Bild vom Gang in einem Nachtzug als Symbolbild für die Folge über Nachtzuege.

118 Wie geil sind Nachtzüge wirklich?

Nachtzüge: Das dankbarste Thema seit „Mathematische Grundlagen der Astrophysik“. Mit großer Freude besprechen wir sie in dieser Themenfolge, sowohl im Kontext von Politik und Umweltschutz als auch unter Einbeziehung unserer eigenen Nachtzug-Erlebnisse.

Die Vergangenheit

Schon vor 100 Jahren hatte Europa ein gut ausgebautes und komfortables Nachtzugnetz. Von München oder Berlin konnte man mit dem Zug nach Konstantinopel, Lissabon, Stockholm, Moskau, Paris oder Königsberg fahren. Doch leider wurde dieses Netz nach und nach ausgedünnt, immer mehr Strecken wurden eingestellt, die Taktungen wurden immer geringer. Als die Deutsche Bahn 2016 schließlich ihre City Night Lines eingemottet hat, erreichte diese Entwicklung ihren Tiefpunkt. Grund dafür ist vor allem die Luftfahrt und die Tatsache, dass sie im letzten Jahrhundert auch auf kurzen Strecken rentabel und erschwinglich wurde – aber nicht nur aufgrund neuer Technologien, sondern vor allem aufgrund politischer Entscheidungen.

Nach den Regeln des Marktes haben die teureren und langsameren Nachtzüge keine Chance, es bräuchte eigentlich enormen Subventionen für diese umweltfreundliche Art zu reisen. Doch das Gegenteil passierte: Die Luftfahrt wurde großzügig subventioniert und das führte dazu, dass man die Entscheidung der Deutschen Bahn aus rein wirtschaftlicher Sicht leider als richtig betrachten muss. Ein Beispiel von vielen, wieso nach meiner Meinung eine Bahn in staatlichen Händen, deren oberstes Ziel die Bereitstellung einer flächendeckenden Versorgung nach den Bedürfnissen der Zeit statt die Generierung von Gewinn ist, sinnvoller wäre.

Die Gegenwart

Aber zum Glück zeichnet sich langsam eine Trendwende ab und das ist nicht zuletzt all denen zu verdanken, die in den letzten Jahren geholfen haben, das Thema Klimaschutz und Mobilitätswende populärer zu machen. Viele Menschen wollen innerhalb Europas und erst recht innerhalb Deutschlands nicht mehr fliegen, sie schämen sich zurecht dafür. Hinzu kommen natürlich all diejenigen, denen das Fliegen „zu einfach“ geht und die eher nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel.“ Abenteuer suchen. So gibt es inzwischen wieder eine wachsende Zielgruppe für Nachtzüge und das Netz wird wieder von Jahr zu Jahr ausgebaut – in gesamteuropäischer Kooperation, aber mit der österreichischen Bahn ÖBB als treibende Kraft, die auch die auch die Züge mit dem Namen nightjet bereitstellt.

Nachtzüge in Deutschland

In Deutschland gibt es inzwischen wieder ein gut ausgebautes Nachzugnetz. Von München kann man unproblematisch nach Rom, Zagreb, Venedig, Mailand, Rijeka oder Ljubljana fahren, aber auch nach Düsseldorf und Hamburg. Von Berlin gibt es Verbindungen nach Malmö, Moskau und seit neuestem auch Budapest und eine Verbindung von Zürich nach Berlin und Hamburg, die in Hannover geteilt wird, verbindet auch viele Städte innerhalb Deutschlands.

Nachtzüge in Europa

Auch in Großbritannien gibt es Nachtzüge, die aber meist legendäre Namen statt Nummern haben, in Spanien und Italien verkehren ebenfalls Nachtzüge. Bei unseren Nachbarn sind natürlich Österreich und auch die Schweiz am weitesten, aber auch Polen hat ein nationales Nachtzugnetz. Über sonstige Nachtzüge im Osten Europas können wir natürlich viel aus eigener Erfahrung erzählen, etwa von unserer wirklich komfortablen Fahrt im Hellas-Express von Skopje nach Belgrad: Während der Fahrt waren die Türen geöffnet oder präziser ausgedrückt gab es gar keine Türen. Wenn du dann im letzten Abteil des letzten Wagens sitzt und jemanden an dir vorbeilaufen und nicht mehr wiederkommen siehst, kommst du schon ins Grübeln… Und ob ihr´s glaubt oder nicht, es gab tatsächlich auch schon eine Nachzugfahrt bei selbst ich richtig abgekotzt habe – im wahrsten Sinne des Wortes.

