Hart, Hertha, Linksurfer.

„Würdest Du Deinen Kopf dahin legen wollen, wo fremde Menschen ihren Hintern hatten?“

Der Sohn fragte mich manchmal Sachen, über die ich nicht nachdenken möchte.

So logisch die Begründung auch klang, sich nicht liegend auf den ICE Sitzen auszuruhen, so unlogisch erschien es den anderen Passagieren des ICE 1677 von Berlin Richtung Karlsruhe dann doch, dass er es vorzog, es sich in der Gepäckablage gemütlich zu machen.

Wie auch immer. Sein Schlaf ermöglicht es mir, vielleicht ein paar Zeilen zu verlieren über die vielen Geschehnisse der letzten Tage und unseren Ausflug zur alten Dame Hertha.

Ich denke, es wird wirr. Zu viele Geschehnisse in zu kurzer Zeit, und ich sehe keine Chance, einen Faden hineinzubringen.

Deswegen fangen wir bei meinem Muskelkater an. Im Rahmen der #Rebellensupport-Aktion ist Brief Nr.25 eingetrudelt. Die Werke sind so großartig bewegend, und teilweise so immens persönlich, dass ich dann doch den Rahmen der Verlesung möglichst würdig halten wollte und maximal fünf Briefe auf einer Tour mit dem Sohn verlesen wollte.

Die TSG 1899 Hoffenheim wurde ja bereits besucht, so dass ich auf dem Weg zum Spiel FSV Mainz 05 gegen Eintracht Braunschweig mit dem Brief des Herrn Bimbeshausen begann, zugegebenermaßen in der Hoffnung, diesen dann auch schnell abhaken zu können.

Keinesfalls, weil ich ihn inhaltlich nicht mochte, sondern weil ich davon ausgegangen bin, dass der Sohn evtl. etwas desinteressierter zu Werke geht in Anbetracht dessen, dass er die Hoffenheimer Talentetruppe bereits aussortierte. Welch ein Irrtum.

Verlesung und Diskussion des Briefes verschlang die viereinhalb stündige ICE- und S-Bahnfahrt bis nach Mainz. Am Ende der Diskussion stand die Feststellung, dass Jay-Jays Heimatverein wohl nicht den Hoffenheimer Weg mit mehreren Aufstiegen in Folge gehen kann, weil das Team einfach relativ unterdurchschnittlich kickt.

Das Thema schlechter Fußball ließ ihn nicht mehr los, und alle meine Versuche, in diesem Zusammenhang den Ersten Fußballclub Köln immer und immer wieder zur Sprache zu bringen, scheiterten leider.

Wie auch. Kurz nach Ankunft in Mainz erfuhren wir vom 1:6 der Fortuna aus Düsseldorf, was den Sohn zu der Frage brachte ob Kurzbierdorf* (*setzen Sie hier heute und ggf. auch zukünftig einen beliebigen Verein der untersten Kreisklasse Ihres Umfelds ein) wohl eine Chance gegen die Düsseldorfer Fortuna hätte.

Nun gut, ich gab auf, und schilderte ihm, dass es in der Kreisliga C so richtig grottigen Fußball zu sehen gäbe, was ihn wiederum reizte, es selbst zu erleben, mit der Bedingung, es müsse der schlechteste Fußball sein, den man aktuell schauen kann.

Es war der Moment, wo mir der folgenschwere Fehler unterlief und ich Jay-Jay mitteilte, dass er dies nur von einem Team sehen konnte in dem Papsi selbst zum Einsatz kommt. Nur Millisekunden und einen kurzen Blick in zwei hell aufblitzende Augen später war ich mir der fatalen Aussage bewusst.

Der Ausflug nach München zu den Bayern Amateuren wurde abgesagt und einen Telefonanruf später stand mein Comeback im Reserveteam meines Heimatvereins für den Folgetag fest.

Kreisklasse.

Letzter gegen Vorletzten.

Seit Jahren ohne Training.

Regen.

Tiefer Platz.

Dreck im Gesicht.

Ich mag ja Kampf-Fußball. Das, was wir in Deutschland „englisch“ nennen…

Huch. Wie bekloppt. Wer ist nur in mich gefahren?

