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Buschfeuer: In Australien verbrennt die Hoffnung auf Besserung

„Ich, Scott John Morrison, schwöre, dass ich dem australischen Volk im Amt des Premierministers gut und wahrhaftig dienen werde und dass ich Ihrer Majestät, Königin Elisabeth der Zweiten, Königin von Australien, treu und gewissenhaft ergeben sein werde. So wahr mir Gott helfe!“, diese Worte sprach der Australische Premierminister Scott Morrison bei seiner Vereidigung. Das war am 24. August 2018, etwa eineinhalb Jahre bevor er den Eid brach, seine Bevölkerung verriet und sein Land an die Kohleindustrie verkaufte. Aber fangen wir erstmal ganz von vorne an.

Regierung von Australien im Griff der Kohleindustrie

Die Australische Kohleindustrie ist die mächtigste der Welt, etwa 77% des Strommixes besteht dort aus Kohle, zudem ist Australien der weltgrößte Kohleexporteur. Die politische Macht dieser Lobby steht außer Frage, Premierminister Malcom Turnbull musste in Folge seines Vorhabens, die CO2-Emissionen seines Landes bis zum Jahr 2030 um 26% zu senken (Referenzjahr 2005, also eigentlich vollkommen lächerlich) zurücktreten. Sein Nachfolger Morrison hat sich eindeutig für die Seite der fossilen Kapitalisten entschieden. In Anbetracht der aktuellen Geschehnisse sprach er fast schon heuchlerisch: „Wir werden uns nicht auf unbesonnene Klimaziele einlassen und heimische Industrien aufgeben, wodurch australische Arbeitsplätze gefährdet würden.“ Nun ja, zumindest Inkonsequenz kann man Herrn Morrison nicht vorwerfen. Derzeit plant Australien die größte Kohlemine aller Zeiten – unter Beteiligung des deutschen Unternehmens Siemens.

Die Energiepolitik Australiens hat Folgen: Das Land hat die größten Pro-Kopf-CO2-Emissionen der Welt, etwa 57 Tonnen pro Person und Jahr. In Deutschland sind es etwa 11 Tonnen, in Indien 1,6 Tonnen. Durch Wälder, Böden und Ozeane können pro Jahr etwa 2,3 Tonnen pro Person gebunden werden, in etwa so viel dürfte also jeder Mensch ausstoßen, um die Klimakrise zu stoppen. Doch wenn es nach Morrison geht, würde man die gesamte Kohle abbauen und verbrennen, bis nichts mehr übrig ist. Zur Einordnung: Diese Menge beträgt etwa 5 Billionen Tonnen Kohlenstoff, deren Verbrennung zu einer Erderwärmung von etwa 9°C führen würde – ganz Australien wäre vollkommen unbewohnbar. Und nun lasst euch folgenden Teil seines Amtseides nochmal auf der Zunge zergehen:

„Ich, Scott John Morrison, schwöre, dass ich dem australischen Volk im Amt des Premierministers Australiens gut und wahrhaftig dienen werde.“

Wenn das kein Amtsmissbrauch ist, dann hat das Wort „Amtsmissbrauch“ keinen Sinn.

Verbrechen an sich selbst

Doch Australien ist nicht nur einer der Haupttäter der Klimakrise – es leidet gleichzeitig auch wie kaum ein anderes Land unter ihr. Schon bei wenigen Grad Celsius Erderwärmung würde ein Großteil des australischen Inlands unbewohnbar. Die 40°C, die wir in Deutschland letzten Sommer als neue Rekordtemperatur registrierten, sind im aktuellen Sommer in Australien bereits mancherorts die Durchschnittstemperatur, Spitzenwerte von 50°C wurden erreicht. Das Great Barrier Reef, das Wahrzeichen Australiens und die einzige lebendige Struktur, die mit bloßen Auge aus dem Weltall gesehen werden kann, liegt akut im Sterben. Zwischen 1985 und 2012 verlor das Riff 50% seiner Korallen. Die Erderwärmung führt auch zu wärmeren Ozeanen, wodurch viele Lebewesen nicht überleben können und somit die Artenvielfalt im Riff sinkt. Gleichzeitig nehmen die Meere Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre auf und versauern dadurch, was die Wachstumsrate von Korallen senkt. Zudem machen die höheren Temperaturen zerstörerische Zyklone häufiger und die Korallen verbleichen.