Nachtzüge weltweit

Wir schauen natürlich auch mal über den kontinentalen Tellerrand. In China etwa verkehren längst 20 Züge pro Tag – oder besser gesagt pro Nacht – zwischen Metropolen, die tausende Kilometer auseinanderliegen. Das klingt beneidenswert und ist natürlich auch schön, dennoch ist unser europäisches Netz nicht unbedingt schlechter, es ist einfach auf die Geographie und die Bevölkerungsstruktur Europas ausgelegt. Nirgendwo anders auf der Welt ist es etwa besser möglich, auch von relativ kleinen Orten aus mit dem Zug schnell in größere Städte zu fahren. Das wird klar, wenn man den Blick einmal in die andere Richtung lenkt: In den USA etwa gibt es eigentlich gar kein zusammenhängendes Netz, sondern nur einzelne Nachtzugstrecken genauso wie in Brasilien, Australien oder einem Großteil Afrikas.

Die Zukunft

Die Zukunft der Nachtzüge sieht tatsächlich ganz gut aus: Die ÖBB plant ab 2022 eine neue Flotte an Nightjet-Wagen auf die Schiene zu bringen, die deutlich komfortabler sein sollen, außerdem sind weitere europäische Strecken – auch innerhalb Deutschlands – geplant, etwa eine Strecke von Zürich nach Amsterdam über Köln und auch Dresden soll wieder ans Nachtzugnetz angeschlossen werden.

Selbst die Deutsche Bahn wird sich eventuell an einem europaweiten Nachzugnetz beteiligen: Geplant sind Strecken von München nach Stockholm, Berlin nach Barcelona, Warschau nach Amsterdam und noch einige weitere Strecken. Diese Nachtzüge sollen im sogenannten Europa-Takt aufeinander abgestimmt sein, sodass es wieder möglich sein wird, ganz Europa mit dem Nachtzug zu durchqueren. Mit der Ergänzung der geplanten französischen Strecken kann man davon ausgehen, dass im Jahr 2030 jede größere europäische Stadt mit dem Nachtzug erreichbar sein wird.

Außerdem soll die Verbindung von Moskau nach Peking erneuert werden, statt sechs Tage sollen es nur noch knapp zwei sein. In unter drei Tagen käme man dann von Berlin mit dem Zug nach Peking – der Angelpunkt des extrem gut ausgebauten chinesischen Nachtzugnetzes. Trotz dieses optimistischen Blicks bleibt festzuhalten, dass Nachtzüge auch in zehn Jahren noch deutlich teurer und langsamer sein werden als das Flugzeug auf derselben Strecke – es sei denn die Politik greift ein und entscheidet sich klar und eindeutig für die Nachtzüge.

2 Gedanken zu „118 Wie geil sind Nachtzüge wirklich?

  1. Michael Hofer

    Ich liebe Nachtzüge und fahre viel und gerne damit. Ich fuhr nach Slowenien, Ungarn und Tschechien im Nachtzug vor allem beim Nachhauseweg.

  2. Vroni

    Ahoi!
    In meiner Kindheit in den 80ern fand ich Nachtzüge auch sehr geil. Im Osten ging es zwar nur ostwärts, aber ich habe es geliebt, ganz oben zu schlafen! Vom Kopfende her über etwa die halbe Bettlänge gab es ein Netz, ich wäre also nicht runtergefallen. In der Mitte schlief mein Papa und Mutti unten. Und irgendwann wacht man auf und ist in Budapest! Schlafwagen für uns 3 war natürlich immer viel besser als Liegewagen mit 6 Betten und in den anderen 3 Betten laute, besoffene und stinkende junge Männer. An den Night Liner von Zürich nach Hause / Mitteldeutschland habe ich nicht so gute Erinnerungen: Der erste Sitz war kaputt, Wechel zum nächsten mit kaputter Lampe und dann ein Idiot, der im Großraumabteil „Unheilig“ (ausgerechnet!) hört, wenn alle anderen pennen wollen und keiner sagt was. Musste vom anderen Ende des Abteils hingehen und ihn anschnauzen. DANN gab es Applaus von den anderen, als Ruhe war… Oder das eine Mal, als ich in Frankfurt recht spontan ohne Reservierung mitfuhr, der Zugchef meinte, ich könne mir jeden freien Platz nehmen und sein Untergebener mich dann zweimal weiterscheuchte, weil der Platz doch reserviert war und ich war gerade erst wieder eingeschlafen… Insgesamt eher räudig.

    Buchtip: Monisha Rajesh „around the world in 80 trains, a 45000-mile adventure“ Das verbindet Eisenbahngeschichte mit Eisenbahngeschichten. Gruselig war z.B. Nordkorea. Lesenswert, auch wenn man kein Eisenbahnfan ist!

    Liebe Grüße!
    (Ich gebe auf, auf das Nackttanzvideo zu warten…)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.