Sohn erwartete das rauschende Fest, und er bekam es. Wir verloren 1:3, Papsi war an mindestens zwei Toren beteiligt und hatte außer einigen Borowkaesken Grätschen und Hulkhoganesken Ringereinlagen nicht sonderlich viel zu vermelden. Um meine volle konditionelle Stärke ausspielen zu können, wurde ich Mitte der zweiten Halbzeit auf die reaktivierte Liberoposition versetzt, wo es mir gelang, die mühsam gestellte Abseitsfalle meiner Mitstreiter in ca. 90 % der Fälle gekonnt aufzuheben.

Aber o.k., insgesamt war es kein berauschendes Spiel, und meine körperliche Verfassung erinnerte mich sehr stark an dieses Erlebnis.

Ich hätte aber auch misstrauisch werden können, als unser Keeper kein Torwarttrikot hatte und kurz vor Spielbeginn immer noch nicht klar war, wer kommt eigentlich noch, um zu spielen, und bringt dann vielleicht auch die noch fehlenden Stutzen mit?

Sohnemann hatte es sich während des Spiels am Spielfeldrand mit einem Notizbuch gemütlich gemacht, da er zu diesem Ausflug einen Blogpost schreiben wollte. Das Schreiben scheint ihm Spaß zu machen.

Wie auch immer. Brief Nr. eins konnte in seinen Auswirkungen nicht erschütternder sein, wobei ich noch gar nicht final beurteilen kann, wohin die Reise geht diesbezüglich. Der Sohn könnte sich durchaus des Öfteren vorstellen, Papsi im Einsatz zu sehen. Warten wir es ab.

Ein Berlintrip mit An- und Abreise an einem Tag ist nicht nur auf Grund der verlängerten Strecke durch die Hochwasserschäden unlustig. Uns erwarteten insgesamt ca. zehn Stunden Bahnfahrt und das nach nicht einmal sechs Stunden Schlaf. Auf der Hinfahrt widmeten wir uns weiteren Brief-Verlesungen. Neben dem Brief von Maria aus Berlin, wählte ich einen Teil der bisher veröffentlichten Briefe zur Verlesung und Diskussion aus.

Ich werde zukünftig Teile der entstehenden Gespräche sicherlich hier im Blog mit verarbeiten, zusätzlich scheint es aber dem Sohn ein schier monkisch festgefahrenes Bedürfnis zu sein, dem Briefschreiber auch zu antworten.

Eine Regel, sollte es eine werden, die ich begrüße und unterstütze.

Der ein oder andere dürfte dieser Tage also von Post überrascht worden sein. Zusätzlich werde ich die jeweiligen Antwortbriefe dann auch in der Supporter-Übersicht sammeln.

Zur Verteidigung der Rechtschreibung des Sohnes muss ich sagen, dass meine Zeilen weiterhin von der wunderbaren @badrulbudur für ein paar Lecker-Alt aus der Brauerei Kürzer, Korrektur gelesen werden. Einmal mehr: Danke dafür!

Den Sohn genießt man aber bitte pur und unkorrigiert. Das sind auch keine Fehler, sondern stilistische Variablen.

Die erste spannende Erkenntnis sind die jeweiligen Ableitungen aus den Briefen heraus. Während Julians Brief analytisch untersucht wurde und Jay-Jay versuchte, die Hoffenheimer Entwicklung auf seinen Heimatort zu übertragen, so zeigte er sich doch von Svenjas Brief emotional zumindest schon einmal so beeindruckt, dass er auf die übliche Fortuna-Häme, trotz der jüngsten Niederlagen, verzichtete. Über Surfin_Bird wollte er auch gerne mehr erfahren, denn wenn jemand im Himmel arbeitet, dann muss er ja auch einiges zu melden haben.

Wir lasen Stefans Brief auf der Rückfahrt, und da Jay-Jay am Berliner HBF auch unter die Surfer gegangen ist (Achtung! FB Link) und Herr Bird es sich nicht nehmen ließ, unsere gegenseitige Bekanntschaft und meinen ausgeübten Druck mitzuteilen, musste ich ihm erklären, wieso der arme Vogel von Berlin nach München gezogen ist und warum er sich so aufgedrängt hat unbedingt einen Brief schreiben zu müssen.

