Was ist Stolz?

Ich will kein Nazi sein also bin ich jetzt ein linker Chaot. So läuft das jetzt hier. Entscheidet euch. Du willst nicht das Menschen auf Grund Ihrer Haarfarbe oder Herkunft, vielleicht auf Grund des Klangs ihres Namen oder wegen ihrer sexuellen Ausrichtung gejagt werden? Dann bist du ein linker Chaot. Ich kann es nicht ändern. Ich habe die Regeln nicht gemacht.

Ich bin mittlerweile sogar überzeugter linker Chaot, weil ich tagesaktuell Bestätigung dafür erhalte zu welcher Sorte von Menschen ich nicht gehören möchte. Es sind Menschen, wie die 6000 Menschen in Chemnitz, die am vergangenen Montag eindrucksvoll Parolen grölend, Ärsche zeigend ihre Trauer um Daniel H. zum Ausdruck brachten. Ich hasse diese Menschen und da spielt es auch keine Rolle ob die aus Chemnitz, München oder Gütersloh kommen.

„Aber das sind doch nicht alle Nazis?“

Das vermag ich nicht zu beurteilen, hat auch für meinen Hass keine sonderlich große Relevanz und doch ist es vielleicht die Begrifflichkeit, die meine Abscheu allgemeingültig am besten trägt und ob da innerhalb des Mobs jemand still Präsenz und Solidarität mit Nazis zeigt oder vorfreudig die Quarzsandhandschuhe überstreifte ist mir ziemlich egal.

Chemnnitz war seitens der Rechtsextremisten unglaublich straff organisiert. Da wirkte bezüglich der Mobilisierung kein viraler Effekt, das ist harte Arbeit, viel Fleiß und Geschick, welches in ein hervorragend organisiertes und stabil kommunizierendes Netzwerk geflossen ist. Eklig, aber wichtig zu berücksichtigen.

Man mobilisiert nicht mal eben 6000 Menschen, die aktiv für oder gegen etwas auf die Straße gehen. Es gab bundesweite Anreisen, was zeigt welche Opferbereitschaft vorhanden und zu welchen zeitlichen Investments man seitens der Gesellschaftsfeinde bereit und in der Lage ist. Chemnitz ist ein Meilenstein der radikalen Rechten, da es trotz der drastischen Dimensionen gesellschaftlich zu kaum nennenswerter Gegenwehr außerhalb der allseits üblichen Empörung kam.

Wer diese Nazis schützt, deckt oder mit Ihnen auf die Straße geht, macht sich mit Ihnen gemein und ist nicht weniger verachtenswert als der braune Mob selbst und es wäre schön, wenn wir aufhören könnten Besorgnis oder soziale Stellung als Ausrede gelten zu lassen, dass man sich wie ein rechtsradikales Arschloch verhält.

„Die Politik wird uns helfen“

Unser Innenminister hält es nicht für nötig ein klares vollwertiges Statement gegen Rechtsextremismus abzugeben und ergänzt stattdessen das Statement des Regierungssprechers, dessen Stellungnahme aber auch nicht so klang als hätte er Sorgen über die Geschehnisse in Chemnitz.

Aber es liegt nicht an Seehofer. Vermutlich hasse ich auch große Teile der CDU/CSU und das nicht erst seit Ausruf der konservativen Revolution und der unsäglichen Grenzabweisungs-Schmierenkomödie. Das war die Initialzündung für das erneute Erstarken der AfD.

„Aber wir haben ja noch die anderen Parteien?“

Sebastian Czaja fasste letzte Woche meinen Eindruck von der FDP wunderbar in einem Tweet zusammen.