Das Great Barrier Reef gilt als womöglich bereits nicht mehr zu retten.

2013 genehmigte die Regierung von Australien den Bau des größten Kohlehafens der Welt direkt am Great Barrier Reef, wofür drei Millionen Kubikmeter Schlamm direkt im Riff entsorgt werden sollen. Selbst die Deutsche Bank (!) ließ die Finanzierung für das Projekt fallen. Der australische Umweltminister bezweifelte jedoch, dass das Verbrennen von Kohle einen merkbaren Einfluss auf das Ökosystem hat. Kleine Randnotiz: Wenn Banken aus Deutschland eine strengere Klimapolitik verfolgen als das nationale Umweltministerium, läuft in diesem Land irgendetwas verdammt schief.

Und obwohl völlig klar ist, dass die australische Umweltpolitik konträr zu den Interessen der Bevölkerung ausgerichtet ist, verkauft Morrison seine Politik erfolgreich als Sicherung von Arbeitsplätzen und somit als bürgerfreundliche Maßnahme. Bei einer Rede im Australischen Parlament brachte Morrison als damaliger Finanzminister sogar ein Stück Kohle mit und erklärte sarkastisch, man müsse keine Angst davor haben. Die Abgeordneten lachten. Diesen Lachen sollte ihnen noch im Halse steckenbleiben.

Brände in Australien sind eine Folge Klimakrise

Nun, im Jahr 2020, wüten in Australien Brände von bisher unbekanntem Ausmaß. Schon mindestens 24 Menschen sind ihnen zum Opfer gefallen, etwa eine halbe Milliarde Tiere. Doch selbst die Mehrheit der überlebenden Tiere wird in den nächsten Wochen und Monaten sterben, da sie keine Nahrung finden werden. Dieses Foto eines verkohlten Babykängurus, das sich auf der Flucht offenbar in einem Zaun verhedderte dann verbrannte ging um die Welt und erhöhte den Druck auf die Politik vorübergehend.

Doch in einer Partei, in der selbst die komplette Leugnung des menschengemachten Klimawandels üblich ist (der amtierende Vizepremierminister nannte die Klimakrise etwa eine Erfindung „fabulierender innenstädtischer Verrückter“) , will man über den Zusammenhang dieser zu den Buschbränden natürlich überhaupt nicht sprechen. Man versucht derzeit, Debatten über die tiefere Ursache der Brände als Instrumentalisierung der Todesopfer darzustellen. Gleichzeitig scherzten Mitglieder seiner Regierung bei der Bekanntgabe der ersten beiden Todesopfer, die beiden hätten „wahrscheinlich eh die Grünen gewählt“.

Der IPCC sagte schon vor langem voraus, dass mit häufigeren Bränden bereits bei 1°C Erderwärmung zu rechnen ist und genau das ist jetzt in Australien eingetreten. Da wir derzeit etwa bei diesem 1°C sind, spricht das eindeutig für die Gültigkeit von IPCC-Prognosen (was, wenn man sich diese mal anschaut aber auch weniger positiv ist, als es sich anhört). Wenn man länger darüber nachdenkt, ist dieser Schluss aber eigentlich auch trivial. Die Klimakrise führt zum einen zu höheren Temperaturen und zum anderen zu weniger Niederschlag. Beides führt dazu, dass Pflanzen und Böden austrocknen und fördert somit Brände. Ähnlich wie bei den Bränden in der Arktis oder im Amazonas unterliegen diese einem sehr labilen Gleichgewicht. So schafft der Amazonas etwa die Grundlage für seine eigene Existenz. Eigentlich dürfte an dieser Stelle kein Wald existieren, weil es zu trocken ist. Aber weil dort bereits Bäume sind, ist genug Feuchtigkeit vorhanden, um den Wald weiter existieren zu lassen. Bricht der Bestand an Bäumen ein, ist der Wald somit für immer verloren.