„Warum fährt der nicht so wie Du mit dem Zug immer hoch und runter, Papsi?“

Fragen über Fragen.

Spannend, aber auch irgendwo logisch, war die Antwort, die Christoph auf seinen VfB Brief bekamke.

Zwei Männer -– Eine Toilette. Er kamke, sah und gewann sein Herz. Und nein, das meinte ich nicht anzüglich oder ferkelig, aber vielleicht muss ich dem ein oder anderen ein wenig auf die Sprünge helfen.

Sprung!

Herz ist ein gutes Stichwort, um wieder zum Thema Berlintrip zu kommen. Wir kamen mehr oder weniger auf Einladung. Die liebenswerte Maria aus Berlin hat ihre Zuneigung zum Fortuna Anhang wiedergefunden und uns eingeladen, dem Spiel gegen Schalke beizuwohnen.

Gepolsterte Sitze! Man arbeitete hier mit allen Tricks.

Die Wochenendsnobs waren schwer beeindruckt.

Bester Blick und unmittelbarer Einblick in den Spielertunnel und auf die Trainerbänke versprachen einen  beeindruckenden Tag, der für die Hertha neben der Niederlage gegen Schalke aber zusätzlich das Problem mitbrachte, dass in unserem Bereich das dicke Maskottchen omnipräsent unterwegs war und man zunächst auf den Einsatz von Ronny verzichtete, der es dem Sohn scheinbar angetan hatte. Das dürfte zumindest Abzüge in der B-Note bei der Wahl des Sohns geben.

Die Berliner Hertha verstörte uns ein wenig.

Die deutliche Platzierung des Schriftzugs:

„Für Toleranz – gegen Rassismus“,

gefiel, und sollte in jedem Stadion zur Grundausstattung gehören. Andererseits ärgerte mich der Praktikant der Marketingabteilung der Berliner Volksbank, dem der Slogan für das Sponsoring der gelben Karte einfiel.

„Die einzige Karte, die jeder gerne bekommt – Bankcard Volksbank Berlin“

Was kommt als nächstes?

Der Joghurt mit der Ecke präsentiert Ihnen das Eckballverhältnis?

Foulspiele sponsored by Aufsichtsrat des FC Bayern München?

Auswechslungen, die präsentiert werden vom ortsansässigen Swinger Club ?

Das Endergebnis des nächsten Spiels wird Ihnen präsentiert von Café King?

Zwischenständer aus anderen Stadien unterstützt von Pfizer?

Wie auch immer. Ich erwähnte es bereits mehrfach: Der Dreck nervt mich nicht nur bei der Berliner Hertha ungemein, und ich weiß nicht, wo das enden soll. Wird bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres das Kosten-Nutten Verhältnis von Francks Leistung und seiner damaligen Ablöse in ein solides außerehelichesordentliches Verhältnis gesetzt und gesponsert von Karls und Zahias Dessous-Label?

Ich schweife ab.

Zwei lautstarke Kurven, denen beiden zu mindestens fünfundsiebzig Prozent nicht mehr klar war, warum sie sich hassen sollten, erzeugten eine durchaus eindrucksvolle Stimmung, und wenn dem Sohnemann nicht in der Halbzeit eingefallen wäre, dass er so dringend pinkeln muss, dass er gleich in die Hose macht, wäre es vermutlich ein sehr entspannter Nachmittag gewesen.

Die Schlange am Toilettenhäschen hinter der Tribüne, einhergehend mit der Vielzahl an Ordnern hinter dem Toilettenhäuschen, ließ eine alte Tradition zwischen dem @eakus1904 und mir aufleben. Immer, wenn sich dieser mit mir zeitgleich in einem Stadion befindet, droht mir U(ri)ngemach.

Wir mussten uns natürlich bei der Kälte hinter das Häuschen stellen und während ich dem Sohnemann so während der Geschäfteverrichtung beim Halten half, durfte ich mich kurz erfreuen an dem wohlig-warmen Schauer, der mir meinen Handrücken runterlief. Glücklicherweise schleppe ich seit dem St.Pauli Trip immer Desinfektionstücher mit auf unsere Reisen.

Im Koffer.

Am Bahnhof Berlin Südkreuz. Grmpf.

