Voyager Golden Record: Eine Botschaft für die Ewigkeit?

Jede Kultur hat ihre Relikte hinterlassen, die noch existierten, lange nach dem sie untergingen. So gibt es noch heute die Pyramiden, die Akropolis und das Kolosseum als Andenken an die Leistung unserer Vorfahren. Doch es wird eine Hinterlassenschaft der Menschheit geben, die noch existieren wird, wenn selbst unsere Erde Geschichte ist. Die Voyager Golden Record.

Die Planeten als Sprungbrett nutzen

Alles begann in den 1960er Jahren. Ein Mathematiker namens Michael Minovitch stellte die Hypothese auf, Raumsonden könnten durch enge Vorbeiflüge an den Planeten an Geschwindigkeit gewinnen ohne Treibstoff zu verbrauchen. Er nannte dieses Phänomen Swing-by-Manöver. Damit könnte man sogar die äußeren Planeten erreichen, meinte er. Zu diesem Zeitpunkt ist gerade mal eine Sonde am Mars vorbeigeflogen, Reisen ins äußere Sonnensystem waren pure Science Fiction.

Und doch schien der Traum, mit Swing-by-Manöver bis an die Grenzen unseres Sonnensystems zu fliegen ungebrochen. Dies verschärfte sich als man einige Jahre später herausfand, dass die äußeren Planeten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun in den späten 1970er Jahren so stehen würden, dass eine Sonde sich quasi mit Swing-by-Manövern von Planet zu Planet hangeln könnte und somit alle Gasplaneten erforschen könnte, um anschließend das Sonnensystem zu verlassen.

Ein Rennen gegen die Zeit

Von diesem Zeitpunkt aus begann für die Wissenschaftler ein Rennen gegen die Zeit. Diese besondere Konstellation wäre es 176 Jahre später erneut aufgetreten, also galt es die NASA schnellstmöglich von einer Mission, die man inzwischen „Planetary Grand Tour“ (Große Planetare Rundreise) nannte zu überzeugen. Es sollten vier Raumsonden gebaut werden. Zwei würden die Strecke Jupiter – Uranus – Neptun und zwei die Strecke Jupiter – Saturn – Pluto fliegen. All dies waren Himmelskörper, die man bis dahin nur aus dem Teleskop kannte. Die Flugzeit zu Pluto hätte 12 Jahre gedauert, daher wollte man notwendige Systeme doppelt einbauen, falls eines ausfallen würde. Besondere Angst hatte man vor dem Asteroidengürtel. Jenseits des Mars vermutete man einen Gürtel aus Asteroiden, der womöglich so dicht sein könnte, dass er nicht passabel für eine Raumsonde wäre.

Doch die Kosten von 700 Millionen Dollar und das Risiko waren zu groß. Daher strich die NASA das Programm in den 1970ern, wenige Jahre vor der Deadline. Aufgrund massiver Proteste seitens der Wissenschaftler schloss man einen Kompromiss – das Voyager-Programm. Statt vier Sonden sollten zu zwei fliegen, die eine Lebensdauer von vier Jahren haben und nur Jupiter und Saturn erforschen, während Uranus und Neptun aufgegeben werden.

Ein wenig Schummelei

So soll es sein. Die Wissenschaftler und Ingenieure machten sich and die Arbeit, aber immer mit dem deprimierenden Hintergedanken im Kopf, dass sie in ihrem Leben wohl niemals scharfe Bilder von Uranus, Neptun und Pluto sahen. Inzwischen war Jupiter schon von der Pioneer-Sonde erforscht worden. Also entschieden sich einige, die Anweisungen der NASA zu ignorieren. Als 1975 der Bau begann konstruierten sie die Sonde von Anfang an so, dass sie eine Chance hatte, auch bis zu ihren Passagen bei Uranus und Neptun funktionsfähig zu sein. 1977 war die Entwicklung vollendet und man taufte die Sonde Voyager-Raumsonden.

Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun

Voyager 1 sollte sich durch ein Swing-by-Manöver am Saturn aus dem Sonnensystems katapultieren, während man Voyager 2 einfach weiter fliegen lassen wollte, um eventuell doch noch Uranus und Neptun zu erreichen. Den Asteroidengürtel, der tatsächlich viel weniger dicht ist überstanden die Sonden unbeschadet. Voyager 1 entdeckte ein neues Ringsystem bei Jupiter, welches Voyager 2 weniger Monate genauer untersuchte. Auch die Atmosphäre und die Monde wurden genauer erforscht – mit großen Erfolg. Voyager 1 vollbrachte ein Swing-by-Manöver am Saturn und wurde dadurch auf eine Bahn geschossen, die sie in einem 35°-Winkel zum Sonnensystem in die tiefen des Alls fliegen lässt – auf das sie eines Tages andere Sterne erreichen sollte. Doch der Antrieb, eine Radionuklidbatterie ist begrenzt und sollte zur Neige gehen. Man hielt die Mission für beendet.