„Antifaschisten sind auch Faschisten. Feuer mit Feuer zu bekämpfen ist keine gute Idee. Gewaltmonopol liegt allein beim Staat. Wir müssen laut sein, aber niemals radikal. SC @SawsanChebli“

Selbst als Reaktion auf einen Tweet von Sawsan Chebli, den sie mittlerweile löschte und erklärte, ist die Aussage „Antifaschisten sind auch Faschisten..“ völlig unabhängig von den noch folgenden Sätzen eine Aussage, die sich weit weg außerhalb des Bereiches befindet, den ich so als den gesellschaftlichen Mindestkonsens gesehen habe.

Und Herr Czja ist ja nicht einmal bei der AfD. Den Czaja hasse ich demnach auch und wenn ich so das liberale Weltbild von Kubicki sehe, in dem man als Mensch für sich selbst scheinbar überhaupt gar keine Verantwortung mehr trägt, so wird mir speiübel.

Wo wir bei der AfD gerade sind. Die hasse ich natürlich auch alle. Restlos. Sortiert in unterschiedliche Gruppen.

Der Überzeugungswähler

„Deutschland muss wieder eine starke Nation werden“

Ein Teil von denen hat vermutlich unterm Stein geschlafen, verklärt die Vergangenheit oder glaubt halt einfach als privilegierter Bürger, dass es ihm mit seiner genetischen Grundausstattung noch besser gehen könnte, wenn doch nur endlich die Flüchtlinge weg sind, alle Menschen mit einer nichtweißen Hautfarbe verschwinden und am besten auch gleich all die Behinderten, Homosexuellen, Juden und Nicht-Biodeutschen.

Protestwähler

Du bist der Schlimmste. Dich hasse ich sowieso. Du hast es nicht den anderen Parteien gezeigt. Du hast Nazis Rückszugsräume und Stabs-Jobs geschaffen.

Glückwunsch. Du bist Täter, nicht Opfer. Ich hasse dich.

Das Dummvolk

Natürlich sind Menschen mit geringerem Intellekt unter den AfD-Wählern überdurchschnittlich repräsentiert.

Es gibt die kühl-rechnenden, den persönlichen Vorteil suchenden AFD-Missionare und es gibt die dumpfe Masse, die denkt es hört ihnen endlich mal jemand zu oder es tut jetzt mal endlich jemand etwas für sie, denn das Geld ist immer knapp und der Job ist scheiße oder man kriegt gar keinen. Idioten können nützlich sein, wenn man gelernt hat sie anzusprechen und wenn Generationen verschwinden, die die Erinnerung an vergangene Massaker als Zeitzeuge wachhalten können sind sie zudem gefährlich.  

Wie ich linker Chaot wurde?

Ich bin vermutlich linker Chaot seit meiner Geburt 1977. Das war absehbar. Wer meine Eltern kennt weiß genau, wenn ein Kind, dass von den beiden erzogen wird, sich irgendwann einmal entscheiden muss ob er linker Chaot oder Nazi sein möchte, dann wird er einer der linkesten Chaoten oder chaotischsten Linken überhaupt.

Meine Eltern waren immer anständig und haben mich zu Anstand erzogen. Dulder, Unterstützer oder Tolerierer von Nazis, Rechtsradikalen, Rassisten und Gesellschaftsfeinden zu sein, schließt Anstand haben aus. Da, genau an dieser Stelle endet Kompromissbereitschaft und meine Fähigkeit zum Diskurs.

Da mag man mir die Moralkeule vorwerfen, Gutmenschsein unterstellen oder mich in die linksgrünversiffte oder auch Antifa-Ecke stellen. Es ist mir auch scheißegal über welche Begrifflichkeit der braune Mob versucht die Deutungshoheit zu erzielen.

Ich habe nicht studiert, bin eher durchschnittlich gebildet aber ich bin sehr anständig und ich umgebe mich gerne mit anständigen Menschen.   

Die AfD zu wählen ist zumindest unanständig und wenn es um mein Verhältnis zu Menschen ohne Anstand geht, dann sehe ich diesen Spalt in der Gesellschaft vor dem sich alle fürchten durchaus positiv, denn wenn auf der einen Seite die anständigen Menschen stehen und auf der anderen Seite der Rest, dann kann dieser Spalt gar nicht tief und breit genug sein, damit ich mit diesen Menschen nicht in Kontakt treten muss.

