#35 Manuel liebt Borussia Mönchengladbach

Dies ist ein Brief für meinen Sohn. Eine Vielzahl netter Menschen ( und manchmal auch Menschen deren Briefen mit kranken Sätzen wie“ Hand auf die Raute“ enden)  hat sich die Zeit genommen um Jay-Jay ein paar Zeilen nieder zu schreiben und ihm Details zur Findung ihrer Fußballliebe zu verraten. Nach und nach veröffentlichen wir eines der großartigen Werke unterschiedlichster Autoren. Innerhalb weniger Monate ist sogar mit einer Antwort des Sohnes zu rechnen. Alle Briefe und Antworten findet man dann hier. Den ein oder anderen Posteingang könnten wir übrigens noch vertragen.  Fettes Dankeschön an Manuel aus dem Team des Halbangst Blogs. Drei Briefe aus einem Stall. Da akzeptiert man schon einmal Kinderpferdebriefe. 😉

 

Hallo Jay-Jay,

hier schreibt dir Manuel. Ich wohne seit einiger Zeit in Schottland, ein Land im Norden Europas, wo die Leute Englisch mit einem manchmal lustigen Akzent reden, mit sehr viel Natur und wunderschönen, aber auch gruseligen Schlössern. Die Menschen sind aber nicht unheimlich, sondern meist sehr nett, wie überall eigentlich. Und die Kühe hier haben ganz viel Fell, auch auf dem Kopf und sehen deshalb wie Kuscheltiere mit einem Vorhang vor den Augen aus.

heprodimagesgrafics85120110514absteiger_borussia.jpg.3910221Aber es geht ja gar nicht um die Schotten, oder Kühe, sondern um meinen Verein, den ich auch aus der Ferne immer unterstütze (manchmal fliege ich sogar nach Deutschland, um ein Spiel zu sehen!). Das ist Borussia Mönchengladbach. Wie ich zum Fan wurde, ist recht simpel und fast schon langweilig: Mein Papa war Borussia-Fan und hat mich mit ins Stadion genommen, als ich sechs Jahre alt war. Das war gegen Bayern München, die damals schon die Besten waren, und die Bayern haben auch 1:0 gewonnen.

Aber ich fand es trotzdem super, weil ich noch nie so viele Leute gesehen hatte, die alle riefen und sangen und aufstanden, sich hinsetzten, schimpften, lachten und sich freuten und ärgerten. Das Stadion, hieß Bökelberg. Die Tribüne war so steil, das Spielfeld war ganz nah vor einem, und ich hatte die ganze Zeit eine Gänsehaut und ein Kribbeln im Bauch. Das Stadion ist nicht mehr da, es war zu altmodisch und brachte vor allem nicht genug Geld ein, wir haben jetzt ein modernes Stadion. Ohne Berg, aber mit noch mehr Borussen drin – ich bin natürlich trotzdem auch einer geblieben. Ich bin ja auch in Mönchengladbach aufgewachsen und fast alle meine Freunde sind Fans der Borussia, mein Bruder geht zu vielen Spielen und erzählt mir immer alles, was passiert ist, was man nicht so gut im Fernsehen sieht.

Naja, nun bin ich also schon seit langer Zeit (so fast 30 Jahre) Borussia-Fan. Viel wichtiger, als dir das “Wieso?” zu erzählen, ist aber, dir mal zu sagen, warum das so toll ist und warum Borussia Mönchengladbach der größte Verein der Welt ist.

Dazu musst du wissen, dass Borussia, bevor du und ich geboren waren, richtig toll Fussball gespielt hat und ganz oft (fünfmal) Deutscher Meister geworden ist. Die Mannschaft war sehr jung und hat viele Tore geschossen, weswegen die Leute in Deutschland sie alle “Fohlenelf” genannt haben – eben weil sie wie junge Pferde uber den Platz galoppierten! Wir, also Borussia, haben uns dann immer mit den Bayern um die Meisterschaft gestritten. Neun Jahre lang waren immer nur Borussia und Bayern Meister, was für ein Duell! Aber viele Spieler sind immer wieder verkauft worden, da wir nicht soviel Geld hatten und die größeren Vereine die guten Spieler von unserem Verein weggeholt haben – Netzer, Vogts, Heynckes, Simonson, Bonhof, Matthäus, Effenberg – das sind alles Borussen!

Als ich dann ins Stadion gegangen bin, war Mönchengladbach schon nicht mehr top. Also immer noch gut, aber nicht mehr unter den Besten. Trotzdem, und das ist auch heute noch so, war das Gefühl und die Stimmung immer besonders bei der Borussia. Ich glaube, die Leute haben sich immer an die tolle Zeit erinnert und die riesengroße Hoffnung gehabt, dass diese Zeit wiederkommt. Weiß du, man sagt auch Sehnsucht: Man möchte mit aller Kraft, dass etwas, was man ganz überragend fand und was einen glücklich gemacht hat, wiederkommt. Und man glaubt auch daran, dass das wirklich passiert. Bei Borussia kam zwar keine Meisterschaft, aber immer und immer wieder sind Sachen passiert und wurden Spiele gewonnen, die dieses Gefühl, dass die Borussia einfach die tollste Mannschaft ist, einfach in einem emporsteigen lässt.

