproduktionszahl kann die Krankheit bekämpft werden.
  • Ohne Schutzmaßnahmen breitet sich das Virus zu schnell bis zum Grenzwert aus.
  • Das schnelle Erreichen des Herdeneffekts beim Grenzwert würde mit Millionen Toten einhergehen.

Was wir daraus machen, kann sie uns jedoch nicht sagen, das müssen wir selbst wissen. Meiner Meinung nach, und ich möchte hier betonen, dass wir den Bereich der Wissenschaft verlassen und ich hier meine persönliche Meinung darlege, ist die Sache recht klar: Die Wirtschaft dient dem Menschen, daher kann man sie natürlich nicht gegen Menschenleben abwägen. Wenn es direkt um das Überleben von Menschen gibt, dann hat sie Sendepause! Die Welt wird nie wieder die sein, die sie war. Wir werden unsere Werte und Normen neu definieren müssen, die Welt wird sich neu anordnen und das ist unsere Chance, für eine lebenswertere Gesellschaft einzustehen. Die regelrechte „Säuberung“ von Gesellschaften darf nicht normalisiert werden, sie darf nicht ihn die öffentliche Debatte gelangen, sie muss da bleiben, wo sie hingehört: In die Liste der Dinge, die man nicht sagen darf, ohne als Nazi bezeichnet zu werden. Das Überleben ist die elementarste Freiheit, alle anderen sind unterzurordnen.

Corona-Pandemie in der Wissenschaft

Wie ich bereits gesagt habe, beeindruckt es mich wirklich zutiefst, welchen Stellenwert Aussagen von Wissenschaftlern momentan haben. Aber Wissenschaft spielt sich halt doch nicht mit punktförmigen Objekten im Vakuum ab, sie ist genauso ein Bestandteil von Gesellschaft und Kultur wie alles andere auch und ist genauso betroffen von der Corona-Pandemie. Das weiß ich natürlich aus erster Hand, da ich in den letzten Wochen vor allem damit beschäftigt war, Videokonferenzen zur Fortführung meines Forschungsprojektes zu organisieren, aber auch aus Berichten.

Vor allem in der Raumfahrt und der Astronomie gibt es nun große Verzögerungen. Eigentlich wollte man die Sensation von 2019 wiederholen und weitere Fotos von Schwarzen Löchern mit dem Event Horizon Telescope anfertigen. Das ist jedoch kein normales Teleskop, es ist ein Netzwerk von Teleskopen auf dem gesamten Globus und es muss simultan an allen Teleskopen beobachtet werden, um so etwas wie ein Foto eines Schwarzen Lochs anfertigen zu können. Das geht natürlich momentan nicht, doch 2021 wird es wieder den Betrieb aufnehmen und das sogar modifiziert. Wir müssen also noch warten auf weitere Bilder von Schwarzen Löchern, aber wenn es dann soweit ist, werden sie noch viel großartiger.

Auch zahlreiche Missionen ins All sind verschoben. Die ISS ist trotz Corona-Pandemie vollständig mit sechs Astronauten besetzt – sicherlich einer der angenehmsten Orte momentan. Die Arbeitspferde der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA, die Ariane 5-Raketen werden jedoch vorerst am Boden bleiben.

Auch die geplante europäisch-russische Mission zum Mars liegt auf Eis, dem ExoMars Trace Gas Orbiter, der bereits den Mars umkreist (derzeit coronabedingt aber im Stand-by-Modus) sollte eigentlich noch 2020 der Rover Rosalind Franklin folgen. Entsprechend seiner Benennung nach der berühmten Wissenschaftlerin, die einen großen Beitrag zur Enthüllung der DNA-Struktur leistete, soll er nach organischen Molekülen als Rest ehemaligen Lebens auf dem Mars suchen. In letzter Zeit machte der Fallschirm für die Landung auf dem Roten Planeten Probleme, der Start für 2020 rückte in die Ferne, nun steht es fest: Rosalind Franklin wird frühestens 2022 starten, die Corona-Pandemie machte weitere Tests extrem schwierig.

Obwohl auf der ISS alles noch recht normal ist, ist auch die bemannte Raumfahrt betroffen, so laufen die Vorbereitungen für die bemannte Landung von Menschen nahe des Südpols des Mondes für 2024 auf Hochtouren, das Raumschiff Orion, die Rakete Space Launch System und die verschiedenen Entwürfe privater Unternehmen für eine Landefähre müssen etwa noch getestet werden, diese Tests werden nun verschoben und auch der Bau der Module für die Mondstation LOP-G könnte sich verschieben. Bisher hält die NASA dennoch weiter am Ziel einer Landung 2024 fest, wir wollen alle hoffen, dass sie es schaffen, aber einfach wird es nicht.