Jeder Brand verschlechtert die Aufnahmekapazität des Bodens für CO2 und treibt die Klimakrise – und somit seine eigene Ursache – noch weiter voran. Es handelt sich um eine Rückkopplung. Einmal in Gang gesetzt, setzt sie sich auch ohne menschlichen Einfluss fort. Der kritische Punkt (Kipppunkt) zum Ingangsetzen dieser Rückkopplung muss noch nicht überschritten sein – könnte er aber und wird er definitiv bald sein.

Die Brände trafen bereits eine Fläche, die größer ist als die der Niederlande.

Technik wäre bereits vorhanden

Für alle, die meinen, Technik und Innovation würden uns daraus retten, gibt es leider eine Enttäuschung. Es gibt bereits eine Satellitentechnologie, die durch die Analyse des Grundwasserpegels Brände mit recht großer Sicherheit vorhersagen kann und in Brasilien im Rahmen der Amazonas-Brände bereits eingesetzt wurde und zudem chemische Löschmittel, die viel effizienter als einfaches Wasser sind. Doch wenn schlicht und einfach der politische Wille fehlt, hilft die fortschrittlichste Technologie nicht. Das zeigen die Brände von Australien nur ein weiteres mal.

Dennoch weitere Kohlekraftwerke geplant

Und so müssen die Menschen nun am eigenen Leibe erfahren, warum sie eben doch Angst vor Kohle haben müssen. Und diese Angst müssen sie verbreiten, denn wir alle müssen sie haben. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass kein Australier seelenruhig vor der aufziehenden Feuerwand stehenbleibt und murmelt „Keine Panik, das regelt der Markt.“. Doch das wirklich verheerende an den Bränden ist nicht, dass sie zu einem irreversiblen Kollaps des Ökosystems führen und somit Australien langfristig unbewohnbar machen könnten, sondern dass sie zeigen, dass selbst diese Katastrophe nicht ausreicht, um politischen Druck zu erzeugen, wie es etwa bei Fukushima der Fall war. Denn immer noch sind im Jahr 2020 Kohlekraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 579 Gigawatt geplant oder in Bau, was zu einer Steigung des durch Kohle erzeugten Stroms um 29% führen würde, obwohl der Weltklimarat ohne Zweifel sagt, dass bis 2030 fast alle Kohlekraftwerke stillgelegt sein müssen, um unterhalb der ersten Kipppunkte zu bleiben. Und wenn das, was derzeit passiert nicht ausreicht, halte ich unsere Welt mit ziemlich großer Sicherheit für verloren. Unsere Erde brennt an allen Ecken und Enden – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch wir können Lehren aus dem Debakel von Australien ziehen. Die Strategie, einfach zu warten, bis die Folgen des Klimawandels so offensichtlich werden, dass gehandelt werden muss und auch wird, funktioniert schlicht und einfach nicht. Schon letztes Jahr verbrannte vor den Augen der Welt der größte Sauerstoffproduzent unseres Planeten und niemanden hat es interessiert. Venedig stand für Wochen unter Wasser und niemanden hat es interessiert. Mitten in Europa gab es Hitzetote und niemanden hat es interessiert. Es gibt keinen Fukushima-Effekt mehr. Wir müssen den Druck aktiv erzeugen. Und damit meine ich uns alle. Boykottiert brasilianisches Rindfleisch, wechselt zu Ökostrom, wählt die Regierungen ab, die Geschäfte mit diesen Verbrechern machen und geht auf die Straße! Wir sind die ersten die es spüren und die letzten, die noch etwas tun können.