 „Aber wir müssen mit den Nazis reden.“

NEIN.

Warum? Da herrscht kein Interesse an gesellschaftlicher Integration, kein Wille einen Beitrag für eine funktionierende Gesellschaft zu leisten. Welche verdammte Diskussionsbasis sollte man denn mit diesen Gesellschaftsfeinden finden? Das ist doch völlig irre.

Baut Mauern, errichtet Zäune, wenn ihr sicherstellt, dass auf der einen Seite des Grabens die Menschen ohne Anstand stehen und auf der anderen Seite wir, helfe ich Steine schleppen, aber kommt mir nicht mit Kompromissen oder Verständnis gegenüber Nazis, deren Dulder, und Mitläufer.

Wut und das Verbreiten von Ängsten sind der Treibstoff dieser keineswegs zu bemitleidenden Menschen. Das sind keine Opfer, das sind Täter. Lasst euch nicht lähmen und täuschen.

Bleibt anständig, helft den Anständigen, bestätigt Menschen mit Anstand in ihrem Tun und hasst Nazis.

Werdet aktiv und macht euch klar, dass da niemand kommen wird, der uns vor den Nazis rettet.

Wenn wir zulassen, dass der Widerstand gegen Faschisten von den Julians, Bernds und Rolands dieser Welt zur anrüchigen Lebensweise hochstilisiert wird werden die rechtsradikal orientierten Menschen unsere Lebensräume einnehmen. Nazis, Rassisten und Gesellschaftsfeinde sind kein regionales Ost-Problem und gepaart mit der moralischen Flexibilität der Mitte-Extremisten und der massiven Verbreitung von Unwahrheiten in den Netzwerken erhalten wir sehr schnell eine Gesellschaft in der sich niemand mit einem Hauch von Anstand wohlfühlen kann.

 

Meinen Hass habe ich in einer unserer aktuellen Folgen unseres Podcasts Radiorebell erfahren und verarbeiten können. Jason und ich sprechen in unserer dreiteiligen Serie „Heimat, Stolz und Ehre“ in dieser Episode über Stolz und über Chemnitz.

Viel Spaß!

 

 

 

 

 

 

    

Wir danken für Teilung und Verbreitung.

2 Gedanken zu „Was ist Stolz?

  1. Alexander

    Sorry, nein! Ich widerspreche! Klar, Hass ist einfach. Nazis zu hassen, ist auch einfach (und richtig). Aber wer pauschal alle chemnitzer Demonstranten zu Nazis macht, macht es sich zu einfach.

    „Wer marschiert ist blöd“, macht vor allem eines: es pauschaliert und verstellt damit den Blick auf ein ganz wesentliches Problem. Nicht alle Sachsen sind Nazis. Aber Sachsen hat … wieviel? 25 %… erschreckend viele AfD-Wähler.

    Alles Nazis! Lassen wir es, darüber nachzudenken. Packen wir die alle in einen Sack und immer mit dem Knüppel druff, trifft immer den Richtigen. Ähm… nein.

    Unabhängig davon, dass ich Frau Chebli immerhin in dem Punkt Recht gebe, dass Gewalt von keiner Seite toleriert werden darf, trifft es eben auch die Falschen.

    Du schreibst von Dummbürgern. Dem mag ich nicht mit Vehemenz widersprechen. Aber du machst einen verhängnisvollen Logikfehler. „Alle Nazis sind dumm“ ist ungleich „alle Dummen sind Nazis“.

    Jetzt kann man — so wie du — sagen, dass das egal ist. Dummbürger sind so dumm, dass man sie aufgeben muss. Vielleicht ist es aber eher so, dass man es sich nicht einfach machen darf. Dummbürger darf man vielleicht nicht hassen — obwohl es doch so schön einfach ist. Dummbürger muss man vielleicht sogar ernst nehmen — es sind nämlich eine Menge. Und eine Menge Dummbürger (erinnern wir uns… 25%) können viel kaputt machen. Und das sogar unabsichtlich, weil sie es nicht besser wissen.