Nichts neues sind Verzögerungen bei der Zukunft der Astronomie, dem James Webb Space Telescope, es soll das Licht aus der Frühzeit des Universums kurz nach dem Urknall empfangen und mehr über die Entstehung von Sternen und Galaxien herausfinden, aber es soll auch erstmals in der Lage sein, die Atmosphären erdähnlicher Planeten nach möglichen Spuren von Leben zu analysieren. Eigentlich sollte das James Webb Space Telescope 2014 nach Entwicklungskosten von 3,3 Milliarden Euro im All sein, doch mittlerweile wird es einen Start frühestens 2021 geben und auch das ist aufgrund der Corona-Pandemie zweifelhaft, die Kosten werden sich voraussichtlich auf mindestens 8,7 Milliarden Euro belaufen.

Dringlicher sieht es mit der europäisch-japanischen Mission BepiColombo aus, sie ist zwar seit 2018 auf dem Weg zum Merkur, um ihn zu erreichen, muss sie jedoch die Planeten als Gravitationsschleuder nutzen und so beschleunigen – auch die Erde. Erst vor kurzem flog BepiColombo an der Erde vorbei, die war sogar mit kleinen Teleskopen sichtbar. Dabei mussten Instrumente getestet werden und man musste aufpassen, dass das Manöver korrekt ausgeführt wird. Das kann man natürlich auch nicht verschieben, eine Raumsonde kann im All nicht einfach anhalten, daher war das Satellitenkontrollzentrum unter Einhaltung von Abstandsregeln besetzt und das Manöver konnte erfolgreich umgesetzt werden.

Auch am LIGO werden momentan keine Gravitationswellen gejagt und am LHC liegt die Aufrüstung auf Eis. Die Teleskope der Europäischen Südsternwarte machen ebenfalls Pause und durch den eingeschränkten Flugverkehr werden auch weniger meteorologische Daten gesammelt, was die Zuverlässigkeit von Wettervorhersagen verschlechtert.

Entspannter sieht es die Wissenschaft in China, der Rover Yutu-2 rollt seit 14 Monaten über die Rückseite des Mondes – noch nie hielt ein Rover so lange auf unserem Trabanten durch. Für dieses Jahr sind dort noch knapp 40 Raketenstarts geplant, etwa Chang´e 5, eine Sonde, die zwei Kilogramm Mondgestein zur Erde bringen soll. Auch eine chinesische Mission zum Mars mit Lander und Rover ist noch für dieses Jahr geplant, trotz der Corona-Pandemie versucht man mit aller Kraft, einen Starttermin im Juli oder August einzuhalten, denn dann liegt eine besonders günstige Konstellation von Erde und Mars vor, die einen Flug in acht Monaten ermöglicht und nur alle 26 Monate auftritt.

Primär laufen in China aber derzeit die Vorbereitungen zum Start des Kernmoduls der großen Chinesischen Raumstation, in der ab 2022 dauerhaft sechs Menschen leben sollen. Unter höchsten Schutzvorkehrungen scheut man dort keine großen Investitionen in Wissenschaft und Raumfahrt, weshalb die Hürden vor allem technisch sind. Die Rakete Langer Marsch 5 hat in letzter Zeit nämlich eine Art Pechsträhne, es gab mehrere Fehlstarts. Doch man lässt sich nicht unterkriegen, noch dieses Jahr soll das Raumschiff, welches die Station versorgen wird, seinen Jungfernflug absolvieren.

So wird sich auch die Wissenschaft wieder erholen. Doch wir sollten uns wirklich Fragen, ob wir der Wissenschaft in Zukunft nicht immer diese Bedeutung zumessen wollen – es wäre sehr zu wünschen.

Weder „China-Virus“, noch „Asien-Virus“

Wir müssen uns diese Fragen zudem schnell stellen, denn unsere Welt wird in Zukunft nicht ungefährlicher werden. SARS-CoV-2 ist vermutlich durch eine sogenannte Zoonose auf einem Wet Market auf den Menschen übergesprungen.

Solche Wet Markets sind in vielen asiatischen Ländern vorzufinden. Dennoch sind Bezeichnungen wie „Asien-Virus“ oder „China-Virus“ vollkommen unangemessen und auch wissenschaftlich nicht sinnvoll. Das Virus ist zwar in China ausgebrochen und das hat zum Teil sicherlich auch etwa mit den Wet Markets zutun, die man daher hinterfragen sollte, doch wie bereits oben erklärt, treten Viren durch Zoonose fast dauernd auf der Welt über, aber nur wenige werden durch einen zufälligen langen Levy-Flug (also vielleicht einen Touristen, der sich infiziert) zu einer globalen Pandemie wie jetzt die Corona-Pandemie. Die ganze Welt mit ihrem derzeitigen Lebensstil trägt also eine Mitschuld, die Virus-Drehscheibe in Europa war beispielsweise Ischgl in Österreich.