Voyager 2 flog durch Kurskorrekturen weiter zu Uranus und Neptun. Dort entdeckte Voyager 2 neun neue Monde des Planeten bevor auch die die Zone der Planeten verließ.

Eine Botschaft für die Ewigkeit

Schon lange vor dem Start der Sonden war man sich bewusst, dass sie eines fernen Tages unser Sonnensystem verlassen und in die Tiefen der Galaxis fliegen würden. Womöglich würde sie dort auf Außerirdische stoßen, die die Raumsonde begutachten. Daher wollte man den Raumsonden eine Botschaft mitgeben, die potentielle Außerirdische von der Existenz Menschheit informiert. Doch das ist schwieriger als gedacht. Denn wie soll man Außerirdischen von denen wir nichts wissen, erklären wie man die Nachricht abspielt und was sie bedeutet? Ein eigenes Forscherteam wurde damit beauftragt. Man entschied sich eine vergoldete Platte aus Kupfer zu nutzen. Die Platten befinden sich mit Kassette und Nadel zum Abspielen in einer Hülle. Auf der Hülle ist eine Anleitung zum Bau eines Plattenspielers.

Man machte sich die Gesetze der Physik zur Nutze, denn die sind überall gleich. Die benötigte Schwingungsfrequenz der Platte gab man in Verhältnis zur Schwingungsfrequenz eines Wasserstoffatoms an – denn die ist überall im Universum gleich. Der Wasserstoff wurde ebenfalls als H2-Molekül dargestellt. Auch wo die Außerirdischen und finden können ist vermerkt. Die Position der Sonne ist im Verhältnis zu 14 leuchtstarken Pulsaren angegeben, das sind Sternenleichen, die wie kosmische Leuchttürme funktionieren, da sie extrem große Mengen an Strahlung absondern. Durch sie kann man Positionen angeben.

Beethoven, Mozart und Bach

Doch die Technik war nicht die einzige Hürde. Man musste sich auch überlegen, was man den Außerirdischen sagen möchte. Schließlich entschied man sich unter anderem Klänge der Erde „The sounds of earth“ mitzuschicken. Dabei waren Stücke von Beethoven, Mozart und Bach, Volksmusik aus Senegal, Panflöten von den Salomonen-Inseln und Sackpfeifen aus Aserbaidschan. Weitere Geräusche sind Donner, der menschliche Herzschlag, der Start einer Saturn V, und ein Vulkanausbruch.

Außerdem gibt es Grußbotschaften in 55 Sprachen. Schaut man sich deren Inhalt an, bekommt man schon ein leichtes Unbehagen, wenn man bedenkt, dass dies alles ist, was die Außerirdischen über die Menschheit wissen und zusätzlich noch unseres Position im All notiert ist. Dort stehen so geistreiche Sätze wie: „Freunde im Weltraum, wie geht es Euch allen? Habt Ihr schon gegessen? Kommt und besucht uns, wenn Ihr Zeit habt.“ (Ja, die Doppeldeutigkeit wurde mehrfach kritisiert.) Aber auch Sätze wie „Grüße an Euch, wer immer Ihr seid: Wir sind Euch wohlgesinnt und bringen Frieden zu den Sternen.“ auf Latein oder einfach nur „Frieden“ auf Hebräisch.

Der der Platte besteht aus Bildern, darunter Bilder unseres Sonnensystems, eines Menschen bei einem Weltraumspaziergang, das Taj Mahal, die Anatomie des Menschen, eine Skizze unserer DNA, ein Bild der Erde, ein Fötus, Kinder unterschiedlicher Herkunft, die ihre Hände auf einen Globus legen, das UN-Hauptquartier bei Nacht, Mathematische Formeln und eine stillende Mutter.

