#25 Uwe liebt Hansa Rostock

Lieber Jay-Jay,
ich heiße Uwe, bin 50 Jahre alt und mein Fußballherz schlägt für den F.C. Hansa Rostock.

Seit etwa 15 Jahren besuche ich Spiele dieses Vereins, zunächst nur ab und zu im Rostocker Ostseestadion, bald aber schon mit einer Jahreskarte. Es folgten erste Auswärtsspiele, auch hier wurde es von Jahr zu Jahr mehr, bis ich in der Saison 2008/09 meinen ersten „Vierunddreißiger“ geschafft habe, also bei allen Ligaspielen innerhalb einer Spielzeit dabei war, und seither auch weiterhin, so oft es mir möglich ist, Hansa hinterher reise. Seit etwa acht Jahren berichte ich regelmäßig für das Online-Fanzine hansafans.de von den Spielen der Hanseaten, wobei meistens die Erlebnisse mit Freunden bei den gemeinsamen Reisen zu den Spielen und das Geschehen in den Fanblöcken im Mittelpunkt stehen. Außerdem habe ich auch noch ein Blog: hanseator.wordpress.com.
Hast du schon von Hansa Rostock gehört? Unser Verein durchlebt schwere Zeiten. Sportlich geht es seit einigen Jahren abwärts, inzwischen ist der langjährige Bundesligist in der dritten Liga gelandet, wo die Entwicklung – freundlich ausgedrückt – stagniert. Auch wirtschaftlich steht Hansa mit dem Rücken zur Wand und ringt um sein Überleben. Vor eineinhalb Jahren mussten die Stadt Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern einem Maßnahmenpaket zur Rettung des Vereins vor der Insolvenz zustimmen. Das waren aufregende Tage, in denen Menschen im ganzen Land und weit darüber hinaus ihre Unterstützung bekundeten und „Ja zum FCH!“ sagten.
Zurück zu mir: 50 Jahre und erst seit 15 Jahren bei Spielen des F.C. Hansa – wahrscheinlich fragst du dich jetzt: Was hat der Typ denn vorher die ganze Zeit gemacht? Nun – ich bin kein gebürtiger Mecklenburger. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in Altenburg, einer ostthüringischen Kreisstadt, die bis 1990 zum damaligen Bezirk Leipzig gehörte. Wie viele meiner Schulkameraden drückte ich Mitte der 70er Jahre dem 1. FC Lokomotive Leipzig die Daumen. In dessen Stadion sah ich dann 1977 auch mein erstes Oberliga-Spiel, es war ein 3:3 gegen den 1. FC Magdeburg.
Mit Lok erlebte ich tolle Zeiten. Zwar gelang nie der ganz große Wurf, sprich: Meistertitel, aber drei erfolgreiche Pokalendspiele (1981, 1986, 1987) und eine Erfolgsserie im Europapokal der Pokalsieger 1986/87 mit meinem persönlichen Höhepunkt, dem Sieg im Halbfinalrückspiel gegen Girondins Bordeaux im Elfmeterschießen, können sich durchaus auch sehen lassen. Heute spielt der Club nach Umbenennung in VfB Leipzig, späterer Insolvenz und Neugründung unter altem Namen in der Regionalliga und ich verfolge das Geschehen aus der Ferne.
Seit 1988 lebe ich nämlich in Mecklenburg, zunächst in Wismar und seit 10 Jahren nun in der Landeshauptstadt Schwerin. Bis Ende der 90er Jahre bin ich nur noch sehr selten bis überhaupt nicht zu Fußballspielen gefahren. Natürlich hatte ich das Interesse am Fußball nicht verloren, aber dafür mussten Fernsehübertragungen erst mal reichen.
Wie ich anfangs schon sagte, begann ich dann Ende der 90er Jahre ab und an zu Bundesligaspielen nach Rostock zu fahren. Was mich dort von Anfang an beeindruckte, waren der Zusammenhalt und die Geschlossenheit, mit der die Mecklenburger und Vorpommern wie ein Mann hinter ihrem FC Hansa standen. Das war auch eine der ersten Lektionen, die ich nach meiner Ankunft im Norden lernte: Zuerst kommt Hansa und dann eine ganze Weile nichts. Das kannte ich aus meiner Jugendzeit anders, als im Umkreis von 50 Kilometern von Altenburg zeitweise bis zu sechs Oberligisten zur Auswahl standen.