Allerdings – und das liegt in der Natur des Gefühls der Hoffnung – gab es auch viele Enttäuschungen (du ahnst es, mit der nie mehr wiederholten Meisterschaft, und sogar abgestiegen sind wir zweimal). Oft hat diese Durststrecke von Pleiten, Pech und Pannen die Sehnsucht jedoch nur umso mehr befeuert, und Siege gleich nochmal schöner werden lassen. Ich glaube, dass das mit dem Borussia-Fansein auch immer ein Stück weit wie im richtigen Leben ist: Wenn man immer nur gewinnt, oder immer nur verliert, das ist das monoton, geradezu langweilig und definitiv vorhersehbar. Man streitet und versöhnt sich, man wird enttäuscht oder überrascht, man hat Recht oder vertut sich – und Mönchengladbach konnte das immer ausgesprochen gut, einem diese zwei Aspekte der Emotionswelt zu geben:

Ende der Achtziger waren die Bayern fast so gut wie heute, und natürlich haben sie nach 23 Spielen ohne Niederlage dann auf dem Bökelberg verloren – den Job konnte nur Borussia erledigen! Vier Jahre später hält unser Towart Uwe Kamps vier, ja vier, Elfmeter im Pokalhalbfinale – und danach verlieren wir im Finale im Elfmeterschießen gegen einen Zweitligisten. Dann hatten wir auf einmal eine super Mannschaft mit Effenberg, Herrlich und Dahlin, und haben den Pokal gewonnen und spielten im Europapokal, drei Jahre später stehen wir jedoch auf dem letzten Platz! Noch bekloppter: Borussia rettet sich dann aber in letzter Minute durch drei Siege und unser Erzrivale Köln musste absteigen. Überhaupt Köln, das ist unser Derby – was für ein Duell! Ein weiteres Argument für Borussia: trotz schlechter Saisons haben wir die Kölner (fast) immer weggehauen im Derby – kann es für einen Fan etwas Größeres geben (frag mal den Papa nach dem Effzeh…!)? Wir sind dann aber ein Jahr später doch noch, sang- und klanglos, abgestiegen! Dann wieder hoch, haben viele Spieler gekauft, ohne Erfolg, aber die Meister aus Bremen oder München haben wir weiterhin überraschend geschlagen. Aber wieder gegen Zweitligisten im Pokal kurz vor dem Ziel verloren. Du siehst, immer ein Auf und Ab. Und das Bekloppteste kam erst vor drei Jahren, wir hatten eine richtig gute Mannschaft. Und was machen die? Verlieren alle Spiele und sind abgeschlagen Letzter. Dann kam unser Schweizer Wundertrainer Lucien, und wir haben uns tatsächlich noch gerettet, in der Relegation! Und da war es dann wieder, dieses Besondere, als sich überall in Deutschland die Leute gefreut haben. Denn Borussia hat viele Fans überall verstreut, und alle fühlten dieses Kribbeln, wenn aus der Hoffnung Realität wird, denn wieder hatte sich ein Wunder ereignet. Die gleiche Mannschaft hat sich dann sogar für Europa qualifiziert, nach so langer Zeit! Nach Rom sind dann 10.000 Fans gefahren, die hatten nämlich alle richtig Sehnsucht nach Reisen. Und momentan spielen wir wieder gegen andere europäische Mannschaften, es sieht also sogar ganz gut aus momentan. Ich glaube, Borussia hat mal vieles richtig gemacht in den letzten Jahren, das hatten wir lange nicht.

Du siehst, wenn man Borusse ist, dann ist immer viel los und es ist ein Auf und Ab, das deckt das ganze Spektrum der Emotionen ab. Jetzt wirst du sagen, moment, das passiert doch bei einigen Vereinen, und du hast Recht. Nun hab ich dir aber zu Beginn erzählt, wie ich am Bökelberg Spiele gesehen habe. Das ging mit dem Fahrrad, zehn Minuten von meinem Elternhaus, und dann hast du gleich neben dem Mannschaftsbus gestanden und Nationalspieler gesehen. Und immer hast du überall Spieler getroffen, im Restaurant, beim Einkaufen. Später dann waren sie aber im Fernsehen, im Ausland in einer grossen Stadt im europäischen Wettbewerb. In einem Kaff am Ende der Welt guckt jemand auf deinen Ausweis und sagt sofort “ahhh, Borussia”, obwohl am Sonntag darauf die Mannschaft nicht gegen Mailand, sondern Cottbus verliert. Oder wir sind mitten im Abstiegskampf, haben aber Reus und Arango, um die uns die ganze Liga, ja Europa beneiden, im Team. Mönchengladbach, dort kriegst du die große Bundesliga-Bühne, aber es ist immer auch familär (manche sagen provinziell), so dass es sich ganz nahe anfühlt.

Gladbach ist durch die vielen Erfolge der Vergangenheit nicht wieder auf erwartbare niederrheinische Maße zusammengeschrumpft, sondern, wie in einer tierischen Balzstellung  immer aufgeplustert bei den grossen Klubs geblieben, und nicht zuletzt durch die vielen Hände der Fans, die den unausprechlichsten aller Klubnamen (frag mal die Schotten hier!) seit jeher stolz durch die Welt tragen, in sehnsüchtiger Erwartung nach Erfolgsrückkehr über die Kopfhöhe des Fußballalltags gehalten worden.

Deswegen ist es aber so besonders. Und, ich vergaß fast, wir haben sogar eine “Nationalhymne”, die singen wir zusammen vor jedem Spiel – was will man mehr? Also, Jay-Jay, Hand auf die Raute, werd’ ein Fohle! (mfb)

Papa? Was ist Balzen? 🙂

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