Die Grußbotschaft von Präsident Carter

„Diese Voyager-Raumkapsel wurde von den Vereinigten Staaten von Amerika gebaut. Wir sind eine Gemeinschaft von 240 Millionen Menschen unter den über 4 Milliarden, die den Planeten Erde bewohnen. Wir Menschen sind noch in nationalen Staaten unterteilt, aber diese Staaten werden bald eine einzige, globale Zivilisation sein.“

Weiter: „Wir schicken diese Botschaft ins Weltall. Wahrscheinlich wird sie auch noch 1 Milliarde Jahre nach uns leben, wenn unsere Zivilisation sich zutiefst verändert und die Oberfläche der Erde sich weitgehend verwandelt haben wird. Von den 200 Millionen Sternen der Milchstraße haben vielleicht einige – eventuell viele – bewohnte Planeten und der Raumfahrt kundige Zivilisationen. Sollte eine solche Zivilisation die Voyager-Kapsel auffangen und diese auf eine Bild-Ton-Platte aufgenommene Botschaft verstehen, so lautet sie folgendermaßen:


Dies ist ein Geschenk von einer kleinen, fernen Welt, ein Zeugnis unserer Geräusche, unserer Wissenschaft, unserer Bilder, unserer Musik, unseres Denkens und unseres Fühlens. Wir versuchen, unsere Zeit zu überleben, so daß wir in eurer leben können. Wir hoffen, nach der Lösung unserer gegenwärtigen Probleme einmal einer Gemeinschaft von Milchstraßen-Zivilisationen beizutreten. Diese Platte soll für unsere Hoffnung unsere Entschlossenheit sprechen sowie für unsere Bereitwilligkeit inmitten eines unermeßlichen, ehrfurchtgebietenden Universums“

Nachricht des US-Präsidenten Jimmy Carter auf der Voyager Golden Record

Der lange Weg zu den Aliens

Doch wir müssen uns nichts vormachen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bilder je wieder von einem Lebewesen gesehen werden ist nicht groß. Die Geschätzte Lebensdauer der Schallplatten beträgt 500 Millionen Jahre – 250 mal länger, als aufrecht gehende Menschen die Erde bevölkern und in kosmologischen Zeitskalen dennoch nur ein Wimpernschlag. Wenn Außerirdische die Sonde finden, müssten sie der Raumfahrt kundig sein und die Sonde abfangen.

Da wir über die Wahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Universum so gut wie nichts wissen, können wir auch nicht einschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Botschaft abgespielt wird. Vielleicht ist es auch einfach ein ewiges Andenken an unsere Zivilisation. Sicher ist, dass, sollte sie je abgespielt werden, bis dahin noch viele Jahrtausende vergehen werden.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Botschaft jemals von einem anderen als uns gehört wird.

Nur ein Wunschtraum?

Vielleicht ist das auch besser so, denken sich einige. So wurde beispielsweise kritisiert, dass wir unsere Position im Universum so leichtfertig preisgeben, ihnen zeigen, dass wir sowieso keine Chance hätten, sollten sie nicht friedlich gesinnt sein und sie in Grußbotschaften zu uns einladen. Doch noch viel mehr Kritik bekam der Inhalt der Botschaft. Schließlich zeigen wir uns von der besten Seite, als Zivilisation, die zusammenhält, denen Herkunft und Ethnie egal ist, die ins All fliegt, über ausgeklügelte Medizin verfügt und Friedensbotschaften ins All sendet.

So würde wohl niemand die damalige Gesellschaft beschreiben. Keine Bilder von sterbenden Walen, hungernden Kindern, Naziaufmärschen im Nationalsozialismus oder Atombombenexplosionen. Solange wir dies nicht auch in eine Botschaft integrieren ist sie vielleicht kein Andenken an die damalige Gesellschaft, sondern ein Andenken daran, wie die Menschen der damaligen Gesellschaft sich gesehen haben oder gerne gesehen hätten. Schließlich regte sie aber vor allem zum Nachdenken über uns selbst an. Und trauriger Weise sind wir dem Ideal auf der Voyager Golden Record in den letzten Jahren nicht wirklich näher gekommen.

Vorhut der Menschheit

Und wie geht es mit Voyager weiter? Sie haben das Sonnensystem inzwischen verlassen – und funktionieren noch immer. Statt vier Jahren senden die Voyager-Sonden jetzt schon 40 Jahre. Sie befinden sich im interstellaren Raum, in der die galaktische kosmische Strahlung den Sonnenwind verdrängt hat und sind in die lokale interstellare Gaswolke eingetaucht. Voyager 1 wird 2024 die Distanz von einem Lichttag zur Sonne überschreiten – und dabei vermutlich noch immer wissenschaftliche Daten sammeln.

Die Sonne ist lange nur noch ein Stern unter vielen – so werden sie in 500 Jahren die Oortsche Wolke erreichen, eine Ansammlung an Kometen, in die unser Sonnensystem eingebettet ist. In 40.000 Jahren wird sie den Stern Gliese 445 passieren. Voyager 2 wird in 300.000 Jahren das Doppelsternsystem Sirius passieren. Und sie werden weiter fliegen. Dabei werden die Orte erreichen, die dem Menschen vermutlich für immer verschlossen sind und die Nachricht von der Existenz der Menschheit in ferne Welten transportieren.

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