Mediziner versetzen Menschen in Kälteschlaf

Das Relevanzkriterium, dass ein Thema braucht, um es in dieses Blog zu schaffen ist nicht, ob es auf der BILD-Titelseite erscheint, ich denke das ist soweit klar. Doch was mich viel mehr ärgert, als wenn Meldungen einfach aus der Luft gegriffen werden ist, wenn ein ernsthaftes und spannendes Thema aufgegriffen und dann kompletter Unsinn darüber berichtet wird. Hinter der Meldung, die es letzte Woche in die BILD schaffte steckt nämlich ein sensationelles Unterfangen, welches tatsächlich das Potential hat, die Medizin zu revolutionieren, der Kälteschlaf.

„Medizin-Revolution: Erster Mensch tiefgekühlt und wiederbelebt“

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„Medizinische Sensation! Erster toter Patient tiefgekühlt und wiederbelebt!

tag24.de

Medizinische Revolution: Erster Mensch von Ärzten tiefgekühlt – und wiederbelebt

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Was? All diese Titel erinnern doch sehr an die zahlreichen Meldungen, die es um die Jahrtausendwende gab, man hätte Technologien entwickelt, um Menschen nach dem Tod zu konservieren, in dem man sie in -196°C kaltem flüssigem Stickstoff einlagert. Seit dem haben sich hunderte Menschen auf diese Weise konservieren lassen, was auch häufig fälschlicherweise als Kälteschlaf bezeichnet wurde. Hat man es nun tatsächlich geschafft, einen dieser Menschen ins Leben zurückzuholen? Oder wie der SPIEGEL etwas differenzierter titelt.

„Kann man einen Patienten wirklich auftauen und wieder einfrieren?“

SPIEGEL ONLINE

Selbstverständlich nicht. Doch was ist nun wirklich dran an diesen Meldungen?

Alles begann mit einer 2017 publizierten Idee des US-amerikanischen Arztes Samuel Tisherman. Er stellte die Idee vor, Menschen mit schweren Schuss- und Stichverletzungen, bei denen der Blutverlust bereits über 50% beträgt, mit sogenannter therapeutischer Hypothermie zu behandeln. Dabei wird die Körpertemperatur des Menschen von 37°C auf etwa 10 – 15°C gekühlt. Und schon haben wir den ersten Fehler in den oben genannten Titeln. Niemand wurde hier tiefgekühlt oder eingefroren, denn der Gefrierpunkt des Wassers liegt bekanntlich bei 0°C. Kühlt man einen Menschen auf eine Temperatur, die deutlich darunter liegt, ist dies kein einfrieren. In einem Kühlschrank werden Waren schließlich auf noch niedrigere Temperaturen als 10°C gekühlt – und doch spricht niemand von einfrieren, weil es sich physikalisch nunmal nicht um ein einfrieren handelt. Es entstehen keine Eiskristalle und es erstarren auch keine Körperflüssigkeiten. Die therapeutische Hypothermie arbeitet mit Temperaturen weit über 0°C.

Anders ginge es auch gar nicht. Beim einfrieren von Menschen würden Eiskristalle entstehen, die unsere Zellen platzen lassen würden, da sich Wasser unterhalb von 4°C wieder ausdehnt. Zwar gibt es Mittel, mit denen dies verhindert werden kann, doch diese sind giftig und davon, sie wieder aus dem Organismus entfernen zu können sind wir noch weit entfernt.

Solche Temperaturen sind für die therapeutische Hypothermie aber auch gar nicht notwendig, denn 10 – 15°C Körpertemperatur reichen völlig dafür aus, dass der Mensch in eine Art Kälteschlaf verfällt – Wissenschaftler sprechen von Stasis. Sobald sich der Mensch im Kälteschlaf befindet, wird ihm das restliche Blut aus den Adern gesaugt und durch eine kalte Kochsalzlösung ersetzt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Mensch klinisch tot. Es gibt keine Atmung, kein Herzschlag und selbst die Gehirnaktivitäten fallen aus nahezu null. Ein Arzt, dem man diesen Menschen vor zehn Jahren gezeigt hätte, hätte sofort den Totenschein unterschrieben. Doch seit einigen Jahren wird diese Technik etwa bei Herzstillstandspatienten in besonders schweren Fällen angewandt. Halt, nächster Punkt: Es war also gar nicht der erste Mensch, der in Kälteschlaf versetzt wurde. In der sehr seriösen Fachzeitschrift New Scientist wurde lediglich publiziert, dass Tisherman wohl mehrere Patienten mit schweren Schuss- und Stichverletzungen mit therapeutischer Hypothermie behandelt hat.

Liegt der Mensch also mit Salzlösung in den Adern im Kälteschlaf, soll die lebensrettende OP durchgeführt und die Verletzungen geheilt werden. Dafür hat der Arzt statt weniger Minuten dann bis zu zwei Stunden Zeit. Der Grund dafür ist, das Kälte chemische Reaktionen verlangsamt, da sich Teilchen in kalter Umgebung langsamer bewegen. Auch der Tod – etwa das Absterben der Hirnzellen – ist nicht anderes als ein chemischer Prozess. Kühlt man den Körper auf 10°C, läuft dieser viel langsamer ab und somit bleibt mehr Zeit, bis irreparable Schäden an unserem Denkorgan entstehen.

Im Kälteschlaf laufen alle chemischen Prozesse deutlich langsamer ab und der Körper verbraucht weniger Sauerstoff. Daher haben Ärzte dann mehr Zeit, lebenserhaltende Maßnahmen zu ergreifen.

