Doomsday Clock: Es ist mehr als fünf vor zwölf

Seit 1947 ist viel Scheiße passiert, das gehört wohl zu den wenigen Dingen, in denen sich im Grunde genommen alle einig sind. Und diesen Planeten in den schlechtesten Zustand seit 1947 zu versetzen, ist daher durchaus eine Herausforderung. Eine Herausforderung, die wir Menschen wohl gemeistert haben, zumindest wenn es nach den Wissenschaftlern des Bulletin of the Atomic Scientists geht. Die Forscher dieses Fachblatts, darunter 17 Nobelpreisträger, haben nun die sogenannte Doomsday Clock, die Weltuntergangsuhr, um weitere 33 Sekunden auf nun 100 Sekunden vor Mitternacht vorgestellt – und somit so nah an den Weltuntergang wie noch nie zuvor.

Die „Uhr des Jüngsten Gerichts“

Alles begann am 6.August 1945 als auf Befehl von US-Präsident Truman eine Uranbombe über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen wurde. Innerhalb einer Sekunde stand alles im Umkreis von 10 Kilometern in Flammen, Menschen verdampften durch die Explosionshitze, ein Atompilz erhob sich 13 Kilometer in die Atmosphäre. Der Atombombenabwurf auf Hiroshima und der drei Tage später erfolgende Abwurf einer wesentlich stärkeren Plutoniumbombe auf Nagasaki stehen bis heute für die Schrecken des Krieges. Doch noch etwas war klar: Die Menschheit kann jene Kraft, mit der die Sonne lebensspendendes Licht und Wärme erzeugt, nutzen, um sich selbst zu vernichten.

Somit machten es sich einige der am Bau der Atombombe beteiligte Wissenschaftler nach Ende des Krieges zur Aufgabe, die Menschen über die Gefahr einer Selbstauslöschung der Menschheit aufmerksam zu machen, um dafür zu sorgen, dass wir uns nie wieder an den Rand der Ausrottung bringen. 1945 gründeten sie daher das Bulletin of the Atomic Scientists und 1947 die Doomsday Clock, die symbolisch den Zustand der Welt und wie nah wir vor der Selbstzerstörung stehen anzeigt und stellten sie auf sieben vor zwölf. Und wie wir leider wissen, ging es danach direkt nur so semi-gut weiter. Kernwaffentests der UdSSr, die Zündung von Wasserstoffbomben und Ausbrechen nationalistischer Kriege führten dazu, dass die Uhr bis 1953 schrittweise auf zwei vor zwölf vorgestellt wurde. Doch wir kriegten die Kurve wieder. Mit Beginn der Abrüstung, dem Ende des Kalten Krieges, verstärkter internationaler Zusammenarbeit und der Demokratisierung Europas schien die Gefahr beseitigt, 1991 zeigte die Uhr 17 vor zwölf.

Endzeit

Dann kam die Klimakatastrophe. Die Pole schmolzen rasend schnell ab, Extremwetterlagen nahmen zu, Hitzerekorde wurden gebrochen. Zudem wuchs die Anzahl der Atombomben, es kam zu einer erneuten nuklearen Aufrüstung. Stellvertreterkriege in der Ukraine, in Syrien und in Afghanistan erinnerten „an die dunkelsten Zeiten des Kalten Krieges“.  Die Doomsday Clock tickte und tickte bis sie 2019 auf zwei Minuten vor zwölf Stand – und somit auf dem Stand des Kalten Krieges. Doch 2019 sollte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels unumkehrbar und gleichzeitig direkt spürbar würden. Zwei Kontinente standen in Flammen, mitten in Europa gab es Hitzetote, Städte und Inseln standen unter Wasser, in der Arktis begannen mit dem Abschmelzen des Permafrosts unumkehrbare Prozesse. Daher stellten die Wissenschaftler die Uhr für 2020 erneut vor, womit es nun 100 Sekunden vor zwölf ist. Wir stehen also kürzer vor dem Weltuntergang als in jenen düsteren Stunden des Kalten Krieges.

Aufgrund der bereits spürbaren Auswirkungen der Klimakatastrophe und einer erneuten Phase nuklearer Aufrüstung steht die Weltuntergangsuhr nun auf 100 Sekunden vor zwölf.

Die Uhr tickt

Die derzeitigen Geschehnisse übertreffen die schlimmsten Vorhersagen der Wissenschaftler. Die Arktis wird schon in wenigen Jahren das erste mal seit 2,7 Millionen Jahren eisfrei sein, das Abschmelzen des Permafrosts sagten Wissenschaftler erst für 2090 voraus, Ökosysteme wie der Amazonas oder das Great Barrier Reef sind vermutlich bereits verloren. In der Natur steht alles in einem sehr labilen und empfindlichen Gleichgewicht. So sorgen die Bäume des Amazonas etwa dafür, dass das lokale Mikroklima feuchter wird. Damit wiederum setzen sie die Existenzgrundlage für andere Bäume und sich selbst. Bricht der Bestand einmal ein, kippt das Klima unwiderruflich. Und das ist nur ein Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn das Klima endgültig und im großen Maßstab kippt. Wenn wir die Atmosphäre weiter mit Kohlendioxid anreichern, wird sich das Aufsteigen von Methanblasen aus gesättigten Schichten in der Tiefsee beschleunigen. Jede Blase aufsteigenden Methans bringt Bewegung in diese Schicht und lässt noch mehr Methan aufsteigen. Im Laufe von Jahrzehnten entgasen sich die gesamten Meere. Die Menge des dort gespeicherten Methans übertrifft die der jetzigen Atmosphäre um das 100-fache. Irgendwann ist der Point-of-no-return erreicht. Selbst ohne weiteres menschliches Zutun würde die Erde dann immer wärmer, eine sogenannte Rückkopplung wäre in Gang gesetzt, wie etwa bei einem Mikrofon, das zu nah am Verstärker liegt. Bis zum Ende des Jahrhunderts würde sich die Erde um etwa 4°C erwärmen – ganze Kontinente würden unbewohnbar, Großstädte wären überflutet und hunderte Millionen Klimaflüchtlinge würden den Nazis neuen Zündstoff geben. Hungersnöte, Epidemien und Kriege würden eine dezimierte Menschheit plagen. Mitternacht auf der Doomsday Clock.

Wir haben es hier mit einer ganz anderen Bedrohung als jemals zuvor zu tun. Denn selbst bei totaler Stagnation wird die Situation immer schlimmer, anders als etwa 1953 im Kalten Krieg. Daher denke ich persönlich, dass wir es nicht mehr schaffen werden. Doch die Doomsday Clock unterscheidet sich in einer Hinsicht von allen anderen Uhren – wir können sie zurückdrehen. Wir alle zusammen.

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