#56 Holger liebt Fortuna Düsseldorf

Wenn es um Deinen Lieblingsclub geht, lieber Jay-Jay, dann kann man keinem wirklich sein Innerstes erklären. Es sind meist kleine Erlebnisse, die einen fesseln, einen Fan in diese einzigartige Liebe zu seinem Verein verfallen lassen. Da gibt es irgendwie manchmal keine Erklärung für und Worte sind meist überflüssig. Manche ‚dieser Lieben‘ sind über eine, zwei oder gar drei Spielzeiten gewachsen. Bei anderen arbeiten die Eltern schon im Kindergarten f95_logo1daran, dass der Sohnemann oder das Töchterchen bloß keine Zecke oder ein Zebra wird. Bei Fortuna Düsseldorf und mir war es auch nicht gleich Liebe auf den ersten Blick. Das hat sich entwickelt. Manchmal gehören viele verschiedene Faktoren dazu, Dich zu einem Fortunen werden zu lassen.
Bei mir lag ein Grund einfach darin, dass ich nicht erst als Düsseldorfer in die alte Schüssel Rheinstadion gefahren wurde, sondern liegt darin begründet, dass mich die puckelige Verwandtschaft erst zum Bökelberg geschleppt hat. Die eine Familienseite kommt eben ausm Fohlenland. Aber so sehr sie sich auch bemühten, bei mir ist da nichts passiert. Feuer hab ich bei Gladbach nicht gefangen. Mein erstes Spiel im Rheinstadion war dagegen gleich ein Knaller: Fortuna gegen den Hamburger SV mit Ernst Happel als Trainer. Der Wahnsinn, weil Ralf Dusend und Günter „Schädel“ Thiele jeder gleich zweimal einnetzten: 4:2 Düsseldorf.
Ein guter Start.
Hätte ich damals geahnt, dass ich Jahre später mit Michael Bunte aus der gleichen Mannschaft dann in meinem Heimatverein als aktiver Spieler in der vierten Liga im selben Team „sowas wie Profi-Luft schnuppern“ durfte …
Eins vorne weg: Ich bin sehr offen und mich tangiert es eher so peripher, wenn wer als Spieler zum FC Bayern geht oder jemand anderes Fan dieses finanzstärksten Vereins in der Bundesliga wird. Denn bei Fortuna braucht man vor allem eins: Geduld. Nicht unbedingt immer so lange, wie auf die zweite Nominierung eines Düsseldorfer Spielers für das „Tor des Monats“: Der Erste im Fortuna Dress war Reiner Geyer im Oktober 1972. Da war an mich und auch an Dich, lieber Jay-Jay, noch lange nicht zu denken. Umso mehr freut man sich als Düsseldorfer dann, wenn der sensationelle Fallrückzieher von Sascha Rösler 2011 es nach knapp 40 Jahren mal wieder in eine solche Kategorie schafft und dieselbe Auszeichnung erhält. Ganze ehrlich, solche Ereignisse sind bei Fortuna spärlich gesät. Deswegen freut sich dann die gesamte F95-Anhängerschaft um Längen mehr, als die Fans der Bayern über die x-te Nominierung bzw. Krönung von Arjen Robben oder Lukas Podolski zum Torschützen des Monats. Das mag auch an der Qualität des Fußballs bei Fortuna liegen, stört mich aber nicht. Gerade deswegen verdienen schöne Tore bei mir auch immer Anerkennung (egal, von welcher Mannschaft oder welcher Spieler). Muss wohl auch daran liegen, dass ich Fußball durch und durch genial finde. Und solche Momentaufnahmen brennen sich ins Gedächtnis ein, verbinden untereinander.