    Nein, sorry. Stumpfer Hass ist einfach, aber falsch.

    WIR MÜSSEN DOCH REDEN! Nicht mit Nazis, aber mit Dummbürgern.Wir müssen Scheinargumente entkräften. Wir müssen aufklären. Wir müssen sie überzeugen, dass sie falsch liegen. Wenn wir mit tausend Dummbürgern sprechen und feststellen, dass wir sie nicht alle überzeugt haben? Selbst wenn wir bei nur einem bewirkt haben, dass er sich … demokratischer?… aufgeklärter?… Wurzeln unserer Gesellschaft klar wird, dann haben wir einen gerettet.

    Wenn wir hingegen hassen, unterstützen wir ihre Position. Und ich möchte kein Unterstützer von Nazis sein.

    Liebe Grüße
    Alexander

    PS: Hannover war klasse

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    1. wochenendrebell Beitragsautor

      Hallo Alexander, danke für deinen Kommentar. Wir kommen da nicht überein. In Teilen hast du aber auch meinen Text falsch verstanden.
      ich habe nicht pauschal alle als dumm bezeichnet, ich habe nur gesagt, dass es innerhalb der Gruppe an AfD-Wählern eine größere Menge an nützlichen Idioten gibt. Rechtes Stimmvieh, dessen Kreuz gebraucht wird. Dummheit schließt Anstand nicht aus und daher kommen wir auch bei den Demonstranten nicht überein. Wir reden über 6000, nicht über 60.000 Menschen, die auf die Straße gingen. Man bekommt also genau mit, was um einen herum geschieht.
      Wer sich einreiht in einen Zug Menschen, die „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ schreien, mit dem werde ich nicht reden, mit dem werde ich nicht diskutieren. Diese besorgten Bürger, Meinungsfreiheits-Kämpfer oder Trauernden wurden nicht gezwungen sich dem rechtsradikalen Mob anzuschließen. Ich kenne Dutzende Menschen, die nicht wissen was es Mitte des Monats zu essen geben soll, die die Hosen der Kids x-mal flicken lassen müssen, deren letzter Urlaub zehn Jahre her ist. Ich habe die Schnauze so dermaßen voll das soziale Umfeld oder andere Ausredengelten zu lassen, wenn sich jemand rechtsradikalen Arschlöchern anschließt und somit die gesamte Gesellschaft in Gefahr bringt. Selbst wenn man dumm wie ein Stuhl ist, weiß jeder ganz genau wem man sich da anschließt und das ist verachtenswert, ich hasse diese Menschen abgrundtief und es spielt keine Rolle ob sie in der ersten Reihe mitgrölten oder in der Mitte mitliefen. Es gibt doch mehr als genug Menschen in der Politik, in den Medien, überall finden sich ausreichend Menschen, die die Sorgen der Dummbürger ernst nehmen. Ich höre doch nichts anderes mehr. Feierabend. Die können mich am Arsch lecken und wenn ich einen von denen treffen würde, täte ich Ihnen eher ins Gesicht spucken als nur eine Sekunde mit Ihnen zu diskutieren. Ob ichs mir einfach mache? Mag sein, denn diese destruktive Scheisse geht mir auf die Eier und sie verschwendet kostbare Zeit. Ich finde es gut, wenn sich jemand an denen versucht auch wenn ich erhebliche Zweifel habe, dass sich diese Menschen abholen lassen. Nicht ich mache es mir einfach, sondern die. Von mir wird es nicht den Hauch von Engagement, Verständnis oder Support für Menschen geben, die sich mit Nazis gemein machen. Das ist allerspätestens der Fall, wenn man mit Ihnen auf die Straße geht. Diese Menschen haben nicht nur meinen Hass verdient.

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