Warum die Bauernproteste verfassungsfeindlich sind

Die aktuellen Proteste von Landwirten gegen das Agrarpaket sind Akte puren Egoismus von Menschen, die meinen, sie könnten die Bevölkerung durch wirtschaftliche Abhängigkeit erpressen und somit die Zerstörung unser aller Biosphäre rechtfertigen. Somit sind die Forderungen der Bauern eine Gefahr für das langfristige Bestehen der menschlichen Zivilisation, die Demokratie und Menschenrechte. Sie sind verfassungsfeindlich.

Schädliche Forderungen

Die Bauernproteste, initiiert vom Bündnis „Land schafft Verbindung“ (der Titel ist übrigens noch das konkreteste an diesem ganzen Bündnis) richten sich vor allem gegen das im Vorjahr verabschiedete viel zu lasche Agrarpaket der Bundesregierung, dessen Kern das sogenannte „Aktionsprogramm Insektenschutz“ ist. Es enthält etwa ein Verbot von bestimmten Insektiziden in Naturschutzgebieten, einen Mindestabstand zu Gewässern von 10 Metern beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Deklaration von Streuobstwiesen und artenreichem Grünland als Naturschutzgebiete und eine erhebliche Einschränkung des Glyphosatgebrauchs ab 2020. Grundsätzlich also alles sinnvolle und notwendige, teils nicht weit genug gehende (das Tierwohllabel ist etwa freiwillig, um ein Beispiel zu nennen) Gesetze, die dem Insektensterben entgegenwirken werden. Insekten sind für den Stoffkreislauf und als Bestäuber unabdingbar und das Insektensterben lässt sich eindeutig belegen. Die Roten Listen der gefährdeten Arten in Deutschland verzeichneten einen negativen Trend bei mehr als 3000 Insektenarten. Die Ironie: Das Insektensterben wird vor allem die Landwirtschaft betreffen. Insgesamt sind Pflanzen im Wert von insgesamt 1,13 Milliarden Euro in Deutschland von Bestäubern abhängig. Vor allem beim Obst- und Gemüseanbau, aber auch bei Ackerkulturpflanzen, etwa Raps wird die Ernte also einbrechen, wenn die im Agrarpaket verabschiedeten Maßnahmen nicht zügig umgesetzt werden.

Thesen wissenschaftlich nicht haltbar

Doch viele Bauern, die sich an den jetzigen Protesten beteiligen, betreiben Realitätsverdrängung der höchsten Form. So leugnen manche schlicht die gesundheitsschädliche Wirkung der Stickstoffverbindung Nitrat, um gegen die Düngemittelverschärfung zu wettern. Wie ich hier schon im Rahmen von Silvesterböllern geschrieben habe, wandelt der Körper Nitrat ab einer gewissen Konzentration in Nitrit um, welches krebserregend wirkt, Rote Blutkörperchen schädigt und zu Fehlgeburten führen kann. Gelangt zu viel Nitrat auf die Felder, kann dieses nicht aufgenommen werden und gelangt ins Grundwasser, wo wir alle das Zeug trinken dürfen. Sebastian Dickow, Sprecher der Bewegung, behauptete anschließend, die meisten Bauern würden nicht überdüngen. Dem gegenüber steht eine Studie der Universität Gießen, wonach Bauern im Schnitt 77 Kilogramm mehr Nitrat pro Hektar genutzt haben, als die Pflanzen aufnehmen können. Hinweise seitens Dickow auf Lücken in der Statistik konnten ebenfalls eindeutig widerlegt werden.

Wenn Felder überdüngt werden, landen die überflüssigen Düngemittel in der Atmosphäre und im Grundwasser.

Schließlich blamierte sich Dickow vollkommen, indem er sagte, dass große Mengen des Stickstoffs unschädlich seinen, da sie gar nicht ins Grundwasser kämen. Eigentlich hat er damit sogar recht. Bleibt nur das unschöne Detail, dass Ablagerungen, die sich nicht auswaschen, in die Luft gelangen und dort das Klima belasten. Und letztlich landen sie über den Niederschlag doch wieder im Boden. Die Düngemittelverschärfung wird durch die wissenschaftliche Faktenlage also eindeutig gestützt. Es mag verständlich sein, dass sich manche Bauern von den mehrmals verschärften Verordnungen überfordert fühlen. Doch letztlich bleiben diese Verschärfungen nicht willkürlich, sondern basieren auf Modellrechnungen und Simulationen. Sie sind das, was wir tun müssen, um zu überleben, alternativlos. Und die Einschränkungen die sie für manche mitbringt, sind dann persönliches Pech – und zudem deutlich schwächer als die des Insektensterbens.