Fortuna und ihre Fans gelten als böse und umtriebig. Verbreiten Halbangst und Schrecken, wie früher im Zweiten Weltkrieg in Essener Kellern. Und mit Platzstürmen und Halbangst kennen wir uns aus: Gab es in der Historie schon mehrmals. In der Aufstiegsrunde 1970/71 beispielsweise, als wir im Frankenstadion den 1. FC Nürnberg besiegt hatten. Da standen die bösen Zuschauer bereits nach der Halbzeit-Pause direkt an der Seitenline. Hat keinen gejuckt, war wohl trotzdem super.
Die Mit-Fans bei Fortuna sind kreativ und machen Musik. Sind darüber hinaus gut drauf: Klauen Koln die Punkte. Oder drehen wie Lars und Holger gleich einen Legenden-Film. Wir haben und hatten tolle Spieler wie Anthony Baffoe, der auch im Aktuellen Sport Studio zu brillieren wusste. Oder Keeper Wolfgang Kleff, der dem auf der Haupttribüne sitzendem Vorstand seinen Po entblößte und später mit seinem Double Filme drehte. Einen Frank Mayer, der … ach lassen wir das. Nicht unter den Teppich kehren sollten wir Vier-Ligen- und Fehlpass-Wunder Andreas ‚Lumpi‘ Lambertz, der es sogar schaffte, ein Tor gegen Nationaltorhüter Manuel Neuer zu erzielen. Oder Tobias Levels, die treue Seele und Laufmaschine in der Defensive.

Darüber hinaus sind wir in den letzten Dekaden so aktiv gewesen, dass wir sogar dem FC Barcelona ordentlich Paroli geboten haben. Oder bei Meisterschafts-, und Pokalspielen bescherten wir gerne dem 1.FC Kleve oder den Bonner SC je ein volles Stadion. Bei all den Auf-und-Abs braucht man seine Freude und seine Enttäuschung nicht verbergen.
Da darf man auch mal seine Tourette ausleben:

Häufig.
Unkontrolliert.
Ohne jegliche Rücksicht.
Die Diva Fortuna hat viele Macken, Ecken und Kanten. So wie du und ich: Dein Vater hat die ein oder andere von dir sehr schön formuliert. Da verbindet uns schon einmal was. Die „Dame Fortuna“ ist aber auch glanzvoll und unbeschreiblich schön. Kämpft und ist an Deiner Seite. Das liegt vor allem auch an den Menschen, die mit dir in der Arena jede Minute mitfiebern. Dies fühlt sich wie Familie an, nur viel größer. Und sie stehen mit dir nach einer langen Durststecke von 15 Jahren in den Niederungen des Fußballs minutenlange nach dem Abpfiff im weiten Rund und grölen aus allen Kehlen „An Tagen wie diesen“. Gänsehaut pur, und auch einer dieser unbeschreiblichen Momente. Ich würde am liebsten weitere tolle Ereignisse aufzählen, aber jeder soll und muss seine eigenen Erfahrungen machen.

Frei nach einer meiner liebsten Fortuna Legende Egon Köhnen: Wenn es um die Entscheidung geht, welcher Club DEINER sein sollte, bin ich sowas wie ein Legastheniker. Doch: Mit Fortuna im Herzen bist Du sehr gut aufgehoben. Bist Du einmal Fortuna Fan, schockt Dich danach so schnell nichts mehr und „Du brauchst das Leben nicht zu fürchten.“ Hier erlebst Du Glück, Wut und Trauer in tausenden Abstufungen und lernst diese Nuancen zu schätzen, ob mit oder ohne Dauerkarte. Sollen wir mal zusammen ins Stadion gehen? Das wird bestimmt auch tolltastisch. Bin ich mir sicher. Und dann spenden wir unsere Getränkebecher für die nächste Choreo. Damit haben wir wenigstens auch was Gutes getan.
Fümmenneunzisch olé!
Bis bald, Holger.

 

Vielen Dank an Holger, dessen Brief schon im Halbangst Blog das Licht der Welt erblicken durfte.

Warum uns Holger schreibt erfährt man hier.

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