Das klingt schön und einfach. Der Körper wird durch Infusionen gekühlt, der Patient schläft dadurch ein, das Blut kommt raus, die Kochsalzlösung rein. Und dann wird operiert. Doch nicht grundlos genehmigte die örtliche Ethikkommission die Eingriffe nur bei Menschen mit einer Überlebenswahrscheinlichkeit von unter 5%. Denn es ist bis heute (!) nicht sicher, ob das Zurückholen aus dem Kälteschlaf funktioniert. Richtig gehört: Wir wissen gar nicht, ob diese Menschen tatsächlich wiederbelebt wurden. Dies soll in der Theorie dadurch funktionieren, dass die Körpertemperatur wieder auf die üblichen 37°C gebracht wird, das Blut wieder in den Organismus gepumpt wird und der Herzschlag durch Reanimation wieder hergestellt werden soll.

Es war also nicht der erste Mensch, der in Kälteschlaf versetzt wurde, er wurde nicht tiefgekühlt und auch nicht mit Gewissheit wiederbelebt.

Letztlich bleibt also nur ein Part der oben gezeigten Titel, an dem tatsächlich etwas dran ist, nämlich der erste: Medizin-Revolution. Ja, das ist ein bedeutender technologischer Fortschritt. Menschen, der Überlebenswahrscheinlichkeit vorher gegen null ging, die mehr als die Hälfte ihres Blutes bereits verloren haben, könnten dadurch gerettet werden. Auch nach mehreren Stunden ohne Herzschlag oder spät erkannten Schlaganfällen könnte die Hypothermie den Medizinern genug Zeit verschaffen, um lebensrettende Maßnahmen im Kälteschlaf zu ergreifen. Doch es wirft auch ein ethisches Problem auf: Die nach der Definition des Todes. Diese hat sich in der Geschichte immer weiter verschoben. Vor Jahrtausenden galt ein Mensch als tot, sobald er für eine längere Zeit ohnmächtig war. Mit Puls oder Herzschlag als Lebensfunktionen war man nicht vertraut. So kam es auch immer wieder dazu, dass Menschen lebendig begraben wurden und dann im Grab wieder zu sich kamen.

Später hat man den Tod mit dem Herzstillstand definiert. Gelingt es nach einem Herzstillstand nicht, den Menschen innerhalb weniger Minuten zu reanimieren, wurde der Totenschein unterschrieben. Diese Vorstellung änderte sich mit dem Fall der schwedischen Ärztin Anna Bågenholm. Sie stürzte 1999 bei einem Skiunfall in einem zugefrorenen Bach und verbrachte 80 Minuten teils bewusstlos unter Wasser eingequetscht zwischen zwei Felsen. Als das Rettungsteam ankam und sie mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus brachte, hatte sie eine Körpertemperatur von 14,4°C, der Pupillenreflex war nicht da, es gab keinen Herzschlag mehr. Damit war Bågenholm klinisch tot. Dennoch versuchte man alles und pumpte das Blut ab, erwärmte es außerhalb des Körpers und fügte es ihr wieder zu. Und tatsächlich: Die Wiederbelebung gelang und sie blieb ohne Folgeschäden, vermutlich deshalb, weil ihr Körper im Eisbach extrem schnell stark gekühlt wurde und sie damit konserviert wurde. Als man später den Herzschlag für Operationen gezielt anhielt und anschließend wieder reanimiert, definierte man den Todeszustand neu, und zwar mit dem Hirntod. Doch Menschen in Hypothermie sind faktisch hintot, es gibt keinerlei Gehirnströme oder Funktionen mehr. Rechtlich hat Professor Tisherman seine Patienten also getötet. Es ist Zeit für eine weitere Revision des Todesbegriffes, die Unumkehrbarkeit des Hirntodes ist beendet. Daher ist es durchaus eine „Medizinische Revolution“, auch ohne hinzugedichtete oder schlicht falsche Bestandteile. Darauf zu wissen, ob die Eingriffe jedoch wirklich erfolgreich waren, müssen wir jedoch noch etwas warten. Die entsprechende Arbeit, in der auch erwähnt werden soll, wie viele solche Eingriffe Tisherman durchgeführt hat, soll Ende 2020 erscheinen.

Die Idee, Menschen in Kälteschlaf zu versetzen – etwa für die Raumfahrt – tauchte in der Science Fiction-Literatur in den 30ern erstmals auf. In der Medizin ist sie nun bei der Behandlung von Unfallopfern Realität geworden.

In Zukunft könnte diese Technologie noch verfeinert werden. Beispielsweise könnte die Spanne, in der ein Mensch ohne bleibende Schäden im Kälteschlaf verweilen kann, verlängert werden. Es wird auch an einem Medikamenten-Cocktail geforscht, der die anschließende Wiedererwärmung des Körpers erleichtern und Zellschäden verhindern könnte. Lässt sich der Prozess automatisieren, ergäben sich auch spannende Anwendungsmöglichkeiten für die Raumfahrt. Doch Tisherman kam im New Scientist auf das wesentliche zurück: „Ich möchte klarstellen, dass wir nicht versuchen, Menschen zum Saturn zu schicken. Wir versuchen, mehr Zeit zu gewinnen, um Leben zu retten.“, wird er dort zitiert. Und wenn überhaupt, dann wäre auch vor dem Saturn sowieso zuerst der Mars dran.

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