Zudem sind Wet Markets nicht der einzige Ort, an dem sich eine Zoonose ereignen kann. Fledermäuse sind beispielsweise häufig Träger von Coronaviren, ihr Immunsystem ist jedoch gut gegen sie gerüstet. Eine zufällige Mutation kann es dem Virus jedoch ermöglichen, auf andere Arten überzuspringen, die nicht so gut gewappnet sind – in diesem Fall der Mensch. Man vermutet, dass im Fall von SARS-CoV-2 das Virus von einer Fledermaus ein ein weiteres Tier übertragen wurde, das es dann auf den Menschen übertrug.

Das bedeutet, Zoonose kann sich an jedem Ort ereignen, an dem Menschen und Tiere eng zusammenleben. Und wenn die Zerstörung der Biotope vieler Lebewesen weiter so voranschreitet, wird dies in Zukunft viel häufiger der Fall sein, auch mitten in Städten. Hinzu kommt, dass sich durch das Aussterben vieler Tierarten sogenannte Generalisten durchsetzen, also extrem anpassungsfähige Tiere. Somit sinkt die Vielfalt des Ökosystems und das macht es noch anfälliger für Viren. Des weiteren können harte Winter eine Pandemie verhindern, die nun auch wegfallen. Und Krankheiten übertragende Mücken fühlen sich durch die Klimakatastrophe und das Ausdehnen von warmgemäßigten Klimazonen in ganz neuen Regionen zuhause. All das legt es nah, dass Pandemien in Zukunft deutlich häufiger werden.

Das macht es umso wichtiger, dass wir nun daraus lernen. Wir haben in unseren Breitengraden einen sehr weit ausgelegten Freiheitsbegriff: Autofahren, Fleischessen, das sind für uns Freiheiten. Und natürlich sind das grundsätzlich angenehme Sachen. Doch nun gilt es, unseren Freiheitsbegriff enger zu fassen, uns also einzuschränken, damit dieser enger gefasste Freiheitsbegriff auf der ganzen Welt gelten kann. Das bedeutet, wir müssen zum Beispiel auf das Rausgehen verzichten, um anderen Menschen das Überleben zu sichern. Und genau das gilt für sehr viele andere Dinge: Wir müssen auf Fleisch verzichten, um anderen Menschen Trinkwasser und Nahrung zu sichern. Wir müssen aufs Autofahren verzichten, um anderen Menschen ein bewohnbares Land zu sichern.

Wir werden nicht an Auflagen und Einschränkungen ersticken. Wenn wir ersticken, dann an unserer Gier, unserem Egoismus, unserer Arroganz und unserer Selbstsucht. Wir haben in den letzten Monaten einen ganz neuen Staat kennengelernt, der anhand wissenschaftlicher Tatsachen handelt und diese auch gegenüber der Wirtschaft vertritt und zumindest an diese Aspekte könnte ich mich gut gewöhnen. Ich hoffe, dass wir möglichst viel von dieser Bereitschaft zum Verzicht mitnehmen. Und ich glaube, die Chancen stehen gut.

In Teilen Osteuropas ist beispielsweise die Schweinepest ausgebrochen, das wird zu einem höheren Fleischpreis führen und besonders die größeren Lebensmittelkonzerne treffen, die auf Exporte und Importe angewiesen sind. Es ist also durchaus im Rahmen des möglichen, dass Fleisch und andere Luxusprodukte endlich den Preis bekommen, den sie für viele andere Menschen verursachen. Wenn wir das schaffen, können wir jeder noch kommenden Krise mit der beruhigenden Gewissheit entgegensehen, dass wir zusammenhalten, wenn es darauf ankommt.

Glaube ich das? Nein, ich denke, die nächsten Jahre werden ein totales Desaster, ich denke, es werden noch viele Menschen sterben, da wir die Beschränkungen lockern, Maßnahmen gegen die Klimakrise werden aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt, in ein paar Jahren kommt dann die nächste Wirtschaftskrise bedingt durch Hitzewellen und Hungersnöte – hunderttausende Klimaflüchtlinge werden aus ihrer Heimat vertrieben. Trump wird wiedergewählt und reitet sich aus Ablenkung vor der katastrophalen innenpolitischen Organisation tief in einen außenpolitischen Konflikt rein.

Was auch immer in den kommenden Jahren passieren wird und auch wenn es nur ein kleiner Trost ist, ihr könnt euch sicher sein, dass wir uns bewusst sind, dass es keine Welt wird, in der es engagierte und anständige Menschen weniger braucht – ganz im Gegenteil. Wir werden weitermachen, wir werden kämpfen bis zur letzten Sekunde!

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