Noch mehr als der Fanatismus des Publikums im Ostseestadion hat mich jedoch fasziniert, wie viele Hansafans alle zwei Wochen bei Auswärtsspielen die Gästeblöcke der Bundesliga füllten. Es war ein unglaublich erhebendes Gefühl, die Fahrzeugkolonnen auf den Autobahnen quer durchs Land zu sehen und an den Raststätten auf etliche Gleichgesinnte zu treffen.
Hansa stand und steht nur selten für attraktiven und erfolgreichen Fußball, aber es gab in der Geschichte des Vereins Mannschaften, die mit Herz und großem Kampf dem einen oder anderen Favoriten mal ein Bein stellen konnten. Zehn Jahre lang konnte sich die Mannschaft in der Bundesliga behaupten, aber selbst der beste Motor läuft sich irgendwann fest, wenn er nur mit hoher Drehzahl gefahren wird.
Einer der größten sportlichen Momente in der Hansa-Historie ereignete sich am 29. Mai 1999. Es war einer dieser Tage, von denen dir jeder Hansafan heute noch sagen kann, wie er ihn verbracht hat. An diesem Tag, es war der letzte Bundesligaspieltag, drehte die Mannschaft in Bochum in den letzten 15 Minuten einen 1:2-Rückstand noch in einen 3:2-Sieg und rettete sich im letzten Moment vor dem Abstieg. Ich war damals leider nicht in Bochum dabei, irgendwie hat mich die stille Reue wohl nach und nach unbewusst zum heutigen (Fast)-Allesfahrer gemacht.
Und nun fahre ich weiter Woche für Woche quer durch die Republik meinen Hanseaten hinterher. Bei manchen Touren kommen an einem Tag weit über 1000 Kilometer zusammen. Dann stehst du in irgendeinem Gästeblock, siehst dabei zu, wie deine Mannschaft sechs Gegentore eingeschenkt bekommt und fragst dich, warum du dir das eigentlich antust. Und dann siehst du links und rechts von dir deine Freunde, die genau das gleiche denken, und weißt genau: Nächste Woche stehen wir wieder zusammen in irgendeinem anderen Stadion. Aber dann sind wir endlich mal dran mit einem Sieg.
Lieber Jay-Jay,
ich bin mir nicht sicher, ob dein Papsi damit richtig liegt, wenn er glaubt, dass es möglich ist, sich durch das Lesen persönlicher Erinnerungen mehr oder weniger fremder Menschen in deren bevorzugten Fußballverein zu verlieben. Ich vertrete den Standpunkt, dass das Stadionerlebnis entscheidenden Einfluss darauf hat, welche Farbe(n) das Blut hat, dass vom Fußballherz durch den Körper gepumpt wird.
Und auch dein Herz wird eines Tages seine Entscheidung treffen. Und ich verspreche dir, es wird die richtige sein. Du kannst da nichts falsch machen. Denn: „Du suchst Dir nicht Deinen Verein aus, sondern Dein Verein sucht sich Dich aus.“ Kannst Nick Hornby fragen. Du wirst in irgendeinem Stadion stehen und plötzlich merken: Das ist es, hier gehöre ich hin.
Oder – wie Goethe einst sagte: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
Mach’s gut, grüß deinen Papa. Vielleicht lernen wir uns ja irgendwann mal kennen.

Viele Grüße
Uwe

Vielen Dank an Uwe der den ersten Brief für Hansa Rostock verfasst hat. Ein Stadion, welches uns ja aktuell auch noch fehlt. Also vielleicht bis demnächst.

Uwe findet ihr sowohl auf Twitter als auch hier in seinem Blog….*

*…mit einem ziemlich geilen Bericht über eine Schottlandtour.

 

 

 

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