Während der @xxlhonk und die Maria aus Berlin sich also gerade erleichtert zurücklehnen, dass wir uns die Hände vor dem Match geschüttelt haben, war ich verärgert, dass ich den Depp in Berlin überhaupt zu Gesicht bekam. Nein, nicht den Honk, sondern den Barth.

Kennste? Kennste? Kennste? Jaaaaaahahhahahaaaa. Der isn Knaller!

Und er wurde zum Hertha BSC Ehrenmitglied ernannt.

Ich bin bekannt dafür, mich nicht zu schämen, diesen Elfmeter ohne Torwart unspektakulär und eiskalt zu verwandeln, und mich über die Auswahl der Hertha lustig zu machen. Leider trifft es meine Fortuna mit Dieter „Ich mache gerne Autisten-Witze“ Nuhr als Edelfan auch nicht unheftiger und daher halte ich zum Thema Mario Barth lieber meine Schnauze und wir wenden uns Halbzeit zwei zu.

Der Sohn konzentrierte sich auf die Beobachtung von Max Meyer, der es ihm altersbedingt angetan hatte, während ich mich an einer „Jürgen-Kohler-Gedächtnis-Grätsche“ von Benedikt Höwedes, irgendwann um die 60. Minute, erfreuen konnte.

„Und das mein Sohn, das ist van den Bergh. Ein Ex-Fortune.“

„Der ist nicht schlecht. Den hätten sie behalten sollen.“

„Wo die Greenpeace-Fische jetzt wohl sind?“

Die Greenpeace Fische sind mein Joker. Es handelte sich um eine Kids-Aktion auf der Internetseite von Greenpeace-Kids. Man konnte Fische anmalen, und sie mit einem Slogan gegen Überfischung demonstrierend ins virtuelle Meer entlassen, wo man sie dann auch Tage später noch besuchen konnte. Der Sohn fragt sich oft, wo die jetzt wohl gerade rumschwimmen.

Er hat das Ding mit dem Internet noch nicht so ganz begriffen und ist manchmal erstaunt, dass Opa die gleichen Youtube-Videos in seinem Internet hat wie der Papa. Die Frage nach dem Verbleib der Greenpeace-Fische erdet ihn und hilft mir dabei ihm sein Maul zu stopfen, wenn er sich wieder über die Fortuna lustig macht ihm, sich im Falle einer Reizüberflutung auf einen Gedanken zu fixieren.

Zur 85. Minute platzierten wir uns dann zum sechsten Male neu. Das Spiel war nicht vollständig ausverkauft und bot uns so diverse, unterschiedliche Blickwinkel. Zum Abschluss wählten wir den Blickwinkel des Stehplatzes direkt am Mundloch, um von da dann den Spurt zur S-Bahn zu absolvieren damit wir den letzten ICE Richtung Heimat erreichten.

Papsi tippte ein paar Zeilen zum Spiel.

Der Sohnemann kackte im Gepäckfach.

Das fehlte uns noch. Der Sohn knackte natürlich im Gepäckfach.

3 Gedanken zu „Hart, Hertha, Linksurfer.

  1. Kiezkicker

    Achso, DEM Gepäckfach, ich dachte dem ganz oben unterhalb der Decke. Das habe ich mal probiert, als ich so 16 oder so war, und als wenig angenehm empfunden, weil da die ganzen schwitzigen Wärmedürfte umher waberten, aber so auf halber Höhe muss doch eigentlich ganz angenehm sein. Jedenfalls, so lange man so klein, äh, so groß wie Jay-Jay ist.
    Und hoffentlich klicken alle den Link an, wo du über die Huren schreibst, ansonsten könnte man ja direkt beim Lesen denken, beim FCSP bräuchte man grundsätzlich Desinfektionstücher. Dem ist nicht so, das ist lediglich der Fall, wenn man im Pinkelcontainer umherkrabbelt… :o)

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  2. christophdmaier

    Die Antwort von Jay-Jay hat mich sehr gefreut, und ich denke, dass auch Herr Kamke ein Lächeln auf dem Gesicht kriegt, wenn er sie liest (oder hatte, als er sie gelesen hat). Noch einmal vielen Dank dafür, Jay-Jay!

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