Bauern profitieren vom Agrarpaket

Das perfide ist, dass Dickow und seine Kollegen vorgeben, alle Bauern zu repräsentieren. Doch den meisten Bauern ist das Insektensterben nicht egal und sie verstehen auch die Notwendigkeit von Tierschutz. Es ärgert mich zudem, dass durch die Bauernproteste ein sehr ehrenwerte und wichtiger Beruf diffamiert wird. Auf welcher Seite „Land schafft Verbindung“ steht, zeigt sich, wenn man sich die Gesichter hinter den Protesten etwas genauer ansieht. Dirk Andresen, der bekannteste Sprecher der Bewegung ist etwa – welch Überraschung – am Andresen Siedenbollentin GmbH & Co. KG beteiligt, einem industriellen Agrarunternehmen mit 1250 Sauen. Letztlich unterscheidet er sich also in keiner Form von Öl- oder Kohlelobbyisten, denen die Zukunft im Grunde genommen egal ist – und die Landwirtschaft auch. Während man Fridays for Future häufig Unterwanderung vorwirft, sind die Bauernproteste nicht nur von Rechtsextremisten unterwandert, sondern praktisch ideologisch verwandt. So durfte etwa der schweizerische Rechtsextremist Ignaz Bearth auf einer Bauerndemo nicht nur sprechen, sondern bekam sogar Applaus, war also durch die breite Masse legitimiert. Er ist Gründer der schweizerischen Partei DPS, die 2017 mit der PNOS fusionierte. Diese wiederum trat mit Parolen wie „Nationale Erneuerungsbewegung“, „Wir säubern!“ und „Eidgenössischer Sozialismus“ an und forderte die Umwandlung der Schweiz in einer Meritokratie.

Jene Erfindung, welche die Menschheit vor 200.000 Jahren groß gemacht hat, ist nun gut dabei, sie wieder auszulöschen. Diejenigen, die das provozieren, sind jedoch keine Bauern, auch wenn sie schicke Traktoren haben – das sind Lobbyisten und genau so sollten wir ihre Anliegen auch behandeln. Demonstrationen von alten weißen Männern, die durch Erpressung mit scheinbarer wirtschaftlicher Abhängigkeit das Recht bekommen wollen, einen mit einer Biokalypse verbundenen Völkermord auszulösen sind verfassungsfeindlich – und somit sollte ein Verbot kein Tabu sein. Die echten Bauern sind unsere Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise – das zeigten die reichlich besuchten Gegendemonstrationen unter dem Motto „Wir haben es satt.“ für eine ökologische Agrarwende.

3 Gedanken zu „Warum die Bauernproteste verfassungsfeindlich sind

  1. wolfgang fubel

    Als Kind habe ich noch richtiges Brot gegessen. Selbst um die Brotrinde, die Unsere Großeltern
    nicht mehr kauen konnten und im Brotkasten aufbewahrten, haben Wir kinder uns gestritten!
    Heute? Fertigteig aus China oder sonst woher. Zwei Tage reichen um dieses Gepansche, das
    man Brot nennt so Steinhart werden zu lassen, das man damit ein Haus bauen könnte! Die
    „Qualität“ der „Lebensmittel“ ist unterirdisch schlecht geworden und dazu noch irrsinnig teuer,
    für die normalen Menschen! Die „Ganz Normalen“ Menschen können sich schon noch die Guten
    Lebensmittel kaufen, die sind aber dann auch locker doppelt so teuer.!
    Liegt das an der Massen Menschhaltung und der Massen Tierhaltung??

  2. Agarwissenschaftler

    Es ist genau umgekehrt: Die Bundesregierung zerstört mit immer weiteren Einschränkungen des Lebens und Arbeitens auf dem Land die Grundlagen (food, fuel, fibre) unserer Zivilisation. Es ist schlicht nicht realistisch mit der Agartechnologie des 18. Jahrhunderts Stadtmenschen mit den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts 24/7 durchzufüttern.

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