#10 Jana liebt den SV Werder Bremen

Lieber Jay-Jay,

 

bei SKY läuft gerade TSG Hoffenheim gegen Bayer Leverkusen und ich muss gestehen, ich langweile mich ein bisschen dabei. Daher habe ich beschlossen, Dir jetzt einen Brief zu schreiben. Über mich, das Leben und über meinen Verein.

Mein Verein ist Werder Bremen. Heute kann ich ganz genau sagen, an welchem Tag ‚es‘ begann. Damals hatte ich keinen blassen Schimmer, dass an diesem Tag im Sommer 1982 eine noch immer währende Liebe entstand. Es geschah ganz langsam. Am Anfang habe ich es einfach zur Kenntnis genommen, Werder und ich, wir haben uns aneinander gewöhnt, Stück für Stück…bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es ohne Werder ganz schön öde ist. Richtige Liebe merkt man häufig erst, wenn sie einem fehlt. Wenn man etwas vermisst. So hat sich dieser grün-weiße Verein einfach in mein Leben geschlichen. Klammheimlich.

 

Aber besser, ich beginne von Anfang an: Ich habe 1972 das Licht der Welt erblickt. In Bremen, direkt neben dem Weserstadion. Meine Eltern waren große Werderfans, gingen häufig ins Stadion. Fußball war immer ein Thema bei uns. So ging mein Vater während der WM 1974 immer mit mir spazieren, wenn es ihm zu aufregend war, die Spiele vor dem Fernseher zu verfolgen. Es wird erzählt, dass meine ersten Worte nicht ‚Mama‘ und ‚Papa‘ waren, sondern „Müller, Tor!“. Aber daran kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern.

Als ich ein bisschen älter wurde und auch begann, Fußball im Radio zu hören oder die Sportschau zu gucken, passierte etwas ganz Seltsames. Ich wurde Bayern-Fan!

Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung warum. Ich fand Karl-Heinz Rummenigge toll, ja…aber das alleine kann es unmöglich gewesen sein. Der wahre Grund war vermutlich, dass ich einfach keine Lust hatte, Fan von derselben Mannschaft zu sein, die mein kleiner Bruder anhimmelte. Denn der war ganz auf Werder eingestellt, schlief in grün-weißer Bettwäsche und konnte es kaum erwarten bei den F-Jugendlichen von Werder gegen den Ball zu treten. Das hat mich genervt, ich wollte anders sein und habe dann einfach mal angefangen, den Bayern die Daumen zu drücken. Für meine Eltern ist damals vermutlich eine Welt zusammengebrochen aber sie haben mich gewähren lassen. Bestimmt haben sie gewusst, dass irgendwann der Tag kommen würde. Der eine bestimmte Tag.

 

Dieser Tag! Juli 1982, der HSV war acht Wochen zuvor Deutscher Meister geworden, der 1. FC Köln Vizemeister, Werder wurde als Aufsteiger bemerkenswerter Fünfter. Italien wurde Weltmeister und wir hatten einen herrlichen Urlaub an der Ostsee.

In der Sommerpause verpflichtete Werder Rudi Völler und Wolfgang Sidka vom TSV 1860 München sowie Frank Neubarth vom SC Concordia Hamburg. Diese drei Spieler waren dann mit Trainer Otto Rehhagel und anderen Spielern bei einer Autogrammstunde in einer ausgebauten Waschstraße bei Jonas‘ Tankstelle um die Ecke. Unfassbar, damals haben die Spieler tatsächlich Autogramme umgeben von Bürsten, chemischen Reiniger und Gummigeruch gegeben.

Selbstverständlich wollte meine Familie da hin, um ihre Idole einmal aus der Nähe zu sehen. Ich wollte nicht, musste aber. Ich war neun und durfte eben nicht alleine zu Hause bleiben. Ich fügte mich also meinem Schicksal und schlurfte unlustig hinterher.

 

Tja…dann kann ich mich nicht mehr so richtig erinnern. Ich weiß nur noch, dass das total toll dort war. Alle waren so freundlich und ich habe einen gelb-schwarzen Plastikball mit allen Unterschriften bekommen. Irgendwann in diesen ein- vielleicht zwei Stunden ist ‚es‘ passiert. Es hat sich alles so richtig angefühlt und ich beschloss, Werder fortan ganz ok zu finden. Aus ok wurde ziemlich schnell großartig und aus großartig sensationell. Ich ging ins Stadion, ich fieberte mit, ich war glücklich, wenn Werder gewann, traurig, wenn es Niederlagen gab. Ohne, dass ich es richtig mitgekriegt habe, wurde ich also Werder-Fan.

Das bin ich auch heute noch. Wir haben also quasi eine über 30-jährige Beziehung, Werder Bremen und ich. Ich gestehe, diese Beziehung ist ein wenig einseitig aber das macht nichts, in der Liebe muss man auch gönnen können. In guten, wie in schlechten Zeiten.

Von beiden hatte Werder genügend. Nicht ganz so gut, wie die Zeiten von Bayern München und nicht ganz so schlecht wie die von Fortuna Düsseldorf (die mag ich auch sehr, sehr gerne aber das ist ein anderes Thema) aber immer aufregend. Häufig durfte ich auch dabei sein. 28 Stunden Busfahrt nach Neapel und Werder 3:2 siegen sehen, Schule schwänzen, um für Pokalfinal-Karten anstehen zu können (Papsi, hör einfach nicht hin;), auf dem Marktplatz feiern, vor dem Radio trauern. Jubeln, weinen, zittern, singen, tanzen. Ganz viele Spiele, jedes mit einer eigenen, manchmal sehr persönlichen Geschichte.

 

Das alles hat nie aufgehört, egal, wo ich gerade war. Nach 18 Jahren in Göttingen bin ich jetzt wieder zurück in Bremen, in meiner Heimat. Ich arbeite im Weser-Stadion und der Kreis hat sich irgendwie geschlossen.

 

Lieber Jay-Jay, lass Dir Zeit beim Finden Deines Vereins. Du kannst sowieso nicht viel tun, sehr wahrscheinlich findet der Verein eher Dich, ohne, dass Du es bemerkst. Es passiert einfach, er schleicht sich in Dein Leben. Einfach so.

Aber das wirst Du erst sehr viel später merken…

Viele liebe Grüße

Deine Jana

Vielen Dank an Jana. Das mit dem persönlichen Treffen schaffen wir auch noch.

Jana findet Ihr auch auf Twitter. Wer das direkte Wort nicht scheut sollte es wagen.

Was es mit diesem Brief auf sich hat, warum du auch einen schreiben darfst musst und wer dieser Jay-Jay ist erfährt man hier.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.